Publikation Arbeit / Gewerkschaften - Digitaler Wandel - Digitalisierung der Arbeit Automatisierung: ist es diesmal wirklich anders?

Eine Sammelbesprechung

Information

Reihe

Artikel

Autorin

Judy Wajcman,

Erschienen

Dezember 2019

Bestellhinweis

Nur online verfügbar

  • Martin Ford: The Rise of the Robots: Technology and the Threat of Mass Unemployment, London 2016 (dt.: Aufstieg der Roboter. Wie unsere Arbeitswelt gerade auf den Kopf gestellt wird – und wie wir darauf reagieren müssen, Kulmbach 2016).
  • Richard Susskind/Daniel Susskind: The Future of the Professions: How Technology Will Transform the Work of Human Experts, Oxford 2015.
  • Erik Brynjolfsson/Andrew McAfee: The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies, New York 2014 (dt.: The Second Machine Age. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird, Kulmbach 2014).
  • John Urry: What Is the Future?, Cambridge 2016.

Ich habe aufgehört zu zählen, an wie vielen Konferenzen zu Robotern, Künstlicher Intelligenz (KI) und der Zukunft der Arbeit ich schon teilgenommen habe. Die Vorhersage der Zukunft ist wieder zum Big Business geworden, was sich unzweifelhaft an der Vielzahl der Neuerscheinungen zu diesem Thema ablesen lässt – die oben genannten sind nur eine kleine Auswahl aus diesem Genre.

Solche Konferenzen laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Es werden ein paar menschenähnliche Roboterköpfe vorgeführt, die oft weibliche Namen haben, und wir werden aufgefordert, mit ihnen zu interagieren, damit sich der Wow-Effekt einstellt. Dann erzählt uns, dem laienhaften Publikum, ein Panel von Computerfreaks von ihren erstaunlichen Fortschritten und dass sie kurz davor sind, den Turing-Test zu bestehen (was dann der Fall wäre, wenn sich die Interaktion mit sozialen Robotern nicht mehr von einer menschlichen Interaktion unterscheiden ließe). Es folgen einige Ökonomen, die die verheerenden Auswirkungen der Spitzentechnologie auf die Zukunft der Arbeitsplätze abschätzen. Und zum Schluss dürfen sich auch ein paar Futuristen äußern, von denen einige sogar von der sogenannten Singularity University kommen.2 Einmal habe ich ganz naiv einen von ihnen gefragt, wo diese Universität ihren Sitz habe, worauf mir geantwortet wurde: «Es ist nicht wirklich eine Universität»! Mensch, das ist ein Geisteszustand.

Ich werde zunächst die vorherrschenden Prognosen zur Beschäftigungsentwicklung skizzieren, dann etwas zu den Übertreibungen hinsichtlich Automatisierung, Robotik und KI sagen und abschließend begründen, warum wir mehr Bücher wie Urrys «What Is the Future?» brauchen, die auf kritische Distanz zu diesem futuristischen Diskurs gehen.

Beginnen wir mit Fords «Aufstieg der Roboter», dem Financial- Times-Business-Buch des Jahres 2015. Es handelt sich um ein lobenswertes Sachbuch, das auf spannende Weise schildert, wie sich eine zunehmend automatisierte Wirtschaft auf die modernen Arbeiterinnen auswirken wird. Von der Fertigung bis zu den Dienstleistungen, von der Hochschulbildung bis zum Gesundheitswesen werden unzählige Entwicklungen in der KI angesprochen, die laut Ford keinen Beruf unberührt lassen werden. Der Umfang des Buches ist beeindruckend. Es bietet nicht nur einen verständlichen Überblick über die neuesten Fortschritte in der Automatisierung, sondern informiert auch umfassend über die wirtschaftlichen und politischen Debatten zur Zukunft der Arbeit.

Es ist ein durchdachtes Buch, und auch wenn Geschichte nicht gerade Fords Stärke ist, räumt er doch ein, dass die Angst vor technologischer Arbeitslosigkeit nicht neu sei. Sogar die Ludditen werden erwähnt. Der Kern seines Arguments ist jedoch klar. Alle hier besprochenen Bücher sind sich darin einig: «Diesmal ist es anders.» Ja, die Massen, die aus der Landwirtschaft geworfen wurden, fanden in Fabriken Arbeit, ja, es gab die Ausweitung des Dienstleistungssektors. Aber diesmal ist es wirklich anders. Eine neue Zukunft steht uns bevor, und sie ist erschreckend. Fords Buch ist gespickt mit Wörtern und Ausdrücken wie «beängstigend», «Wendepunkt» und «äußerst kritische Lage».

Laut Ford hat die Informationstechnologie (IT) einen bahnbrechenden Charakter; sie sei eine zerstörerische Kraft, wie es sie bisher noch nie in der Geschichte gegeben habe. Denn durch sie würden nicht nur Geringqualifizierte ersetzt werden, sondern auch hoch qualifizierte Fachkräfte Gefahr laufen, von Maschinen abgelöst zu werden. Während frühere Automatisierungswellen letztlich mehr Reichtum und neue Beschäftigungsbereiche geschaffen hätten, erlebten wir heute eine grundlegende Veränderung im Verhältnis zwischen Arbeitern und Maschinen. Denn Maschinen seien keine Werkzeuge mehr, sondern würden sich in Arbeiter verwandeln. «Angetrieben wird dieser Fortschritt natürlich von der nicht erlahmenden Innovation im Bereich der Computertechnologie», schreibt Ford (dt. S. xii). Wie üblich wird das mooresche Gesetz angeführt, um die Unerbittlichkeit des sich beschleunigenden technischen Fortschritts zu beweisen.

Die bekannten Kommentatoren und Journalistinnen, ganz zu schweigen von den Unternehmensberatern, scheinen sich genüsslich auf diese düstere Vision mit ihrem frankensteinschen Beigeschmack zu stürzen. Sie ist das, was Urry in seinem Buch den «neuen Katastrophismus» nennt: Wir stehen in Ehrfurcht – und entsetzter Erwartung – vor dem, was wir selbst geschaffen haben, und warten auf die verheerenden Folgen.

Der Text erschien in gedruckter Form in:

Butollo, Florian / Nuss, Sabine (Hrsg.)
Marx und die Roboter
Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit

Mit Beiträgen von Florian Butollo,Timo Daum, Kristina Dietz, Franza Drechsel, Christine Gerber, Felix Gnisa, Frigga Haug, Georg Jochum, Elena Louisa Lange, Christian Meyer, Kim Moody, Phoebe Moore, Nadine Müller, Sabine Nuss, Sabine Pfeiffer, Simon Schaupp, Dorothea Schmidt, Sebastian Sevignani, Karsten Uhl, Judy Wajcman.

352 Seiten, Broschur.
ISBN 978-3-320-02362-1
Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2019

Auf Englisch ist der Text im British Journal of Sociology erschienen: Judy Wajcman: Automation: Is it really different this time?, in: The British Journal of Sociology, Vol. 68 (2017), Nr. 1, S. 119–127, published by John Wiley & Sons Ltd., Oxford, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags; Übersetzung aus dem Englischen von Christian Frings.

Was sind nun die empirischen Belege für Fords These? Interessanterweise hält Ford in der Mitte des zweiten Kapitels inne, um nicht auf zu platte Weise die von ihm ausgemachten beunruhigenden wirtschaftlichen Trends allein auf die fortschrittlichen Technologien zurückzuführen. Aber dann bekräftigt er sofort aufs Neue, dass die unerbittliche Beschleunigung der IT-Entwicklung einen Sonderfall darstelle, und erklärt bezeichnenderweise: «Ansonsten überlasse ich es gerne den Wirtschaftshistorikern, sich genauer mit dem Datenmaterial zu befassen» (dt. S. 82). Beweise werden weitgehend in Form von anschaulichen Geschichten über die Leistungen von Big Data und «tiefgehendem» maschinellem Lernen (deep learning) präsentiert. Dabei stehen künstliche neuronale Netze im Vordergrund – Systeme, die nach den gleichen grundlegenden Funktionsprinzipien wie das menschliche Gehirn konzipiert sind und mit denen Bilder oder gesprochene Wörter erkannt oder Sprachen übersetzt werden können. Solche Systeme stehen bereits hinter Siri von Apple und sie könnten Art und Anzahl der wissensbasierten Arbeitsplätze verändern. Wenn IBMs Watson bei der Quizshow «Jeopardy!» gewinnen und Googles KI die Gesichter von Katzen auf der Grundlage von Millionen von YouTube-Videos erkennen können, dann werden nach der Vermutung von Ford nur noch wenige Jobs übrig bleiben.

Wie fast alle anderen zitiert er Frey und Osborne von der Oxford Martin School, deren These, dass etwa die Hälfte der US-Jobs in den nächsten zwei Jahrzehnten von der Automatisierung bedroht sein werden, endlos wiederholt wird.3 Diese Schätzung basiert übrigens auf einem Algorithmus, der die Anfälligkeit verschiedener Berufe (und nicht der Aufgabeninhalte einzelner Jobs) gegenüber Automatisierung vorhersagt. Diese Vorgehensweise ist zwar grundlegend kritisiert worden, was aber nichts daran geändert hat, dass diese Schätzung weiterhin ständig zitiert wird.4 Sie sind beide nette Kerle, also viel Glück für sie, aber die unkritische Verbreitung ihrer Ergebnisse ist ein weiterer Beweis dafür, mit welchem Vergnügen – oder sogar Stolz – wir uns der Vorstellung hingeben, dass wir einer von Menschen geschaffenen und auf der Arbeit von Robotern beruhenden Utopie/Dystopie entgegensehen.

Die Übertreibungen hinsichtlich KI haben ein solches Ausmaß erreicht, dass kürzlich sogar die Fachzeitschrift New Scientist (16. Juli 2016) fragte: «Wird die KI-Blase platzen?» Die Autorin weist auf den, in der Wissenschaftssoziologie bekannten, Umstand hin, dass Metaphern eine wichtige Rolle spielen, um uns davon zu überzeugen, dass diese Maschinen menschliche Fähigkeiten erwerben können. Aber künstliche neuronale Netze «lernen» nicht wie wir, «kognitive» Computer denken nicht und «neuronale» Netze sind keine Neuronen. Die Sprache wird bewusst mit Anthropomorphismen gesättigt. Statt uns um den gefürchteten Moment der Singularität zu sorgen, sollten wir uns mit der Dominanz einer kleinen Anzahl von Unternehmen, die über diese Rechenleistung verfügen, und den sich daraus ergebenden sozialen Folgen beschäftigen. Durch unsere Besessenheit von der angeblich bevorstehenden Roboterrevolution gehen solche politischen Fragen nur allzu oft verloren.

Beim Blick in die Kristallkugel von Susskind/Susskind wirkt diese bevorstehende Revolution noch dramatischer als im Szenario von Ford. Während Letzterer glaubt, dass Berufe mit Hochschulbildung und im Gesundheitswesen relativ immun gegenüber Automatisierung sind, beziehen die Autoren von «The Future of the Professions» diese ausdrücklich in ihren dramatisierenden Befund zum Ende der Berufe, wie wir sie kennen, mit ein. In der Internetgesellschaft, schreiben sie, werden wir Ärzte, Lehrer, Buchhalter, Architekten, Geistliche, Berater oder Anwälte, die noch so wie im 20. Jahrhundert arbeiten, weder brauchen noch wollen. Obwohl dies zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen führen werde, sehen sie in diesem Trend eine positive Entwicklung, weil das Internet letztendlich das Fachwissen demokratisieren und die Menschen ermächtigen werde.

Judy Wajcman ist Professorin für Soziologie an der London School of Economics in London und hat eine Gastprofessur am Oxford Internet Institute, wo sie sich mit politischen Fragen von Künstlicher Intelligenz, Robotik und Maschinenlernen beschäftigt. Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Techniksoziologie.

Veröffentlichungen zusammen mit Nigel Dodd: The Sociology of Speed: Digital, Organizational, and Social Temporalities, Oxford 2017.

Unter Bezug auf Abbott5 skizzieren sie zunächst die historische Herausbildung von Berufen als der wichtigsten Form, in der Expertenwissen in den Industriegesellschaften institutionalisiert wurde. Bisher habe es zu dieser Form keine Alternative gegeben, da nur menschliche Fachleute über die komplexe Kombination aus formellem Wissen, Know-how, Expertise, Erfahrung und Fähigkeiten verfügten, die sie als «praktischen Sachverstand» bezeichnen. Aber nun stünden wir am Beginn einer Zeit grundlegender und unumkehrbarer, von der Technologie vorangetriebener Veränderungen, wie sie auch in den oben genannten Büchern vorhergesagt werden. Die Autoren sehen immer leistungsfähigere Maschinen – von der Telepräsenz bis zur KI – auf uns zukommen, durch die sich die Art und Weise, in der «praktischer Sachverstand» von Spezialisten der Gesellschaft zur Verfügung gestellt wird, grundlegend verändern werde. Diese intelligenten Maschinen, die autonom oder mit nicht spezialisierten Benutzern arbeiten, würden dann viele der Aufgaben erfüllen, die bisher einzelnen Berufen vorbehalten waren. Im Ergebnis werde es zu einer «Routinisierung und Kommodifizierung professioneller Arbeit» kommen, was stark an die Proletarisierungsthese von Braverman6 erinnert – allerdings ohne dessen politische Ökonomie. Hier sind die einzigen Akteure die Maschinen selbst.

Richard Susskind ist seit mehreren Jahrzehnten ein führender Analyst für die Auswirkungen der Technologie auf die Rechtsberufe und glaubt fest an die positiven Möglichkeiten des Informationsaustauschs über das Internet. Und das moralische Kernargument des Buches ist überzeugend. Wer würde nicht zustimmen, dass kostspielige und mit exklusiven Privilegien ausgestatte Eliten ein Anachronismus sind und dass wir stattdessen die umfassende Verbreitung von Expertenwissen fördern sollten? Die Autoren stellen sich ein Modell vor, bei dem die professionellste Beratung durch automatisierte IT-Systeme erfolgt und für die Nutzer kostenlos ist (so wie Wikipedia). Wieder einmal wird uns von der beispiellosen Beschleunigung der Fähigkeiten von IT, KI, Watson, maschinellem Lernen, Big Data und affective computing berichtet. Ihre zentrale These besagt jedoch, dass intelligente Maschinen, die sich auf riesige Datenmengen stützen, bessere Entscheidungen als fehlerhafte menschliche Experten treffen werden. Das archetypische Beispiel ist die Zahl von Fehlurteilen, die von müden Richtern nach dem Mittagessen gesprochen werden. Vielleicht wäre der Verzicht auf alkoholische Getränke beim Essen die einfachere Lösung!

Grundlegend stellt sich uns das Problem, dass Technologien nur so gut sind wie ihre Hersteller. Es häufen sich zunehmend Hinweise darauf, dass Algorithmen des maschinellen Lernens so wie alle früheren Technologien von ihren Entwicklern und deren Kultur geprägt sind. Ob Airbnb Gäste mit unverwechselbaren afroamerikanischen Namen diskriminiert, Google Stellenanzeigen für hoch bezahlte Jobs in erster Linie Männern und nicht Frauen zeigt oder datengestützte Tools zur Risikobeurteilung bei der «präventiven Polizeiarbeit» zum Einsatz kommen – die verschiedenen Formen der Diskriminierung reproduzieren sich auf den digitalen Plattformen und werden zum Bestandteil der Logik von alltäglichen algorithmischen Systemen.7 Selbst die viel gelobte Wikipedia ist verzerrt, zum Beispiel hinsichtlich der Repräsentation von männlichen und weiblichen Wissenschaftlerinnen. Die Susskinds stellen zwar zu Recht die Macht der Berufe infrage, aber den Aufstieg einer noch mächtigeren Elite männlicher weißer Silicon-Valley- Ingenieure, deren Werte und Vorurteile zwangsläufig in die von ihnen entworfenen technischen Systeme einfließen, scheinen sie zu übersehen. Die Politik der Algorithmen sichtbar, öffentlich und haftbar zu machen, könnte sich als noch schwieriger erweisen, als beispielsweise Anwälte zur Rechenschaft zu ziehen.

Ich stimme Brynjolfsson und McAfee zu, wenn sie in «The Second Machine Age» schreiben, dass die erfolgreichste Zukunft in der Zusammenarbeit von Maschinen und Menschen liege. Menschliche Wesen werden in der Kooperation mit Maschinen immer etwas Besonderes beizutragen haben. Erstens glaube ich nicht, dass sich das gesamte Wissen und die Erfahrung, der «praktische Sachverstand» von Fachleuten durch intelligente Onlinesysteme vermitteln lassen. Nehmen wir den Vorschlag, dass sogar das Problem der «Empathie» bei der Übermittlung schlechter Nachrichten im Krankenhaus durch einen Algorithmus auf Basis von «psychologischen und emotionalen Profilen» der Konsumenten gelöst werden könnte. Ganz abgesehen von den damit verbundenen Problemen des Datenschutzes begreifen die Susskinds nicht, welche Art von «nicht anerkannter» emotionaler Arbeit hier im Spiel ist, die schon heute an überwiegend von Frauen ausgeübte Hilfsberufe wie die Krankenpflege delegiert wird.

Tatsächlich wird der soziale Charakter von Kompetenz und Expertise, geschweige denn die Art und Weise, wie die Berufe traditionell um eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung herum strukturiert sind, in diesem Buch (und auch in allen anderen) in keiner Weise erwähnt. Wir mögen uns «von den großen Augen und dem liebenswerten Kichern affektiver Roboter angezogen fühlen», aber wenn wir den Einsatz von Robotern für die einfühlsame Betreuung älterer Menschen befürworten, verwechseln wir das äußere Erscheinungsbild der Pflege mit echtem Mitgefühl und wirklicher persönlicher Interaktion. Ohnehin wird uns jeder Robotiker sagen, dass zwischen den aktuellen Behauptungen darüber, was diese affektiven, geselligen Roboter technisch gesehen tun könnten, und dem, was sie wirklich können, Welten liegen. Vielleicht würde der angebliche Mangel an Arbeitskräften für die Altenpflege, der durch den Einsatz von Robotern kompensiert werden soll, schon dann verschwinden, wenn diese Arbeit höher geschätzt und zum Beispiel ähnlich gut wie Programmieren bezahlt werden würde. Oder noch radikaler formuliert, wenn wir Wohnungen und Städte so umgestalten würden, dass ältere Menschen nicht mehr an getrennte Orte verbannt werden müssen, sondern in das allgemeine gesellschaftliche Leben integriert werden könnten. Aber derartige Überlegungen gehen weit über den Horizont all dieser Bücher hinaus.

«The Second Machine Age» ist noch das Beste von ihnen. Auch wenn sie von ähnlichen Befunden ausgehen, stellen Brynjolfsson und McAfee sehr viel ausgewogener die positiven und negativen Auswirkungen der Automatisierung auf die Beschäftigung dar. Das Buch war äußerst einflussreich und hat eine Reihe von Nachahmern inspiriert (zum Beispiel den Präsidenten des Weltwirtschaftsforums in Davos, Klaus Schwab, zu seinem Buch «Die vierte industrielle Revolution»). Allein schon die Titel dieser Bücher wären einen Artikel wert. Die Geschichte der Technologie beginnt hier mit der industriellen Revolution («das erste Maschinenzeitalter») und unser Interesse an KI stammt aus den 1950er-Jahren. Wer sich daran erinnern will, dass wir schon seit viel Längerem von der Vitalität der Maschinen fasziniert sind, dem schlage ich einen kurzen Besuch der aktuellen Roboter-Ausstellung im Londoner Science Museum vor.

Brynjolfsson und McAfee sind letztlich optimistisch, was die Arbeitsplätze betri€, die durch die digitale Revolution entstehen werden. Sie stimmen zu, dass Innovationen wie das fahrerlose Auto und 3D-Drucker viele Arbeitsplätze vernichten werden. Aber mit den richtigen politischen Maßnahmen könnten uns diese Fortschritte eine glückliche Zukunft mit weniger Plackerei, mehr kreativer Arbeit und größerer menschlicher Freiheit bescheren. Gezieltes Eingreifen ist für sie entscheidend angesichts der besorgniserregenden Trends, die sie ausmachen: Polarisierung des Arbeitsmarktes, zunehmende Einkommensungleichheit und eine Ökonomie, in der die «Sieger» alles bekommen. Aber wenn wir «mit den Maschinen, anstatt nur gegen sie arbeiten», könnten wir ihrer Ansicht nach unsere einzigartigen menschlichen Qualitäten der Kreativität, des Ideenreichtums und der Kommunikation dazu nutzen, höherwertige Arbeitsplätze im Bereich des kreativen Schreibens, der digitalen Wissenschaften und der unternehmerischen Tätigkeiten zu schaffen. Obwohl auch sie die Technologie verdinglichen und als eine neutrale, unau‚altsame Kraft behandeln, die diese Veränderungen herbeiführt, plädieren sie vehement für staatliche Investitionen in Bildung und Infrastruktur, mit denen sich ihre Auswirkungen beeinflussen lassen. Im Unterschied zu Urry sind für sie nur die Auswirkungen der Technologie politisch, nicht aber deren Ursachen.

Interessanterweise schlagen sie wie Ford ein garantiertes Mindesteinkommen als eine praktische Lösung für das Problem der technologischen Arbeitslosigkeit vor. Dass diese Idee jetzt wieder im gesamten politischen Spektrum populär geworden ist, macht mich ein wenig skeptisch. Der Vorschlag ruft sofort das Bild einer Gesellschaft hervor, in der die Technikfreaks des Silicon Valley weiterhin mit ihren 24-Stundenan- 7-Tagen-Arbeitszeiten erfolgreich sind, während die Zurückgebliebenen dafür bezahlt werden, dass sie vor der Glotze hängen und schlafen (was heute angeblich die Arbeitslosen tun). Die Idee des Grundeinkommens hat eine lange und solide Geschichte und ich verfolge mit Interesse, welche Versuche zu seiner Einführung zum Beispiel in Finnland oder den Niederlanden unternommen werden. Aber in der gegenwärtigen Situation sollten wir uns auch darauf konzentrieren, welche enormen unerfüllten Bedürfnisse bestehen und wie viel Arbeit zu ihrer Befriedigung notwendig wäre. Trotz all dieser Bücher gibt es wenig überzeugende Beweise dafür, dass wir es mit einer massenhaften technologischen Arbeitslosigkeit zu tun haben oder dass es in naher Zukunft zu ihr kommen könnte. Das eigentliche Problem ist die bereits bestehende ungleiche Verteilung von Arbeit, Zeit und Geld.

Alle diese Autoren scheuen vor der Frage zurück, inwieweit die Jagd nach Profit und nicht der Fortschritt die Entwicklung der digitalen Technologien ständig prägt, und wie eben diese Technologien nicht zu weniger Arbeit, sondern zu mehr mieseren Jobs führen. Hier steht der sprichwörtliche Elefant im Raum. Sie scheinen blind zu sein für die Masse von prekär beschäftigten und schlecht bezahlten Arbeitskräften, die das Räderwerk von Firmen wie Google, Amazon und Twitter antreiben. Informationssysteme basieren auf Armeen von Programmiererinnen, Datenbereinigern, Seitenbewerterinnen, Pornokontrolleuren und Prüferinnen. Sie alle sind Subunternehmer, die über globale Plattformen wie Mechanical Turk rekrutiert werden und nicht auf der Gehaltsliste des Unternehmens stehen.8 Selbst Brynjolfsson und McAfee übersehen solche Jobs der manuellen Datenverarbeitung, die mit klassen- {örmigen, sexistischen und rassistischen Spaltungen verbunden sind, und meinen, die Algorithmen würden sich wie von Geisterhand selbst trainieren, anpassen und verbessern.9 Auch wenn derartige Jobs selbst irgendwann automatisiert werden können, werden bei der Suche des Kapitals nach neuen Akkumulationsmöglichkeiten immer wieder neuartige und nicht vorhersehbare Formen von Arbeit entstehen. Lucy Suchman hat gezeigt, wie genau durch diese Maskierung und Ausblendung von Produktionsarbeit die Verzauberung oder Magie von Artefakten (wie KI und Robotik) erzeugt wird.10

Da ich mich eingehender mit diesen Debatten beschäftigt habe, frage ich mich seit einiger Zeit, warum diese beständige Angst vor der Automatisierung jetzt so sehr in den Vordergrund gerückt ist. Was ist die kulturelle Bedeutung all dieser atemlosen Gespräche über KI? Noch so viele Einwände aus der Wirtschaftsgeschichte können nicht die Gewissheit erschüttern: Diesmal ist es wirklich – wirklich – anders.11

In diesem Zusammenhang kommen die scharfsinnigen Überlegungen von Urry in seinem Buch «What is the Future?», das posthum veröffentlicht wurde, gerade richtig. Die Sozialwissenschaften müssten das Terrain der Zukunftsforschung zurückgewinnen, schreibt er, denn Zukunftsvisionen hätten enorm starke Auswirkungen auf die Gesellschaft und enthielten in impliziter Weise bestimmte Vorstellungen von öffentlichen Zielen und dem Gemeinwohl. Es sei daher «für die Sozialwissenschaften eine Schlüsselfrage, wer oder was im Besitz der Zukunft ist – denn diese Fähigkeit, über Zukunftsvisionen zu verfügen, ist entscheidend dafür, wie Macht ausgeübt wird» (S. 11).

Das Buch beginnt mit einem umfassenden Überblick über die Geschichte der «Zukunftsvorstellungen in der Vergangenheit », von Morus’ Utopia (die bereits ein halbes Jahrtausend vor Keynes einen sechsstündigen Arbeitstag vorsah) bis hin zu der bemerkenswerten Explosion von neuen Dystopien zu Beginn dieses Jahrhunderts. Diesen neuen Katastrophismus im sozialen Denken kontrastiert er mit dem globalen Optimismus der 1990er-Jahre, insbesondere dem digitalen Utopismus, der mit der Entstehung des World Wide Web einherging. Haraways optimistisches «Manifest für Cyborgs» pries zum Beispiel das positive Potenzial der Technowissenschaften, neue Bedeutungen und neue Entitäten zu erzeugen, neue Welten zu erschaffen.

Daher ist es umso erstaunlicher, dass sich der Zeitgeist im reichen Norden ab 2003 derart radikal verändert hat. Urry verdeutlicht dies, indem er auf den Seiten 36 und 37 einfach die erstaunliche Anzahl von englischsprachigen Texten, Filmen, Kunstausstellungen und Forschungszentren auflistet, die sich in diesem Modus des Katastrophismus bewegten. Zu Recht stellt er fest, dass dieses dystopische Schreiben eine fatalistische Haltung gegenüber der Zukunft hervorruft, mächtigen Interessengruppen dabei hilft, planetarische technologische Lösungen (insbesondere für den Klimawandel) zu propagieren, und ebenso performativ wie analytisch und repräsentativ ist. Wie ich bereits angedeutet habe, empfinde ich das gleiche Unbehagen gegenüber der Flut von Büchern zur technologischen Arbeitslosigkeit.

Während vieles davon bekannt ist, wie die Soziologie der Erwartungen und Jasanoffs Schriften zu soziotechnischen Imaginationen,12 geht Urry einen Schritt weiter und bestimmt genauer, wie durch das Nachdenken über die Zukunft als «Methode» wieder eine Vorstellung von Planung etabliert wird – nur unter einem neuen Namen. Planung, schreibt Urry, sei zu einem ideologisch kontaminierten Begriff aus der Zeit des organisierten Kapitalismus und der Sozialdemokratie geworden. Daher seien Zukunftsvorstellungen eine neue Form der Planung, die den Staat und die Zivilgesellschaft wieder ins Spiel bringt. Und angesichts der Bedrohlichkeit vieler Probleme wie dem des Klimawandels komme es in entscheidender Weise auf Planung an. Nur wenn wir daran festhalten, dass Zukunftsperspektiven immer einen gesellschaftlichen Charakter haben, können öffentliche Einrichtungen statt selbstregulierter Märkte und verselbstständigter Technologien entscheidend dafür werden, wie wir solche Perspektiven erschließen, debattieren und verwirklichen.

Urry war ein führender Kopf der britischen Soziologie und schon angesichts der Bandbreite und des Umfangs seiner Arbeiten lässt sich sein Einfluss kaum übertreiben. Er war voll und ganz der Disziplin verpflichtet, verfolgte stets tatkräftig neue Ideen und gehörte oft zu den ersten, die aktuelle und noch kaum erforschte soziale Probleme erkannten. Weniger bekannt dürfte sein, dass er selbst an politischen Entscheidungen auf dem Gebiet des Klimawandels und des Transportwesens beteiligt war. Er wurde in das Foresight-Programm der britischen Regierung zu Verkehr und politischen Zukunftsperspektiven berufen, was wiederum zu seiner Forschung über soziale Zukunftsperspektiven und zur Gründung eines Instituts für soziale Zukunftsperspektiven an der Lancaster University führte.

Das Buch basiert daher auf langjährigen Forschungsprojekten und enthält umfangreiche Kapitel zur Mobilität in der Stadt, zu 3D-Druckern und der Zukunft der industriellen Produktion sowie zur Zukunft von Energie und Klimawandel. Dabei bemüht er sich im ganzen Buch, in klarer und verständlicher Prosa zu erklären, wie gesellschaftliche Praxis konstitutiv für Technologie ist. Er betont, dass technologische Systeme immer soziomateriell sind, dass der Innovationsprozess komplex und unvorhersehbar ist, welche Bedeutung Begriffe wie Pfadabhängigkeit und Lock-in-Effekte haben und dass wir das benötigen, was oft als «verantwortungsvolle Innovation» bezeichnet wird.

Für ihn werden diese Merkmale am besten von der Komplexitätstheorie erfasst, die betont, wie dynamisch, prozesshaft und unvorhersehbar sich Systeme verhalten.

Ich halte zwar den Anspruch, dass es sich dabei um einen besonderen Ansatz handelt, nicht für sehr überzeugend – vielleicht weil die jüngsten Studien zur Infrastruktur aus den «Science and Technology Studies» völlig mit ihm übereinstimmen13 –, aber das ist ein nebensächlicher Streitpunkt. Dem Geist seiner Argumentation stimme ich von ganzem Herzen zu. Der Sinn dieser Ausarbeitung von Szenarien besteht gerade darin, die Beteiligung eines breiten Spektrums von wichtigen Akteuren zu ermöglichen, die normalerweise von den Beratungen über die Zukunft ausgeschlossen werden. Und das wiederum würde eine Demokratisierung der gesamten Organisation der Entwicklung von Technologie und damit der Gesellschaft bedeuten.

Das Cover von «What Is the Future?» zeigt die Installation «Another Place» des Künstlers Antony Gormley. Sie besteht aus 100 gusseisernen Figuren, die nach dem Körper des Künstlers gestaltet sind und auf das Meer hinaus schauend am Strand der Mündung des River Mersey aufgestellt sind. Diese Arbeit ist eine passende Metapher für ein Buch, das uns auffordert, unsere Rolle als Soziologen bei der Gestaltung der Zukunft ernst zu nehmen. Im Sinne von Walter Benjamins Engel der Geschichte müssen wir unsere eigenen Engel der Zukunft herau‡eschwören, die am Ufer der Gesellschaft stehen, ihren Blick auf den Horizont richten und auf die Winde der Veränderung achten. Es müssen etliche und vieluältige sein. Die Homogenität der Schöpfer des Silicon Valley ist eine gefährlichere Bedrohung für die Zukunft als jede vermeintliche Apokalypse der Roboter. Zu oft kehren diese Stifter der Zukunft der Gesellschaft den Rücken zu, verzaubert von technologischen Versprechungen und blind für die Probleme um sie herum. Es wird mehr als Roboter brauchen, um dafür zu sorgen, dass die Zukunft diesmal wirklich anders ist.


[2] Mit Singularity wird die Prognose von Ray Kurzweil bezeichnet, dass Maschinen schon bald intelligenter als Menschen sein werden.

[3] Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne: Technology at Work: The Future of Innovation and Employment, Citi GPS: Global Perspective & Solutions, February 2015.

[4] Melanie Arntz/Terry Gregory/Ulrich Zierahn: The Risk of Automation for Jobs in OECD Countries: A Comparative Analysis, OECD Social, Employment and Migration Working Papers, No. 189, Paris 2016.

[5] Andrew Abbott: The System of Professions. An Essay on the Division of Expert Labor, Chicago 1988.

[6] Harry Braverman: Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß, Frankfurt a. M. 1977.

[7] Malte Ziewitz (Hrsg.): Special Issue: Governing Algorithms, in: Science, Technology, & Human Values, Vol. 41 (2016), Nr. 1; Heather Ford/Judy Wajcman: »Anyone Can Edit«, not Everyone Does: Wikipedia and the Gender Gap, in: Social Studies of Science, Vol. 47 (2017), Nr. 4, S. 511–527.

[8] Anm.d.Ü.: Auf Deutsch liegt zu diesen Jobs die beeindruckende Studie von Moritz Riesewieck vor: Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook & Co. von dem Bösen erlösen, München 2017, auf deren Grundlage der Dokumentarfilm »The Cleaners« (2018) von Hans Block und Moritz Riesewieck entstand.

[9] Lilly Irani: Difference and Dependence among Digital Workers: The Case of Amazon Mechanical Turk, in: South Atlantic Quarterly, Vol. 114 (2015), Nr. 1, S. 225–234.

[10] Lucy Suchman: Human-Machine Reconfigurations: Plans and Situated Actions, Cambridge 2007.

[11] Siehe den ausgezeichneten Sonderteil des Journal of Economic Perspectives, Vol. 29 (2015), Nr. 3, in dem David Autor uns daran erinnert, in welcher Regelmäßigkeit derartige Sorgen über Automatisierung und Arbeitslosigkeit zum Thema wurden.

[12] Sheila Jasanoff/Kim Sang-Hyun (Hrsg.): Dreamscapes of Modernity: Sociotechnical Imaginaries and the Fabrication of Power, Chicago 2015.

[13] Siehe die Buchreihe von MIT Press zur Infrastruktur.