Publikation Geschichte Geh doch rüber – bleib doch hier!

Podiumsbeitrag bei der Mauer-Konferenz am 30. Mai 2001 in Berlin

Information

Reihe

Artikel

Autorin

Petra Pau,

Erschienen

Mai 2001

Bestellhinweis

Nur online verfügbar

I.

Jahrestage rufen historische Ereignisse auf den Plan. Das ist gut so. Das hat aber auch seine Tücken. Tücke1: Das Ereignis wird rückwirkend begutachtet. Und das ist immer ein anderer Blick, als „damals“ angesagt und möglich war. Tücke 2: Das Ereignis gerät allzu leicht in partei-politische Strudel. Zitat: „Geschichte ist das, was die Sieger überliefern.“ Tücke 3: Jüngere Geschichte ist zudem mit subjektiven Erinnerungen verbunden. Sie sperrt sich oft objektiven Wertungen, sofern es so etwas überhaupt gibt.

II.

Tücke 1 – 3 (und sicher gibt es noch mehr) sind eigentlich dringende Mahnungen, die Geschichte den Historikern zu überlassen und die Politik bei ihren „Leisten“ zu belassen. Wenn da nicht eine 4. Tücke wäre, ein Fakt: Die Politik von gestern schrieb die Geschichte von heute – mit. Und die Politik von heute beeinflusst, was morgen als Geschichte gelten wird. Deshalb lassen sich Visionen ebenso wenig von der Geschichte trennen, wie daraus erwachsene politische Ambitionen. Um es praktisch zu sagen: Ich bin in der DDR groß geworden. Ich habe weit mehr Normalität als richtig und für ausbaufähig gehalten, als störend oder erdrückend. Aber ich könnte heute nicht ehrlich im Bundestag gegen die zunehmende Video- und immer maßloser werdende elektronische Überwachung opponieren, wenn ich nicht zugleich zu der Erkenntnis gekommen wäre: Das System MfS, also das System SED, also das System realer Sozialismus, also die sowjetische Prägung, all das von mir mitgelebte, war keine wahrhafte Alternative, ist keine Zukunftsantwort. Jedenfalls nicht, wenn man - wie ich - für einen demokratischen, also auch libertären Sozialismus eintritt.

Dass gerade zu dieser Frage in der PDS derzeit ein heftiger Streit geführt wird, dürfte sich herumgeschrieben haben. Ich wünschte mir dazu mehr gesellschaftliche Kontroversen, denn „Basta“ oder „das war schon immer so“, sind keine Aufbrüche. In eigener Sache bleibe ich dabei: Die PDS muss sich zu einer modernen sozialistischen Bürgerrechts-Partei weiterentwickeln. Was auch heißt: Die sozialistische Alternative zur real-existierenden Bundesrepublik Deutschland beinhaltet einen Bruch mit dem real-existierenden Sozialismus der DDR. Allerdings einen anderen, als ihn die real-existierende Bundesrepublik Deutschland vollzieht.

III.

Wenn es um die Berliner Mauer geht - sie war nicht nur Symbol, sondern zugleich Staats- und Systemgrenze - dann werden zumeist zwei Daten aufgerufen: der 13. August 1961 und der 9. November 1989, also die Verfestigung der deutschen Teilung und das Ende des DDR-Grenzregimes. Locker formuliert könnte ich sagen: Beide Daten haben erst auf dem zweiten Blick etwas mit mir zu tun. Denn 1961 war ich noch nicht geboren und den weltbewegenden Abend des 9. November habe ich schlicht verschlafen. (In den letzten Wochen wurde ich ja gelegentlich ermahnt, nicht von Dingen zu reden, bei denen ich nicht dabei war...)

Unterstellt, dass die DDR 1961 vor der Alternative stand, ihre Grenzen zu sichern, um den sozialistischen Versuch fortführen zu können, oder den sozialistischen Versuch bereits damals aufzugeben. Unterstellt, dass 1961 in Berlin nicht nur über und schon gar nicht allein durch die DDR entschieden wurde. Unterstellt, dass seinerzeit nicht nur eine weitere Ausreisewelle die DDR belastete, sondern ein System-Krieg noch immer politisch-strategisch als denkbar galt. All das unterstellt, ist der 13. August 1961 nicht mein zentrales Denk-Datum.

Meine Fragen sind:  Warum begann nicht ab dem 14. August 1961 ein zunehmendes Nachdenken darüber, wie das Grenzregime liberalisiert werden kann? Warum haben wir (die SED), den „Helsinki“-Prozess der 70er Jahre als außenpolitisch entspannend gefördert, die innenpolitischen Spannungen aber ignoriert? Warum war die SED-Führung (und nicht nur sie) unfähig zu erkennen, dass dieser reale Sozialismus-Versuch - selbst für Linke – immer weniger Anziehungskraft ausstrahlte?

IV.

Als im Sommer 1989 Hunderttausende die DDR verließen, hatte Erich Honeckergerade den vielzitierten Satz gesprochen: „Die Mauer wird in 50 Jahren und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.“ (Juni 1989) Er sprach ihn in Richtung Westen, im Osten aber entfaltete er seine Wirkung. Gerade auch bei jenen, die die Mauer nicht (mehr) als antifaschistischen Schutzwall, dafür aber längst als real-sozialistischen Trutz-Wall sahen. Es ist verbürgt, dass viele Pfarrer und Pastoren sich seinerzeit mühten, Ausreisewillige zurück zuhalten, allemal wenn es sich um sozial-engagiert, linke Kritiker handelte. “Bleibt doch hier!“, war Teil ihrer Fürbitte, eine Einladung.

Linke in der Alt-BRD kannten einen anderen Spruch. “Geht doch rüber!“, wurde ihnen häufig nahe gelegt, eine Ausladung. Der Spruch von den „vaterlandslosen Gesellen“ erscheint so in völlig neuem Licht. Vielleicht kann man es als urdemokratische Abstimmung deuten: Die meisten Wessis wollte nicht „rüber“, allzu viele Ossis wiederum wollten nicht „bleiben“.

Am 13. August 1961 wurde seitens der DDR das Ziel eingebaut, einen Sozialismus zugestalten, der sich gegenüber dem kapitalistischen System als anziehend-überlegen erweist. Die Frage, ob dies erreicht sei, wurde endgültig  1989 mit DDR-Mehrheit und mit Nein beantwortet - eine historische Niederlage! Wobei sich ein „Mittel zum Zweck“, nämlich die Berliner Mauer, letztlich als Barriere in eigener Sache erwies. Sozialistische Welt-Anschauung wurde in der DDR groß geschrieben. Die widersprüchliche Welt anschauen – aus verschiedenen Gründen - klein.

V.

Es geht nicht, über die Berliner Mauer zu sprechen und dabei Zwei-Drittel Berlins auszublenden, nämlich Berlin-West. Politisch war es das, wozu es subventioniert wurde: Ein Stachel wider die DDR. So wie die Hauptstadt der DDR als Schaufenster wider den Westen bemüht wurde. Aber weder in Ost-, noch in Westberlin lebten Schaufenster-Puppen oder Stachel-Tiere, sondern Berlinerinnen und Berliner unterschiedlichster Couleur. Ich greife hier noch mal auf das Gesprächs-Protokoll Chrustschow-Kennedy vom Juni 1961 zurück. Chrustschow warnte damals den US-amerikanischen Präsidenten sinngemäß: Wer gegen Fidel Castro und die damit verbundenen Hoffnungen agiere, treibe die cubanische Bevölkerung uns, den Kommunisten in die Arme. Der Vergleich mag hinken. Aber die Bevölkerung West-Berlins empfand wohl Ähnliches, nur mit umgekehrtem Vorzeichen... und das lebt fort.

Es bleiben Wunden, Verluste, Tote, beiderseits der Mauer... allzu Menschliches und Unmenschliches.

VI.

Ein Manko, das sich 1989 in der DDR Bahn brach, war das Defizit an Demokratie. Nicht die Abwesenheit von Demokratie, denn die DDR kannte Mitbestimmungen, die in der BRD noch immer Tabus sind. Aber auf zentralen politischen Feldern, etwa bei freien Wahlen, war die DDR-Demokratie amputiert. Sie waren qua Sozialismus-Modell und per Verfassung nicht vorgesehen.Ich habe gelernt: Demokratie hat etwas mit Mitbestimmung und Mitbestimmung hat etwas mit Selbstbestimmung zu tun. Damit meine ich nicht die Souveränität des Staates, sondern die seiner Bürgerinnen und Bürger. Und ich lese bei Friedrich Engels: Der Liberalismus sei die Wurzel des Sozialismus. Ob souveräne DDR-Bürger im August 1961 mit Mehrheit dieser Grenzsicherung zugestimmt hätte – ich weiß es nicht und ich kenne auch keine seriösen Forschungs-Ergebnisse. Für den Fall der Mauer lässt sich dies wohl klar  beschreiben. Damit meine ich nicht den arrogant-selbstherrlichen Coup eines Schabowski, der am 9. 11. 1989 in Westen-Taschen-Manier scheinbar Weltgeschichte schrieb. Im Grunde war das die alte Polit-Büro-Manier. Nein, historisch war aus meiner Sicht etwas anderes. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Volk als Souverän eingesetzt. “Wir sind das Volk“, hieß der Anspruch. Und Bürgerrechte, wie Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit und Reisefreiheit, waren zentrale Forderungen an eine sozialistische DDR. Dass in diesem Kontext die Mauer friedlich fiel, dass es in diesem historischen Moment keine verzweifelte, letzte Staats-Gewalt gab, das war ein vielseitig getragenes demokratisches Merk-Mal.

VII.

Das im Rahmen der Konferenz vorgestellte Dokument, das Gesprächsprotokoll Chrustschow-Kennedy vom 3./4. Juni 1961, unterstreicht, das die DDR nicht souverän war, auch nicht die BRD. Beide waren abhängige, untergeordnete Bestandteile größerer Zusammenhänge, Systeme. Das mag vordergründig vermitteln: Anfragen und Beschwerden sind höheren Ortes zu stellen! Was ich für falsch hielte, denn es gab ein Maß an Eigenverantwortung, das nicht delegierbar ist. Gleichwohl sollten wir uns vielleicht auch fragen, warum beide Deutschländer nicht souverän waren? Mauer und Teilung waren keine schicksalhaften, aus der Luft gegriffenen „nationalen Strafen. Sie waren auch ein Ergebnis dessen, wie sich Deutschland über 100 Jahre in die Welt eingebracht hat: Mit verheerenden Kriegen, mit todbringender Überhöhung, mit maßlosem Kapitalstreben. Und zugleich unfähig, sich selbst vom Faschismus zu befreien. Die „Mauer“ ist also nicht nur Geschichte, sie „schrieb“ nicht nur Geschichte, sie hat auch eine Vorgeschichte, und all das wirkt nach. Womit ich bei einer abschließenden Beobachtung wäre.

VIII.

Die Deutschen – hüben wie drüben - haben im Schatten der Mauer jahrzehntelang tief verinnerlicht, dass sie jeweils die guten Deutschen seien. Eben, weil sie nicht die anderen Deutschen - diesseits oder jenseits der Mauer - waren. Dieses Glaubens- und Trennungsmuster funktioniert auch noch 12 Jahre nach ihrem Fall. Solange diese Mentalitäten aber „funktionieren“ und bedient werden, so lange haben wir nicht zueinander gefunden, auch nicht zu uns. “Das ist das Beunruhigende“, schrieb mir ein Freund dieser Tage. Ich grübele noch. Denn wer oder was sind „wir Deutschen“? Und vor allem: was machen und wollen wir, wenn wir zueinander gefunden haben?

Podiumsbeitrag bei der Mauer-Konferenz

Termin:

30. Mai 2001

Ort:

rls