Nachricht | Gruber: «Aus der Art geschlagen». Eine politische Biografie von Felix Weil (1898-1975); Frankfurt/New York 2022

Eine tiefschürfende, erkenntniserweiternde Bereicherung

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Noch in Heft 1 2022 der Zeitschrift WestEndmerkte Dieter Boriszu Recht an, dass Felix Weil «nur in Fußnoten […] oder marginal»[1] in einschlägigen Publikationen über das Institut für Sozialforschung (IfS) Erwähnung findet. Nun hat Hans-Peter Gruber, basierend auf seiner Dissertation, eine umfassende politische Biografie vorgelegt, in der er minutiös die Bedeutung Weils für das IfS und die spätere Entfaltung der Kritischen Theorie nachzeichnet und zugleich die bisherige Literatur über den vor allem als Mäzen gekennzeichneten Weil gehörig korrigiert und erweitert.

Insbesondere die bisher einzige auf Deutsch vorliegende biografische Darstellung von Jeanette Erazo Heufelder aus dem Jahr 2017[2] wird in Grubers Endnoten einer umfassenden kritischen Lektüre unterzogen und als maßgebliches Werk abgelöst. Aber auch Klassiker zur Kritischen Theorie und spätere Frankfurter Schule, wie Rolf Wiggershaus‘ Standardwerk Die Frankfurter Schule[3], werden entscheidend revidiert. Gruber liefert zudem eingangs eine Geschichte der jüdischen Auswanderung nach Argentinien und beleuchtet hierbei als Fokus das Leben und Wirken von Hermann Weil (1867-1927), der in Argentinien zu einem der wichtigsten Getreideexporteure aufstieg und so den Grundstein für sein eigenes Leben als Mäzen und dass seines in Argentinien geborenen Sohnes legte. Auch Hermann Weils Eintreten für den U-Boot-Krieg im Ersten Weltkrieg und seine beraterisch-analytischen Tätigkeiten für die deutsche Regierung werden eingehend thematisiert.

Dreh- und Angelpunkt sind Felix Weils autobiografische Aufzeichnungen. Ein bereits fertiggestelltes und an den S. Fischer Verlag versandtes Manuskript seiner Autobiografie ist verloren gegangen, so dass Gruber auf die in mehreren Versionen vorliegenden Materialien zurückgreift, diese aber quellenkritisch begleitet und beständig korrigiert, denn Weils Erinnerungen erweisen sich als unzuverlässig.

Chronologisch schildert Gruber das Leben Weils: seine Kindheit in Argentinien, die Rückkehr der Familie nach Frankfurt 1907, seine politische Radikalisierung im Zuge seines Studiums, die ihn zu einem Sozialisten werden ließen. Er lernte Clara Zetkin kennen, die auch eine Freundin wurde, ebenso Karl Korsch. Seine Promotion schrieb er zum Thema Sozialisierung, wobei er zeitlebens die Meinung vertrat, dass es immer einen Markt geben müsse, auch im Rahmen einer sozialistischen Ordnung. Er fasste den Entschluss, ein eigenes Institut für die Erforschung des Marxismus und Sozialismus zu errichten und konnte hierfür, zusätzlich zu seinem eigenen finanziellen Engagement, seinen liberal gesinnten Vater als wichtigen Finanzier gewinnen. Weil verwandte hierbei gegenüber der offiziellen Politik der Stadt Frankfurt wie auch der Universität eine Tarnsprache, vermied jegliches marxistisches Vokabular, um nicht als radikal zu gelten, ließ diese aber fallen, als der Prozess abgeschlossen war. Wichtiger Wegstreiter und eigentlicher Impulsgeber für die Gründung war Kurt Albert Gerlach, der auch als Gründungsdirektor vorgesehen war, jedoch bereits im Oktober 1922 an Diabetes starb. Im Mai 1923 führte Weil die legendäre Erste Marxistische Arbeitswochedurch, an der eine bunte Runde linker Intellektueller teilnahm, darunter Hedda und Karl Korsch, Georg Lukács und Friedrich Pollocksowie Richard Sorge, der auch organisatorisch beteiligt war.[4] Die ganze Zeit über war Weil zudem in der Firma seines Vaters engagiert und kehrte immer wieder nach Argentinien zurück. Bei dieser Gelegenheit betätigte er sich auch als Beauftragter der Kommunistischen Internationalen. Dabei wurde er nie Parteimitglied und entfernte sich zusehends im Zuge der Stalinisierungsprozesse von der KPD und der Sowjetunion. Deutlich wird, dass Weil nicht nur als bloßer Organisator und Geldgeber des IfS in Erscheinung trat,[5] sondern auch wissenschaftlich lange Zeit eingebunden war. Er verantwortete die Entstehung der ersten Marx Engels Gesamtausgabe in den 1920er und 1930er Jahren, für deren Grundlage er die nötigen Kopierarbeiten im Institut durchführen ließ und zwischen der SPD und dem Moskauer Marx-Engels-Institut vermittelte. Zudem unterstützte er den Berliner Malik Verlag und die Piscator-Bühne. Sein Geld setzte er auch für die finanzielle Unterstützung diverser Freunde und Bekannter ein, etwa für den Maler Georg Grosz (1893-1959).

Seine sozialistischen Ideen und Ideale versuchte er auch als Berater der rechten argentinischen Regierung in den frühen 1930er Jahren umzusetzen, als Weil vor dem Hintergrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten gezwungen war, dauerhaft in das Exil zu gehen. Hier versuchte er ein gerechteres Steuersystem zu etablieren und hatte auch einigen Einfluss auf die diesbezügliche Gesetzgebung. Später zog er in die Vereinigten Staaten, wo er auch Staatsbürger wurde. Auch hier war er sozialpolitisch tätig, außerdem galt er als Argentinienexperte, was er mit einer einschlägigen Monografie untermauerte. Schließlich war es Weil gewesen, der nach 1945 die Rückkehr des IfS nach Deutschland anregte und auch politisch-organisatorisch einleitete, selbst dann aber diesen Weg nicht mitging. In dieser Zeit erfolgte auch das Ende der direkten persönlichen Beziehung zwischen ihm und dem IfS. Seine eigene kurzzeitige Rückkehr nach Deutschland erfolgte erst Ende der 1960er Jahre, 1973 ging er wieder zurück in die USA.

Brisant sind Äußerungen Weils in seinen Erinnerungen, in denen er mit seinen engen Freunden Horkheimer und Pollock abrechnet und ihre Abkehr von Marxismus verurteilt und den eingeschlagenen Weg des Instituts kritisiert. Dabei gibt er sich selbstkritisch, denn er habe sich zu weit vom Institut entfernt, insbesondere durch seinen Umzug von Frankfurt nach Berlin 1929. Nach dem Tod der beiden plante Weil explizit die Einrichtung einer sozialistischen/marxistischen Abteilung im IfS, was bekanntlich nicht realisiert wurde. Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher(1922-2014), mit dem Weil in einem engen Briefkontakt stand, war hieran beteiligt und sollte auch führend tätig werden. Dieser Bruch erfolgte nicht öffentlich und wurde von Weil selbst wiederum in seinen Aufzeichnungen kritisch reflektiert und selbstzweifelnd zurückgenommen.

Von all dem und mehr berichtet Gruber minutiös, in einer wunderbar formulierten Art und Weise. Das Privatleben Weils wird nur am Rande gestreift, psychologisierende Annahmen über seine fünf Ehen unterbleiben. Sowieso ergeht sich der Autor nur dann in Spekulationen, wenn sie plausibel durch Quellen gedeckt sind, ohne diese überzustrapazieren.

Grubers Akribie im Umgang mit den Quellen ist beachtenswert und nötigt Respekt ab. Einzig das fehlende Namensregister ist bedauerlich, würde dies die nachträgliche Navigation doch erheblich erleichtern. Sein Buch ist eine tiefschürfende, erkenntniserweiternde Bereicherung für die Geschichte des IfS und der Kritischen Theorie und leuchtet insbesondere die Frühzeit der 1920er und 1930er Jahre in ihren bislang unbekannten oder zumindest großflächig ignorierten Dimensionen aus. Ihm gelingt das feingezeichnete Portrait eines weitgehend unbekannten Linken, der entgegen seiner Klassenherkunft seinen Reichtum zu nutzen wusste. Das Buch reiht sich ganz vorn ein in den kontinuierlichen Strom linker Biographien der letzten zehn, fünfzehn Jahren.

Hans-Peter Gruber: «Aus der Art geschlagen». Eine politische Biografie von Felix Weil (1898-1975), Campus Verlag, Frankfurt/New York 2022, 776 Seiten, 49 Euro


[1] Dieter Boris: Felix Weil und das Institut für Sozialforschung, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 19. Jg., Heft 1, S. 167-182, hier S. 167.

[2] Jeanette Erazo Heufelder: Der argentinische Krösus. Leine Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule, Berlin 2017.

[3] Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule: Geschichte. Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung, München 1986, seither mehrfach aktualisiert und ergänzt, zuletzt München 2001 sowie als E-Book 2015.

[4] Näheres dazu auch in dem noch immer maßgeblichen Aufsatz von Michael Buckmiller: Die «Marxistische Arbeitswoche» 1923 und die Gründung des «Instituts für Sozialforschung», in: Grand Hotel Abgrund. Eine Photobiographie der Frankfurter Schule, hrsg. v. Willem van Reijen und G. Schmid Noerr, Hamburg 1988, S. 141-182. Beachtens- und bedenkenswert ist auch der spätere Lebensweg der Beteiligten, von denen mehrere entschiedene Antikommunisten wurden.

[5] Auch Friedrich Pollock und Max Horkheimer spielten die Rolle Weils arg herunter, was wohl auch zu einigen Verstimmungen führte.