Nachricht | Stambolis: Jugendbewegungen. Aufbruch und Selbstbestimmung 1871 bis 1918; Wiesbaden 2023

Neue Einführung erschienen

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Die EinwohnerInnen des deutschen Reiches waren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert so jung wie nie zuvor, der Anteil der unter 14-jährigen betrug, so Barbara Stambolis, im Jahre 1900 circa 35 Prozent der Bevölkerung (S. 27). Politische und kulturelle Aufbruchsbewegungen wenden sich in den folgenden Jahren gegen das starre Regime von Drill und Gehorsam in Schule, Lohnarbeit und Militär. Jugend wird als eigener, wenn auch eher kurzer, Lebensabschnitt zum Thema - und Jugendlichkeit zum Inbegriff von Aufbruch, Dynamik und Fortschritt. Viele Jugendliche wollen sich ohne die Kontrolle Erwachsener treffen, suchen nach einem neuen, anderen Körpergefühl und den Kontakt zur Natur. Jugendliche wünschen sich mehr Selbstbestimmung, Bildung, und eine gesetzliche Regelung nicht nur der Arbeitszeit. Es gründen sich neue Jugendorganisationen und auch vorhandene, etwa im konfessionellen Bereich, modernisieren sich.

Stambolis legt mit diesem Band ein Überblickswerk über die verschiedenen Strömungen der Jugendbewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts vor. Sie debattiert, oftmals angereichert mit empirischen Daten, die Jugendbewegungen der LebensreformWandervogel»), die Arbeiterjugend, jüdische Jugendbewegung und konfessionelle Verbände. Flankiert werden diese Vorstellungen mit Beiträgen zu einzelnen, für den Gegenstand wichtigen Aspekten, etwa die Bedeutung der Kriegserfahrung des ersten Weltkrieges, zur staatlichen Jugend- und Sozialpolitik («Jugendpflege»), zum Konflikt zwischen dem Bedürfnis Jugendlicher nach Autonomie und dem Kontrollanspruch des Staates, oder zum wichtigen Jahr 1913, in dem unter anderem das bekannte Treffen auf dem Hohen Meißnerin Nordhessen stattfindet. Die einzelnen Beiträge sind aber, bedingt durch den Umfang (und die Idee?) des Bandes, jeweils eher kurz. Ein Personen- und ein zehnseitiges Literaturverzeichnis schließen die Publikation ab. Es fällt auf, dass die neue Arbeit von Antje Harms: Von linksradikal bis deutschnational. Jugendbewegung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, Frankfurt/M. 2021, eben sowenig zitiert wird, wie die beiden wichtigen Publikationen von Christian Niemeyer: Mythos Jugendbewegung. Ein Aufklärungsversuch, 2., korrigierte Aufl., Weinheim 2018, und Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend, Tübingen 2013.

Stambolis´ Buch ist eine gelungene Einführung, die notgedrungen an einigen Stellen vage bleiben muss.

Barbara Stambolis: Jugendbewegungen. Aufbruch und Selbstbestimmung 1871 bis 1918; Weimarer Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 2023, 160 Seiten, 16 Euro

Weitere Materialien:

Barbara Stambolis: Artikel Jugendbewegungauf Europäische Geschichte Online (März 2011, Zugriff 6. April 2023)