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Publikation : Der missglückte Neuanfang 1989/90

Die DDR zwischen antistalinistischer Revolution und kapitalistischer Vereinnahmung. „Kontrovers“ 03/2009 von Stefan Bollinger.

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Erschienen
November 2009
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Im Herbst 1989 entschied sich das Schicksal der realsozialistischen DDR: Ihr Zusammenbrechen bahnte den bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen der Bundesrepublik Deutschland den Weg über Elbe, Harz und Thüringer Wald. Die Bewertung der Ergebnisse und die Sinngebungdieses Jahres sind bis heute ein Feld harter politischer und ideologischer Auseinandersetzung. Fernsehbilder bestimmen die Erinnerung. Ihre Auswahl und ihr Einsatz stehen oft für eine erfolgreiche Manipulation. Wie noch jedes Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte soll für die Herrschenden auch dieses zur Dauerrechtfertigung des Kapitalismus dienen.Im November 1989 markieren zwei Daten das Schicksal der DDR als dem ersten sich sozialistisch verstehenden Staat auf deutschem Boden. Am 4. November schien ein von Bürgerbewegungen ausgelöste und von Reformern in der SED mitgetragener Versuch zur Erneuerung des Sozialismus auf demokratisch-sozialistischer Grundlage zum Greifen nahe. Über eine halbe Million Menschen demonstrierten auf dem Berliner Alexanderplatz für eine Erneuerung der DDR. Nicht zuletzt die Intellektuellen der DDR, mit diesem Staat groß geworden, sich an ihm reibend, durch ihn ebensoinspiriert wie frustriert, hofften auf einen Neuanfang, mit ihnen nicht wenige SED-Mitglieder und vor allem einfache Bürger. Christa Wolfs Traum, „mit hellwacher Vernunft: ‹Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg.›“, war die Erwartung vieler in diesem Revolutionsherbst 1989. Ein anderer Schriftsteller, Christoph Hein, brachte es auf den Punkt: „Schaffen wir eine demokratische Gesellschaft auf einer gesetzlichen Grundlage, die einklagbar ist! Einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht. Eine Gesellschaft, die dem Menschen angemessen ist und ihn nicht der Struktur unterordnet. Es wird für uns alle viel Arbeit geben, auch viel Kleinarbeit, schlimmer als Stricken.“ Nur fünf Tage später, am 9. November, sorgte die überstürzte und doch folgerichtige Öffnung der Mauer für das Ende der DDR als eigenständigem Subjekt des Völkerrechts und der gesellschaftlichen Entwicklung. Das alte Politbüro hatte die Maueröffnung entschieden, ohne zu ahnen, worauf es sich eingelassen hatte. Das „sofort, unverzüglich!“ eines Politbüromitgliedes öffnete die Schleusen, deren Wärter, ohne Befehl, sich für die Pflichtverletzung und damit die Gewaltlosigkeit entschieden haben. Es blieb nicht bei der Nacht, dem Tag des großen DDR-Ausflugs in den „Wahnsinn“. Es ging an beiden Tagen um die Macht und um die Zukunft. Vorwärts zu einem demokratischen Sozialismus oder zurück in den Schoß eines modernen, aber doch kapitalistischen vereinten Deutschlands – das war die Alternative.

 

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