Nachricht | GK Geschichte Kanzleiter/Stojakovic: 1968 in Jugoslawien, Bonn 2008

Eine jetzt auf Deutsch erscheinende Textsammlung macht die Bedeutung des Scheiterns der 68er-Bewegung in Jugoslawien deutlich. Sonja Vogel hat den Band
Boris Kanzleiter/ Krunoslav Stojakovic: 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Dietz Verlag Bonn 2008, 352 S., 38 EUR
in der taz vom 28.10.2008 besprochen.   
Kanzeleiter lebt in Belgrad und ist u.a. Mitarbeiter des externer Link in neuem Fenster folgtbalkan.biro, Stojakovic Doktoran an der Universität Bielefeld.

Nachfolgend das Manuskript einer Besprechung von Bernd Hüttner, die am 18.12. 2008 gekürzt im "Neuen Deutschland" erschienen ist.

Kanzleiter und Stojakovic untersuchen die studentischen und gegenkulturellen Proteste in Jugoslawien rund um das Jahr 1968. Mit dieser Publikation wird in der Erforschung der osteuropäischen Sozialbewegungen Neuland betreten, da mit ihrer Hilfe vergessene Aspekte einer Sozialismusdebatte wieder ins Gedächtnis gerufen werden. In ihr finden sich nach einer Einleitung 17 Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen und danach 57 jeweils mit einer kurzen Einleitung versehene Dokumente aus den Jahren 1958 bis 1974.

Der jugoslawische Bund der Kommunisten (BdKJ) begrüßt die weltweiten Proteste um 1968 ausdrücklich und reagiert anfangs auf die Proteste im eigenen Land freundlich, was sich dann aber ändern sollte. Die Kritik der Studierenden und Jugendlichen richtet sich gegen die unter dem Deckmantel der Arbeiterselbstverwaltung existierenden Privilegien und gegen bürokratische Gängelei, sie fordern mehr kulturelle Liberalität und Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Kritik artikuliert sich innerhalb der offiziellen kommunistischen Ideologie und fordert die Umsetzung des Programm des BdKJ von 1958 und der Verfassung von 1963. Ein wichtiger Knoten im Netzwerk der Oppsosition ist die Gruppe Praxis rund um die gleichnamige Zeitschrift. Die Zeitschrift Praxis erscheint als Publikation von 1964 bis zu ihrem Verbot 1974, sie ist eine wichtige Plattform einer kritischen Neulektüre vor allem der Frühschriften von Marx, aber auch von Theoretikern der neuen Linken in Westen, deren Texte in Jugoslawien zur Verfügung stehen. Ausgehend vom Begriff der Entfremdung treten viele Intellektuelle für ein alternatives Sozialismusmodell ein. Sie kritisieren schon damals, dass die jugoslawische Entwicklung eine Verstärkung der innerstaatlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Republiken bewirke. Sie sind für ein einheitliches und sozialistisches Jugoslawien und erweisen sich mit ihrer Prognose zu einer der wichtigen Ursachen für den späteren Zerfall Jugoslwiens als Propheten – aber die gelten ja bekanntlich im eigenen Land nichts. Bis Mitte der 1970er Jahre ist die „1968er“-Bewegung zerschlagen und auf das Agieren im privaten Raum zurückgeworfen.

Die beiden Herausgeber haben viel Arbeit in das Buch gesteckt. Die Dokumente erscheinen größtenteils in deutscher Erstübersetzung und umfassen Texte und Reden aus der Studentenbewegung selbst, aus der Praxis-Gruppe, aber auch aus der Jugendkultur und den künstlerischen Avantgarden.

Das Buch hilft enorm, einen blinden Fleck in der Geschichte der europäischen Linken zu beleuchten. Die zwei Historiker arbeiten derzeit an ihren Dissertationen zu „1968 in Jugoslawien“ - die mit Spannung erwartet werden dürfen.