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Über Wolfgang Fritz Haugs „Dreizehn Versuche marxistisches Denken zu erneuern“, Dietz Verlag Berlin 2001, Schriften 9, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. von Michael Brie

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Autor

Michael Brie,

Erschienen

Mai 2001

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Über Wolfgang Fritz Haugs „Dreizehn Versuche marxistisches Denken zu erneuern“, Dietz Verlag Berlin 2001, Schriften 9, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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Die Präsentation von Büchern ist wie das Reden über Liebe. Nicht das Buch selbst, sondern die Beziehung von Autor, Buch, Lesendem, die soziale Situation, jener Reichtum, der in einer Rezeption entsteht, kommt zur Sprache. Das Reden über die Liebe sagt mehr über den redenden Liebenden als über die Liebe. Die Präsentation von Büchern sagt mehr über den Lesenden als über den Autor und sein Buch. Dies sind zugleich Herausforderung und Fluch einer Präsentation, die keine Lesung sein will.

Während der bitteren Flucht von einem Land zum anderen vor dem sich ausbreitenden Nationalsozialismus und seinen Eroberungskriegen, das Versagen von Sozialdemokratischer und Kommunistischer Partei Deutschlands in den späten Jahren der Weimarer Republik vor Augen, wissend um den Staatsterrorismus Stalins schrieb Bertolt Brecht: „In den Zeiten der Schwäche ist vieles wahr, aber es ist gleich wahr; ist viel nötig und kann weniges geschehen; der Ausgeschaltete ist in Ruhe versetzt und hat keine Ruhe.“[2]

Diese Worte Brechts zitierend, deutet Wolfgang Fritz Haug sein eigenes Gefühl der Zeit und Epoche. Es ist das Gefühl eines linken, eines marxistischen Intellektuellen, der nicht organisch sein kann, da die Bewegungen fast völlig fehlen, vor allem in Deutschland fehlen, auf die er sich hätte beziehen können. Ihm ist es fast völlig verwehrt, ein „demokratischer Philosoph“, ein „tätiges gesellschaftliches Verhältnis der Veränderung der kulturellen Umwelt“ [3] zu sein. Marxist zu sein, heißt für Wolfgang Fritz Haug, an der „Theorie einer ... sich organisierenden ... sozialen Bewegung oder einem politischen Bündnis sozialer Bewegungen“ (S. 62) zu arbeiten. Wie aber arbeitet ein Marxist in Zeiten realer Bewegungslosigkeit alternativer Kräfte? Selbstverständnis und Zeitverständnis klaffen auseinander und diese Kluft ist zur Qual geworden.

Wolfgang Fritz Haugs neuestes Buch „Dreizehn Versuche marxistisches Denken zu erneuern“, vor wenigen Tagen im Dietz Verlag Berlin als Bd. 9 der Reihe Schriften der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen, ist ganz der Artikulation des Widerspruchs zwischen marxistischem Anspruch und den Zeiten der Schwäche emanzipativer Bewegungen gewidmet. Denn was bleibt dem zur anorganischen Existenz verdammten Intellektuellen in diesem Widerspruch als das eine, den Widerspruch selbst marxistisch auf den Begriff zu bringen. Und genau dies tut Wolfgang Fritz Haug. Um das Nicht-Selbstverständliche dieser Versuche zu verstehen, sei ein Blick zurück gestattet.

Meine erste Begegnung mit einem Buch von Wolfgang Fritz Haug war 1975 in einem Buchladen in Berlin, höchstens zwei Kilometer östlich jener Mauer, jenseits derer er arbeitete – umschlossen von ihr und doch im Unterschied zu uns nicht eingemauert. Dies war ein knappes Jahrzehnt bevor Wolfgang Fritz Haug von Hütern der marxistisch-leninistischen Lehre mit dem Bannfluch belegt war. Er hatte im Anschluss an Lucien Sève vom „pluralen Marxismus“ gesprochen und diesen zu einem radikaldemokratischen Programm erhoben.

1975 aber, ich hatte gerade ein Jahr in Leningrad an der Leningrader Staatlichen Shdanov-Universität Philosophie studiert und mich mittels langer Auszüge durch drei Bände des „Kapital“ gefressen (die Verdauungsprobleme stellten sich erst später ein), 1975 fielen mir also Wolfgang Fritz Haugs ein Jahr zuvor erschienenen „Vorlesungen zur Einführung ins ‚Kapital’“[4] in die Hände.

Die Hintergründe dafür, wieso mir gerade dieses Buch zugänglich war, nicht aber eines von Korsch oder Habermas, Horkheimer oder Bloch, die Hintergründe von SED-DKP-Beziehungen und den Mechanismen von Verlagsrechten und Ost-West-Zensur, der partiellen Tolerierung unabhängiger Marxisten konnte ich nur erahnen und keinesfalls beeinflussen. Ich konnte den Einfluss der damit verbundenen Restriktionen auf mich manchmal mildern durch privilegierten Zugang zu „Giftschränken“ und über Freunde, die Freunde hatten, die von Freunden aus Westberlin besucht wurden. Vielleicht hatten sie bei Wolfgang Fritz Haug den berühmten Kapital-Kurs gehört.

Auf jeden Fall: Das geringe Angebot hatte die Folge, dass man nicht wählen musste, sondern zum Kaufen fast unbesehen verpflichtet war. In diesem Falle war es ein Diamant im sonst zumeist tauben Gestein der mir im Buchladen zugänglichen sozialwissenschaftlichen Literatur. Das Beeindruckende an diesem Buch war vor allem die Lebendigkeit des Gesprächs über Marx und mit Marx. Anstelle der Systematisierung von totem Wissen fand hier ein Dialog statt. Es war auch dieser Dialog, der meine Versuche prägte, den Staatssozialismus marxistisch-kritisch zu analysieren und aus dem humanistisch-emanzipativen Geist von Marxens Erbe alternative sozialistische Strukturen zu denken. [Ich habe Wolf bisher noch nie für dieses Leseerlebnis gedankt.]

Seit 1975 hat sich die Welt einmal um sich selbst gedreht und wir sind in einer anderen Welt angekommen. Aus dem Unterangebot von zeitgenössischen Büchern in Ostberliner Buchläden ist ein Überangebot geworden– nicht etwa an Buchläden, sondern an Büchern, vertrieben über das world wide web. Das sowjetische Imperium ist zusammengebrochen, das amerikanische dagegen hat seinen Zenit erreicht. Die Politiken des sog. sozialdemokratischen Zeitalters sind durch Politiken des Neoliberalismus und der Neue Mitte abgelöst. Die fordistische kapitalistische Produktionsweise und die keynesianische Regulationsweise sind in Auflösung begriffen, eine neue, auf Informations- und Kommunikationstechnologien gegründete Produktionsweise ist im Entstehen und der Kampf um eine adäquate Akkumulations- und Regulationsweise ist noch nicht entschieden.

Marxens These, dass die Bourgeoisepoche durch die fortwährende Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse gekennzeichnet sei, dass die darauf gegründete ständige Entwicklung der Produktion alle Nationen zwinge, sich die „Produktionsweise der Bourgeoisie ... anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen“[5], hat sich auf zugleich glänzende, wie für viele Betroffene auch tragische Weise bestätigt. Chinesische wie Berliner Mauern wurden gleichermaßen von innen zum Einsturz gebracht, die kapitalistische Produktionsweise importiert. Was sich nicht bestätigt hat, ist die These, dass die Bourgeoisie mit der Arbeiterklasse „ihren eignen Totengräber“ hervorbringe, dass der Untergang der Bourgeoisie und der Sieg des Proletariats „gleich unvermeidlich“ seien[6].

Wolfgang Fritz Haugs Versuche, marxistisches Denken zu erneuern, thematisieren diesen Epochebruch und zielen zugleich darauf ab, zumindest die Suchstrategien nach einem zeitgemäßen Marxismus zu formulieren, wenn schon die Konstruktion desselben noch ausstehen muss. Aus den Gewissheiten, durch die Lektüre des „Kapital“ Antworten gefunden zu haben, sind Versuche geworden, im historischen Neuland marxistischem Denken neuen Boden bereiten zu wollen.

Programmatisch für das ganze Buch von Wolfgang Fritz Haug ist der „Vierte Versuch“ unter dem Titel: „Was kommt nach dem fordistischen Marxismus?“. Es wird ein ganzes Forschungsparadigma formuliert und in Umrissen skizziert. Wolfgang Fritz Haug beschreibt es selbst mit den Worten: „Der erste Teil stellt einen Zusammenhang her zwischen dem ‚Zusammenbruch des Realsozialismus’, dem ‚Ende des sozialdemokratischen Zeitalters’ und der ‚Krise des Fordismus’. Der zweite Teil widmet sich der konkreten Geschichtlichkeit der Marxismen der 1989 endenden Epoche und stellte deren ‚fordistische’ Charaktere heraus. Der dritte Teil untersucht den Bruch zwischen marxistischer Theorie und Arbeiterbewegung; der vierte fragt nach den Aussichten und der theoretischen Grammatik eines möglichen zukünftigen Marxismus, der in Theorie und Praxis mit der Kritik des transnationalen High-Tech-Kapitalismus unter den Bedingungen einer globalen ökologischen Krise zurechtzukommen gelernt hätte. Wie es nicht anders sein kann, ist dieser Teil nicht wirklich ein Schluss, sondern allenfalls ein tastender, vorläufiger und noch ganz brüchiger Anfang.“ (S. 45)

Zwischen den „Vorlesungen zur Einführung ins ‚Kapital’“ und Wolfgang Fritz Haugs neuestem Buch liegt ein langer Abschied von einer Formation des Marxismus und den weit in die achtziger Jahre zurückliegenden Versuchen, neue Anfänge zu wagen, immer noch selbst Teil und treibender Akteur der Selbstdestruktion und Auflösung alter Marxismen, immer aber auch schon durch Erkundung neuer Möglichkeiten des produktiven Bezugs von theoretischer Kritik und politischer Praxis und realer Umwälzung gekennzeichnet. Wie kaum ein anderer deutscher Marxist hat sich Wolfgang Fritz Haug Gorbatschows Reformen zugewandt und die neue politisch-emanzipative Praxis der Zapatista analysiert. Sein Perestroika-Journal trägt einen Titel, der charakteristisch für mindestens zwei Jahrzehnte von Wolfgang Fritz Haugs theoretischer Praxis ist: „Versuch beim täglichen Verlieren des Bodens unter den Füßen neuen Grund zu gewinnen“. Immer wieder hat er sich dem Widerständigen zugewandt und musste dabei allzu oft gegen seine „Erwartungen“ schreiben, „gegen die eigenen Wünsche die Veränderungen ... begleiten“[7].

Auch das neueste Buch ist der Versuch eines Versuchs, da ihm weitgehend die realen Bedingungen der Verwirklichung fehlen – geschichtsmächtige Emanzipationsbewegungen, bezogen auf die alleine, so Wolfgang Fritz Haug, Marxismus als hegemoniales Projekt möglich ist. Marxismus in seinem Verständnis ist nicht auf die innertheoretische Verbindung von „Herrschaftskritik, Krisendiagnose und Befreiungstheorie“[8] zu reduzieren, so gekonnt er sie praktiziert, sondern wird erst durch den wechselseitigen Bezug von kritisch-emanzipativer Theorie und praktischer Kritik der Verhältnisse durch politisch-sozialer Bewegungen hergestellt. Denn erst im Kampf politisch-sozialer Bewegungen werden die Formen der Auseinandersetzung mit diesen Verhältnissen erfunden und wird die wirkliche Logik der wirklichen Verhältnisse als dialektische, als veränderbare Verhältnisse gefunden. Anknüpfend an Rosa Luxemburg formuliert Wolfgang Fritz Haug: „Gemeint ist, dass es der ‚subjektiven Logik’ einer sozialen Bewegung entspricht, dass sie ihre Erfindungen in den Kämpfen macht – und dass es die ‚objektive Logik’ der Verhältnis ist, die kraft jener Erfindungen im Widerstand erfahren wird.“ (S. 20) Hier wird Kant vom Kopf auf die Füße der Philosophie der Praxis gestellt.

Für den Augenblick bleibt Haug selbst nichts anderes als die paradoxe Existenz eines „Marxisten ohne Marxismus“ (S. 45), eines kritischen Theoretikers, der ständig Versuche unternimmt, einen praktisch relevanten Theoriezusammenhang zu konstituieren, ohne dass die Praxis sozialer Bewegungen ihrerseits diesem Zusammenhang entgegenstreben würde. Es ist der Versuch, einen Theoriezusammenhang hervorzubringen, dem gegenwärtig zwar die Not in der Wirklichkeit entspricht, aber keine die Not wendenden Bewegungen sich auf sie beziehen würden. Sich dieser Tragik bewusst zu sein und doch nicht an ihr zu verzweifeln, sondern aus der unerfüllten Spannung heraus produktive Angebote zu erzeugen, deren Nachfrage mehr als ungewiss ist, ist für viele Generationen kritischer Marxisten die Normalexistenz gewesen. Und vielleicht erklärt vor allem die Furcht davor, sich dieser Tragik auszuliefern, dass sich viele lieber den ideologischen Apparaten des Staatssozialismus und Parteikommunismus unterwarfen, immer in der Hoffnung, die zur Illusion, zur Verblendung, zur selbstgewählten Unmündigkeit wurde, mit diesen Apparaten die Emanzipation doch noch einleiten zu können. Anders als ich hatte Wolfgang Fritz Haug dieser Furcht nicht nachgegeben.

Die „Dreizehn Versuche, marxistisches Denken zu erneuern“ lesend, ist mir eine Frage immer drängender geworden – die des Verständnisses von Marxismus selbst. Wolfgang Fritz Haugs Historisierung führt zum Konstrukt der Koexistenz und Abfolgen verschiedener Marxismen. In Auseinandersetzung mit den prägenden Marxismen des 20. Jahrhunderts schreibt er : „Ein Sozialismus, der sich in dieser etatistischen Grammatik artikulierte, stand in bewusstlos paradoxer Weise auf dem Kriegsfuß mit der Gesellschaft. ... Der Umbau der philosophischen Grammatik zur marxistischen Repotenzierung unter den gewandelten Bedingungen steht immer noch an. Manche meinen, dadurch würden marxistische Prinzipien preisgegeben. Man möchte meinen, dass sie weder die marxsche Metaphysikkritik noch den Geist des historischen Materialismus verstanden haben. Nicht ein rein zu haltendes Prinzip hat den Primat, sondern ein Projekt.“ (S. 15) Und dieses Projekt sieht Wolfgang Fritz Haug historisch in der Verbindung von Emanzipationsbewegung der Arbeiter und Intellektuellen, die sich der Verwertung entziehen wollen.

Wolfgang Fritz Haug geht in seiner Historisierung des Marxismus sehr weit. Er spricht von verschiedenen Marxismen, die verschiedenen historischen Konstellationen der Verbindung von Emanzipationsbewegungen und kritischen Intellektuellen entsprechen. Die Historisierung des Marxismus als Koexistenz und Abfolge von Marxismen hat aber Konsequenzen. Implizit zielt sie auf eine Verallgemeinerung der Verbindung von radikaler Kritik, kritischer Analyse und Emanzipationsbewegungen über den Marxismus hinaus. Wenn Wolfgang Fritz Haug mit Heiner Müller den Glutkern des Marxismus in dem von Marx 1843/44 formulierten „kategorischen Imperativ“ sieht, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“[9], dann ist dieser Glutkern in den Revolutionen des 18. Jahrhunderts geboren und durch die egalitäre Wendung der Menschenrechte sei es des Jacques Roux oder der Deklaration der Menschenrechte als Frauenrechte durch Olympe de Gouges begründet worden. Und sie reicht bis Martin Luther King oder die Zapatisten. Geht es um die von diesem Ausgangspunkt geführte Analyse, so beginnt sie gleichfalls weit vor Marx und bedarf gerade heute grundlegender Erneuerung. Vor allem formieren sich in den Revolutionen des 18. Jahrhunderts die ersten modernen Emanzipationsbewegungen. Es sind sehr verschiedenartige. Ihre Geschichte kann und muss wieder mit neuer Macht beginnen. Kann all diese Pluralität ohne Missbrauch und Vergewaltigung der Beteiligten noch glaubhaft unter den Begriff Marxismus subsumiert werden?

Friedrich Engels schien die neue Qualität des Marxismus eindeutig im Übergang vom utopischen zum wissenschaftlichen Sozialismus begründet zu sein. Heute sind diese und andere Gewissheiten mindestens fragwürdig geworden. Kommunistischer Hochmut wurde darauf begründet. Ihr Missbrauch ist aktenkundig. Für viele sind sie – schlimmer oder besser– schon völlig bedeutungslos. Die Marxismen sind zu vergangenen Formationen im Spannungsfeld von egalitär-emanzipativer Kritik, kritischer Analyse und Emanzipationsbewegungen geworden. Sie haben ihren Sonderstatus verloren, erscheinen anachronistisch.

Wenn diese Diagnose stimmt, dann könnte und müsste sich wiederholen, was die Owenisten schon 1837 vollzogen haben, der Übergang von der Bindung einer Bewegung an einen Personennamen hin zum Sozialismus als Sammelbegriff aller Bewegungen, die Menschenrechte von unten für jede und jeden einfordern, sich dabei auf reale sozial-emanzipative Bewegungen beziehen und deren Forderungen Ausdruck zu verleihen suchen, und kritischen Theorien, die die positivistische Verklärung der seienden Verhältnisse als einzig möglicher Verhältnisse aufbrechen. Marx selber war zweifelsohne jener, der in einer besonderen Situation das historisch bedeutungsvollste Paradigma einer solchen Verbindung zu schaffen suchte. Aber eine Universalisierung dieses konkreten Paradigmas zu konkret-historischen Formen eines sozialistischen Projekts könnte ein Schritt in neue Räume hinein, zu neuer konkreter Wirkungsmacht bedeuten. Es könnte eine Befreiung sein, vom Marxismus zum Sozialismus überzugehen. Es könnte ein Gewinn sein, würde der Marxismus nicht etwa beseitigt, verdrängt, vergessen, aber eben auch nicht bloß bewahrt und konserviert, sondern aufgehoben werden in einem erneuerten sozialistischen Projekt.

Wo Marx die emanzipativen Ziele mit Naturnotwendigkeit aus der sozialen Lage einer Klasse hervorwachsen sah[10], wissen wir um die Ambivalenz jeder sozialen Lage, auch der Lage jener, die strukturell diskriminiert sind. Wo Marx aus dieser Annahme eines wissenschaftlich begründbaren zwanghaften Zusammenhangs von sozialer Lage und historischem Tun einen kommunistisch elitären Avantgardismus ableitet[11], wissen wir, dass ein emanzipatives Projekt schon in seinem Werden ein radikaldemokratisches Projekt von Gleichen sein muss. Niemand kann sich dabei auf eine privilegierte Erkenntnisposition berufen, geschweige denn daraus Machtansprüche ableiten. Wo Marx zumindest mehr als einen Anlass dazu gab anzunehmen, dass im Unterschied zur bürgerlichen Gesellschaft eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft nicht in Gestalt von Vergesellschaftungsformen und auch sozialen Verhältnissen im Schoße der alten Gesellschaft entstehen könne, müssen wir uns die Frage stellen, was an den zivilisatorischen Errungenschaften heutiger Gesellschaften vielleicht doch über den Kapitalismus hinausweist und Prinzipien zukünftiger Ordnungen verkörpert.[12]

Marx hatte mit der Identifikation von Vergegenständlichung und Entfremdung gebrochen. Zugleich identifizierte er institutionelle Vermittlung und Entfremdung. Alle Institutionen waren für ihn letztlich nicht anderes als Ausdruck von Herrschaft und Ausbeutung. Eine emanzipierte Gesellschaft war für ihn nur als völlige Unmittelbarkeit von individueller und gesellschaftlicher Entwicklung denkbar. Er verweigerte sich jeder konkreten Utopie, da jede institutionelle Form einer Gesellschaft für ihn Ausdruck von Entfremdung, von ausgebliebender kommunistischer Emanzipation war. Sozialistinnen und Sozialisten aber nehmen heute mehrheitlich und belehrt durch die Geschichte des Staatssozialismus an, dass „Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens“[13] ohne eine Komplexität institutioneller Vermittlungen, zu denen auch Sozialstaat und Rechtsstaat sowie sozial und ökologisch regulierte Märkte gehören, undenkbar ist.

Eine solche These der Aufhebung des Marxismus ist sicherlich nicht im Sinne Wolfgang Fritz Haugs, auch wenn sie in mir beim Lesen seiner dreizehn Versuche Gestalt gewann. Er wird sie mit Eloquenz zu widerlegen suchen. Aber er hat ihr den Boden bereitet, indem Marx in seinem Buch in den Hintergrund tritt, eine implizite Emanzipation von Marx praktisch vollzogen wird. Die Grundzüge dessen, was er Marxismus nennt, werden auf die genannte Formation der Beziehungen reduziert zwischen (erstens) kategorischem Imperativ, der Würde jeder und jedes einzelnen Geltung zu verschaffen und dabei alle Verhältnisse umzustürzen, die dem widerstreben, (zweitens) der kritischen theoretischen Analyse dieser Verhältnisse und (drittens) den emanzipativen sozialen und politischen Bewegungen, die diese Verhältnisse zu überwinden suchen.

Seit Jahrzehnten auf verlorenem Posten stehend hat Wolfgang Fritz Haug sich auf die Suche gemacht, für sich und uns neuen Raum, neue Möglichkeiten, neue Beziehungen radikaldemokratischen emanzipativen Handelns zu entdecken. Mit seinen neuen Buch hat er der Suche selbst als einer Kette von Versuchen prägnanten Ausdruck verliehen. Nicht als Denker hat er gedacht, sondern als Mensch, der an der Beziehungslosigkeit von kritischer Theorie und praktischer Bewegung leidet und das Leiden in theoretisches Handeln übersetzt. Der in vieler Hinsicht „Ausgeschaltete ist in Ruhe versetzt und hat keine Ruhe“. Dies wird so bleiben. Ein beeindruckendes Gesamtwerk zeichnet sich ab, aus dieser Qual gewonnen, in unmarxistischen Zeiten marxistisch zu denken, in unsozialistischen Zeiten Sozialist zu bleiben. Dies heißt, das Unmögliche zu tun und dadurch erst Möglichkeiten zu schaffen, die es sonst nicht gäbe. Mehr kann niemand von sich, sollte niemand von anderen verlangen.

Dafür Dir, lieber Wolf, meinen, unseren Dank!

[1] Dieser Text war Grundlage einer Vernissage anlässlich einer Feier für Frigga und Wolfgang Fritz Haug am 25. Mai 2001 im Jagdschloss Glienicke, Berlin.

[2] Bertolt Brecht: Schriften zur Politik und Gesellschaft. Bd. 1. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, S. 148.

[3] Antonio Gramsci: Philosophie der Praxis. Gefängnishefte 10 und 11, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Wolfgang Fritz Haug. Kritische Gesamtausgabe der Gefängnishefte von Antonio Gramsci, Bd. 6, Argument, Berlin 1995, S. 1336.

[4] Wolfgang Fritz Haug: Vorlesungen zur Einführung ins „Kapital“. Pahl-Rugenstein Verlag Köln.

[5] Karl Marx/ Friedrich Engels: Manifest der Kommunistische Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 466.

[6] Ebenda, S. 474.

[7] Wolfgang Fritz Haug: Versuch beim täglichen Verlieren des Bodens unter den Füßen neuen Grund zu gewinnen. Das Perestrojka-Journal. Argument-Verlag, Hamburg 1990, S. 7.

[8] Ebenda, S. 9.

[9] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: MEW, Bd. 1, S. 385.

[10] „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.“ Friedrich Engels/ Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW, Bd. 2, S. 38.

[11] „Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“ Karl Marx/ Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd. 4, S. 474.

[12] Ich bin mir der durch die spätere marxistisch-leninistische Orthodoxie verdrängten Ansätze bei Marx, die auf anderes hindeuten, durchaus bewusst. Ein solcher Ansatz sei zitiert: „“Solange das Kapital schwach ist, sucht es selbst noch nach den Krücken vergangner oder mit seinem Erscheinen vergehnder Produktionsweisen. Sobald es sich stark fühlt, wirft es die Krücken weg und bewegt sich seinen eigenen Gesetzen gemäß. Sobald es anfängt sich selbst als Schranke der Entwicklung zu fühlen und gewusst zu werden, nimmt es zu Formen Zuflucht, die, indem sie die Herrschaft des Kapitals zu vollenden scheinen, durch Züglung der freien Konkurrenz zugleich die Ankündiger seiner Auflösung und der Auflösung der auf ihm beruhenden Produktionsweise sind.“ Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In: MEW, Bd. 42, S. 551.