Publikation Stadt / Kommune / Region - Klasse - Wohnen Wem zahle ich eigentlich Miete?

Den finanzialisierten Immobilienmarkt verstehen: Ein Recherchehandbuch für Mieter*Innen

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Erschienen

Februar 2019

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Berlin war einmal gekennzeichnet von niedrigen Mieten und unterbewerteten Immobilien. Die Einkommen liegen noch heute unter dem Bundesdurchschnitt. Doch schon Anfang der 1990er Jahre entdeckten Immobilieninvestoren die Stadt. Sie wurde zum Selbstbedienungsladen für aggressive Investoren, gefüllt mit Schnäppchen und verstaubten Juwelen. Damals machte Immobilienshoppen richtig Spaß. Heute, nachdem sich die Preise für Gebäude verdreifacht haben, hat der Spaß zwar nachgelassen, aber es lohnt sich noch immer. Berlin war Jahrzehnte lang ganz anders als Städte wie Paris oder London mit ihren sehr teuren Zentren und immer billiger werdenden Peripherien. Die Angleichung findet gerade statt, vor unseren Augen. In Zeitlupe, weil alles, was mit Bau zu tun hat, lange dauert und man es deswegen erst mitkriegt, wenn es fast zu spät ist. Was den Trend beschleunigt: die gewaltigen Geldmittel, die Investoren zur Verfügung stehen. Die Menge an verfügbarem Geld war nie so groß wie heute. Seitdem die Zinsen der wichtigen Zentralbanken quasi auf null sind,  sind riesige Geldmassen auf der Suche nach rentablen Investments. Berliner Immobilien stehen an oberster Stelle.

Mit dem Phänomen des billigen Gelds auf der Suche nach Rendite geht die Finanzialisierung des Immobilienmarktes einher. Das heißt, Techniken und Methoden aus der Finanzwelt werden auf den Immobilienmarkt angewandt. Die Zeiten, in denen ein Mensch ein Gebäude besaß, dass er vermietete, verschwinden langsam. Immer öfter gehören Gebäude einer Firma, die wiederum einer Firma gehört, die vielleicht an der Börse notiert ist oder in einem Immobilienfonds liegt. Finanzialisierung bedeutet, dass Immobilien möglichst schnell mit möglichst hoher Wertsteigerung weiterverkauft werden können und sogar müssen – denn allein mit den Mieten lassen sich jährliche Renditeerwartungen von zehn Prozent oder mehr oft nicht erfüllen. Bevor Anleger diese Renditen jedoch zu Gesicht bekommen, werden erst einmal Investmentmanagern fürstliche Gehälter ausgezahlt, für die am Ende auch die Mieter aufkommen. Komplexe, länderübergreifende Firmenkonstrukte ermöglichen es, so gut wie alle Steuern zu vermeiden, und bieten den Investoren Anonymität – schmutziges Geld aus organisierter Kriminalität und Korruption kann in solchen Konstrukten leicht gewaschen werden.

Mieter wissen nur, an welche Firma sie unmittelbar ihre Miete überweisen, aber wem sie letztendlich zufließt, verliert sich meistens in den Verästelungen einer komplexen Firmenstruktur. Mieter, die keine einschlägige Ausbildung haben, sind oft überfordert, wenn sie feststellen wollen, wem ihre Miete letztendlich zufließt. Aber auch die für die Erhaltungsgebiete zuständigen Behörden wissen oft nicht, wie sie die eigentlichen Besitzer eines Hauses erreichen können, wenn eine Briefkastenfirma in Luxemburg dazwischengeschaltet ist. Dafür gibt es jetzt Abhilfe, in Form dieses Handbuchs. Es soll Mietern und anderen Interessierten helfen, zwei Fragen zu beantworten:

  • Wem gehört meine Wohnung?
  • Wer verdient an meiner Miete?

Wer bei der eigenen Wohnung anfängt, versteht Schritt für Schritt, wem die Stadt gehört, wer von den Privatisierungen und dem wachsenden finanzialisierten Immobilienmarkt profitiert und was sich ändern muss.

Inhalt:

  • Warum dieses Handbuch?
  • Was die Zossener Straße über das Berliner Wohnungseigentum lehrt
    Das Haus Zossener Straße 5
    Direkt gegenüber: das Haus Zossener Straße 48
    Das Haus Zossener Straße 16 – das andere Ende der Skala
  • Fazit – die Umwandlung von Immobilien in Firmen als Instrument
  • Auf der Suche nach Menschen
    Schritt 1: das Grundbuch als Startpunkt für die Recherche
    Schritt 2: den Eigentümer hinter einer Firma finden
    Schritt 3: den Überblick bewahren: der direkte Weg zur Muttergesellschaft
    Schritt 4: andere Häuser desselben Eigentümers finden
  • Auf der Spur des Geldes
    Schritt 5: Jahresabschlüsse finden
    Schritt 6: Mietflüsse nachvollziehen
    Schritt 6.1: Hauswert und Mieteinnahmen vergleichen
    Schritt 6.2: Kosten und Gewinne trennen
    Schritt 6.3: den Vermieter verstehen
  • Über den eigenen Tellerrand geschaut
    Schritt 7: Vermieter einordnen und vergleichen
  • Linksammlung
  • Checkliste für die Recherche

Autoren:

Adrian Garcia-Landa studierte Philosophie in Paris und Film in Wien. Heute arbeitet er als freier Journalist in Berlin. Davor arbeitete er mehrere Jahre als Texter in einer österreichischen Werbeagentur und als freier Marktanalyst für Unternehmensberatungen in Deutschland und Frankreich. Daneben macht er Projekte, um Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund zu stärken. Zum Thema Immobilien kam er durch Zufall: Ein benachbartes Antiquariat wurde vom Investor Taliesin verdrängt. Er hat das Glück, einen Vermieter mit wenig Ahnung von Immobilienwirtschaft zu haben.

Christoph Trautvetter ist Public-Policy-Experte und Unterstützer des Netzwerks Steuergerechtigkeit. Er arbeitet daran, die Mehrheit der ehrlichen Steuerzahler und Mieter gegen die Minderheit der Steuervermeider, gegen aggressive Immobilieninvestoren und Profiteure von illegitimen Finanzströmen zu mobilisieren. Er hat unter anderem als forensischer Sonderprüfer für die KPMG AG, im Haushaltausschuss des Europaparlaments und als Fellow bei Teach First Deutschland gearbeitet. Trautvetter hat einen Master of Public Policy von der Hertie School of Governance und einen Bachelor of Arts (Philosophy & Economics) von der Universität Bayreuth.