Nachricht | Krieg / Frieden - Westasien - Westasien im Fokus Iran und der Krieg in Bergkarabach

Kein Waffenstillstand hält, die Nervosität steigt

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Karte von Artsakh mit beanspruchtem Gebiet
Bergkarabach: ein Konflikt im Fokus wechselnder Allianzen und Rivalitäten Sivizius, CC0, via Wikimedia Commons

Auch der jüngste Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan ist gescheitert. Der Krieg um Bergkarabach droht an Intensität zu gewinnen. Das Nachbarland Iran begegnet den Entwicklungen immer nervöser.

Fernab der omnipräsenten Corona-Nachrichten geht der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan dieser Tage inzwischen in den zweiten Monat. Seit dem 26. Oktober sollte eine von der US-Regierung verhandelte Waffenruhe in der umstrittenen Region Bergkarabach gelten. Doch schon wenige Stunden später warfen Jerewan und Baku sich gegenseitig Angriffe vor. Es ist bereits der dritte gescheiterte Anlauf zu einem Waffenstillstand.

Daniel Walterhat Politikwissenschaft und Middle Eastern Studies in Bonn, Schweden und Teheran studiert. Derzeit promoviert er am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) zu internationaler Wirtschaftsgeschichte der 1980er-Jahre mit einem Schwerpunkt auf Irans Beziehungen zur Bundesrepublik.

Unabhängige Berichte zu Opferzahlen und zum Geschehen vor Ort gibt es keine. Während die armenische Seite von rund 1.000 getöteten Soldaten spricht, hat Aserbaidschan bislang keine Zahlen veröffentlicht. Russlands Präsident Wladimir Putin stellte vor Kurzem gar die Zahl von insgesamt 5.000 Toten in den Raum. Sicher scheint nur das Leid der Zivilbevölkerung, zehntausende Menschen sollen auf der Flucht vor Bomben- und Artilleriebeschuss sein.

Je länger der Konflikt dauert, desto größer ist die Gefahr einer weiteren Intensivierung. Das befürchtet wohl kein Land so sehr wie Iran, das an beide Länder grenzt. Um die iranische Sicht nachvollziehen zu können, lohnt jedoch zuallererst ein Blick auf die internationale Gemengelage. Vor allem Russland und die Türkei nehmen in dem jahrzehntealten Konflikt wichtige Rollen ein. Doch auch Israel und Iran mischen mit – das alles vor dem Hintergrund wechselnder Allianzen und Rivalitäten, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben.

Verworrene Lage

So sehr Armenien und Aserbaidschan historisch miteinander verbandelt sind, so unterschiedlich ist die aktuelle Ausgangslage. Armenien, seit einer demokratischen Revolution 2018 von Premierminister Nikol Paschinjan regiert, ist strukturell verarmt und stark von Partnerländern wie Russland abhängig. Der aserbaidschanische Autokrat Ilham Alijev hingegen verfügt dank des Öl- und Gasreichtums des Landes über einen erheblich größeren Handlungsspielraum.

Das wird unter anderem bei den Rüstungsausgaben deutlich. Laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri gab Armenien zwischen 2014 und 2018 vier Milliarden Dollar für Rüstung aus, Aserbaidschan hingegen sechsmal so viel (24 Mrd. Dollar). Zwar ist der Anteil dieser Ausgaben am Staatshaushalt in beiden Ländern sehr hoch, doch mit über 20 Prozent in Armenien im Vergleich zu knapp 11 Prozent in Aserbaidschan wird der finanzielle Klassenunterschied deutlich. Trotz dieser Asymmetrie herrscht unter Expert*innen die Meinung vor, dass beide Länder sich in diesem Konflikt nur relativ schwer von Dritten einhegen lassen. Zu hoch ist der jeweilige Stellenwert der Auseinandersetzung um Bergkarabach.

Welche Positionen nehmen diese anderen Player also ein? Obwohl Russland ein Verteidigungsabkommen mit Armenien geschlossen und rund 3.500 Soldaten im Land stationiert hat, liefert es auch Waffen nach Aserbaidschan. Als eindeutig «pro-armenisch» lässt sich Moskau demnach nicht verorten. Vielmehr scheint dem Kreml vor allem daran gelegen, den heißen Konflikt schnell abzukühlen und die Beziehungen zu beiden Ländern zu wahren. Wie begrenzt der Einfluss jedoch zu sein scheint, belegt das Scheitern zweier von Moskau verhandelter Waffenstillstandsabkommen.

Ganz anders die türkische Regierung. Sie ergreift offen Partei für Aserbaidschan – sowohl rhetorisch als auch militärisch. Das Mantra «Zwei Länder, ein Volk», das Präsident Recep Tayyip Erdogan mit Blick auf die ethnischen und linguistischen Verbindungen zum turksprachigen Aserbaidschan befeuert, schürt den Nationalismus in Zeiten darbender Wirtschaft. Die Unterstützung etwa durch Fußballstar Mesut Özil zeigt, wie populär diese Haltung ist. Das Hauptinteresse Ankaras ist jedoch in erster Linie geopolitischer Art: Die Türkei arbeitet seit Jahren an einer Ölpipeline nach Aserbaidschan, die die Abhängigkeit von Russland verringern und sogar EU-Länder beliefern soll. Nicht zuletzt kann Ankara sich in Bergkarabach mit relativ wenig Einsatz zu einem unverzichtbaren Verhandlungspartner aufschwingen.

Derart schrille Statements sind von offizieller Seite aus Israel nicht zu vernehmen. Dabei sprechen zumindest die Zahlen eine eindeutige Sprache. Laut Sipri ist Aserbaidschan das zweitwichtigste Zielland für israelische Rüstungsexporte. Rund 60 Prozent der von Baku erworbenen Militärgüter stammten in den letzten Jahren aus Israel. Im Gegenzug liefert das Land im Südkaukasus Öl und Gas ans Mittelmeer. Die sicherheitspolitische und geheimdienstliche Kooperation, die seit den 1990er-Jahren stetig ausgebaut wurde, beruht auf einer beidseitigen – wenngleich anders gelagerten – Abneigung gegenüber Iran.

Ein Balanceakt für Teheran

Und so sind es unter anderem die Aktivitäten Israels und der Türkei, die die iranische Regierung mit großem Argwohn auf die Eskalation in Bergkarabach blicken lassen. Teheran unternimmt dabei in mehrerlei Hinsicht einen Balanceakt.

Denn während sich die Beziehungen zu allen Beteiligten mit Ausnahme Israels nicht verschlechtern sollen, spielt die Innenpolitik eine große Rolle. Schätzungsweise ein Viertel der iranischen Gesamtbevölkerung, etwa 20 Millionen Menschen, sind sogenannte «Aseri-Türk*innen», die einflussreiche Positionen in Staat und Wirtschaft bekleiden. Der orthodoxen geopolitischen Anleitung zufolge müsste Teheran wohl am ehesten Partei für das mehrheitlich schiitische Aserbaidschan ergreifen – was Revolutionsführer Ali Khamenei am 1. Oktober zusammen mit vier Repräsentanten aus mehrheitlich aseri-türkischen Regionen tat, als er beteuerte, Bergkarabach gehöre zu Aserbaidschan.

Gleichzeitig gibt es immer wieder Hinweise darauf, dass dies nur Lippenbekenntnisse sind und Iran vielmehr diskret das weniger als Konkurrenten wahrgenommene Armenien unterstützt. Es ist also ein doppeltes Spiel in Iran, das Risiken mit sich bringt. Vereinzelt kam es bereits zu Demonstrationen in Städten der iranischen Provinz Aserbaidschan, die eine Unterstützung Bakus forderten. Nach den Massenprotesten zu Beginn des Jahres fürchtet das Regime derlei Unruhen. Denn seit Jahrzehnten gibt es im Nordwesten des Landes auch separatistische Bestrebungen nach einem Groß-Aserbaidschan.

Wie nah der Krieg aus iranischer Perspektive ist, zeigen Videos in den sozialen Medien, auf denen Artilleriefeuer am Horizont zu sehen ist. Seit Beginn der Auseinandersetzungen vor einem Monat sind mehrfach Geschosse auf iranischem Gebiet gelandet. Zuletzt verlegten die Revolutionsgarden sogar Truppen an die Grenze, um Armenien und Aserbaidschan vor einem Übergreifen der Kriegshandlungen zu warnen. Ein Waffenstillstand scheint jedenfalls auch noch immer in weiter Ferne zu sein.