Nachricht | Stadt / Kommune / Region - Das ganze Leben - Wohnen «Ich habe keinen Penis und keine 50 Cent!»

Über das Recht auf Stadt als Recht auf Notdurft – kostenfrei, hygienisch und inklusiv.

Information

Foto: Anastasia Blinzov

Die Initiator*innen und Unterstützer*innen der Kampagne «Pee for Free» setzen sich in Berlin für einen flächendeckenden und kostenfreien Zugang zu Toiletten im öffentlichen Raum ein – für alle Geschlechter und alle Körper.

Als Bündnis betrachtet ihr das Recht auf Stadt sozusagen durch die Klobrille. Könnt ihr euch und eure Arbeit kurz vorstellen?

Sophie: Ich bin Sophie und eine der Vorsitzenden des Buschfunk Bündnis e.V. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich seit 2019 für faire Toiletten in Berlin einsetzt. Fair in dem Sinne, dass sie gratis und allumfassend da sind, wo sie sein müssen. Dass sie sicher sind und sauber – hygienisch und für jeden Menschen handhabbar. Wir haben in 2020 eine Ausstellung zum «stillen Örtchen» gemacht. Es ging um Geschichte und Design, und wie die Gesellschaft die öffentliche Toilette sieht. Wir haben uns im Anschluss gedacht, dass wir politischer werden müssen und haben 2021 die Kampagne «Pee for Free» gestartet. Der Auftakt der Kampagne ist die gleichnamige Petition für mehr kostenfreie öffentliche Toiletten in Berlin. Mittlerweile haben sich 10 verschiedene Institutionen und Menschen zu einem Bündnis zusammengeschlossen: Die Senior*innenvertretung Tempelhof-Schöneberg, die LINKE-Politikerin Katalin Gennburg, Lena Olvedi von Missoir©, das klo:lektiv, das Körperfunk-Kollektiv, der Buschfunk Bündnis e.V., Einzelpersonen wie die Wissenschaftler*innen Prof. Bettina Möllring, Prof. Margit Mayer, Prof. Anna Steigeman, und weitere Einzelpersonen, die keinen Institutionen zugeordnet sind.

Was hat euch dazu bewegt, das stille Örtchen auf die politische Agenda zu setzen?

Sophie: Wir wollen die Leute endlich zum Reden bringen, um die Scham in Bezug auf den Toilettengang und alle Körperfunktionen hinfällig zu machen. Das ist auch eine Frage der Bildung; schon in der Schule sollte es darum gehen, wie Menschen aufs Klo gehen können und was sie dazu brauchen. Die Tabuisierung muss früh genommen werden, um die Scheu und Scham um den eigenen Körper zu verhindern. Wenn die Bedürfnisse ausgesprochen werden können, erst dann können die Missstände auch bekämpft werden.

Martine ist feministische Stadtgeograph*in und Teil des klo:lektiv. Das wissenschaftlich-aktivistische Kollektiv hat 2020 die interdisziplinär ausgerichtete feministische Geo-Rundmail zum Thema: «Pissen ist politisch: Feministische und kritisch-geographische Perspektiven auf Geographien der Notdurft“ herausgegeben, hält Vorträge und gibt Workshops u.a. zu «Recht auf Stadt = Recht auf Pissen“.

Sophie ist Vorsitzende des Buschfunk Bündnis e.V. Sie war lange in der Gastronomie tätig und hat viel Zeit in Warteschlangen vor FLINTA* Toiletten verbracht. Heute setzt sie sich für das gleiche Recht auf Toiletten für alle ein.

Martine: Ich bin Teil des klo:lektiv – ein wissenschaftlich-aktivistisches Kollektiv bestehend aus sechs Geograph*innen, die sich mit öffentlichen Toiletten auseinandersetzen. Wir haben durch unsere Recherchen gemerkt, dass öffentliche Toiletten bis dato kaum Thema der deutschsprachigen Raum- und Planungswissenschaften sind. Es scheint, als dürfte nichts was explizit mit Körperflüssigkeiten und menschlichen Ausscheidungen zu tun hat, thematisiert werden. Es lässt sich in vielen Städten innerhalb Deutschlands das gleiche Schema beobachten: Wenn Kommunen sich überhaupt ausführlicher mit der Planung, Bereitstellung und Bewirtschaftung von öffentlichen Toiletten auseinandersetzten, kommt dabei fast immer das gleiche Angebot raus – mit all seinen Ausschlüssen und Diskriminierungen. Das Angebot ist dabei fast ausschließlich problemorientiert und nicht bedürfnisorientiert. Kostenlose Urinale werden als Lösung gegen das öffentliche Urinieren installiert. Allerdings wird dadurch ein Geschlechterstereotyp reproduziert, und Nutzer*innen von Sitztoiletten vom kostenfreien Angebot ausgeschlossen. Auch klassistische Ausschlüsse sind am Werk, wenn Toilettenkabinen kostenpflichtig sind, um «Zweckentfremdung» zu vermeiden. Und schließlich werden öffentliche Toiletten primär an Orten des Konsums eingerichtet, sie folgen also der Logik der sogenannten unternehmerischen Stadt – also einer primär nach Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Stadtpolitik und –planung.

Wofür setzt sich die Kampagne ein und welche städtischen Ausschlüsse thematisiert ihr darin?

Sophie: Wir wollen zunächst Aufmerksamkeit für die Problematik in der Stadt schaffen. Die aktuelle Toilettensituation im öffentlichen Raum stellt viele Menschen, insbesondere FLINTA* vor alltägliche Herausforderungen. Es gibt viele Menschen, die Inkontinenz haben, die Reizdarm haben, die eine starke Menstruation haben. Sie werden komplett von der öffentlichen Teilhabe ausgeschlossen. Sie müssen dann immer zuerst prüfen, wohin sie gehen und wo dort eine Toilette ist. Und besonders während des Corona-Lockdowns war das für viele sehr schwierig, und sie sind einfach zuhause geblieben. Das aktive Leben war einfach nicht mehr möglich.

Dabei haben wir verschiedene Forderungen: Die erste ist, dass alle Toiletten kostenlos sein müssen. Pinkeln ist das erste Grundbedürfnis - bevor ich was esse, gehe ich erstmal aufs Klo. Und Urinieren im Freien ist nun mal eine Ordnungswidrigkeit. So befindet sich der Mensch in einem ziemlichen Zwiespalt, also müssen die Klos gratis für alle sein. Andererseits muss es auch Angebote für FLINTA* geben, eine kostenfreie Toilette bequem zu nutzen. Oft ist es so, dass diese Sitztoiletten «versifft» sind. Dann fangen die akrobatischen Meisterleistungen an. Für super sportliche Personen ist das vielleicht möglich, aber viele leiden darunter und zum Beispiel für Senior*innen ist es kaum machbar. Deswegen soll es mehr Hockurinale geben. Und im städtischen Bereich sollten Toiletten vor allem dort platziert sein, wo man sie braucht. In Parks und Grünflächen. In der Nähe von Bolz- und Spielplätzen. Sodass Menschen dann auch wissen, dass beim nächsten Spielplatz automatisch eine Toilette ist. So kann man sich praktisch einen Plan erstellen und muss nicht die ganze Zeit suchen.

Martine: Das Berliner Toiletten-Konzept von 2017 zeigt, dass es natürlich Diskussionen und Empfehlungen für entgeltfreie Toiletten und «All Gender-Urinale» von Seiten der Expert*innen gibt. Oder nachhaltigere Toiletten, zum Beispiel Trockentoiletten, die nicht Unmengen an Wasser durch die Spülung und automatisierte Reinigung nach jedem Toilettenbesuch verschleudern. Ich frage mich, woran es letztendlich gescheitert ist, dass davon nichts umgesetzt wurde? Ein Raumplanungsbüro macht ein Konzept, Expert*innen sind beteiligt und machen innovative Vorschläge – aber dann muss es durch die Politik und schließlich bekommt ein Unternehmen für Stadtmobiliar den Auftrag. Und die bereits bestehenden Toilettensysteme werden einfach reproduziert. Deswegen würde ich die Kampagne noch mit dem größeren Ziel sehen, neue Anstöße und Impulse zu setzen, um öffentliche Toiletten grundlegend neu zu denken und herauszufinden: Wer sind denn eigentlich die Interessensgruppen und was brauchen sie? Es wird viel von ihnen geredet aber es ist nicht transparent, wer diese sind. Das wären meine Ziele für die Kampagne, hier den Auftakt machen, und nach und nach öffentliche Toiletten grundlegend neu und inklusiv zu denken und vor allem zu gestalten – nicht nur in Berlin.

Ausgehend von den Forderungen eurer Kampagne – wie würde eine feministische und inklusivere Stadt aussehen?

Martine: Die Antwort ist gar nicht so einfach, weil es eben nicht das eine, perfekte Konzept gibt, welches sich überall hinpflanzen lässt. Ich allein kann auch nicht für alle Orte und Nutzer*innengruppen sprechen. Meine alltäglichen Klo-Herausforderungen sind nicht vergleichbar mit den Herausforderungen von anderen. Aber es ist notwendig überhaupt ins Gespräch zu kommen, und über Aufenthaltsqualität, Design sowie Multifunktionalität der Toiletten zu sprechen. Und eben, dass sie auch anders und hübscher gestaltet werden können. Genau - ich denke auch nicht, dass es die eine Toilette für alle geben kann, sondern eher ein Konzept mit verschiedenen Klo-Designs, angepasst an spezifische Orte und Bedarfe. Für die queer-feministische und inklusive Stadt braucht es die aktive Einbindung intersektionaler Perspektiven auf Planungs- und Entscheidungsebene - überall.

Sophie: Ein feministisches Stadtbild ist eines, was alle Menschen inkludiert – und zwar in gleichem Maße. Es muss immer alles gleichzeitig für alle Geschlechter ausgerichtet sein. Ich habe ebenso Bedürfnisse, wie cisgeschlechtliche Männer und möchte die gleiche Bequemlichkeit und gleiche Zugangsmöglichkeiten haben.