Publikation International / Transnational - Amerika Che Guevara und Altar

Reisebericht aus Brasilien. von Evelin Wittich

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Autorin

Evelin Wittich,

Erschienen

September 2001

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Reisebericht aus BrasilienAn einem kalten sonnigen Wintermorgen im Juli dieses Jahres bestiegen wir in Porto Alegre, der Hauptstadt des Staates Rio Grande du Sol in Brasilien, einen Kleinbus. Ziel unserer Fahrt waren ein Campamento und ein Assentamento der Landlosenbewegung, die als eine der mächtigsten, wenn nicht sogar als die mächtigste soziale Bewegung in Lateinamerika angesehen werden kann.

Erst am Tag zuvor hatte ich die Begriffe Campamento und Assentamento kennengelernt. Campamentos sind die Lager der Landlosenbewegung, mit Assentamento wird das von ihnen genutzte Territorium bezeichnet, das die Landlosenbewegung im Ergebnis ihres Kampfes erhalten hat.

In der Landlosenbewegung sind etwa zehn Millionen Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsgruppen organisiert, vor allem aus den Faveljas - den Slums am Rande der Großstädte. Ihr Ziel ist es, sich eine Chance für eine menschenwürdige Existenz zu erkämpfen; es geht um die Aufhebung der mit der Kolonialisierung gegründeten riesigen - sowohl privaten als auch staatlichen - Haziendas, die zu großen Teilen brachliegen und nicht genutzt werden.

Eng gedrängt sitzend, stimmten uns unsere Gastgeber - zwei junge Familien, die die Gelegenheit genutzt hatten, in der Stadt noch ein paar Dinge zu erledigen - auf der einstündigen Fahrt ein. Während wir am Stadtrand von Porto Alegre links und rechts der Straße mit der Armut in den Faveljas konfrontiert wurden, erfuhren wir, daß ihr Campamento seit einem Jahr existiere und wir als Gäste zur Jahresfeier geladen seien. In der Regel würden die Campamentos nur weitab von befestigten Straßen und damit fern der Öffentlichkeit geduldet. Dieses Lager jedoch genieße das Privileg, direkt am Rand einer Landstraße siedeln zu dürfen. Das ist auf die Politik der Partei der Arbeiter (PT) zurückzuführen, die im Lande Rio Grande du Sol über großen Einfluß verfügt.

Der Anblick des Lagers, das aus schwarzen Folienzelten besteht, hob nicht unbedingt meine gedrückte Stimmung. Hatten wir doch kurz zuvor gehört, daß die Landlosenbewegung in den Campamentos jährlich etwa zweihundert Todesopfer zu beklagen habe. Haziendabesitzer versuchen gemeinsam mit der Polizei immer wieder, die Landlosen durch bewaffnete Angriffe einzuschüchtern und zu vertreiben.

Am Treffpunkt auf einem Platz im Wald hatten sich viele Bewohner versammelt. Von einem bekannten Sänger erklangen Lieder, die vom Kampf um Gerechtigkeit handelten. Nach der Aufführung eines kurzen Stücks über das Hauptziel der Landlosenbewegung - Land und seine Bewirtschaftung -, das von den Vortragenden selbst geschrieben und gespielt wurde, sprachen zwei Männer und eine Frau über die Arbeit im Campamento. Von den mehr als dreihundert Familien haben inzwischen zweihundert Familien Land erhalten. Wer Land, das die Regierung zur Verfügung stellt, erhält, entscheidet das Los. Während und zwischen den Reden erscholl immer wieder der Ruf "Venceremos".

Die drei erzählten, wie sie gemeinsam lernen, Landwirtschaft zu betreiben und sinnvoll zu wirtschaften. Im Mittelpunkt steht dabei die künftige Arbeit in Gemeinschaftsformen, vor allem in Genossenschaften. Es besteht allerdings kein Zwang, sich nach dem Erhalt von Land in Genossenschaften zu organisieren. Wer als Einzelbauer wirtschaften möchte, kann das tun.

Meine anfänglichen Beklemmungen wichen endgültig, als wir das Lager besichtigten und einen Eindruck von dem außerordentlichen Selbstbewußtsein, aber auch von Solidarität und Willensstärke gewannen. Die Schule besteht wie alle Unterkünfte aus schwarzen Folienzelten auf festgestampftem Fußboden und gerade noch diensttauglichen Stühlen mit angebrachtem Miniklapptisch und natürlich einer Tafel. An den Wänden erzählten Kinderzeichnungen von den Wünschen und Träumen der Kinder: ein Haus für die Familie und eigene Tiere. Für das Festessen hatte ein Assentamento, in dem ehemals Landlose in einer Genossenschaft arbeiteten, zwei Schweine gestiftet, die auf offenem Feuer gegrillt wurden. In den Gesprächsrunden ging Mate - ein grüner Tee, der auf besondere Weise zubereitet wird - von Hand zu Hand. Obwohl alle wußten, daß wir von der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Deutschland kamen, bat uns niemand um die Finanzierung eines Projektes. Eine Nochlandlose sagte uns, daß sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte, bevor Freunde sie ermutigten, sich der Bewegung anzuschließen. Und sie fügte hinzu, daß das Leben hier einen Sinn habe: Wir sind arm; aber wir sind es in Würde.

Die Fahrt zu dem nächstgelegenen Assentamento führte weiter in den Süden. Noch bevor wir es erreichten, machte uns unser Begleiter auf kleine Haziendas aufmerksam, die privat bewirtschaftet werden und die zu dem Land gehören, das die Landlosenbewegung erhalten hat. Achtzehn Familien entschieden sich dafür, die anderen 38 begannen die Arbeit in einer Genossenschaft. Alle gemeinsam nutzen ein Gemeinschaftsgebäude. Ein Blick in den Veranstaltungsraum offenbart die Welt der hier Lebenden: ein großes Bild von Che Guevara an der Wand und ein liebevoll geschmückter Altar daneben.

Wir sahen eine freundlich helle Grundschule, gingen vorbei an den sehr individuell gestalteten Häusern der Familien, die nacheinander von allen erbaut wurden und gelangten zur Hühnerfarm, den Weiden der Rinder mit einer Kälberweide sowie einem Melkkarussell und sahen aus der Ferne ein großes Freigehege für Schweine. Besonders stolz waren die Genossenschaftler offensichtlich auf ihre Fischwirtschaft, die ein See auf ihrem Territorium ermöglichte, und auf den Gemüseanbau. Produziert wird in erster Linie für den Eigenbedarf. Da die Genossenschaft offenbar erfolgreich wirtschaftet, betreibt sie in der nächstgelegenen Stadt einen Supermarkt, in dem auch eigene Produkte verkauft werden.

Wie kann eine Bewegung ihren Erfolg und den Sinn ihres Kampfes eindrucksvoller demonstrieren? Für diese Menschen hat gegen Widerstand und Widrigkeiten eine lebenswerte Zukunft begonnen.