Johannes-Agnoli-Bibliothek

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung konnte Anfang 2006 die Privat-Bibliothek des Wissenschaftlers Johannes Agnoli (1925-2003) als Spende in Empfang nehmen. Vor allem durch sein zusammen mit Peter Brückner vorgelegtes Werk „Die Transformation der Demokratie“ (1967) profilierte er sich als materialistischer Staats- und Parlamentarismuskritiker der BRD und übte nachhaltigen Einfluss auf die außerparlamentarische Linke aus.

Für jene Wissenschaftler, die sich mit dem Wirken Johannes Agnolis befassen wollen, ist seine Bibliothek ganz sicher eine unschätzbare Quelle, da nicht wenige der überlieferten Bände Anmerkungen, Anstreichungen, Lesezeichen etc. enthalten, die interpretiert werden können. Zu den Eigenarten dieser Bibliothek gehört es, dass der Wissenschaftler Agnoli von einigen mehrbändigen Werken nur ein oder zwei Bände anschaffte, die ihm für sein Spezialgebiet von Bedeutung erschienen.

Die Johannes-Agnoli-Bibliothek umfasst rund 1.500 Bücher und Broschüren. Sie stellt eine einzigartige Sammlung von Literatur zur Staatstheorie und Staatsphilosophie dar und deckt die gesamte Bandbreite von Vorstellungen über den Staat ab. Sie reicht von faschistischen Auffassungen über bürgerlich-liberale bzw. bürgerlich-demokratische bis zu marxistischen, leninistischen und stalinistischen Positionen bzw. bis zur anarchistischen Ablehnung jeglichen Staates. Der interessierte Wissenschaftler findet sowohl diverse Nachschlagewerke als auch eine Vielzahl von Einzelschriften zum Thema.

Der Bogen beginnt mit den Arbeiten antiker Staatsphilosophen: mit einer dreibändigen Ausgabe sämtlicher Werke Platons und mit Aristoteles’ „Politik“ und dessen „Aufzeichnungen zur Staatstheorie“. Er setzt sich fort mit dem „Gottesstaat“ von Augustinus und mit Schriften Thomas von Aquins und Martin Luthers. Niccolo Machiavelli, der den Terminus Staat als politische Kategorie eingeführt hat, ist in der Sammlung mit „Das Leben des Castruccio Castracani von Lucca“ präsent, Jean Bodin, der die Theorie des souveränen Staates entwickelte, mit dem Werk „Sechs Bücher über den Staat“.

Die Bibliothek glänzt auch mit Vertretern der Aufklärung wie Immanuel Kant, von dem eine sechsbändige Werkausgabe vorliegt, oder Johann Gottlieb Fichte, vom dem sich Agnoli „Ausgewählte Werke“ in sechs Bänden zulegte. G. W. F. Hegel, der die Unterscheidung von Staat und Gesellschaft definierte, ist mit einer Ausgabe „Sämtlicher Werke in 20 Bänden“ vertreten, Jean-Jacques Rousseau mit seinem „Contrat social ou principes du droit politique“. Nicht zuletzt findet der Leser in dieser Bibliothek mit Michail Bakunins „Staat und Anarchie“, mit Peter Kropotkins Arbeit „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ oder mit den Schriften Errico Malatestas wichtige Werke der anarchistischen Auseinandersetzung mit dem Staat. Natürlich fehlen die Werke von Marx, Engels und Rosa Luxemburg ebenso wenig wie die Schriften zeitgenössischer Staatstheoretiker und -philosophen (Norberto Bobbio, Ralf Dahrendorf, Hans Kelsen, Antonio Negri, Nicos Poulantzas u.a.).

Die Bücher und Broschüren der Johannes-Agnoli-Bibliothek wurden entsprechend einer Übergabe-Liste, die die Familie Agnoli erstellt hatte, auf Vollständigkeit überprüft, in den Regalen im Magazin gesondert alphabetisch aufgestellt und sind so für die Benutzung erschlossen.