Publication International / Transnational - Krieg / Frieden - Asien - Westasien - Westasien im Fokus Eine halbe Revolution in Nordsyrien

In der kurdischen Hauptstadt Qamischli herrscht eine fragile Koexistenz kurdischer und syrisch-regimetreuer Institutionen

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Manuel Frick,

Published

January 2019

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Rojava: Selbstverwaltung in der Kommune: Zeyna Muhammad und Mohammad Murad
Vertreten eine Kommune, die untersten Ebene der kurdischen Selbstverwaltung: Co-Vorsitzende Zeyna Muhammad und Muhammad Murad fühlen sich von den übergeordneten Behörden mit den Problemen in ihrem Quartier im Stich gelassen. Foto: Manuel Frick

Das kurdische Gebiet in Syrien wird oft romantisiert: Die Befreiung von Assads Joch sei revolutionär, die kurdische Selbstverwaltung ein basisdemokratisches Vorbild. Doch in der selbst ernannten Hauptstadt Qamischli ist das syrische Regime noch immer sehr präsent und mit der Selbstverwaltung sind längst nicht alle zufrieden – Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen.

Eine Reportage von Manuel Frick.

 
Ein Geländewagen rauscht über die Kreuzung. Auf der Ladefläche stehen drei junge Frauen in grünen Militäruniformen, sie lachen und winken. Es sind Soldatinnen der (mehrheitlich) kurdischen Frauenmiliz (YPJ), deren Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) sie weltberühmt gemacht hat. Alltag in Qamischli, einer Stadt im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei.

Rund ein Drittel des syrischen Territoriums steht heute faktisch unter der Kontrolle der kurdisch-syrischen Partei der Demokratischen Union (PYD), die sich an den Ideen von Abdullah Öcalan orientiert. Aber etwas passt doch nicht ins Bild: Obwohl die PYD hier auch als Befreierin vom syrischen Regime gilt, flattert bereits an der nächsten Kreuzung dessen Flagge. Darunter bewachen Soldaten einen Checkpoint, auf ihrer rechten Schulter prangt das Porträt von Präsident Baschar al-Assad.

Den Abzug der syrischen Soldaten im Jahr 2013 feierten viele Kurd*innen als Revolution; ihr Gebiet nannten sie fortan Rojava (kurdisch: Westen, wörtlich: Sonnenuntergang). Endlich können sie ohne Furcht vor Repressionen ihre Kultur öffentlich ausleben und ihre Sprache sprechen. Das kurdische Gebiet gilt als Vorbild für Toleranz in einer ansonsten von ethnischen und religiösen Spannungen zerrissenen Region. Kurd*innen, Araber*innen, Assyrer*innen und Turkmen*innen leben Seite an Seite. Und auch Christ*innen haben viele Leitungspositionen in der Verwaltung inne.

Die Revolution steckt fest

In Qamischli ist die Revolution – die Befreiung vom Regime – auf halbem Wege stecken geblieben. Es herrscht eine seltsame Koexistenz: Während die PYD den überwiegenden Teil der Großstadt kontrolliert, hält das Regime noch einige – strategisch wichtige – Inseln: am Stadtrand den Flughafen, den Bahnhof sowie den Grenzübergang zur Türkei. Im Zentrum der Stadt das Postamt, einige Krankenhäuser und viele Verwaltungsgebäude. Diese Gebiete nennen die Bewohner*innen von Qamischli Security Square – auch wenn diese Inseln eigentlich keine zusammenhängende quadratische Fläche bilden.

Ganze Wohnquartiere bezeugen ihre Loyalität zu Baschar al-Assad: An Fenstern und Balkonen hängen Flaggen des Regimes, jemand hat sogar eine Pappfigur von Hafiz al-Assad, ehemaliger syrischer Präsident und Vater von Baschar, auf seinem Dach montiert. Die Zufahrten zu solchen Straßenzügen sind durch Betonblöcke, Ketten oder mit Zement ausgegossenen Fässern blockiert. Die christliche Bevölkerung scheint gespalten: Ein Teil hat eine Miliz gegründet, die mit der PYD zusammenarbeitet. Ein anderer Teil lässt sich von einer Abspaltung ebendieser Miliz bewachen, die dem Regime nahesteht. Auf den ersten Blick sind die beiden Milizen kaum unterscheidbar: Ihre Symbole sind praktisch identisch, jedoch schreibt sich erstere «Sutoro» und die zweite «Sootoro».

Auch im Büro des Armeniers Levon Ormanian ist Baschar al-Assad noch immer präsent. Er schaut dort von einem Bild – zusammen mit einem Vertreter der armenisch-apostolischen Kirche. Seit über 50 Jahren führt Ormanian die Geschäfte der Kirche Sorb Hagob in Qamischli. «Wir Armenier fühlen uns nach wie vor der syrischen Regierung zugehörig», erklärt er. «Wir haben zehn Vertreter im Parlament in Damaskus.»

Ein Bild an der Wand zeigt den schneebedeckten Ararat, den Berg, auf dem laut der Bibel die Arche Noah nach der Sintflut gestrandet sein soll. Lange war der Ararat Mittelpunkt des armenischen Siedlungsraums, heute liegt er in der Türkei. Ormanian beginnt von sich aus, über den Völkermord an den Armenier*innen zu sprechen und bezeichnet die Türkei als «kriminell». «Obwohl wir nach dem Genozid als Flüchtlinge gekommen sind, haben wir nie das Gefühl gehabt, wir würden hier anders als die Syrer*innen behandelt.»

Wieso sagen Sie eigentlich immer ‹Regime›?

Ich frage Ormanian, wie er zur PYD-Regierung steht. Er wehrt ab. Politische Fragen solle man dem armenischen Botschafter in Damaskus stellen. Erst nach einigem Nachhaken wird er deutlicher: «Wir interessieren uns nicht für die politischen Strukturen, die die PYD aufgebaut hat.» Zwei weitere ältere Armenier sitzen in Ormanians Büro und hören zu. Anfangs tranken sie ruhig ihren Kaffee, beim Thema PYD mischen sie sich ein. Sie diskutieren mit dem Gemeindevorsteher, er zieht sein Fazit: «Die PYD beschützt zwar in erster Linie sich selbst vor dem IS und vor anderen Banden – aber damit auch uns.»

«Haben die Mitglieder Ihrer Gemeinde keine Probleme wegen Ihrer Loyalität zum Regime?», will ich wissen. Einer der kaffeetrinkenden Männer lehnt sich vor und fragt dazwischen: «Wieso sagen Sie eigentlich immer ‹Regime›? Ist es denn nicht die legitime syrische Regierung?» Die heiße Luft im Büro beginnt zu knistern. Als die Spannung wieder nachlässt, gibt Ormanian seine Antwort: Es gebe selten Probleme mit der Administration der PYD, sagt er. Und falls doch, wende er sich an die armenische Botschaft. «Die trägt unser Anliegen an die syrische Regierung, und diese wiederum löst dann das Problem mit der PYD-Regierung.»

Neben den armenischen halten auch viele katholische Gemeinschaften zum syrischen Präsidenten. Die Loyalität ist aber nicht einfach von religiösen oder ethnischen Zugehörigkeiten abhängig, sondern hat oft – wie im Falle der Armenier*innen – historische Gründe. Zum Beispiel bei vielen Araber*innen: Die Assad-Dynastie verfolgte in den 1970er-Jahren in den kurdischen Gebieten an der Grenze zur Türkei eine aggressive Siedlungspolitik. Das Ziel war ein demografischer Wandel: Die Araber*innen sollten die Bevölkerungsmehrheit stellen, nicht die Kurd*innen. Der Groll der kurdischen Bevölkerung ist bis heute spürbar. Die PYD hat ein rein arabisches Quartier am Stadtrand Qamischlis abgeriegelt, weil sie Auseinandersetzungen befürchtet.

Das Regime ist in Qamischli auf vielfältige Weise präsent. Wer Brot, das Grundnahrungsmittel schlechthin, kauft, kann zwischen sogenanntem Rojava-Brot und Regime-Brot wählen. Sowohl die PYD-Regierung als auch das Assad-Regime kontrollieren in Qamischli je eine Großbäckerei. Auch beim Benzin hat man zwei Möglichkeiten, wobei das Rojava-Benzin von minderer Qualität ist. Im syrisch-kurdischen Gebiet gibt es zwar viele Ölquellen, aber keine moderne Raffinerie. Diese standen schon immer im heutigen Regime-Gebiet, von wo aus auch der Flughafen Qamischli, der ein Stützpunkt der Assad-Truppen ist, regelmäßig mit qualitativ hochwertigem Benzin versorgt wird. Für die Soldaten des Regimes scheint der Weiterverkauf des begehrten Treibstoffs ein lukratives Geschäft zu sein.

Die Präsenz des Regimes beschränkt sich aber nicht nur auf Waren, sondern erstreckt sich auch auf Dienstleistungen: Die Zentralregierung in Damaskus bezahlt noch immer allen Angestellten ihrer Verwaltung Lohn, obwohl die PYD-Regierung mittlerweile eine ziemlich vollständige Selbstverwaltung aufgebaut hat. Einer dieser Angestellten, ein Kurde, will über seine Situation sprechen – sofern seine Anonymität gewahrt bleibt. Das Treffen findet in seiner Wohnung in einem begrünten Wohnviertel statt. «Früher gehörte ich zur Mittelschicht», erzählt er. Vor der Krise habe sein Monatslohn 270 US-Dollar entsprochen. Doch die Inflationsrate des syrischen Pfunds stieg aufgrund des Bürgerkriegs zeitweise auf über 100 Prozent. «Heute ist mein Gehalt noch rund 70 Dollar wert. Und weil hier viele alltägliche Produkte importiert werden, orientiert sich deren Preis am Dollarkurs.» Um das Überleben seiner Familie zu sichern, habe er sich – wie alle Staatsangestellten – einen zweiten Job suchen müssen.

An seinem Arbeitsplatz bei der syrischen Eisenbahn gebe es tatsächlich nichts mehr zu tun. Züge fahren schon lange keine mehr. «Trotzdem muss ich jeden Morgen erscheinen, Zeit absitzen und ein Papier unterschreiben. So weiß das Regime, dass ich nicht geflohen bin.» Nachmittags arbeite er als Englischlehrer in einer Privatschule, abends als selbstständiger Privatlehrer. «Meine Arbeitszeit beträgt 16 Stunden pro Tag», sagt er. «Ein Leben für die Arbeit.» Viele Kolleg*innen seien deshalb ausgewandert. 1300 Staatsangestellte habe es früher in Qamischli gegeben, heute seien es noch rund 400.

Seinen Job als Privatlehrer mache er gerne, erzählt er in beinahe perfektem Englisch. «Und es macht mich traurig, mitansehen zu müssen, wie es in den Schulen der PYD-Regierung läuft.» Dort unterrichteten viele junge Lehrkräfte ohne adäquate Ausbildung. Langsam verbessere sich die Situation zwar, weil die Regierung gut zahle und deshalb auch qualifiziertes Personal anlocken könne. Aber das Curriculum kritisiert er trotzdem. In Gebieten mit kurdischer Mehrheit fokussiere es zu stark auf den Unterricht in kurdischer Sprache. «Heute können einige Kinder nicht mal mehr Arabisch lesen und schreiben, obwohl es die offizielle Landessprache ist.» Zudem seien die Schulabschlüsse nirgends anerkannt. «Wie sollen meine Kinder ohne Zertifikat an einer guten Universität in Syrien oder im Ausland studieren?»

Demokratische Selbstverwaltung unter Druck

Für den Aufbau der zivilen Institutionen hatte die PYD-Regierung nicht viel Zeit. Sechs Jahre sind vergangen, seit sich das Regime aus den kurdischen Gebieten zurückzog. In dieser Zeit führten die kurdischen Milizen und ihre Verbündeten einen verlustreichen Krieg gegen den IS, unterstützt durch eine von den USA angeführte Koalition. Im südlichsten Zipfel des Autonomiegebiets – weit weg von Qamischli – dauert dieser Kampf bis heute an. Trotz widriger Umstände erzielte die PYD beachtenswerte Fortschritte: Der Verkehr wird von eigenen Polizist*innen geregelt, die Müllabfuhr ist regelmäßig unterwegs, sogar eine Universität hat in Qamischli ihren Betrieb aufgenommen – ein Novum in den Gebieten, in denen die kurdische Bevölkerung die Mehrheit stellt.

Die PYD investiert auch in Leuchtturmprojekte, die sich an Öcalans Vision eines «freien Lebens» orientieren. Das Wirtschaftsmodell soll umgekrempelt werden: Kooperativen statt kapitalistische Unternehmensstrukturen. Im Alltag der Stadt ist davon nicht viel zu spüren. Die meisten Einwohner*innen zucken fragend mit den Schultern, wenn sie nach ihrer Meinung zum Kooperativenmodell gefragt werden. Allen bekannt sind hingegen Maßnahmen, um die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern. Die Frauenquote für Positionen in der Verwaltung wird offensichtlich befolgt. Im kollektiven Bewusstsein sind die Frauen auch als Soldatinnen der YPJ präsent. Viele lokale Medien berichten immer wieder in stilisierter Form von deren Kampf gegen den IS.