Nachricht | International / Transnational »Forging a Radical Political Future«

Das Left Forum 2007 in New York zeigte eine US-amerikanische Linke im Aufbruch.

„Something has changed  in the last two or three years…“

sagte Rick Wolff, einer der Organisatoren des Left Forum  in New York zu Beginn des Kongresses am zweiten Märzwochenende (9. bis 11. März 2007). Die herrschende Allianz bröckele, es gebe Dissenz, der Überdruss an der Administration Bush und seinem Irakkrieg wachse. Zeit für die Linke, so Wolff, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Massachusetts, „to get serious about power“ und sich mit der Frage zu beschäftigen, „how the left can start winning.“ Dies war auch der Titel der Tagung („Forging a Radical Political Future“ - Eine radikale politische Zukunft schmieden) und das Programmheft schmückte sich befremdlich unironisch mit Amboss, Hammer und der dazugehörigen Faust.

Ob die Linke allerdings wie die allgegenwärtige Rise-Reklame in den Straßen New Yorks diesen Aufstieg nur (münchhausisch) simuliert oder wirklich von der offenbaren Legitimationskrise der US-Regierung zehren kann,  wird sich noch zeigen müssen. Auch wenn manche Panels noch von der „Graukopflinken“ (Aronowitz) beherrscht waren, so hat doch die diesjährige Ausgabe des traditionsreichen  Treffens neue Akzente gesetzt. Über 1000 TeilnehmerInnen verzeichnete der Kongress und im Vergleich zu den vorangegangenen Veranstaltungen wurde das politische Spektrum der Referenten und Diskutanten kräftig erweitert. Die starke Verankerung der Veranstaltung in der akademischen Linken der USA war offensichtlich und zeigt gerade im Vergleich zur Bundesrepublik deren Stärke, die folgerichtig dann auch von Bewegungslinken kritisiert wurde, die, wenn auch schwächer, ebenfalls  vertreten waren, kritisiert wurde. Immerhin konzedierten auch sie: „And speaking of sex, the Forum was in many ways a lefty’s intellectual wet dream – all the names were there: David Harvey, Gilbert Achcar, Deepa Ferandes, Amy Goodman, Doug Henwood, Liza Featherstone, and John Bellamy Foster were just some of many who formed the Left Forum’s all-star lineup”.

Adolfo Gilly aus Mexico formulierte: „There is a time of hope and a time of rage. This is a time of rage!” und folgerichtig dominierte natürlich in den über 100 Panels und Veranstaltungen die Kritik am amerikanischen Kapitalismus. Doch dass die Debatten dieser Linksprominenz  – die beispielsweise in einem von der kanadischen Zeitschrift Social Register veranstalteten Panel mit Peter Gowan, David Harvey und Leo Panitch eine brillante Debatte über „Imperialism and the Nation State“ führte – sich bislang weder digital noch gedruckt nachlesen lassen, zeigt die außerordentlich knappen Ressourcen, mit denen solche Projekte noch operieren müssen. Allerdings ist der Fortschritt gegenüber der Situation noch vor einigen Jahren offenbar.

Bemerkenswert auch die Konturierung eines politischen Projekts, die auf der Konferenz stattfand. Nach Stanley Aronowitz, dessen 2006 publiziertes Buch” „Left Turn: Forging a New Political Future” der Tagung ihren Titel gab, müsse man die Hoffnung begraben, man könne die Partei der Demokraten durch Mitgliederaktivität und Wahlpolitik nach links schieben. Statt dessen müsse mit einer Orientierung auf die verschiedenen sozialen Bewegungen von unten eine neue politische Formation aufgebaut werden, die medial präsent sei (auch über eine eigene Zeitung – die Linke in den USA hat keine eigene Tageszeitung!) und lokale Organisation. Aronowitz vermied eine Debatte zur Frage, ob eine solche Formation (Partei) sich (rasch) zur Wahl stellen sollte. Und auch die gewisse Kühnheit, dieses Projekt zu einem Zeitpunkt einer unstrittigen Revitalisierung der Demokratischen Partei zu präsentieren, musste sich keiner Kritik stellen. Vielmehr hatte seine Präsentation offenbar eine gewisse Wirkung, denn sie war anscheinend nicht das Ergebnis des Antichambrierens besessener Parteigründer im Hintergrund, sondern ein zunächst deutlich argumentierendes Unternehmen in einem diskursiven Raum, den das Left Forum darstellt. In einer Reihe der Panels und Workshops der Konferenz, deren Kosten von rund 70 000 $ nebenbei nur zu einem Viertel aus TeilnehmerInnenbeiträgen und zu drei Viertel aus Spenden gedeckt wurden, ist diese Thematik des Aufbaus einer neuen politischen Formation (Partei) diskutiert worden, u.a. am lateinamerikanischen und europäischen Beispiel. So skizzierte Michael Krätke (Amsterdam) eine Erfolgsgeschichte aus dem alten Europa – die der Sozialistischen Partei in den Niederlanden, die nach etlichen Wahlerfolgen national wie kommunal mittlerweile in Wahlumfragen die Sozialdemokratische Partei der Arbeit (PvdA) hinter sich gelassen hat. Zu dieser Geschichte gehört folgerichtig eine Krise der Sozialdemokratie, der ein Drittel ihrer Mitglieder und ca. ein Viertel der WählerInnen verloren ging, wodurch eine Repräsentationslücke entstand, die eine Bedingung für den Aufstieg der neuen Linken war; Krätke hob hervor, dass die parlamentarischen Erfolge und Mitgliederzuwächse (50 000 Mitglieder nunmehr) weitere Voraussetzungen hatten wie: „Bereinigung“ der Zersplitterung der Linken und Verbindung in einer politischen Formation, Grassroot-Ansatz, hoher Aktivismus, starke Verankerung vor Ort, Verbindung mit Protestbewegungen, populäre Führungsstruktur, Organisation lokaler Beratungen und Dienste, Aufbau einer exzellenten Website. Es gibt freilich divisive issues wie die Immigrationsfrage und die Kooperation mit anderen europäischen linken Parteien bzw. der Europäischen Linkspartei. In einer von der Rosa Luxemburg Stiftung organisierten Veranstaltung zur Neuen Linken in Europa war auch die aktuelle Entwicklung der Linkspartei Thema. Der Soziologe Boaventura de Sousa Santos (COIMBRA Lissabon) griff diese zentrale Frage der Bildung einer neuen politischen Formation im Schlußpanel der Tagung auf und plädierte für einen sehr breiten, demokratischen Ansatz, der die großen Debatten der Linken des Südens für den Norden fruchtbar machen sollte: „We need an alternative thinking about the Alternatives“ – gegen Universalismus, monokulturelles Denken, einfache Zukünfte, für ecologies of knowledges,respect of diversity, „demodiversity“, decommodifikation, Wiederentdeckung des politischen Wertes der Territorialität, für die interkulturelle Übersetzungen statt der Dekretierung einer allgemeiner Theorie – “Democracy without end!

Left Forum

Das Left Forum 2007, das vom 9.-11. März in der Cooper Union in New York stattfand, ist eine der größten linken Veranstaltungen mit TeilnehmerInnen aus dem Wissenschafts- Bildungs- und Aktivistenbereich. Die RLS nimmt an diesen Tagungen (früher: die „Socialist Scholars Conference“) seit Anfang des Jahrzehnts  teil – dieses Jahr waren es Benjamin Moldenhauer, Jörg Windzus, Christoph Spehr, Jörg Huffschmid, Hans-Jürgen Krysmanski, Michael Krätke, Frieder Otto Wolf und Rainer Rilling, die für die Stiftung nach New York reisten. Verantwortet werden von der RLS 5 der insgesamt 98 Panels; einige der Genannten nehmen als Discussants an weiteren Workshops teil.

Der Schwerpunkt liegt wie schon mehrfach in den letzten Jahren auf Fragen der Entwicklung Europas, des Reichtums und der Eigentumsverhältnisse, der Entwicklung politischer Formationen und nun auch, zunehmend, kultureller Projekte. Das Left Forum selbst formuliert als Schwerpunkt die Frage nach der Herausbildung und Weiterentwicklung der Linken in den USA: Forging a radical political future!

 
Die Veranstaltungen  der RLS:

 
Hearts of Darkness. Science Fiction, Horror and the Political Unconscious
Gregory Sholette
Sheree R. Thomas, Author
Benjamin Moldenhauer
Andrea Hairston
Chair: Christoph Spehr

Europe - China - USA: Hegemonic Actors and Imperial Projects.
Jörg Huffschmid
Hans-Jürgen Krysmanski
Peter Gowan
Satya Gabriel
Chair: Jörg Huffschmid

The Power of Money – The Money of Power
Jörg Huffschmid
Michael Krätke
Hans-Jürgen Krysmanski
Doug Henwood
William B. Tabb
Chair: Michael Krätke

The New Left in Europe - Crises and Prospects? (was: Left of Social Democracy)
Christoph Spehr
Michael Krätke
Frieder Otto Wolf
Chair: Rainer Rilling

The "European Social Model" and the USA
Christoph Hermann
Frances Fox Piven
Michael Krätke
Jörg Huffschmid
Chair: Christoph Hermann