Nachricht | Deutsche / Europäische Geschichte - GK Geschichte Jugendstil: Die große Utopie (Ausstellung in Hamburg)

[UPDATE] Interessante Sonderausstellung „Jugendstil. Die große Utopie“ ist wegen des großen Besucherinteresses bis zum 28.2.16 verlängert

Information

Im Museum für Kunst und Gewerbe wurde die Sammlung zum Jugendstil innerhalb der Abteilung „Moderne“ neu gestaltet. Um dies gebührend zu würdigen, stellte das 1877 gegründete Museum aus Leihgaben und seinen eigenen Beständen eine sehenswerte Sonderausstellung zusammen. Sie steht unter dem Motto der „Utopie“. Insgesamt sind 350 Exponate u.a. aus Malerei, Keramik, Buchkunst, Fotografie, Mode und Plakat zu sehen.

Jugendstil wird in der Sonderausstellung als mehr als nur verspieltes Dekor (etwa im Stile eines Alfons Mucha oder dem der Plakate von Henri Toulouse-Lautrec) angesehen, sondern in die kulturellen und technologischen Entwicklungsdynamiken der Jahre um 1900 gestellt: Objekte erzählen die Geschichte der Industrialisierung, des Designs und der Jugend- und Reformbewegungen. Dabei wird die immense Spannung, die dem Jugendstil eingeschrieben ist, mehr als deutlich – und spürbar. In einer Zeit, in der das verfügbare Wissen (gedacht sei nur an Psychoanalyse) ebenso wie die technische Entwicklung (Fotografie, Röntgen, etc.) sich immens vergrößern, suchen viele Künstler_innen  und Kunsthandwerker_innen Zuflucht in Utopien und noch mehr in Idylle. Sie malen wie Heinrich Vogler oder William Morris Bilder einer heilen Welt: Natur, idealisierte langhaarige Frauen, die Südsee, das Mittelalter oder auch Japan werden zu Sehnsuchtsorten. Gleichzeitig funktionieren die Reformziele – gute Waren für auch die ärmeren Schichten herzustellen – nur sehr sehr beschränkt. Auftraggeber_innen, Bauherren oder Käufer_innen sind in der Regel das Besitzbürgertum und andere wohlhabende Personen. Ein weiterer Spannungsbogen tut sich auf zwischen der Idee und den realen Produktionsbedingungen, und drittens zwischen dem Wunsch nach einem Kunstwerk, das ja in der Regel ein Unikat ist und der nicht stattfindenden Serienproduktion. Der Serienproduktion, die die Preise ermöglicht hätte, die für die von den Kunstschaffenden anvisierte weite Verbreitung ihrer Erzeugnisse unabdingbar gewesen wären.

Die beeindruckende und umfangreiche Dauerausstellung zeigt Interieurs und ganze Zimmer aus den 1903 gegründeten Wiener Werkstätten, dem Bauhaus, dem italienischen Futurismus, von Peter Behrens, Richard Riemerschmied oder Henry van de Velde. Selbstverständlich ist auch eine aus der Baureformbewegung stammende sog. Frankfurter Küche oder z.B. ein originaler Briefbogen des Bauhaus´ zu sehen.

Die Sonderausstellung ist sehr vollgestellt und deswegen etwas eng. Sie ist mit Leinwänden mit interessanten historischen Filmen ausgestaltet, die aber teilweise störend wirkend. Für einen Besuch beider Abteilungen sind zusammen mindestens drei Stunden vorzusehen.

Die Museumsbuchhandlung (Teil des Imperiums Walter König) bietet eine unüberschaubare Menge und Vielfalt an Büchern zu den Themen des MKG – und darüber hinaus.

Die Raumtexte der Ausstellung sind hier als sehr informationsreiches sechsseitiges PDF online.

 

[Katalog] Sabine Schulze, Claudia Banz und Leonie Beiersdorf (Hrsg.): JUGENDSTIL. DIE GROSSE UTOPIE; 208 Seiten, Broschur, über 200 farbige Abbildungen, ISBN 978-3-923859-84-9, 24,90 Euro (Leseprobe als PDF).

 

Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg. 5 Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr, Donnerstag: 10-21 Uhr, Donnerstag an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr

 

Illustration: Alfons Mucha, Salon des Cent, Ausstellung, Paris, 1897, Lithografie, H. 63,5 cm, B. 46 cm, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg