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Die Zukunft der Arbeiter*innenbewegung in Zeiten von Coronavirus und Pseudowellness

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Schon lange bevor das Coronavirus aufgetaucht ist, litt unsere körperliche und geistige Gesundheit unter der Arbeit – das ist nichts Neues. Überraschend ist allerdings die Art und Weise, wie Kapital und Arbeitgeber*innen versuchen, mit der heutigen Krise der Arbeit umzugehen – eine Krise, die schon so weit fortgeschritten ist, dass die Weltgesundheitsorganisation entschieden hat, das «Burnout-Syndrom» als Krankheit anzuerkennen. Die medizinische Forschung bietet zwar eine Fülle von Belegen dafür, dass überlange Arbeitszeiten extrem gesundheitsschädlich sind, doch statt diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, propagiert das Kapital weiterhin die Idee, dass Arbeit das Wohlbefinden fördert und zur individuellen Entfaltung beiträgt.

Mark Bergfeld leitet die Sektoren Wartungs- und Sicherheitsdienste & Unicare bei UNI Global Union Europa. Er veröffentlicht einen regelmäßigen Newsletter über die Arbeitswelt und Arbeiter*innenbewegung.

In Großbritannien hat diese Ideologie in den letzten sieben Jahren zu einem massiven Anstieg von Selbstmorden bei Gesundheitsfachkräften geführt – mehr als 300 überarbeitete Krankenpfleger*innen nahmen sich das Leben. Menschen mit Behinderung und Empfänger*innen von Sozialleistungen sind hingegen gezwungen, sich auf ihre «Arbeitstauglichkeit» überprüfen zu lassen. Kein Wunder also, dass die britische Health & Safety Executive für das Wirtschaftsjahr 2018/19 insgesamt 12,8 Millionen verlorene Arbeitstage infolge von Stress, Ängsten und Depressionen vermeldete, während das Office of National Statistics bekannt gab, dass im selben Zeitraum nur 273.000 Arbeitstage aufgrund von Arbeitskämpfen verloren gegangen sind – die sechstniedrigste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1981.

Die Krise der Arbeit und die Wellnessideologie

Einige «progressivere» Arbeitgeber*innen haben den Schritt hin zu kürzeren Arbeitszeiten befürwortet. Ein möglicher Grund dafür ist, wie kürzlich in einem Artikel im Männermagazin GQ festgestellt, dass verringerte Arbeitsstunden die Produktivität erhöhen. In Zeiten einer globalen Epidemie und Wirtschaftskrise findet dieses Argument im kapitalistischen System zunehmend Widerhall. Jedoch bedeutet der derzeitige Druck auf Arbeitgeber*innen auch, dass sie die Arbeiter*innen noch stärker ausbeuten müssen, um Vertrauen seitens der Aktionäre zu schaffen.

Einer der Ansätze, um das zu erreichen, besteht darin, die Stressresistenz der Arbeiterschaft und ihre Fähigkeit zum «tiefen Denken» («deep thinking») zu stärken. Vor diesem Hintergrund kann man auch den Aufstieg der «Wellness»-Ideologie verstehen. Manche Großunternehmen gehen dazu über, vor Meetings 60-Sekunden-Achtsamkeitsübungen durchzuführen. In anderen Fällen bieten Firmen Yoga- und Achtsamkeitskurse an und setzen auf Wellness statt auf Gesundheit und Sicherheit, um die Resilienz der Beschäftigten zu erhöhen. Während der Brexit-Verhandlungen hat man Beschäftigten im öffentlichen Dienst Kurse zur seelischen Entspannung und Stressbewältigung zur Verfügung gestellt und auch am Arbeitsplatz selbst Übungen zur Steigerung des Wohlbefindens angeboten. Diese Entwicklungen beschränken sich aber nicht nur auf Büroangestellte. Auch die – für ihre harten und extremen Arbeitsbedingungen berüchtigte – US-Restaurantbranche führte neuerdings Yoga- und Wellness-Angebote vor Ort ein, um der hohen Personalfluktuation entgegenzusteuern.

Achtsamkeit spielt eine zentrale Rolle für die kapitalistischen Bestrebungen, uns in perfekte Arbeitnehmer*innen zu verwandeln. Ronald Purser argumentiert in seinem Buch McMindfulness, dass die Achtsamkeitspraxis dafür von ihrer buddhistischen Essenz und Ethik der radikalen Empathie gesäubert wurde. Wie Sanam Yar zeigt, trägt sie also auch nicht dazu bei, tatsächlich etwas an den Arbeitsbedingungen zu ändern oder Rassismus am Arbeitsplatz anzugehen. Vielmehr ist Achtsamkeit zum Sinnbild für die Selbstoptimierung in einer immer raueren Welt geworden – ein Trendphänomen, das unseren Stress privatisiert und das öffentliche Leben zerstört. Um die gegenwärtige Krise der Arbeit und die kapitalistische Zukunftsvision der Arbeit zu verstehen, müssen wir daher Achtsamkeit und Wellness als wichtige ideologische Grundpfeiler in den Blick nehmen. Arbeitgeber*innen instrumentalisieren Wellness, positive Psychologie oder Achtsamkeit, um uns dazu zu bringen, länger und effizienter zu arbeiten.

Arbeiter*innen gegen und jenseits von Wellness

Diese kapitalistische Offensive stößt jedoch auf Widerstand. Bei einem Lehrer*innen-Streik in West Virginia letztes Jahr war der zentrale Streitpunkt, wie Lena Solow berichtet, die geplante Einführung verpflichtender Wellness-Kurse. Die daraus entstandene Protestwelle weitete sich über das gesamte Land aus und reichte bis nach Los Angeles.

Die Lehrer*innen in L.A. und ihre Unterstützer*innen zeigten, wie sich jenseits von Wellness neue Formen der Solidarität entwickeln lassen. Als sich die 34.000 Lehrer*innen (mit insgesamt rund 700.000 Schüler*innen) gegen ihren Oberschulrat auflehnten – der zufälligerweise auch Wall-Street-Banker ist –, ebneten sie den Weg für neue Solidaritäten, die der sehr kalifornischen Wellnessideologie Kontra geben. Ein «Tacos for Teachers»-Fundraiser, um die streikenden Lehrer*innen finanziell zu unterstützen, brachte über 30.000 Dollar ein und machte deutlich, wie der Protest die «Wellness» am Streikposten förderte und auch darüber hinaus. Selbst der gewerkschaftsfeindliche Nachrichtensender CNN musste anerkennen, dass diese Solidarität köstlich schmeckt.

Doch nicht nur Lehrer*innen an öffentlichen Schulen bekämpfen die Wellnessideologie und wollen sie durch neue Formen von Solidarität ersetzt wissen. Letztes Jahr haben genau jene Arbeiter*innen eine Gewerkschaft gegründet, die ihre Yoga- und Wellness-Angebote den Unternehmen und anderen Kund*innen zur Verfügung stellen. Da Yoga mittlerweile zum Millionengeschäft geworden ist, wollen sie natürlich auch ein Stück vom Kuchen.

Diese gewerkschaftliche Organisierung hat zahlreiche Gründe. Einem Artikel in der buddhistischen Zeitschrift Tricycle zufolge müssen Lehrer*innen, die für das Unternehmen YogaWorks arbeiten, über 3.500 Dollar in ihre Ausbildung investieren.  In der Branche gibt es aber weder standardisierte Einstellungspraktiken und Vergütungsskalen noch Personalverwaltungssysteme. Laut New York Times arbeiten Yoga-Lehrer*innen oft als «Selbständige» oder «Teilzeitkräfte» ohne Anspruch auf Krankenversicherung für zwei oder drei verschiedene Arbeitgeber*innen und verdienen etwa 175 Dollar am Tag. Zudem wird von ihnen erwartet, dass sie die Kursvorbereitungen in ihrer Freizeit erledigen. Interessant ist, dass sie sich der Maschinisten-Gewerkschaft angeschlossen haben, was zeigt, dass sich neue Gruppen von Arbeiter*innen mit länger bestehenden Gewerkschaften zusammentun, um ihre Macht innerhalb der Wellnessökonomie auszubauen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Maschinisten-Gewerkschaft sich mit YogaWorks auf einen Tarifvertrag für über 100 Beschäftigte an vier Standorten in New York geeinigt hat. Mittlerweile wurden auch weitere Standorte in den USA ins Visier genommen. Da YogaWorks nicht das einzige Unternehmen ist, dass für seine Verstöße gegen Arbeitsrechte in der Kritik steht, ist davon auszugehen, dass sich weitere Gruppen von Arbeiter*innen innerhalb der Wellnessökonomie gewerkschaftlich organisieren werden.

Die neue Arbeiter*innenbewegung ist weiblich

Die Wellnessökonomie ist durch den offensichtlichen Widerspruch gekennzeichnet, dass ihre Produkte und Dienste in erster Linie an Frauen vermarktet werden, während Frauen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin Diskriminierung erfahren und häufiger den Gewerkschaften beitreten. Am deutlichsten zeigt sich das mit Blick auf den Pflegebereich. Obwohl Wellness und Wohlbefinden zunehmend wichtiger für die Reproduktion kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse werden, hat das nicht zu besseren Arbeitsbedingungen für Pflegefachkräfte geführt. In Connecticut zum Beispiel sind ein Drittel der häuslichen Pflegehelfer*innen Migrant*innen, wobei Frauen of Color ihren Großteil ausmachen. Von ihnen wird erwartet, dass sie 24 Stunden am Tag und 27 Tage im Monat abrufbereit sind, obwohl sie nur 10 Dollar Stundenlohn erhalten.

Angesichts einer alternden Bevölkerung, anspruchsvollerer Pflegebedürfnisse und des Mangels an tragfähigen Finanzierungsmodellen für häusliche Pflegedienste, nehmen Arbeiter*innen die Dinge verstärkt selbst in die Hand und entwickeln angemessene Arbeits- und Geschäftsmodelle in Form von Kooperativen. So arbeitete etwa die Gesundheitsgewerkschaft 1199SEIU gemeinsam mit Arbeiter*innenkooperativen daran, die Arbeitsbedingungen für häusliche Pflegehelfer*innen in New England zu verbessern. Der Reporter der New York Times, der über die Yoga-Arbeiter*innen berichtete, schien sich leider mehr für ihre Meditations-Apps zu interessieren als für ihre jüngsten Bemühungen um gewerkschaftliche Organisierung.

Damit sich die Arbeiter*innenbewegung erneuern kann, ist es notwendig, dass ein breiteres Netzwerk von Organisationen entsteht. Weltweit zeichnen sich auch mehr und mehr solcher Organisationen und organisatorischer Bestrebungen ab. In Japan etwa gibt es die #Kutoo-Bewegung – in Anspielung auf die japanischen Wörter kutsu (Schuh) und kutuu (Schmerz) –, bei der sich Frauen dafür einsetzen und von Unternehmen fordern, dass sie die diskriminierende Praxis aufgeben, Frauen am Arbeitsplatz zum Tragen von High Heels zu zwingen.

Neue Formen des Widerstands innerhalb der weiblichen Erwerbsbevölkerung führen zu Veränderungen dessen, was Marx die «organische Zusammensetzung des Kapitals» nannte – oder was auch einfach als «Automatisierung» bezeichnet werden kann. Eine britische Studie hat aufgezeigt, dass im Einzelhandel – eine der Branchen, in der Frauen den größten Beschäftigtenanteil stellen – Positionen mit Kundenkontakt zunehmend automatisiert werden, sodass Frauenarbeitsplätze durch SB-Kassen ersetzt werden. Das Beschäftigungswachstum hat sich zu den Bereichen E-Commerce und Logistik hin verlagert, wo es vor allem Frauen mit niedrigem Bildungsniveau oder jene auf der Suche nach Teilzeitbeschäftigung schwer haben. Die britische Einzelhandelsbranche wiederum beabsichtigt, einige dieser Positionen in der Wertschöpfungskette wieder höherzustufen, indem man Beschäftigte im Einzelhandel zu «Influencer*innen» in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich ummodelt – und damit überholte Geschlechterstereotype reproduziert. 

Organisieren in der Höhle des Löwen

Die IT-Branche – der Geburtsort der Wellnessideologie – entwickelt sich rasant zum Nährboden eines radikalen Arbeitsaktivismus. Die Arbeitsniederlegungen infolge von sexuellen Übergriffen bei Google waren nicht nur ermutigend, sondern widerlegten auch endgültig die Vorstellung, im Silicon Valley sei kein kollektives Handeln möglich. 

Ein weiteres Beispiel für die neue Organisierungswelle von Tech-Arbeiter*innen: Nach den Arbeitsniederlegungen bei Google haben IT-Mitarbeiter*innen bei HCL – das Unternehmen, an das Google Shopping ausgelagert wurde – dafür gestimmt, sich der Stahlarbeiter-Gewerkschaft anzuschließen. Diese Trends bezeugen nicht nur, dass diese Gruppen junger Arbeiter*innen ein politisches Bewusstsein entwickelt haben, sondern auch, dass sie sich in neuen gewerkschaftlichen Bündnissen organisieren, die die gesamte Architektur der schönen neuen Arbeitswelt angreifen, die das Silicon Valley einst versprach.

Das «ach so woke» Google erschwert das Leben arbeitender Frauen nur noch zusätzlich, denn die beiden Organisator*innen der Arbeitsniederlegung sollen nun, auf niedrigere Stellen versetzt werden. Trotzdem lassen die Tech-Worker*innen nicht locker. Bei Microsoft haben Arbeiter*innen den Tech-Riesen dazu aufgefordert, seinen Vertrag mit der US-Armee in Höhe von fast 480 Millionen Dollar aufzukündigen, da man mit der Waffenentwicklung eine «rote Linie überschreiten» würde. In einem offenen Brief an die Konzernleitung schrieben die Microsoft-Ingenieur*innen: «Wir sind besorgt, dass Microsoft für das US-Militär Waffentechnologien entwickelt, damit unsere Regierung mit unseren Werkzeugen ‹effektiver töten› kann. Wir haben nicht bei Microsoft angefangen, um Waffen zu entwickeln, und wollen mitbestimmen, wofür unsere Arbeit genutzt wird.»  

Der Anbruch einer neuen politisierten Gewerkschaftsbewegung ist unübersehbar. Mehr als 1.000 Amazon-Arbeiter*innen haben sich der Bewegung für Klimagerechtigkeit angeschlossen. Sie fordern, dass der Konzern aufhört, politische Kreise zu finanzieren, die den Klimawandel leugnen, und dass die Amazon Web Services ihre Geschäftsbeziehungen mit der fossilen Brennstoffindustrie beenden und ihre Emissionen bis 2030 auf null reduzieren. Sowohl die Arbeitsniederlegungen bei Google gegen sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz als auch der Aktivismus der Amazon-Arbeiter*innen sind also Beweis dafür, dass die Arbeiter*innen in der Tech-Industrie maßgeblich dazu beitragen können, die vielen Krisen in der heutigen Welt zu überwinden – und das nicht durch disruptive Technologien, sondern durch kollektives Handeln. 

Klassenkampf und COVID-19

Mit der Coronavirus-Pandemie werden nun die Karten für Arbeiter*innen quer durch alle Branchen, Länder und sogar Kontinente neu gemischt. Zu den bereits existierenden Herausforderungen für die junge Arbeiter*innenbewegung kommen jetzt bedingt durch den Ausbruch der Pandemie noch monatelange Beschäftigungsunsicherheit, erhöhte Gesundheitsrisiken bei der Arbeit und eine drohende Wirtschaftskrise hinzu.

Bislang waren die politischen Antworten durchwachsen und auch unkoordiniert: In Ländern wie Spanien und Dänemark haben vergleichsweise arbeitnehmerfreundliche Regierungen Gesetze verabschiedet, um die Arbeiter*innen zu unterstützten und um sicherzustellen, dass das Coronavirus – zumindest vorübergehend – nicht zu Massenarbeitslosigkeit führt. In den USA und Großbritannien, wo die amtierenden Regierungen alles andere als arbeitnehmerfreundlich sind, wird die Arbeiter*innenklasse wohl größtenteils die wirtschaftliche Belastung durch die Pandemie tragen müssen. Die neue Arbeiter*innenbewegung ist noch nicht stark genug, um die Regeln für den Arbeitskampf zu diktieren oder um die Regierungen auf grundlegende Weise herauszufordern. Doch in Krisenzeiten tun sich auch immer Möglichkeiten auf, sowohl für die Herrschenden als auch für die Beherrschten. Für die Arbeiter*innenbewegung gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um in die Offensive zu gehen und zu verlangen, dass die Milliarden, die derzeit als Nothilfe an die Konzerne fließen, stattdessen den Arbeiter*innen zugutekommen – also jenen Menschen, die unsere Wirtschaft aufgebaut haben und sie auch während der Pandemie am Laufen halten.