Organizing for Power

Aufbau internationaler Organizing-Netzwerke vor, während und nach Covid-19

Von Tsafrir Cohen, Ethan Earle und Fanni Stolz

Mitte April 2020 hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung ihre zweite Online-Veranstaltungsreihe zum Thema "Organizing for Power" (O4P) unter dem Titel „Wie wir lernen, Kämpfe zu gewinnen“ abgeschlossen. Dieses fortlaufende Projekt begann 2019 mit einer vierteiligen Lecture unter der Leitung der US-amerikanischen Gewerkschaftsaktivistin Jane McAlevey. In ihr wurden Organizing-Techniken und -Strategien vermittelt, die für Kämpfe am Arbeitsplatz und darüber hinaus von zentraler Bedeutung sind. Der Kurs stand allen Gruppen offen, wendete sich aber vor allem an Organizer*innen aus großen Gewerkschaften, die versuchen, neue Bereiche gewerkschaftlich zu erschließen und zu organisieren.

Die Resonanz war überwältigend. Zwei Wochen nach Bekanntgabe des Termins hatten sich Tausende von Menschen aus 41 Ländern zur Teilnahme angemeldet. Wir ermutigten die Menschen, an den einzelnen Sitzungen nicht nur als Einzelpersonen, sondern gemeinsam in Gruppen oder zusammen mit anderen Organizer*innen teilzunehmen. Schließlich ist Organizing eine kollektive Aktivität, die über eine große Anzahl von Teilnehmenden beeindruckende Ergebnisse erzielt. Es kamen Gruppen von fünf, 15 oder bis zu 50 Organizer*innen zusammen. Die Verbindung zwischen den Teilnehmer*innen aus aller Welt bildete das gemeinsame Einüben von Organizing-Methoden. Dies alles geschah noch vor Corona, als groß angelegte Online-Seminare noch etwas völlig Neues darstellten und keine*r von uns wusste, was uns erwartet.

Der zweite Kurs sollte mit einigem zeitlichen Abstand zum ersten stattfinden. Dann kam das Corona-Virus. Mitte März war klar, dass sich die Situation komplett geändert hatte und wir schnell reagieren mussten. Die Beschäftigten in den sogenannten systemrelevanten Berufen organisierten sich, um Schutz und Sicherheit am Arbeitsplatz zu erkämpfen. International gab es Diskussionen unter Linken, wie der Widerstand gegen die zu erwartende Abwälzung der Krisenkosten auf die arbeitenden Menschen organisiert werden könnte. Denn alle Erfahrungen zeigen, dass die Krise die „1%“ noch reicher macht und die Kosten zur Überwindung der Krise von dem unteren Teil der Bevölkerung getragen werden. So warfen wir unsere ursprünglichen Pläne über Bord und begannen sofort mit der Vorbereitung des Online-Seminars "Organizing for Power: Corona-Virus und alles danach", um einen Raum für eine internationale Diskussion unter Gewerkschaftsaktivist*innen und Organizer*innen zu schaffen. 

Dieses Mal konnten unsere Teilnehmer*innen aus bekannten Gründen des Infektionsschutzes nicht gemeinsam in Gruppen teilnehmen. Dennoch hat uns die Corona-Krise auf seltsame Weise zusammengebracht, auch wenn wir allein in unseren eigenen vier Wänden saßen. Wieder nahmen Tausende von Menschen aus Dutzenden von Ländern teil, von denen viele WhatsApp, Telegram oder andere Messaging-Dienste nutzten, um mit ihren Kolleg*innen zu kommunizieren. In vier Online-Sitzungen erörterten wir sowohl in großen Plenumssitzungen als auch in Dreiergruppen, wie wir die bisherigen Organizing-Erfahrungen mit einer Organizing-Strategie verbinden können, die es uns tatsächlich erlaubt, die drohende Welle von Kürzungen und Entlassungen zu verhindern. Mit dem Ende des Online-Seminars stellte sich die Frage, wie dieses Format weiterentwickelt werden kann.

Das Feedback der Teilnehmenden war eindeutig: mehr Organizing-Online-Seminare! Die Menschen sorgen sich angesichts des Ausmaßes der derzeitigen Krise und sind wütend über die Aussicht, mal wieder die Kosten tragen zu müssen. Während Lufthansa vom Staat Milliarden Euro zugesagt werden, ist für die Beschäftigten in den Krankenhäusern nicht mehr eine lächerlich kleine Einmalzahlung vorgesehen. Dieselben, die dafür verantwortlich sind, dass sich der Ausbruch des Corona-Virus überhaupt zu einer Krise auswachsen konnte, werden jetzt die milliardenschweren Maßnahmen zur Bewältigung der Krise für die 1% politisch umsetzen.

Aus dem Feedback ergab sich auch die Richtung, in die wir die Online-Seminare weiterentwickeln wollen: Es sollen weitere Organizer*innen eingebunden werden, die bislang noch nicht dabei waren, es sollen Organizing-Fertigkeiten der mittleren Ebene weiterentwickelt und Räume geöffnet werden, in denen Organizer*innen wachsen, sich verbinden, netzwerken und an gemeinsamen Strategien arbeiten können

Nun planen wir auf Grundlage dieses Feedbacks eine Reihe von ergänzenden Online-Seminaren, die im Sommer beginnen und im Herbst fortgesetzt werden sollen. Das erste Online-Seminar wird ein "Train-the-Trainer"-Programm sein, in dem erfahrene Organizer*innen lernen sollen, ihre Fähigkeiten in verschiedenen Organizing-Kontexten weiterzugeben. Darauf wird eine groß angelegte "Strike School" folgen, die erneut von Jane McAlevey angeleitet werden wird. Die „Strike School“ wird mit dem Instrument der Breakout-Sitzungen arbeiten, um in bestimmten Abschnitten der Lecture vertiefend auf Themen eingehen zu können. Die Teilnehmenden werden zum Beispiel je nach Sprache oder Fachgebiet in kleineren Gruppen zusammenkommen. Dort werden sie die Möglichkeit haben, das Gehörte praktisch einzuüben, Erfahrungen auszutauschen und mit verschiedenen Trainer*innen zu arbeiten. Am Ende der „Strike School“ werden die Teilnehmenden eingeladen, sich für die Teilnahme an weiterführenden Lectures zu bewerben.

Wie bei jedem Projekt, das eine konkrete politische Wirkung erzielen soll, ist auch bei unserer Online-Seminar-Reihe die Art und Weise, wie es aufgebaut ist, von entscheidender Bedeutung. Gerade in den letzten Monaten hat O4P zum Aufbau von neuen Organizing-Netzwerken beigetragen, sowohl unter den Tausenden von Menschen, die an den Online-Seminaren teilgenommen haben, als auch unter den Dutzenden von erfahrenen Organizer*innen, die sich in die Planung und die Trainingsprogramme eingebracht haben. Ziel ist die Entwicklung von Clustern zur weltweiten Nutzung und Weitergabe von Organizing-Methoden.

Tsafrir Cohen ist Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv und wechselt demnächst in gleicher Funktion nach London. Erreichbar ist Tsafrir unter: tsafrir.cohen@rosalux.org.

Ethan Earle lebt und arbeitet in Paris als politischer Berater, der regelmäßig mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammenarbeitet. Er ist Teil des O4P-Organisationsteams. Kontakt unter: earle.ethan@gmail.com.

Fanni Stolz arbeitet am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin zu den Themen Klassenpolitik, Organizing und internationale Gewerkschaften. Sie ist erreichbar unter: fanni.stolz@rosalux.org.