Nachricht | Ostafrika - Ernährungssouveränität - Klimagerechtigkeit Wir haben Sonnenschein im Überfluss, aber er bringt nichts als Hunger

Dürre und Hungernot in Madagaskar

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Autorin

Delphine Kajy,

In einer Wüste sind am Horizont einige wenige Bäume und eine kleine Gruppe Menschen.
Sengende Hitze hat den Süden Madagaskars ausgetrocknet. Delphine Kay/RLS Southern Africa

Der Süden Madagaskars leidet unter einer langanhaltenden Dürre. Nirgendwo wird dies deutlicher als in Ambovombe, der Verwaltungshauptstadt der südlichsten Region Androy, wo nahezu die gesamte Bevölkerung unter Kere leidet, wie akuter Hunger und Hungersnot in der Lokalsprache genannt wird.

Die Bewohner*innen von Antetibe, einer kleinen Ortschaft acht Kilometer von Ambovombe entfernt, zucken hilflos mit den Schultern und starren ins Leere, wenn das Thema Dürre zur Sprache kommt. «Wir haben Sonnenschein im Überfluss, aber er bringt uns nichts Gutes – er bringt uns nur Kere», sagen sie. Die Verbitterung und Enttäuschung steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Die vernichtende Dürre

Madagaskar hat 22 Verwaltungsregionen, die Regionen Androy und Anosy liegen an der Südspitze des Landes. Sie bestehen hauptsächlich aus den Gemeinden Antandroy und Antanosy, deren Lebensgrundlage im Wesentlichen aus Landwirtschaft und Viehzucht besteht. Die Region eignet sich für den Anbau von Süßkartoffeln, Maniok und Bohnen, sowie die Zucht von Zebu-Rindern. Viele Dorfbewohner*innen haben hier noch vor wenigen Jahren dank des reichlich vorhandenen Flusswassers intensiv Reis angebaut.

Dieser Artikel erschien zuerst bei «Climate Justice Central», einer von der RLS geförderten Plattform, die junge afrikanische Journalist*innen und Aktivist*innen zu Fragen der Klimagerechtigkeit zu Wort kommen lässt.

All das ist heute Vergangenheit. Die sengende Hitze beschert dem Land Dürren. Die hohen Temperaturen lassen Pflanzen verdorren und verwandeln den Boden in rot glühende Erde. Die Abholzung der Bäume zur Gewinnung von Holzkohle hat die Dürren noch verschärft.

Es gibt keinen Regen mehr, um die Pflanzen zu bewässern, in den Flussbetten befindet sich kaum noch Wasser und die Wasserstellen sind bereits vor langer Zeit ausgetrocknet. Veränderte Niederschlagsmuster führen dazu, dass die Dorfbewohner*innen inzwischen raten müssen, wann ihr Saatgut gedeihen könnte. Wenn sie es dann aussäen, wächst nichts. Die Bewirtschaftung des Landes wurde erheblich zurückgefahren.

Gerade im Süden des Landes gab es schon immer Dürreperioden. Die Bewohner*innen der Region sind es gewohnt, mit den wiederkehrenden Kere-Perioden fertig zu werden. Die aktuelle Phase von Dürre, Nahrungsknappheit und Not ist jedoch ungewöhnlich lang und besonders verheerend.

Die Menschen klagen über den als Tiomena bekannten, äußerst starken Wind, der vom Meer südlich der Region Androy kommt. Der Tiomena trägt Salz, Sand und roten Staub in Richtung Norden und begräbt Felder und Häuser unter sich. Neben Hitze und Trockenheit stellt das eine weitere Bedrohung der örtlichen Gemeinden dar.

Mitte Oktober betrug die Temperatur für einen Wintermonat ungewöhnlich hohe 32 Grad. Ein weiteres Zeugnis der sich verändernden Landschaft ist das bis auf ein Rinnsal geschrumpfte Flussbett des einst wasserreichen Mandrare.

Der Kampf eines Dorfes um Nahrung und Wasser

Am 14.2. hat der Weltklimarat (International Panel on Climate Change, IPCC) die Abschlussverhandlungen zum zweiten Teil seines Sechsten Sachstandsberichtes begonnen. Am 28. Februar soll die endgültige Version des Berichtes veröffentlicht werden. In diesen Berichten fassen Tausende von Wissenschaftler*innen den aktuellen Stand der Forschung zum Klimawandel zusammen. Während der erste Teil des Berichts sich jeweils mit den Ursachen der globalen Erwärmung befasst, geht es im zweiten Teil um die Folgen des Klimawandels, die erwartet werden müssen. Oder die bereits spürbar sind, wie Reportagen aus unseren Büros in Afrika zeigen: Im Senegal müssen Dörfer vor dem ansteigenden Meer weichen und Reisbäuer*innen verlieren ihre Ernährungsgrundlage. Und im Süden Afrikas führt die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten zu Wassermangel und Hungersnöten - Phänomene, die mit mit den steigenden Temperaturen häufiger und schwerwiegender werden.

Das Saatgut von Antetibe ist nahezu aufgebraucht, da immer mehr Menschen es unmittelbar zum Überleben verwenden müssen. Die Felder liefern nicht mehr genug Erträge, um die Familien zwölf Monate lang zu ernähren. Zu Beginn der nächsten Anbausaison fehlt das Saatgut dann. Die Menschen müssen von Dorf zu Dorf ziehen und betteln oder ihre Arbeitskraft anbieten, um sich doch noch etwas von der knappen Ressource zu sichern.

Der Dorfbewohner Rory berichtet, wenn er Bohnen-, Mais- und Hirsesamen oder Kartoffelstecklinge finde, stehe er oft vor der Frage, ob er die Samen einpflanzen, oder kochen solle, um seine Familie vor dem Hungertod zu retten. Entscheidet er sich für den Verzehr der Samen, hat er ein zweites Problem: Er muss Brennmaterial wie Holzkohle oder Feuerholz finden, um das Essen zuzubereiten. In Antetibe stehen kaum noch Bäume.

«Die Wälder sind durch die Holzkohleproduktion ausgedünnt. Dadurch hat sich der Preis für Holzkohle erhöht. Die Beschaffung von Brennholz erfordert lange Wege, die wir oft mit leerem Magen zurücklegen müssen.» Wenn er kein Feuerholz findet, verwendet Rory sonnengetrocknetes Reisig und Holz aus verlassenen Häusern. Mangelt es an Nahrung, dann sind die Früchte der Kaktuspflanze die letzte Hoffnung der Dorfbewohner*innen. Auf die Früchte wird seit Jahren bei Hungersnöten zurückgegriffen, aber auch diese wertvolle Ressource verschwindet aufgrund zahlreicher Dürren und Überernten zusehends.

Die Situation des Dorfes wird auch aus den Schilderungen der Frauen deutlich, die täglich mühsam Wasser holen. Die als Vovo bekannten Wasserquellen trocknen aus. «Die Dürre erschwert unseren Alltag enorm», erklärt Mitia. «Wir, die Frauen des Dorfes, müssen Wasser für unsere Familien holen, und es spielt keine Rolle, wo das Wasser ist – wir müssen dorthin und es holen.»

Vier Frauen stehen auf einem sandigen Weg. Zwei tragen große Kanister auf dem Kopf.
Frauen in der Region Androy verbringen täglich bis zu drei Stunden damit, Wasser für den Haushalt zu beschaffen.

Eine andere Frau, Béatriz, erklärt, dass ihre Familie «das Vieh bereits abgeschafft hat, weil das wenige Wasser, das wir sammeln oder kaufen, kaum den eigenen Bedarf deckt. Unsere Wasserquellen sind schon seit Langem versiegt.»

Die Dorfbevölkerung bade oft tagelang nicht oder könne ihre Wäsche nicht waschen, da es kein Wasser gebe, berichten die Frauen aus Antetibe weiter. Mitia fügt hinzu:

«Jeder Regen ist ein kleines Wunder. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns und unsere Kleidung in der nächstgelegenen Pfütze zu waschen. Das ist ein Fest für das Dorf. Wir sammeln sogar das Regenwasser aus den Pfützen an den Straßen und Kanälen. Natürlich wissen wir, dass das Wasser zunächst schmutzig und schlammig ist. Nach zwei oder drei Tagen setzt sich der Schmutz jedoch am Boden des Behälters ab und wir verbrauchen den sauberen oberen Teil.»

Ein anderer Dorfbewohner, Gado, erzählt, es gebe Menschen, die mehr als 16 km zu Fuß zurücklegen, um Wasser zu finden. Die Schulen seien halb leer, da selbst die Lehrer*innen viele Stunden mit der Suche nach Nahrung und Wasser verbrächten. «Wir haben kein Geld mehr dafür, Krankheiten behandeln zu lassen oder Kinder zur Schule zu schicken. Meine Kinder müssen mir dabei helfen, Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren.»

Die Dürre hat zu Verhaltensweisen geführt, die nie für möglich gehalten wurden. Sie zwingt die Menschen dazu, neue Überlebensstrategien zu entwickeln. Die Dorfkinder verbringen ihre Zeit damit, Brennholz und Wasser zu sammeln und an Familien zu verkaufen, die die Mittel dafür aufbringen können. Oder die Kinder legen weite Strecken zurück, um Futter zu beschaffen, das sie an Viehzüchter verkaufen.

Eine Person sitzt auf einem Pferdekarren, hinten drauf ist eine große Plastiktonne.
Zebu-Karren werden zum Transport und Verkauf von Wasser verwendet.

Verkauf des gesamten Besitzes, um zu überleben

Die Dürre in Androy führt zu einer Massenabwanderung in die städtischen Zentren. Die hungernden Dorfbewohner*innen haben keine andere Wahl. Das Vieh wird zu Schleuderpreisen verkauft. Der Erlös wird für Lebensmittel, die Rückzahlung von Schulden oder die Übersiedlung verwendet. Sogar Ackerland wird versteigert, um das Überleben der Familien zu sichern. Die Menschen wissen, dass sie mit dem Verkauf ihrer Wertsachen schutzlos werden, doch sie wollen einfach nur dem Hungertod entgehen. Ihr ständiger Kampf gilt dem nackten Überleben.

Diejenigen, die sich dafür entscheiden, in den Dörfern zu bleiben, legen sich Geld beiseite, um Wasser von den fahrenden Händler*innen zu erstehen, die auf kleinen Zebu-Karren unterwegs sind. Diejenigen, die kein Geld mehr haben, machen sich nicht einmal die Mühe, auf die lokalen Märkte zu gehen. «Alles ist teuer, ein 20-Liter-Kanister Wasser kostet 2000 Ariary [etwa 0,50 Euro]. Wie soll sich meine Familie da die Hände waschen? Und gleichzeitig sollen wir uns gegen Corona schützen?»

Inzwischen kommt es sogar vermehrt zu einer starken Abwanderung von Androy in die etwas kühlere Nachbarregion Anosy, die lediglich geringfügig höhere Niederschläge aufweist.

Nysoa zum Beispiel war gezwungen, mit ihren acht Kindern nach Fort Dauphin, der Hauptstadt der Region Anosy, zu gehen. Inzwischen hat sie Arbeit in einem Steinbruch gefunden. Ihre Kinder gehen nicht mehr zur Schule, sondern arbeiten nun täglich von 7:00 bis 14:00 Uhr mit ihr. Sie sagt, dass sie keine andere Wahl habe. Sie müsse ihre schlecht bezahlte, mühsame Arbeit verrichten, um Lebensmittel zu erwerben und Geld für die Rückkehr in ihr Dorf anzusparen.

Mehrere Töpfe und Metallschüsseln stehen auf Decken, die auf staubigem Boden liegen.
Im Süden Madagaskars verkaufen die Menschen all ihre Wertsachen, einschließlich ihrer Teller, Löffel und Töpfe, um Lebensmittel zu kaufen.

Andere Menschen aus dem Süden reisen viel weiter in den Norden, wo sie mit Integrationsproblemen und mangelnder Toleranz konfrontiert sind. Die Straßen der großen Städte sind voller Menschen, die Zebus, Ziegen, Schafe und sogar Haushaltsgegenstände wie Teller, Löffel, Töpfe, Schmuck usw. verkaufen. Internationale Medien haben Menschen dabei gefilmt, wie sie Schuhleder kochen, um es zu essen. Das Überleben ist ein täglicher Kampf. Hilflose Scharen von Hungernden müssen sich allein durchschlagen. Wenn sie Glück haben, erhalten sie Lebensmittelhilfen des Welternährungsprogramms.

Madagaskar ist das erste Land der Welt, das allein aufgrund des Klimawandels von einer Hungersnot betroffen ist. Die Welt sollte genau hinsehen, was hier passiert. Wer weiß, welches Land als nächstes betroffen sein wird? Die Katastrophe, die sich im Süden Madagaskars abspielt, ist ein dringender Aufruf an die Menschheit, die CO2-Emissionen rasch zu senken, um die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellien Niveau auf unter 1,5 Grad zu begrenzen. Die Welt muss aber auch in Madagaskar eingreifen und den leidgeprüften Menschen, die unter den Folgen einer von ihnen nicht verursachten Krise leiden, mehr Unterstützung zukommen lassen.