Dokumentation Eine Befreiungsbewegung wird Regierungsmacht

Dokumentation der Konferenz zu 100 Jahre African National Congress

Information

Veranstaltungsort

Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Str. 4
10405 Berlin

Zeit

21.01.2012

Veranstalter

Britta Becker,

Mit

Denis Goldberg, langjähriges ANC-Mitglied und Mercia Andrews, Direktorin der südafrikanischen Landrechtsbewegung «Trust for Community Outreach and Education»

Themenbereiche

International / Transnational, Afrika

100 Jahre ANC – eine Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten

Inspiriert durch den seinerzeit beträchtlichen politischen Einfluss des Indian National Congress wurde am 8. Januar 1912 in Bloemfontein der South African Native National Congress  als nichtrassische Organisation gegründet, der sich im Mai 1923 in African National Congress (ANC) umbenannte. Auf der Welt gibt es wahrscheinlich nur wenige politische Bewegungen, die über ein ganzes Jahrhundert ihren Gründungsideen so konsequent treugeblieben sind, wie der ANC in Südafrika. Die Forderung nach gleichen Bürgerrechten und sozialem Wohlstand für alle Südafrikaner, unabhängig von ihrer Hautfarbe, war die Leitidee seines Kampfes gegen das Apartheid-Regime und blieb es auch nach 1994 als der ANC (zusammen mit der Kommunistischen Partei und dem Gewerk¬schaftsbund COSATU) die Regierungsgeschäfte übernahm, die die Dreierallianz bis heute ausübt.

Vieles hat dazu beigetragen, dass der ANC über einen derart langen Zeitraum fortbestand und schließlich erfolgreich sein konnte. Da sind sicherlich an prominenter Stelle die Weitsicht und das persönliche Format seiner Führer zu nennen. Insbesondere in der Zeit massiver politischer Verfolgung seit 1960 haben jedoch auch Exil und internationale Solidaritätsbewegung den ANC nicht nur das Überleben ermöglicht, sondern auch die Organisation nachhaltig geprägt.

An der Macht  ist der ANC heute nicht nur durch die noch unerfüllten Erwartungen seiner Wähler, sondern auch durch die Ansprüche seiner führenden Mitgleider auf Einfluss wie auf persönlichen Wohlstand herausgefordert.

Mit dieser komplexen Konstellation haben sich auf der von AfricAvenir, dAfrig, Sodi! und rls gemeinsam organisierten Konferenz „Eine Befreiungsbewegung wird Regierungsmacht – 100 Jahre ANC“ mehr als 100 TeilnehmerInnen befasst. In seiner kritischen Würdigung des politischen Werdens des ANC hat Denis Goldberg (selbst 22 Jahre unter dem Apartheid-Regime inhaftiert) die großen Linien des Kampfes und die Treue des ANC zu den Gründungsidealen bis in die Gegenwart nachgezeichnet; ohne die aktuellen Herausforderungen, die vor allem aus Erwartungen und Ansprüchen erwachsen, zu beschönigen. Der Historiker und Diplomat Hans-Georg Schleicher verdeutlichte, in welcher Weise die heutigen Kader des ANC – im Positiven wie im Negativen – von den Erfahrungen des Exils geprägt sind. Schließlich haben Mercia Andrews (südafrikanische Kämpferin gegen das Apartheid-Regime, die nie Mitglied des ANC war) und Dorothea Kerschgens (Aktivistin der Anti-Apartheidbewegung in Deutschland) die aktuelle Politik der ANC-geführten Regierungsallianz problematisiert und aufgezeigt, dass seit 1994 durchaus nicht alle Politik zu sozialem Wohlstand geführt, sondern im Gegenteil die Unterschiede, wenn auch eher zwischen sozialen Klassen statt Rassen, verschärft hat. Größere poltische und vor allem auch wirtschaftliche Fortschritte wären – auch unter den Zwängen einer globalisierten Welt – möglich gewesen.

Sicherlich entbehrt das von Goldberg zur Verteidigung des ANC vorgebrachte Argument, dass vom ANC nichts gefordert werden könne, was er nicht versprochen habe, nicht einer gewissen Logik. Allerdings kann sich der heutige ANC auf diese Weise wohl kaum den berechtigten Forderungen der Menschen entziehen, die mit der Hoffnung auf „ein besseres Leben für alle“ („A better Life for All“ – Wahlslogan des ANC) vor allem auch die Besserung ihrer eigenen Lebenslage verbinden – ob sie dem Einzelnen nun konkret versprochen wurde oder nicht.

Und so schließt sich der Kreis zurück zu den Problemen hiesiger Politik. Denn auch in Deutschland ist das Phänomen durchaus bekannt, dass die mit viel Hoffnung erwählten Parteien ihre WählerInnen mit ihrer tatsächlichen Politik nicht selten enttäuschen – das hat nicht zuletzt leider auch die politische Praxis der nunmehr vergangenen Linkskoalition in Berlin gezeigt.

Arndt Hopfmann, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Mehr zum Thema:

  • «100 Jahre ANC und die Zukunft Südafrikas – ein RLS Round Table in Johannesburg»
    Bericht von Armin Osmanovic über eine Diskussion mit Denis Goldberg u.a. in Johannesburg, 20.2.2012
  • junge Welt, 23.1.2012:
    «Wir brauchen zwei Generationen»
    Südafrikas Mühen der Ebene: Die Widersprüche innerhalb des ANC und mangelnde soziale Solidarität. Ein Gespräch mit Denis Goldberg
  • Neues Deutschland, 10.1.2012:
    «Zuma setzt auf Erneuerung»
    Südafrikas Präsident will den hundertjährigen ANC fest an die Massen binden. Von Armin Osmanovic, Johannesburg

Dokumentation der Beiträge:

Weitere Informationen unter:www.anc-konferenz.sodi.de

Filmreihe

Im Vorfeld der Konferenz fand eine Filmreihe mit Bezug zum ANC und die heutige soziale, politische und ökonomische Situation in Südafrika statt. Die Filme wurden im Kino in den Hackeschen Höfen, Berlin gezeigt.

08.01.2012, 17 Uhr | Comrade Goldberg
Dokumentarfilm, Deutschland 2010 | 58 min
Der Film erzählt die Geschichte des Weißen Südafrikaners Denis Goldberg, der als einer der treuesten Kampfgenossen mit Nelson Mandela Widerstand gegen das rassistische Apartheidregime leistete.

15.01.2012, 17 Uhr | Behind the Rainbow
Dokumentarfilm, Südafrika 2009 | 124 min | engl. OV
Der Film untersucht den Transformationsprozess des ANC von der Befreiungsorganisation zur Regierungspartei Südafrikas anhand der Beziehungen zwischen zwei ihrer prominentesten Figuren, Thabo Mbeki und Jakob Zuma, im Vorfeld der Parlamentswahlen 2009.

20.01.2012, 20 Uhr | Nothing but the truth
Spielfilm, Südafrika 2008 | 118 min | engl. OV
„Nothing but the Truth“ erzählt die Geschichte von Sipho, der sein Leben im Schatten seines kürzlich im Exil verstorbenen Bruders, des berühmten Freiheitskämpfers Themba, verbracht hat. Obwohl Sipho immer loyal zum ANC stand, wird er auch nach dem Ende der Apartheid nicht befördert, sein Bruder jedoch als Held gefeiert.