Nachricht | International / Transnational - Soziale Bewegungen / Organisierung - Staat / Demokratie Das «Greater Porto Algere Social Forum»

Erste zusammenfassende Eindrücke vom Bilanzierungstreffen zu 10 Jahre WSF in Porto Allegre von Walter Beier, transform!europe.

 

Vom 25. bis 29. Januar fand im Rahmen des dezentralisierten WSF-Prozesses 2010 das Sozialforum des Großraums Porto Alegre statt, das dem 10. Jahrestag des ersten Weltsozialforums gewidmet war. Deutlich fühlbar war bei der Veranstaltung, dass es der brasilianischen Seite darum gegangen ist, ein Ersatz-WSF am Ort seines Ursprunges zu organisieren. Die Bilanz des Ereignisses kann sich zahlenmäßig sehen lassen: 30.000 eingeschriebene TeilnehmerInnen besuchten insgesamt 900 Veranstaltungen.  Am üblichen Auftaktmarsch beteiligten sich etwa 10.000 Menschen (etwa 1/3 im Vergleich zu den großen Foren) Erwartungsgemäß war auch die Beteiligung von auswärts geringer als bei üblichen WSF. Bei der abschließenden Veranstaltung des internationalen Seminars wurde eine Zahl von weniger als 500 für Gäste „from abroad“ angegeben.

Porto Alegre hat sich verändert. Auch in allgemein politischer Hinsicht, die linke Verwaltung wurde nach Spaltungen und internem Streit der Parteien sowohl in der Stadt als auch im Bundesstaat Rio Grande do Sul abgewählt. Auch die konservativen Verwaltungen hießen das Forum willkommen und stellten kommunale Infrastruktur zur Verfügung. Der oft beschworene „Geist von Porto Alegre“ schien zu leben. Die Presse berichtete ausgiebig, in den Straßen grüßten Großplakate und Transparente die TeilnehmerInnen, Menschen, die man als FremdeR um den Weg zu diesem oder jenem Schauplatz befragte, sprachen einen als Delegierten des „Foro“ an. Die Veranstaltung mit dem brasilianischen Präsidenten Lula im „Gigantinho“ wurde zum erwarteten emotionalen Großereignis.

Wichtigste Initiative im Hinblick auf die ausländischen TeilnehmerInnen war das viertägige internationale Seminar zum 10. Jahrestag des Weltsozialforums, das sich mit der „aktuellen Weltkonjunktur“,  der Frage von „Macht und der Hegemonie“, der „Gegenhegemonie“, einer „neuen Agenda der sozialen Bewegungen“ und schließlich dem Versuch beschäftigte, die aufgeworfenen Probleme im Hinblick auf eine Strategie zu synthetisieren.

Folgende Gesichtspunkte scheinen u.a. für eine politische Beurteilung des Prozesse wichtig:

  1. Das Forum hat seit es sich aus Port Alegre verabschiedet hatet, über Mumbai, Caracas, Carachi, Bamako, Nairobi und Belem einen weiten Weg zurückgelegt. Es ist und bleibt ein globaler Prozess, der sich auch 2010 fortsetzen wird. Dieses Jahr werden insgesamt 27 regionale und thematische Foren stattfinden: in Detroit, das US-Sozialforum, das mit voraussichtlich 20.000 bis 30.000 TeilnehmerInnen ein großes Ereignis wird, in Istanbul das ESF, weiteren Sozialforen im Maghreb, im Irak und in Palästina, in dem panamerikanischen Forum in Paraguay, dem pan-amazonischen Sozialforum Santa Re usw. Die Dichte der Ereignisse und die erwarteten Teilnehmerzahlen belegen, dass zwar die Resonanz des WSF in den Medien des kapitalistischen Norden abgenommen hat, während es sich thematisch und regional verbreitert.
  2. Zu den neuen, im Forum prominent behandelten Fragestellungen gehört die globale Umweltkrise. Diese wird in einem Diskurs behandelt, der sich bewusst in Beziehung zum Wissen der lateinamerikanischen Indigenen setzt („Mutter Erde“). Explizit wird diese Artikulation als ein Prozess der „Dekolonialisierung der Kultur“ bezeichnet. Das Welt Sozial Forum macht sich damit zu einem Partner in der von Evo Morales ausgehenden Initiative eines Weltforums für Klimagerechtigkeit, das Ende April in Cochabamba die Bewegungen zusammenbringen wird.
  3. Andererseits wird von den Intellektuellen aus dem Umkreis des WSF eine Verknüpfung der Klimakrise mit der Wirtschaftskrise bzw. der Krise der Geopolitik vorgenommen und im Begriff der „Zivilisationskrise“ zusammengefasst. Letzterer ist eine beachtliche Herausforderung und könnte zu einem analytischen Schlüsselbegriff des linken Diskurses der kommenden Jahre werden.
  4. Im internationalen Seminar, an dessen Veranstaltungen durchwegs mehr als 500 Personen teilnahmen, war vor allem das Bedürfnis der Veranstalter fühlbar, die neue Sprache („Mutter Erde“, „Gutes Leben“…) mit „westlichen“ politischen bzw. politisch-theoretischen Fragestellungen („Macht“, „Hegemonie“, „Transformation“) zu verknüpfen. Die bisherige Verengung der politischen Debatte scheint an dieser Stelle aufgebrochen – möglicher Weise auf Grund der lateinamerikanischen Prozesse. Deren Perspektive wurde in einigen Beiträgen weniger euphorisch als in bisherigen interpretiert. 
  5. Deutlich erkennbar wurde eine Verschiebung der weltpolitischen Gewichte. Nicht nur, dass in der Staatenwelt die neuen „Player“ selbstbewusst auftreten, die wie Brasilien, Indien und China aus der ersten Phase der Weltwirtschaftskrise sogar gestärkt hervorgegangen sind. Auch der zivilgesellschaftliche Diskurs verändert sich. Von den Vertretern der Vorbereitungsgruppe für das nächste WSF in Dacca (Senegal) wurde folgerichtig, die Frage der Süd-Süd-Kooperation zum Schwerpunkt erklärt. Europa steht am Rande dieser Entwicklungen scheint zunehmend auch aus dem Blickfeld zu geraten. Auch die Linke in Europa. Mein Eindruck: Man muss sich anstrengen, nicht den Anschluss zu verlieren.
  6. Unterstrichen wurde von den wesentlichen VertreterInnen des Internationalen Rats im internationalen Seminar das Bekenntnis zur Fortsetzung/Verteidigung der speziellen, im Rahmen des WSF entstandenen politischen Kultur. Dem Anspruch nach besteht diese in der Herstellung von Einheit durch Pluralität und, im Verzicht auf die Priorisierung einzelner Kämpfe gegenüber anderen und in der Aufrechterhaltung des Forums als einem „offenen politischen Raum“. Inwieweit diese Ansprüche in Struktur und Kultur des Forums eingelöst sind, stellt einen altbekannten Debattengegenstand dar. Zu den alten Bekannten zählt auch die Forderung, das Forum müsse mehr zur Entwicklung von Aktionen beitragen. Damit ist auch seine Fähigkeit gemeint, strategisch politisch zu agieren. Darüber scheint inzwischen eine eshr weitgehende Übereinstimmung zu bestehen. Zusammengefasst wird diese im dialektischen Slogan „Zentralität – aber kein Zentralismus!“.

    Die nächsten politischen Ereignisse im Rahmen des WSF-Prozesses können der web-site entnommen werden. Aus europäischer Sicht sind vor allem das ESF in Istanbul (1- - 5. Juli) und das US-Social Forum in Detroit (22. – 25. Juni) hervorzuheben.

    Die nächste wichtige Station auf dem Weg zum WSF in Dakar im kommenden Januar wird die bevorstehende Tagung des Internationalen Rats des WSF am 2. und 3. Mai in Mexico City sein.

     

    Walter Baier, Koordnator «transform!europe»

    1. Februar 2010