1. Dezember 2018 Ausstellung/Kultur Wiedersehen in TUNIX!

Eine Revision der Berliner Projektkultur

Information

Veranstaltungsort

HAU 1
Stresemannstr. 29
10963 Berlin

Zeit

01.12.2018, 10:00 - 02.12.2018, 22:00 Uhr

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, Parteien- / Bewegungsgeschichte, Kunst / Performance

Zugeordnete Dateien

Wiedersehen in TUNIX!
Versammlung bei TUNIX (Berlin, Januar 1978) Quelle: Archiv Diethard Küster

Vom 27. – 29. Januar 1978 trafen sich an der TU Berlin alle denkbaren Interessengruppen der undogmatischen Linken – Spontis, Freaks und Theoriestars – zum legendären Tunix-Kongress. Rund 20.000 Teilnehmer*innen folgten nach den lähmenden Erfahrungen des Deutschen Herbstes der Einladung zu einem «Treffen all derer, denen es stinkt in diesem, unserem Lande» gemäß der Parole «Wir hauen alle ab! Zum Strand von TUNIX!». «Experimentiert ohne zu wissen wo ihr landet!» lautete eine Devise, «Bleibt nicht einsam, backt gemeinsam!» eine andere.

Der Titel TUNIX war freilich nicht Programm: In den drei Tagen fanden in einer Atmosphäre von Diskussion, Aktion und Party lebhafte Debatten statt, unter anderem zu alternativer Energiegewinnung, selbstverwalteten Jugendzentren, alternativen Bildungsmodellen, Feminismus, Ökologie, «neuer» Theorie aus Frankreich, Überleben im Stadtteil und Meinungsfreiheit. Unter dem Motto «Rosa glänzt der Mond von TUNIX» wurden Sketche und Diskussionen angekündigt: «Wenn du nicht nur'n Linker bist, sondern auch noch schwul oder auch umgekehrt»; es gab Arbeitsgruppen zur Staatspolitik «Erobern oder zerstören?», zur Anti-Psychiatrie u. a. mit Michel Foucault, Peter Brückner, Félix Guattari, es ging um den «Aufbau eigener Nahrungsmittelketten», um linke Buchhandlungen oder um Kneipen – «Gegenöffentlichkeit oder Abfüllstation?».

Das Treffen in TUNIX war Katalysator und Nährboden für neue Projektformen. Der Begriff des Projekts stand dabei für Vernetzung, Beweglichkeit und alternative, selbstbestimmte Aktivitäten. Die damit verbundenen emanzipatorischen Reformansätze umfassten gleichermaßen Kritik an etablierten Institutionen, den Wunsch nach Befreiung aus engen politischen Spielräumen und den Aufbau von alternativen Infrastrukturen.
Als Plattform für alternative Konzepte hat das TUNIX-Wochenende vor vierzig Jahren im damaligen Westberlin und anderen Großstädten neben der Gründung der Tageszeitung taz unzählige selbstorganisierte Projektformen wie Wohnprojekte, Buchläden, Fahrradwerkstätten, Stadtteilzentren und Bürgerinitiativen angestoßen, Leute im analogen Zeitalter miteinander vernetzt und prägt in dessen Folge die Berliner Stadtkultur bis heute.

Seit Ende der 1990er Jahre hat der Projektbegriff im Zuge diverser gesellschaftlicher Umstrukturierungen zusätzliche, neoliberale Konnotationen etwa als Synonym großer Bauvorhaben oder als betriebliche Organisationsform und Steuerungsprinzip erfahren. Die durchaus kritisch beobachtete gesellschaftliche Projektifizierung betont die wechselseitige Verschränkung der zuweilen äußerst prekären Befristung und Flexibilität.
In einer neuen Phase des Spätkapitalismus ist das Projekt als Arbeits- und Organisationsform zum Leitbild geronnen: Das Projekt lässt institutionalisierte Kontinuitäten hinter sich und erfährt stattdessen prinzipiell kontingente, mitunter freilich ökonomisch knappe Offenheit. So sind viele Projekte bis heute chronisch unterfinanziert; für freie Kultureinrichtungen, die sich mitunter dezidiert als Gegenmodelle zu den staatlichen Bildungs-, Kunst- und Kulturinstitutionen gegründet haben ist es gang und gäbe, ihre Finanzen aus unterschiedlichen Geldquellen zu akquirieren. Die Abhängigkeit von befristeten, projektbezogenen Förderungen ist enorm gestiegen und gehört zum Alltagsgeschäft. Wir leben heute in einer Welt der Projekte und flüssigen Strukturen mit all ihren Ambivalenzen.

Die zweitätige Veranstaltung im HAU 1 wird diese Ambivalenzen durch historische Bezüge und aktuelle Beiträge zur Sprache bringen, dabei die vielfältigen Erinnerungen wie auch Kritikpunkte des TUNIX-Treffens neu verhandeln und den Projektbegriff hinterfragen. Das Veranstaltungsprogramm wird sich in dichter Abfolge von szenischen Lesungen, Diskussions-, Vortrags-, Performance- und Musikformaten im Haus ausbreiten. Ein kuratiertes Filmprogramm wird Teile des Original-Filmprogramms von 1978 zur Aufführung bringen und die mediale Repräsentation des TUNIX-Kongresses in der öffentlichen Berichterstattung veranschaulichen. Die Dauerpräsenz der fleddrigen Gestalten aus Schaumstoff des anarchischen Puppentheaters Das «Helmi» und ein «Soli-Konzert» des Hamburger Agitprop-Kollektivs Schwabinggrad Ballett mit Arrivati bilden weitere Programmpunkte.

Die Publikation (Verlag Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt), die als integraler Teil des Veranstaltungsprogramms mit dem Ticketkauf erworben wird, dokumentiert die historische Ebene des Ereignisses anhand von Bildmaterialien sowie Faksimiles historischer Dokumente und beinhaltet Textbeiträge von Sabeth Buchmann und Stephan Geene, Birgit Eusterschulte, Christa Kamleithner, Felix Klopotek und Ulrich Bröckling, Jana König, Stefan König, Annette Maechtel, Sibylle Plogstedt, Michael Sontheimer, Sven Reichardt, Thomas Seibert, Julia Wigger und eine Fotostrecke von Stephanie Kloss.

Bisher nehmen teil:
Lothar Baumgarte, Elisa Bertuzzo, Franziskus Claus Hans-Christian Dany, Nikola Duric, Annette Cornelia Eckert, Tashy Endres, Bernd Frank, Vera Gaserow, Konny Gellenbeck, Ulrich Gutmair, Thomas Hartmann, Dieter Hoffmann-Axthelm, Helmut Höge, Christa Kamleithner, Markus Krajewski, Felix Klopotek, Stefan König, Nina Kronjäger, Diethard Küster, Tom Lamberty,  Gert Levy, Luise Meier, Guillaume Paoli, Kathrin Peters, Eva Quistorp, Sven Reichardt, Cord Riechelmann, Angelika Sautter, Enrico Schönenberg, Thomas Seibert, Judith Siegmund, Uwe Sonnenberg, Michael Sontheimer, Katja Steuer, Jörg Sundermeier, Christian Ströbele, Klaus Trappmann, Andy Wolff, Florian Wüst, sowie Berliner Stadtinitiativen.

Ein Projekt von Heimo Lattner und Annette Maechtel, Koordination Birgit Effinger, Redaktion Anina Falasca

Die zweitägige Veranstaltung wird in Kooperation mit dem HAU Hebbel am Ufer durchgeführt, die Publikation erscheint in Kooperation mit dem Verlag Berliner Hefte.

Das Projekt wird ermöglicht durch die Mittel des Hauptstadtkulturfonds Berlin.

Standort

Kontakt

Dr. Uwe Sonnenberg

Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter Revolutionen, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Telefon: +49 30 44310 425