Publikation Arbeit / Gewerkschaften - Digitaler Wandel - Digitalisierung der Arbeit Meetup zum Arbeitskampf

Wie sich alte und neue Formen der Organisation und Interessenvertretung in Start-ups verbinden

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Autor

Paul Dziedzic,

Erschienen

Dezember 2019

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Die Legende der Start-ups beginnt im kalifornischen Silicon Valley, wo in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Halbleiter hergestellt wurden. Nach und nach siedelten sich immer mehr Technologieunternehmen dort an. Heute besitzt es eine hohe Dichte an hochkapitalisierten Technologieunternehmen. In diesen Legenden spielen vor allem die Gründer*innen eine wichtige Rolle. Als «Außenseiter» begannen sie stets in Garagen und schufen durch ihre Innovationen milliardenschwere Konzerne. Das fällt mit dem Aufstieg des «New Work» Konzepts zusammen, das einen Wertewandel mit technologischen Möglichkeiten verbindet. Bei «New Work» spielen vor allem flexible Arbeitszeiten, arbeiten von Zuhause, mehr Verantwortung und flache Hierarchien eine zentrale Rolle.

Doch Tech-Unternehmen sind in den letzten Jahren auch zunehmend in die Kritik geraten, weil sie die Neuerungen und die damit verbundenen Gesetzeslücken zu ihrem Vorteil nutzten. Wegen Themen wie Überwachung, dem grenzenlosen Sammeln privater Daten, Steuerflucht oder dem fehlenden Schuldeingeständnis für das, was auf ihren Plattformen passiert, haben sich Risse durch das Bild der Start-ups gebildet. Und zuletzt sind auch Arbeitsbedingungen in besagten Unternehmen in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Das gilt sowohl für die «Gig-Economy», bei der Selbständige einen Auftrag nach dem nächsten erledigen müssen, und dafür nur schlecht bezahlt werden, als auch für die Angestellten, die die Unternehmen aufbauen.

Niemand weiß, was ein Start-up genau ist

Was die Diskussion über Start-ups erschwert, ist die Tatsache, dass der Begriff diffus und (pop)kulturell geprägt ist. Start-up Unternehmen sind meist technologieorientiert, jung und haben ein hohes Wachstumspotential. Letzteres bedeutet, dass sie einen großen Markt und eine große Nachfrage generieren und bedienen wollen. Was viele Start-ups letztlich häufig machen, ist, analoge Produkte und Dienstleistungen ins Digitale zu übertragen. So werden Taxifahrer*innen durch Privatpersonen ersetzt, die per App gerufen werden können, Partnerannoncen in Zeitungen verwandeln sich in eine Anwendung, in der Porträtbilder entweder nach rechts oder nach links geschoben werden, und die völlig digitalisierte Bank braucht keine Filiale mehr. Das klingt erst einmal einfach, doch es erfordert, damit es anläuft, enorme Summen an Kapital, das meist von Risikoanlegern zur Verfügung gestellt wird – trotzdem gehen die meisten Start-ups in den ersten drei Jahren pleite. Start-ups streben an, innerhalb kürzester Zeit enorm zu wachsen, und sind zu einer Herausforderung für die alten Industrien geworden. Zum Beispiel, weil sie ihre Anwendungen und Produkte als grüner oder fairer labeln.

Paul Dziedzic ist Redakteur bei ak analyse & Kritik und arbeitet als freiberuflicher Journalist zu Themen wie Globalisierung und Digitalisierung.

In Deutschland sind mittlerweile zahlreiche Start-up Initiativen und Verbände entstanden, die Gründer*innen vernetzen, die Suche nach Investor*innen erleichtern, das Unternehmertum fördern und als Lobbygruppen gegenüber der Regierung fungieren sollen. Sie sind auch die wenigen Quellen für Zahlen und Fakten zum Sektor, so er denn einer ist. Auffällig an den Berichten ist der positive, sehr auf die Gründer*innen gemünzte Ausblick auf die Branche und der Mangel an Kritik. Laut Start-up Monitor sind 84% der Gründer*innen Männer. Sie sind im Schnitt 35 Jahre alt und haben eine Hochschule besucht.[1] Auch Angestellte sind relativ jung und in Städten wie Berlin fast zur Hälfte aus dem EU-Ausland. Bei der Ausbildung gibt es mehr Variationen, und anfänglich ist die Eintrittshürde für Start-ups niedriger als bei vergleichbaren Positionen im Rest der Wirtschaft. Allerdings arbeiten auch hier mehr Männer, und einigen Schätzungen zufolge ist der Gender Pay Gap mit 25% hier sogar höher als im deutschen Mittel. Das Gehalt hängt stark von den Abteilungen ab: Im Vertrieb sind es zwischen 2000 und 2500 Euro, im IT-Bereich zwischen 2500 und 5000 Euro.[2] Andere Mitarbeiter*innen bekommen auch mal nur Mindestlohn.

Start-ups sind von einer hohen Fluktuation geprägt; über 70% werden nie profitabel. Doch der Mangel an verlässlichen Zahlen ist nicht nur die Konsequenz der Unschärfe in der Definition. Er ist auch ein Indiz dafür, dass es sich bei Start-ups eher um ein kulturell-ideologisches Phänomen handelt, als um einen neuen Sektor. Deshalb nutzen die Verbände, die sich für das Unternehmertum einsetzen und eine «neue Gründerzeit» ausrufen die erhobenen Daten eher dazu, einen neuen Hype so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Keine Betriebsräte und Gewerkschaften, sondern «neue Werte»

Die Besprechung, was «New Work» in Verbindung mit der Start-up Kultur für die Menschen bedeutet, die dort arbeiten, geht oft unter. Verglichen mit anderen Firmen ihrer Größe haben viele Start-ups keinen Betriebsrat, was auch bedeutet, dass die Beschäftigten weniger arbeitsrechtlichen Schutz genießen und weniger Hilfe von Gewerkschaften beanspruchen. Eine vor allem bei den Gründer*innen beliebte Begründung ist der Wertewandel hin zu einer «neuen» Wirtschaft, in der «alte» Institutionen wie Gewerkschaften und Betriebsräte nicht zum Modus Operandi passen. Die junge Generation sei davon überzeugt, ihre Probleme in offenen Gesprächen lösen zu können. Immerhin gäbe es ja flache Hierarchien. Doch das Argument bringt die Führungsebene auch dann auf, wenn ein Betriebsrat gefordert wird.

Angestellte sind nicht selten einem großen Druck ausgesetzt, der sich aus einer Kombination mehrerer Faktoren ergibt. Zum einen, weil viele dieser kleinen Firmen pleitegehen. Dazu kommt die Rhetorik um die «neuen» Werte: Es wird ein starkes Commitment von der Belegschaft erwartet, gemeinsam an der Idee der Firma zu arbeiten. Daraus entsteht eine Kohäsion, die davor zurückhalten soll, sich von außen Hilfe zu holen.

Eine andere Theorie ist, dass die überwiegend jungen und aus dem Ausland kommenden Angestellten ihre Rechte nicht kennen und deshalb auch eher zögern, auf diese zu pochen. Das würde bedeuten, dass Gewerkschaften Probleme damit haben, junge Leute zu erreichen. Angesichts der sinkenden Mitgliedszahlen ein beliebter Erklärungsversuch.

Wissenschaftliche Studien zu Start-ups, die sich mit der Interessenvertretung der Beschäftigten auseinandersetzen, gibt es in Deutschland kaum. Die Medien hingegen haben das Thema für sich entdeckt. Sie konzentrieren sich meist jedoch auf sogenannte «Unicorns» (Einhörner). Das sind Firmen die, ob profitabel oder nicht, einen Marktwert von einer Milliarde Dollar erreicht haben. Gerade bei «Unicorns» schaffen es die Gewerkschaften über kurz oder lang, Anschluss zu finden. Dort mangelt es auch nicht an Konflikten: Von Überwachung der Belegschaft über drohende Ausgliederungen bis hin zum Streit um Tarifverträge ist alles dabei.

Management schlägt alternative Methoden vor

Wenn die «traditionellen» und rechtlich bindenden Möglichkeit der Interessenvertretung nicht funktionieren, wie sollen Konflikte verhandelt werden? Dazu gibt es immer wieder teils erfolgreiche Versuche von oben, Gremien aufzubauen, die die Kommunikation zwischen der Belegschaft und der Führungsebene erleichtern. Doch am Ende haben diese alternativen Methoden keine rechtliche Bindung. Menschen, die versuchen, Betriebsräte aufzubauen, müssen oftmals um ihre Stelle bangen. Prominentes Beispiel für die Ablehnung von Betriebsräten ist der Hamburger Spieleentwickler Goodgame Studios, dem die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vorwarf, ihre Belegschaft vor der Gründung eines Betriebsrats einzuschüchtern. Im November 2015 kündigte das Management 30 Mitarbeiter*innen, die versucht haben sollen, sich für die Gründung eines Betriebsrates einzusetzen. Wenige Monate später ließ das Management über die Gründung abstimmen und setzte sich durch: Die Belegschaft stimmte dagegen.

Eine weitere Folge der Begriffsunschärfe ist, dass viele Start-ups sich so positionieren, dass sie sich ihrer Verantwortungen entziehen. In größeren Betrieben haben es die Gewerkschaften deshalb geschafft, zum unentbehrlichen Faktor zu werden. Seit Jahren streitet die Dienstleistungsgewehrschaft ver.di mit Amazon. Denn statt nach dem Tarif für den Versandhandel zu bezahlen, liegen die Löhne auf dem Niveau von Logistikunternehmen. Und obwohl die Führungsebene sich weigert, sich in dieser Frage zu bewegen, sorgen die Streiks für mediale Berichterstattung, zuletzt am «Black Friday». Ob Amazon ein Start-up ist, bleibt umstritten. Doch das Phänomen des Entzuges aus der richtigen Sektor-Kategorisierung ist weit verbreitet. Ist Uber einfach nur eine neutrale Internetplattform, die Reisende und Fahrer*innen verbindet? Hat die Plattform deshalb keinerlei Verantwortung für die Fahrer*innen? Ist Facebook ein Verlag oder eine neutrale Pinnwand?

Dass eine organisierte Arbeiterschaft ein Problem für das Management ist, bewies auch der Co-Working Space-Anbieter WeWork. Vor dem Börsengang musste die Firma mögliche Risikofaktoren in ihrer Deposition aufzählen, um die Investor*innen unter anderem auch vor Risiken zu warnen, die auf das Unternehmen zukommen könnten. Zu diesen Risiken zählte das Unternehmen mögliche Streiks. Und das war eine realistische Einschätzung: In Berlin konnte die Belegschaft durch erfolgreiche Koordination die Ausgliederung der Reinigungskräfte verhindern.

Wenn Gewerkschaften sich für die Interessen von Arbeiter*innen in den großen Firmen erfolgreich einsetzen, was ist eigentlich mit den Hunderten von Start-ups, die noch am Anfang stehen, und zusammen genommen Tausende Menschen beschäftigt, die sich teils ahnungslos Arbeitsbedingungen aussetzen, die rechtlich dubios sind?

Alternative Formen der Organisierung?

Neben Gewerkschaften finden Start-up-Beschäftigte auch andere Formen, sich zu organisieren. Ein paar aktuelle Beispiele verdeutlichen das: In Berlin formierte sich eine nach amerikanischem Vorbild organisierte «Koalition der Tech-Arbeiter*innen» unter dem Namen «Tech Workers Coalition», in der sich die Teilnehmenden regelmäßig fortbilden, austauschen und organisieren können. Solche nach Sektoren organisierten Initiativen mit basisgewerkschaftlichen Elementen ermöglichen es den Beschäftigten unterschiedlicher Firmen, zusammen zu kommen, Informationen zu sammeln, andere in ihre Ideen einzuspannen und ihr Unternehmen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Einige Start-up Arbeiter*innen nutzen kreative Wege, um sich über Möglichkeiten zu informieren, wie sie ihre Arbeitssituation verbessern können. Beispielsweise über online-Vernetzungsplattformen wie Meetup, welches übrigens selbst ein Start-up ist. Solche informellen Treffen können der Anfang für organisiertes Handeln sein.          

Dass die Beschäftigten über kurz oder lang nach Wegen suchen, sich außerhalb des Zugriffs von Manager*innen und Gründer*innen zu organisieren, beweist, dass es sich beim Diskurs um flache Hierarchien, Familienharmonie und individuelle Freiheiten oftmals nur um einen ideologischen Mantel handelt.

Kritik an Gewerkschaften und Betriebsräten übernimmt die ideologischen Positionen und überhöht den Einfluss von Start-ups. Gleichzeitig wiederholt diese Kritik damit lediglich Argumente, die schon seit den Anfangsjahren des Neoliberalismus vorgehalten werden. Start-ups bleiben Arbeitsorte mit Hierarchien, die nicht ohne Führungsebenen und Investoren-Interessen auskommen. Auch sie haben das Ziel, die Arbeitskraft der Beschäftigten dafür zu nutzen, Profite zu generieren. Ohne Möglichkeiten, den teils unmöglichen Druck zu lindern, die schlechte Bezahlung abzuschaffen oder Orte zu schaffen, die sich dem Einfluss des Managements entziehen, entstehen zwangsweise alternative Methoden. Gerade, wenn die offenen Türen der Chefs sich schließen, oder die von oben verordneten, freiwilligen Gremien nichts bewirken und es hart auf hart kommt, entstehen am Ende doch oft Betriebsräte.


[1] Die Zahlen basieren auf einer Studie der online-Plattform Jobspotting.com, das selbst ein Start-up war, die im Februar 2019 ihre Schließung bekanntgab.