Nachricht | Krieg / Frieden - Westasien - Positiver Frieden - Westasien im Fokus Jemen: «Wieder daran glauben können, dass ein Frieden möglich ist»

Interview mit Muna Luqman

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Jakob Reimann,

Junge Mädchen sind oft jeden Tag stundenlang unterwegs, um Wasser für ihre Familien zu besorgen. Projekte zur besseren Wasserversorgung wie die der jemenitischen NGO Food4Humanity ermöglichen es den Mädchen, sich wieder auf ihre Ausbildung zu konzentrieren.
  Bild: Food4Humanity/Facebook

Jakob Reimann unterhielt sich mit Muna Luqman. Die jemenitische Menschen- und Frauenrechtsaktivistin engagiert sich in der von ihr (mit-)gegründeten NGO Food4Humanity und anderen Organisationen aktiv und unbürokratisch für eine Verbesserung der Lebensumstände der Menschen in ihrem Land. Parallel zu hierarchischen Friedensbemühungen von Organisationen wie der UN soll der Frieden durch Vor-Ort-Aktionen aus den lokalen Gemeinschaften heraus vorangetrieben werden.

Jakob Reimann: Die Situation im Jemen wird als die schlimmste humanitäre Krise der Welt bezeichnet. Wie ist die aktuelle Situation?

Muna Luqman: Die Situation ist so verheerend, dass ich sie gar nicht richtig beschreiben kann. Es gibt innerhalb der Krise so viele weitere Krisen. Zu all dem Leid durch den Krieg, den Mangel an Treibstoff, Strom, Wasser und Lebensmitteln kommen die wirtschaftlichen Verheerungen des Krieges hinzu. Doch das Hauptproblem sind natürlich die gezielten Angriffe auf Zivilist*innen, der bewaffnete Konflikt selbst.

Außerdem haben wir es mit vielen Blockaden zu tun – Belagerungen von Städten und Abriegelung der See- und Flughäfen durch die Saudis. Die Belagerung der Stadt Ta‘iz durch die Houthi-Rebellen dauert nun mehr als sechs Jahre an. Es ist wirklich eine katastrophale Situation, in der die Menschen in jeder Hinsicht leiden. Es ist äußerst schwierig, von einem Gebiet in ein anderes zu gelangen, ganz zu schweigen von länderübergreifendem Verkehr. Viele Leute wurden krank und sind gestorben und konnten ihre Verwandten kein letztes Mal sehen. Die Menschen haben ihre Dokumente und Häuser verloren, ihre Identität und ihr Leben. Es ist wirklich schwer zu fassen.

Für Unterstützer*innen bleibt oft nur die Verteilung von Lebensmitteln. Ich behaupte nicht, dass diese Bemühungen nicht gut seien – sie sind sehr gut –, aber nach sieben Jahren kann man nicht einfach weiter Mehl und Öl an die Menschen verteilen. Sie brauchen ihren Lebensunterhalt, sie brauchen Gehälter und ihre Arbeit, sie müssen in ihre Häuser zurückkehren. Menschen leben ohne Schutz draußen in den Bergen und in der Wüste. Das ist ihre Lebensrealität. Hinzu kommen die Luftangriffe, die Scharfschützen und die Bombardierungen.

Nach der Revolution im Jahr 2011 gab es Pläne für den Aufbau eines vielfältigeren und inklusiveren politischen Systems.

Nach dem Sturz des Diktators Saleh im Zuge des «arabischen Frühlings» 2011 hatten wir eine Übergangsregierung und dann die Zeit des Nationalen Dialogs – den ich die goldene Ära des politischen Prozesses im Jemen nenne, weil er alle Gruppen einbezog, insbesondere die Frauen. Viele wegweisende Dokumente wurden verfasst und Ideen für den Aufbau eines neuen Staates entwickelt. Doch dann entschieden sich einige Gruppen, wie die Houthis, für den bewaffneten Konflikt, obwohl sie an den Verhandlungen beteiligt waren, und griffen mit Gewalt nach der Macht. Das Problem im Jemen ist, dass alle Parteien glauben, sie könnten Macht mit militärischer Gewalt an sich reißen. Das erleben wir nun schon seit fast sieben Jahren. Die Saudis, anstatt uns zu schützen, begannen mit der Bombardierung des gesamten Landes. Dann kamen die Vereinten Nationen, um zu helfen, doch schwächten sie massiv all die anderen Akteure, weil sie nur mit zwei Parteien verhandelten, obwohl es im Jemen mindestens sieben bewaffnete Gruppen gibt, die ebenfalls einbezogen werden müssen. Und jetzt haben wir all diese verschiedenen sich bekämpfenden Fraktionen.

Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach die Wirtschaft, denn die Menschen kämpfen, weil sie keine Einkommen haben. Sie kämpfen, weil es im Land keine Infrastruktur gibt. Und die verbliebene Infrastruktur wurde von den Saudis kaputtgebombt. Das führt dazu, dass die Menschen jeden Tag gewalttätiger werden, sich extremistischen Parteien anschließen und auf die Schlachtfelder ziehen. Die UN-Verhandlungen waren ein guter Schritt, sie haben den Menschen etwas Ruhe verschafft. Sie rauften sich zusammen. Doch dann kam das Stockholmer Abkommen[i], das wiederum eine Menge Probleme mit sich brachte.

Du hast die Vereinten Nationen als Friedensbroker erwähnt. Spielt die UN im Jemen eine konstruktive Rolle bei der Erreichung des Friedens?

Sie versuchen ihr Bestes, doch sie sind eben alte Schule. Sie versuchen, Frieden und Stabilität durch Dialog und Verhandlungen zu fördern. Aber der alte Weg hilft dem Jemen nicht wirklich. Wir brauchen einen Bottom-up-Ansatz, wir brauchen Menschen, die sich engagieren. Auch müssen alle bewaffneten Gruppen einbezogen werden. Wir brauchen die Frauen, die Jugend. Doch jedes Mal, wenn wir uns an die UN wenden, sagen sie: «Nein, es ist jetzt nicht die Zeit für die Jugend, es ist nicht die Zeit für die Frauen, es ist nicht die Zeit für dies und das.» Auf die Art haben sie sich in gewisser Weise von der Gesellschaft isoliert, und im Gegenzug ist die Gesellschaft der UN gegenüber nicht gerade positiv gesinnt. Es gibt Zeiten, in denen sie Verbrechen verurteilen und die Täter an den Pranger stellen sollten, was sie aber unterlassen. Nur wenn die Saudis Bomben abwerfen, prangern sie das an. Doch wenn die Houthis irgendetwas tun, sagen sie nichts, was die Menschen wirklich wütend macht. Die Menschen vor Ort sind Opfer von Verbrechen sämtlicher Kriegsparteien. Die UN muss ihre Strategien so umgestalten, dass sie mehr Menschen vor Ort einbezieht und ihnen zuhört. Ich denke, sie beginnen zwar damit, doch ist es jetzt, ehrlich gesagt, schon fast zu spät, weil die Menschen die UN aufgegeben haben.

Wie sind die Aussichten auf Frieden? Wie wahrscheinlich ist es, dass der Jemen in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren endlich Frieden findet?

Nun, das hängt davon ab, von welcher Art Frieden wir sprechen. Wenn wir einen Frieden mit einem unterzeichneten Abkommen meinen, glaube ich nicht, dass es dazu kommen wird. Und ehrlich gesagt hoffe ich auch, dass es keins geben wird. Denn wenn sie jetzt ein Abkommen unterzeichnen, dann wird am nächsten Tag gleich wieder gekämpft. Und das können wir nicht gebrauchen. Wir brauchen einen nachhaltigen Frieden. Und dieser nachhaltige Frieden muss Schritt für Schritt erreicht werden. Wir müssen begreifen, dass wir es mit einer langwierigen Krise zu tun haben, einer humanitären Katastrophe und einer vollständig kollabierten Wirtschaft. Und wenn wir nicht zumindest ein oder zwei Teilprobleme sichtbar angehen und die Lebensumstände der Menschen verbessern, wird die Krise im Land weitergehen. Wir fordern immer einen Waffenstillstand, doch der allein reicht nicht. Die Menschen müssen wieder daran glauben können, dass ein Frieden möglich ist. Denn gegenwärtig haben sie die bloße Hoffnung auf Frieden verloren – und das ist sehr gefährlich. Wenn die Menschen hoffnungslos sind, kämpfen sie noch verbitterter. Wenn wir beispielsweise nur die wirtschaftliche Lage etwas verbessern oder einen humanitären Korridor in Ta‘iz eröffnen könnten, würde das einen Ansatzpunkt für Vertrauensbildung darstellen und einen Weg zum Frieden eröffnen.

Wenn wir vier, fünf kleinere Schritte gehen könnten, beginnt auch die Deeskalation und wir nähern uns einem Frieden. Doch weil die UN diese Teilerfolge nicht ermöglichen konnte, glauben die Menschen nicht mehr an sie. Ich bin überzeugt, dass der Frieden in verschiedenen Formen daherkommt. Er ist nicht nur ein Stück Papier, ein von der UN unterzeichnetes Abkommen, bei dem man sich die Hände schüttelt und Fotos macht – und am nächsten Tag wird wieder gekämpft. Wir müssen den Frieden auf eine ganz neue Weise denken, die vernünftig, nachhaltig und realistisch ist.

Das ist ein wirklich wichtiger Punkt. Es gibt verschiedene Wege, Frieden anzustreben: den Top-down-Ansatz, wie ihn die UN verfolgt, und andere Wege, Bottom-Up-Prozesse, wie Du sie verfolgst. Du bist die Gründerin der Organisation Food4Humanity. Was macht die Organisation?

Wir haben 2015 damit begonnen, vor Ort auf die Krisen zu reagieren, mit denen die Menschen konfrontiert sind: Bereitstellung von Wasser, Nahrungsmitteln und Unterkünften. Dann merkten wir, dass das nicht ausreichen würde, weil die Krise immer größer wurde und wir zunehmend überfordert waren. Wir begannen zu überlegen, wie wir den Menschen helfen können, die seit 2016 kein Gehalt mehr bekommen haben. Wenn wir den Leuten wieder regelmäßige Gehälter verschaffen könnten, wäre das eine bedeutende Maßnahme, dem Jemen den Frieden näher zu bringen. Also starteten wir kleine Projekte wie die Unterstützung von Fischern und besonders Frauen, Nähprojekte, Lebensmittelprojekte und dergleichen. Und das hat tatsächlich viel gebracht, weil es die Menschen davon abhält, auf die Schlachtfelder zu ziehen. Auch die Ausbildung von Jugendlichen in friedensfördernden Maßnahmen ist ein wichtiges Feld unserer Arbeit.

Der zentrale Ansatz deiner Organisation Food4Humanity und auch anderer Organisationen, denen Du angehörst, ist die Einbindung von Frauen in Friedensprozesse. Warum ist es wichtig, Frauen einzubeziehen?

Ich denke, es ist enorm wichtig, dass Frauen am Friedensprozess beteiligt sind. Nicht nur am UN-Prozess, sondern ganz allgemein, schließlich stehen sie bereits an vorderster Front. Sie versuchen, Hassreden und all jene Dinge, die später in Gewalt ausarten, schon im Vorfeld zu verhindern. Wir Frauen versuchen, die Gesellschaft zusammenzuhalten und Menschen zusammenzubringen, um Konflikte zu schlichten, etwa um Wasser oder Land. Ich habe bei solchen Mediationen mitgewirkt. Es sind tatsächlich fast ausschließlich Frauen, die versuchen zu vermitteln, und auch einige der Jugendlichen. Aber auch die Jugend wird meist von Frauen mobilisiert. Es geht ihnen nicht um Frauen- oder Genderfragen. Sie adressieren Wirtschaft, Militär und Sicherheit, bringen Bildung, Gesundheit und Soziales ein – spiegeln also die Bedürfnisse der Gesellschaft wider –, während sämtliche Kriegsparteien einzig und allein über ihre eigenen Interessen sprechen. Wenn also ein Abkommen zwischen den Kriegsparteien unterzeichnet werden sollte, läge hier lediglich eine Erklärung von Akteuren vor, denen die Gesellschaft völlig egal ist.

Werden Frauen im Jemen in der Friedensarbeit akzeptiert? Was sind die größten Herausforderungen?

Wie in anderen Gesellschaften auch gibt es die Eliten und die lokalen Gemeinschaften. In den Gemeinschaften werden wir sehr gut angenommen. Wir haben im Jemen zwar eine patriarchale Gesellschaft, doch konnten wir im Rahmen des Nationalen Dialogs viele Ungerechtigkeiten bereits hinter uns lassen. Die patriarchale Gesellschaft wurde zu der Zeit tatsächlich infrage gestellt und Frauen wurden zunehmend integriert. Wir konnten uns gar auf eine 30-prozentige Frauenquote im Parlament und in anderen Institutionen einigen. Trotz des Patriarchats werden Frauen im Jemen öffentlich nicht körperlich attackiert – für uns eine rote Linie. Wir haben in gewisser Hinsicht sogar ein Privileg gegenüber Männern. Wenn ich etwa in einem Streit um Zugang zu Wasser vermittle, respektieren sie mich, weil ich eine Frau bin, und sie akzeptieren, was ich sage. Wir Frauen haben dieses Druckmittel genutzt, um zu vermitteln, um Korridore zu öffnen – in vielerlei Hinsicht. So konnten wir eine Menge erreichen. Die Eliten wiederum akzeptieren uns ganz und gar nicht. Denn wir fordern Menschenrechte, Gerechtigkeit und eine Rechenschaftspflicht für Täter ein. In den sozialen Medien werden wir oft angegriffen, doch wir machen einfach weiter. Ich glaube, bald fangen sogar die Eliten an, langsam auf uns zuzugehen.

Bitte erzähl uns mehr über die Angriffe in den sozialen Medien.

Das kommt hauptsächlich von Seiten der konservativen Eliten und deren Anhängern. Sie starten all diese Kampagnen gegen uns, indem sie versuchen, mit Religion und Kultur gegen uns zu agitieren. Sie sagen, dass das, was wir tun, nicht gut für den Jemen sei, einfach, weil ihnen nicht gefällt, was wir zu sagen haben. Sie starten Verleumdungskampagnen in den sozialen Medien, viele unserer Konten wurden gehackt. Erstmals wurden Frauen in den von den Houthis kontrollierten Gebieten entführt. Damit ist die rote Linie überschritten, so etwas ist im Jemen noch nie passiert. Wir vom Women Solidarity Network, das ich zusammen mit einigen Kolleginnen gegründet habe, wurden von diesen Schmutzkampagnen wirklich hart getroffen. Jetzt versuchen wir, Frauen aus den Gefängnissen zu befreien und geschlechtsspezifische Gewalt zu unterbinden.

Du erwähntest bereits Verhandlungen zu Wasserstreitigkeiten. Ich nehme an, Du beziehst dich auf al-Haymatain im Gouvernement Ta'iz?

Ja.

Bitte erzähl uns mehr, was ihr dort gemacht habt.

Wir haben viel zum Thema Wasser gearbeitet. Denn auch Wasser – der Zugang dazu – ist ein wichtiger Katalysator und Ansatzpunkt für den Frieden, vor allem in einem Land wie dem Jemen, in dem Frischwasserquellen immer rarer sind. Schon vor dem Krieg starben jährlich 4.000 bis 5.000 Menschen allein durch den Wasserkonflikt. Als ich von dem Wasserwerk in al-Haymatain in der Nähe von Ta‘iz hörte, sagte man mir, das Werk sei kaputt und die Menschen würden sich um den Zugang zum Wasser streiten. Auch gab es keinen Treibstoff zum Betrieb der Pumpen. Also schickten wir zwei Ingenieure, um die Lage zu sondieren, woraufhin wir einen Kostenvoranschlag zur Reparatur der Anlage erstellten. Um weiteren Konflikten vorzubeugen, stellten wir die Bedingung, dass wir ein Gremium benötigen, das das Wasserwerk künftig beaufsichtigen wird. Es ist uns schließlich gelungen, die rivalisierenden Gruppen dazu zu bringen, eine Vereinbarung zu unterzeichnen. Und jetzt läuft das Werk wieder und versorgt neun Gemeinden mit fast 10.000 Familien. Das ist großartig! Wir halfen auch einer Schule in der Nähe, sodass die Mädchen, die zuvor drei bis vier, manchmal acht Stunden zu Fuß unterwegs waren, um Wasser zu holen, wieder in die Schule gehen können. 400 Mädchen konnten wir so zurück in die Schulen bringen, worauf ich wirklich stolz bin.

Kannst Du uns weitere Projekte nennen?

Bei einem Projekt haben wir begonnen, Solarkraftwerke zu installieren. Letzten Monat haben wir drei neue Projekte abgeschlossen, eines zusammen mit unserer Partnerorganisation Madre, einer global tätigen Frauenrechts-NGO. Solarstrom wird im Jemen immer wichtiger, weil es sehr schwierig und teuer ist, an Treibstoff zu gelangen. Jetzt haben die Leute kostenlosen Strom. Das erste, was ich während der Covid-19-Pandemie dachte, war: «Wie sollen sich die Menschen im Jemen die Hände waschen? Wir haben kein Wasser!» Also habe ich angefangen, Spenden zu sammeln, damit wir mehr und mehr Wasserwerke reparieren können. Wir konnten dieses Modell in mehreren Städten und Gemeinden replizieren. Mindestens 70.000 Menschen haben jetzt Zugang zu Wasser, was großartig ist.

In der Corona-Pandemie hatten wir mit den Vereinten Nationen und einer jemenitischen Privatfirma ein Projekt, bei dem wir tonnenweise Schutzequipment und andere lebenswichtige medizinische Ausrüstung über den Luftweg ins Land brachten. Das war eine tolle Gemeinschaftsleistung, die Tausende Menschen vor einer Covid-Infektion bewahrt hat.

Ich verfolge eure Arbeit, und es ist wirklich erstaunlich, was ihr macht. Ich habe den größten Respekt vor deiner Organisation.

Ich danke dir vielmals!

Ich möchte noch einmal auf das zurück, was wir vorhin über Top-down- und Bottom-up-Prozesse gesagt haben. Wie würdest Du die Bedeutung eures Bottom-up-Ansatzes für die Arbeit vor Ort beschreiben?

Der Jemen ist geografisch und in jeder Hinsicht so vielfältig und divers. Wir brauchen also innovative Ideen und nicht immer nur denselben Ansatz. Ich glaube, dass diese Bottom-up-Ansätze wichtig sind, weil sie die Gesellschaft schneller und nachhaltiger erreichen. Deshalb setze ich mich mit Nachdruck für mehr Mittel für lokale Organisationen ein. Und auch mehr Kooperationen, denn wir können das natürlich nicht allein schaffen. Wir brauchen technische Hilfe vor Ort und Unterstützung von internationalen Gebern. Die internationalen Organisationen sind von unseren Gemeinschaften völlig isoliert, sie befinden sich abgeriegelt in ihren Anlagen und Gebäuden. Das dient ihrer eigenen Sicherheit, doch sie sind deswegen nicht nah genug bei den Menschen. Deshalb brauchen wir Partnerschaften, weil die Leute vor Ort in die Gemeinden hineingehen können. Sie setzen sich für die Bedürftigen ein, kennen die Dialekte – im Jemen gibt es so viele verschiedene davon … Kenntnis über Sprache, Traditionen und Normen sind wichtig.

Ich denke also, dass wir durch humanitäre Arbeit und lokale Entwicklungsarbeit den Frieden im Jemen erreichen können, denn das Hauptproblem im Land ist, dass die Entwicklung zum Stillstand gekommen und die humanitäre Arbeit in Teilen stark korrumpiert ist. Mittel geraten in die falschen Hände, das System braucht einen vollständigen Umbau. Auch wenn Tausende Menschen von den internationalen Organisationen profitieren und wir ihnen wirklich danken, so ist ihre Arbeit sehr ad hoc und nicht nachhaltig.

Inwieweit ist die humanitäre Arbeit korrumpiert?

In jüngster Zeit gab es Vorfälle, bei denen das Welternährungsprogramm erklärte, dass ein Großteil der Hilfsgüter in die Hände der Houthis gelangte, die sie verkauften, um so ihren bewaffneten Kampf zu finanzieren. Wir hatten auch Hilfslieferungen, die zur Unterstützung der Hisbollah im Libanon verkauft wurden. Das war verrückt. Wir sagen das schon seit langem, aber niemand wollte es zugeben, obwohl es eine Menge Beweise dafür gibt. Ein Großteil der Korruption könnte verhindert werden, wenn die Hilfen an lokale Partner in mehreren Städten und an die beiden konkurrierenden Regierungen in Aden und in Sana'a verteilt würden. Dann gäbe es eine Art Gleichgewicht.

Nach wie vor ist der Jemen stark abhängig von internationalen Hilfen.

Wir machen das jetzt seit acht Jahren und auch vorher war der Jemen auf Hilfen angewiesen. Wir müssen die humanitäre Arbeit umstrukturieren, wir müssen viel stärker die lokalen Aspekte berücksichtigen und die humanitären Maßnahmen an die Gegebenheiten vor Ort anpassen. Denn so wie es jetzt gemacht wird, werden einfach nur Milliarden ausgegeben ohne effektive Wirkung. Mit Spenden über 20.000 oder 30.000 Dollar können wir ein Wasserwerk für 30.000 Menschen bauen. 20.000 Dollar treiben internationale Geber mit einem einzigen Telefonanruf ein. Eine dieser Organisationen hatte eine jährliche Internetrechnung von über einer Million Dollar. Es ist verrückt! Was wir mit diesem Geld bewirken könnten …

Zum Schluss eine persönliche Frage. Was hat dich dazu bewogen, Dich in der Friedensarbeit im Jemen zu engagieren?

Es ist mein Land, das ist das Wichtigste. Aber gleichzeitig muss jemand über Friedensperspektiven sprechen. Viele Frauen und Männer werden angetrieben von politischen Motiven. Ich hatte das nie, ich habe nie an eine der Kriegsparteien geglaubt. Deshalb werde ich ja auch ständig angegriffen. Sie mögen mich nicht besonders und darüber bin ich sehr froh (lacht). Ich will auch gar nicht, dass sie mich mögen. Mich motiviert es, wenn ich die Kinder im Jemen sehe: Es ist wirklich wichtig, zu einer besseren Zukunft für diese Kinder beizutragen. Ich möchte nicht, dass sie das durchmachen müssen, was wir durchgemacht haben.

Vielen Dank für das Interview.


[i] Das Stockholmer Abkommen ist ein von der UN vermitteltes Waffenstillstandsabkommen vom Dezember 2018, durch das die Schlacht um Hodeida, in der sich der wichtigste Hafen des Jemen befindet, vorübergehend beendet wurde. Durch das Abkommen wurde die Gewalt in Hodeida zwar reduziert, doch kommt es dennoch immer wieder zu neuen Angriffen wie zuletzt in der Nacht zum 21. Januar, als durch einen Luftschlag der Saudi-Emirate-Koalition auf ein Telekommunikationsgebäude viele Menschen getötet wurden und für mehrere Tage die Internetverbindung im gesamten Land unterbrochen wurde.