Nachricht | Libanon / Syrien / Irak Irak: Mehr Macht für das Agribusiness

Schwindende Saatgutvielfalt und neue Forderungen nach Ernährungssouveränität

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Schluwa Sama,

Ein Teil des Teams vom Netzwerk für Ernährungssouveränität «Guez u Nakhl» in Yousefiya, einem Dorf südlich von Bagdad steht auf einem Kornfeld bei blauem Himmel. Es sind vier erwachsene Menschen zu sehen.
Ein Teil des Teams vom Netzwerk für Ernährungssouveränität «Guez u Nakhl» in Yousefiya, einem Dorf südlich von Bagdad. Foto: Schluwa Sama

Im Jahr 2003 wurde die zentrale irakische Saatgutbank in Abu Ghraib bei einem Bombenangriff des US-Militärs zerstört. Die Saatgutbank war enorm wichtig für die Landwirtschaft im Irak und in der gesamten Region. Hier lagerten seit den 1970er Jahren circa 1400 Saatgutsorten, einige von ihnen sind nun für immer verschwunden. Der Verlust der tausend Jahre alten Saatgutvielfalt hatte auch schlimme Auswirkungen für die irakische Biodiversität und die heutige landwirtschaftliche Produktion. Wie steht es im Jahr 2022 mit der Saatgutproduktion im Irak? Welchen Einfluss haben große Saatgutunternehmen und was ist die Sicht von irakischen Bäuer*innen?

Viele Bäuer*innen in Yousefiya, einem Dorf in der Nähe von Bagdad, wissen heute nicht mehr, wo die lokale Landwirtschaftsbehörde zu finden ist. Bei Fragen und Problemen im Anbau wenden sie sich an den lokalen Agrarhändler. Hier gibt es Pestizide und verschiedenste Sorten von F1 und F2 Saatgut, also hybride und genmanipulierte Saatgutsorten, die beide nach einmaligem Anbau wieder neu gekauft werden müssen, weil ansonsten die Erträge einbrechen. Ahmed, ein junger Landwirt aus Yousefiya erklärt: «Die Mitarbeiter des Agrarhändlers beraten mich darin, welches Saatgut für unsere Gegend gut ist und welche Pestizide am geeignetsten sind. Meist sind es chinesische, amerikanische und deutsche Unternehmen. Saatgut aus dem Irak sucht man vergebens.»

Dr. Schluwa Sama hat zur politischen Ökonomie des Irak mit einem Fokus auf das Alltagsleben von Bäuer*innen im Irak an der University of Exeter promoviert. Sie arbeitet als Programmmanagerin für das Beiruter Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Durch den Wegfall staatlicher landwirtschaftlicher Beratungsstrukturen werden nun Agrarhändler, die oftmals im Interesse von Saatgutunternehmen handeln, die neuen Berater der Bäuer*innen im Irak. Wissen, das vorher von Landwirtschaftsberater*innen im Auftrag des Staates produziert und verbreitet wurde, kommt nun vom kommerziellen Agrarhändler, der primär seine Produkte verkaufen will. Zu welchen globalen Unternehmen diese genau gehören, bleibt dabei manchmal im Verborgenen.

Intransparenz beim Verkauf von Inputs wie Saatgut und Pestiziden ist nicht nur ein Phänomen im Irak, sondern im gesamten globalen Süden. Sie ist auch eine Strategie globaler Agrarchemieunternehmen, die von der fehlenden staatlichen Regulierung im globalen Süden wissen und diese gezielt ausnutzen. In einer Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung und anderer zum Thema Doppelstandards im internationalen Handel mit Pestiziden wird dieser Zustand angeprangert: Pestizidunternehmen verkaufen ihre Produkte, die in der EU nicht erlaubt sind, in Ländern mit schwächerer Regulierung und gefährden damit die Gesundheit von Menschen und Umwelt.

In den letzten Jahren hat sich die Saatgutvielfalt im Irak drastisch reduziert und ein Teil des kommerziellen Saatguts muss importiert werden. Ahmed erzählt, dass seit circa 2010 weder vom Staat noch von Bäuer*innen lokales Saatgutsort in seiner Region erzeugt wird: «Bis dahin haben wir einen Teil unseres bäuerlichen Saatgutes selbst erzeugt. Ich erinnere mich, dass meine Mutter und mein Vater Saatgut von Auberginen, Okra oder Tomaten bei uns zu Hause hergestellt haben. Diese Tradition ist verloren gegangen.» Mit dem Rückgang bäuerlichen Saatguts im Land sind auch lokale Essenstraditionen und Identitäten bedroht.

Die Saatgutproduktion ist im Irak regional unterschiedlich aufgebaut. In einigen Regionen produzieren bäuerliche Familien weiterhin einen Teil ihres eigenen Saatgutes. Meistens nutzen die Bäuer*innen allerdings importiertes Saatgut. So erklärt Aras, ein Bauer aus einem Dorf in der irakisch-kurdischen Region Dohuk, dass dort ein Großteil des Saatguts von den Bäuer*innen eingekauft werden muss: «Seit 2003 bauen wir überwiegend Tomaten, Gurken, Auberginen, Okra, Weizen und Mais an. Das Saatgut dafür kaufen wir. Manchmal können wir das Saatgut ein zweites Mal benutzen, da ist der Ertrag aber schon nicht mehr gut. Beim dritten Mal müssen wir auf jeden Fall neues Saatgut kaufen.» Die Abhängigkeit von kommerziellen Saatgutunternehmen ist eines der größten Hindernisse für eine selbstbestimmte landwirtschaftliche Erzeugung im Irak und in Kurdistan.

Ein neu gegründetes Netzwerk mit dem Namen «Guez u Nakhl» (Walnuss und Palme), getragen von Bäuer*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen in Kurdistan und im Zentralirak, möchte das ändern. Eines der Ziele ist es, die bäuerliche Saatguterzeugung durch den Aufbau kleiner Saatgutbanken wiederzubeleben. Dazu wurde unter anderem der Anbau mit agrarökologischen Methoden im April 2022 in den Provinzen Dohuk, Bagdad und Sulaymaniya begonnen. Zur Erntezeit im Oktober 2022 soll aus der Ernte das erste Saatgut gewonnen werden.

Die Kontrolle der Bäuer*innen über das Saatgut ist ein erster Schritt in Richtung Ernährungssouveränität. Das Bewusstsein und die Forderung von Ernährungssouveränität in der Region ist auch im Zuge der Oktoberrevolution von 2019 entstanden, in der die irakische Bevölkerung einen kompletten Systemwechsel gefordert hat. Dabei haben sich die Aktivist*innen auch gegen die ökonomische und politische Macht des Iran und der Türkei im Irak gestellt. Deren Lebensmittelimporte überschwemmen den irakischen Markt. Demgegenüber wurde von den Aktivist*innen die Bedeutung der eigenen lokalen Erzeugung hochgehalten: Haider, 27 Jahre alt, ein politischer Aktivist aus Bagdad, ist enthusiastisch über den Beginn des agrarökologischen Anbaus in Dorra, Bagdad: «Ernährungssouveränität ist für uns ein wichtiger Teil des sozialistischen Kampfes.»