News | Geschichte 14. European Social Science History Conference

Nach fünf Jahren erstmals wieder in Präsenz und mit neuen Impulsen zurück

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Jule Ehms,

«Conversations across Campuses, Shopfloors and Union Headquarters». Podiumsdiskussion am 15. April bei der ESSHC in Göteborg 2023. (Bild: Jule Ehms)

Die European Social Science History Conference ist eine der größten Konferenzen für sozialwissenschaftlich arbeitende Historiker:innen, sie fand dieses Jahr vom 12. bis zum 15. April im schwedischen Göteborg statt. Nachdem die letzte ESSHC nur hybrid veranstaltet werden konnte, kamen nach fünf Jahren 1200 Teilnehmende für insgesamt 300 Panels nun wieder in Präsenz zusammen. Das Programm wird durch 21 Forschungsnetzwerkebestimmt, die unterschiedliche Epochen, geographische Schwerpunkte und Themen (wie z.B. Criminal Justice, Women & Gender oder Social Inequality) umfassen. Der methodische Zugang der Sozialwissenschaften spielt hierbei tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle, sodass auf der ESSHC die unterschiedlichsten Forschungsprojekte vorgestellt und diskutiert werden.

Dr. Jule Ehms ist Historikerin und Redakteurin bei Arbeit - Bewegung - Geschichte. Zeitschrift für historische Studien. Sie lebt in Leipzig.

Das Netzwerk Labour, unter der Leitung von Görkem Akgöz (Humboldt Universität Berlin), Peyman Jafari (University of Amsterdam) und Hanne Østhus (Norwegian University of Science and Technology) ist hierbei der dominanteste Bereich, was die ESSHC vor allem zu einem Treffpunkt von Historiker:innen aus der Geschichte der Arbeit und der Arbeiter:innenbewegung macht. Dazu zählen einerseits etablierte Forscher:innen wie beispielsweise Ralph Darlington (Professor emeritus, Universität Salford, Großbritannien), der sich im Panel «Women in Industrial Action» dem Streikverhalten von Frauen während der sogenannten British Labor Revolt (1910–1914) widmete. Die ESSHC bietet aber auch bewusst Raum für sogenannte Nachwuchswissenschaftler:innen, beispielsweise Rowena Abdul Razak (London School of Economics), die im Panel zur internationalen Politik und Vernetzung des Weltgewerkschaftsbundes über dessen Kontakte zur iranischen Arbeiter:innenbewegung sprach.

Theoretische Fragen spielen auf der ESSHC hingegen eine untergeordnete Rolle (das Netzwerk Theory and Historiography war mit nur 8 Panels vertreten). Das ist bedauerlich angesichts der thematischen sowie methodischen Bandbreite, die die Konferenz abdeckt. Eine Verständigung auf zentrale Begriffe und Arbeitsweisen wäre vor diesem Hintergrund hilfreich und fruchtbar. Wie die rege Teilnahme an der Podiumsdiskussion «What are we doing with Collective Identity?», organisiert von Moira Pérez (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover) und Lisa Regazzoni (Universität Bielefeld), zeigte, besteht für theoretische Auseinandersetzungen durchaus Bedarf.

Ebenfalls neu und nicht weniger spannend war der Versuch, Historiker:innen mit Aktivist:innen auf der Konferenz zusammenzubringen. Silke Neunsinger (None University, Schweden) lud hierfür Gewerkschafter:innen (darunter Barbo Budin, Gleichstellungsbeauftragte bei der International Union of Food and Allied Workers), Historiker:innen und Archivar:innen zu einer Podiumsdiskussion. Gemeinsam wurden Möglichkeiten und Vorteile einer Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Gewerkschafter:innen besprochen. Inwiefern der Austausch mit Aktivist:innen die eigene Forschung positiv beeinflussen kann und umgekehrt, die Forschung auf politische Debatten wirkt, wurde am Beispiel der eigenen Biographien und Projekte nachvollzogen. Gleichzeitig diskutierten Teilnehmende und Publikum die Herausforderungen einer solchen Kooperation. Das eigene Forschungsinteresse schließe beispielsweise keineswegs aus, dass zwischen der Politik der zu untersuchenden Gewerkschaften und der eigenen Perspektive ein klarer Dissens bestehe. Zudem sei für politisch inspirierte Forschung im akademischen Kontext nur wenig Raum, was dazu führe, dass Historiker:innen davor zurückschreckten, sich in politische Debatten mit ihrer Expertise einzubringen.

Abgesehen von den thematisch neu ausgerichteten Podiumsdiskussionen ist es erfreulich, dass einige Sitzungen hybrid stattfanden und somit auch Forscher:innen, die nicht vor Ort sein konnten, die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Projekte vorzustellen. Zwar waren in Göteborg 61 Länder vertreten, der Großteil der Teilnehmenden kam jedoch aus Deutschland, Großbritannien und Schweden. Um hier mehr Diversität zu gewährleisten, sollten die Möglichkeiten der Teilnahme weiter diskutiert werden. Dazu zählt auch die üppige Teilnahmegebühr von 250 Euro für alle nicht-Studierenden, ungeachtet ihrer Statusgruppe. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs oder prekär Beschäftigte ist eine Teilnahme damit nahezu ausgeschlossen. Dies ist bedauerlich, denn die ESSHC kann mit ihrem breiten Themenangebot, den Netzwerktreffen und Podiumsdiskussionen spannende Impulse für die eigene Forschung beinhalten.

Die nächste ESSHC findet 2025 wahrscheinlich in Leiden/Niederlande statt.