Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Geschlechterverhältnisse - Globalisierung Globale Produktion in meinem Kleiderschrank

Ein Bericht vom ESF 2006 in Athen von Silke Veth

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Autorin

Silke Veth,

Erschienen

Mai 2006

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Ein Bericht vom ESF 2006 in Athen

„Es ist einfach mein Charakter“ war die Antwort von Slavica Orelj auf meine Frage, was sie dazu gebracht hat, sich gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen als „homebased“ Näherin in Belgrad zu wehren und sich bei felicitas, einer serbischen NGO, die für die Rechte von Frauen im informellen Sektor eintritt, zu engagieren. Begonnen hat ihre Arbeit wie sie selbst sich beschreibt als „social activist“ mit einem „Mapping“. Sie und andere Arbeiterinnen haben eine „Landkarte“ der Arbeitsbedingungen in den zahlreichen Klein-, Kleinstfirmen und Ateliers erstellt, die für internationale Modelabels aber auch für den einheimischen Markt T-Shirts, Socken, Hemden und so vieles mehr zuliefern. Die Bezahlung ist schlecht, die Arbeitsverhältnisse oft jenseits der Legalität und nur für wenige Jahre durchzuhalten.


Folgendes Szenario bringt die Multi-Problemlage auf den Punkt: Für eine Arbeitsweste, an der Frau X 45 Minuten an ihrer eigenen Nähmaschine zuhause arbeitet, bekommt sie 1,50 Euro. Das entspricht einem Tageslohn von ungefähr 20 Euro, einem Wochenlohn von ca. 100 Euro. Bevor sie in einer großen Textilfabrik entlassen wurde, hat sie 60 Euro/Woche verdient. Da die Auftragslage momentan gut ist, arbeiten mit ihr in ihrer 3-Zimmer-Wohnung noch drei weitere Frauen. Eine von ihnen hat keinen Aufenthaltsstatus in Serbien. Die Frauen teilen sich die Kosten für den Strom. Neben ihrer Arbeit versucht Frau X in einer kleinen Firmen Näherinnen zu ermutigen, ihre ausstehenden Löhne einzufordern und gegen Schikanen wie z.B. das Verbot nach
eigenem Bedürfnis zur Toilette zu gehen, vorzugehen. Sie erzählt von der Angst der Kolleginnen entlassen zu werden und dem Risiko, dadurch den einzigen Familienlohn aufs Spiel zusetzen.


Schwierige Alternativen Einen Weg zu finden, Beschäftigte in diesem informellen Sektor zu erreichen und ihnen auch wirklich reale Alternativen anzubieten, ist schwierig. Ein Versuch ist die Clean Clothes Campaign, die sich seit Jahren grenzübergreifend dafür einsetzt, dass Unternehmen sich und ihre Zuliefererfirmen in Osteuropa verpflichten, unter menschenwürdigen Bedingungen zu produzieren. Ihre Kampagnen, Erfolge und Probleme stellte Bettina Musiolek, eine der Koordinatorinnen der Kampagne vor. Die CCC arbeitet dafür mit lokalen NGOs wie felicitas zusammen, die auf Basisarbeit und die enge Vernetzung zwischen Arbeiterinnen und Formen von Campaigning, wie sie z.B. in Deutschland neuerdings auch in der LIDL-Kampagne oder anderen ver.di – Projekten ausprobiert werden, setzt.


Auch für Babis Papaioannu, Youth Secretary of the Greek Trade Union (GSEE), waren als Gewerkschafter Probleme, die verlängerte Werkbänke nach Mazedonien, Serbien und Bulgarien nach sich ziehen, auf seiner Agenda ganz vorne: In diesen Kleinstfabriken und Werkstätten arbeiten vor allem Frauen und junge Menschen, die traditionell wenig gewerkschaftlich organisiert sind. Sie begreifen sich als Dazuverdienerinnen oder haben als Berufseinsteiger/innen wenig Erfahrung und Motivation sich zur Wehr zu setzen. Er setzt auf Strategien, eben diese prekär arbeitenden Beschäftigten in Gewerkschaften zu integrieren, die Kontakte und Netzwerke zwischen Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und den linken sozialistischen und demokratischen Parteien in den jeweiligen Ländern auszubauen, „cross-border“-Netzwerke zu schaffen und die Organisierung europäischer Betriebsrätearbeit voranzutreiben.


Erfolg oder Misserfolg Der schlechte Zufall wollte es so, dass exakt parallel zu unserem Workshop ein Seminar zum Thema „Women´s rights and status in Central-Eastern Europe countries. Challenges and feminist strategies“ im Programm stand. Wir machten schließlich die besondere Form eines Sozialforums als ein flexibler und spontaner Ort konkret praktisch und vereinten beide Seminare. Dies hatte den Vorteil, dass zwei Sichten, nämlich unsere spezifische Sicht auf Arbeits- und Lebensbedingungen aus der Perspektive der Lohnarbeit und Existenzsicherung mit deren Fokus einer menschen- und damit auch frauenrechtlichen Sicht in einem - dann auch sehr überfüllten - Raum zusammen kamen. Dies war zugleich auch der Nachteil der Zusammenlegung: ein übervolles Podium und eher Überblick als Tiefgang.


Doch der Erfolg oder Misserfolg misst sich nicht an diesen drei Seminarstunden, sondern wie immer auch oder vor allem an den Verabredungen und Reaktionen, nachdem das letzte Mikrofon ausgeschaltet wurde. Diese Kontakte und Öffentlichkeiten waren, wie Slavica Orelj nach dem Seminar und zwei anschließenden Interviews für eine schwedische und eine griechische Zeitung formulierte, „sehr wichtig für meine konkrete Arbeit und meine Lebenssituation, wenn ich wieder zuhause in Belgrad bin“.