Nachricht | Staat / Demokratie - Parteien / Wahlanalysen - International / Transnational - Europa - Europa / EU - Frankreich-Wahl 2017 Niemand soll sagen können: «Ich habe von nichts gewusst»

Die Graphic Novel «Die Präsidentin» erzählt als politische Fiktion die Präsidentschaft Marine Le Pens.

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«Die Präsidentin» von Durpaire & Boudjellal © Éditions des Arènes, et Demopolis, 2015

Was wäre wenn? 

Eine Idee der französischen Zustände nach einer eventuellen Machtübernahme durch Marine Le Pen und den Front National bekommt die geneigte Leserin der Graphic Novel «Die Präsidentin», die vor einigen Monaten ins Deutsche übersetzt wurde. Der Historiker François Durpaire und der Zeichner Farid Boudjellal schildern in ihrem im Herbst 2015 erschienenen visionären Politcomic die ersten 200 Tage der Amtszeit Le Pens und lassen uns dabei an dem Unvorstellbaren teilhaben: Die Vereidigung der ersten rechtsextremen Präsidentin Frankreichs, die Bildung einer neuen Regierung, die Verwirklichung des Programms des Front National, das wortwörtlich zitiert wird und dieser Fiktion als Grundlage diente. Wir erleben die teilweise fragwürdigen Reaktionen der politischen Klasse in Frankreich und Europa, werden Zeuge gravierender politischer Veränderungen und beobachten die schwierigen und oft scheiternden Versuche eines Teils der Zivilgesellschaft, Widerstand zu leisten.

Obwohl bereits im Frühjahr 2015 geschrieben, sahen die Autoren eine bestimmte Anzahl nun historischer Fakten voraus: der Sieg der Brexit-Befürworter, der Anstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und in den USA, die Verhängung des Ausnahmezustandes in Frankreich. Auch daran zeigt sich, dass «Die Präsidentin» sehr gut recherchiert ist und sowohl von politischer Fachkenntnis als auch von einem besonderen Feingefühl für die gesellschaftlichen Zustände in Frankreich gekennzeichnet ist. Durch die Zeichnungen in schwarz-weiß wird das alptraumhafte dieses Gedankenexperiments noch verstärkt.

Mittlerweile sind in Frankreich Teil 2 und 3 dieser Graphic Novel erschienen. Der zweite Teil «Totalitaire», in Frankreich seit Herbst 2016 erhältlich, zeichnet ein Bild Frankreichs im Frühling 2022. Marine Le Pen bereit sich auf ihre Wiederwahl vor und verteidigt die vermeintlichen Errungenschaften ihrer Präsidentschaft. Wird Frankreich zu einem totalitären Staat werden? Seit einigen Wochen kann auch der dritte Teil «La Vague» (Die Welle) gelesen werden: Die französischen Machthaber setzen mit Hilfe von Big Data eine Reihe von Maßnahmen um, um die Ausbreitung systemkritischer Ideen der politischen Opposition zu verhindern.

Der erste Teil «Die Präsidentin» war in Frankreich mit über 120.000 verkauften Exemplaren ein sehr großer Erfolg. Ich wünsche der deutschsprachigen Übersetzung dieser lesenswerten Graphic Novel den gleichen Erfolg. Bleibt jedoch zu hoffen, dass Politcomics bzw. staatsbürgerliche Science-Fiction nicht nur in Frankreich eine neue Form politischer Bildungsmaterialen darstellen und gerade auch bei denjenigen eine Wirkung zeigen, die von der Gefährlichkeit populistischer Ideologien überzeugt werden müssen. Denn leider waren Marine Le Pen und der rechtsextreme Front National noch nie so kurz davor, die Macht in Frankreich zu ergreifen. Und dieses Schreckensszenario ist nicht nur in Frankreich denkbar.

Aber noch ist Zeit, das Schlimmste zu verhindern!