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Zur wenig erforschten Geschichte iranischer Migrant*innen in der DDR

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Hossein Yazdi: Strafgefangener 382 – Vom Schicksal eines persischen Agenten in der DDR
Als Sohn einer Deutschen und eines an der Berliner Charité ausgebildeten Arztes kam Hossein Yazdi 1954 als überzeugter Kommunist in die DDR. Wenig später wechselte er jedoch radikal die Seiten und stellte seine Dienste dem iranischen Geheimdienst zur Verfügung. DVD Cover der Dokumentation (D, 2003): Strafgefangener 382 - Vom Schicksal eines persischen Agenten in der DDR, CC BY-SA 4.0, Lieberwehr, via Wikimedia Commons

Neben den sogenannten Vertragsarbeiter*innen und Migrant*innen aus Staaten des Warschauer Paktes lebten in der DDR auch «politische Emigrant*innen». Dazu gehörten auch iranische Kommunist*innen. Ihre Geschichte ist bislang nur wenig erforscht.

Lassen sich die Erfahrungen von Ostdeutschen in der Bundesrepublik mit jenen von Migrant*innen vergleichen? Mit dieser These erregte die Migrationsforscherin Naika Foroutan vor einiger Zeit erhebliches Aufsehen und auch Kritik. Der Historiker Patrice G. Poutrus etwa monierte den Essenzialismus der Kategorien «Ostdeutsche» und «Migrant*innen» als zu plakative Zuschreibung. Laut der Filmkritikerin Angelika Nguyen wiederum verkenne die Analogie den Rassismus gegen Vertragsarbeiter*innen in der DDR.

Unabhängig von der Bewertung dieser Argumente fällt auf, wie wenig bislang einige Aspekte rund um Migration und Flucht in die DDR, die zur Differenzierung beitragen würden, historisch aufgearbeitet wurden. Dabei lassen sich Migrant*innen in der DDR grob in drei Gruppen unterscheiden: Erstens Einwander*innen aus Staaten des Warschauer Paktes wie Polen, der Sowjetunion oder Ungarn; zweitens die sogenannten Vertragsarbeiter*innen aus sozialistischen «Bruderländern» wie Vietnam, Mosambik oder Kuba. Drittens die «politischen Emigrant*innen», also politisch Verfolgte aus anderen Ländern.

Von den 191.200 Ausländer*innen, die 1989 in der DDR lebten, entfielen über 45 Prozent auf die erste Gruppe, weitere 44 Prozent waren Vertragsarbeiter*innen.[1] Zur Gruppe der politischen Emigrant*innen gibt es keine Gesamtzahlen; ihre Gruppe dürfte bei einigen Tausend gelegen haben.

Die Idee der DDR als Zufluchtsort mag paradox erscheinen, schließlich schränkte sie nicht nur grundsätzlich die Mobilität ihrer eigenen Bürger*innen erheblich ein, sondern hatte auch ein restriktives Asyl- und Ausländerrecht. Dennoch wurden seit Mitte 1949 verfolgte Kommunist*innen zunächst aus Griechenland und Spanien, später aus Iran und Chile aufgenommen. Im Gegensatz zu den Vertragsarbeiter*innen lebten sie nicht kaserniert und relativ abgeschottet, sondern teilten den Alltag der DDR-Bevölkerung weitestgehend.[2]

Die erste kleine Gruppe von Iraner*innen – allesamt Mitglieder der Moskau-nahen kommunistischen Tudeh-Partei – kam Mitte 1954 in der DDR an. Die Partei war im Zuge des Putsches gegen die Regierung Mossadegh 1953 ins Fadenkreuz des Schahs geraten und bekämpft worden. Die Iraner*innen waren somit zugleich die ersten Nicht-Europäer*innen, die die DDR als politische Flüchtlinge aufnahm.

Ähnliche Herkunft, unterschiedliche Wege

Die Bamberger Philologin Roja Dehdarian hat zur Exilzeit des wohl bekanntesten iranischen Emigranten in der DDR, Bozorg Alavi, geforscht. Alavi lehrte über drei Jahrzehnte als Professor an der Berliner Humboldt-Universität und nimmt sowohl für die deutschsprachige Iranistik als auch für die moderne persische Literatur eine bedeutende Rolle ein.

Laut Dehdarian kann die iranische Emigration in die DDR als «geschlossener Gesamtkomplex»[3] bezeichnet werden. Einerseits sei sie klar zeitlich begrenzt (von 1954-89), andererseits habe es sich um eine recht homogene Gruppe von männlichen Kommunisten aus wohlhabenden Verhältnissen gehandelt. Bozorg Alavi, der 1904 in eine Teheraner Händlerfamilie mit einer langen Geschichte des politischen Aktivismus geboren wurde, steht somit trotz seiner herausgehobenen Rolle emblematisch für fast alle Iraner*innen, die in den 1950er-Jahren in die DDR kamen. Als Mitbegründer der Tudeh-Partei 1941 geriet er nach dem Putsch von 1953 – während er in der DDR weilte – in Lebensgefahr.

Dass es sich bei der Aufnahme der iranischen Kommunist*innen um einen politischen Akt handelte, wird nicht zuletzt an der Behandlung deutlich, die die Geflüchteten anfänglich genossen. Der heute in Berlin lebende Künstler Yadegar Asisi, der als Kind mit seiner Familie 1955 in Halle ankam, gab in einem Interview mit der Welt zu Protokoll: «Die haben uns erstmal in eine Villa gesteckt und wir hatten eine eigene Köchin.»[4] Im Vergleich zu den aus ökonomischen Gründen in die DDR aufgenommenen Vertragsarbeiter*innen sowie einem Gutteil der DDR-Bevölkerung waren die politischen Emigrant*innen also nicht per se schlechter, teils gar besser gestellt.

Wie unterschiedlich die Lebenswege der Iraner*innen in der DDR bei allen Gemeinsamkeiten dennoch waren, zeigt der Fall Hossein Yazdi. Als Sohn einer Deutschen und eines an der Berliner Charité ausgebildeten Arztes kam Yazdi 1954 als überzeugter Kommunist in die DDR. Wenig später wechselte er jedoch radikal die Seiten und stellte seine Dienste dem iranischen Geheimdienst zur Verfügung. Von 1957 an spionierte er iranische Kommunist*innen im Exil aus und liefert die Geheimnisse an die SAVAK-Zentrale in der Bonner Straße in Köln.

Im Oktober 1961 fand die Mission des «wichtigsten Spähers im feindlichen Ausland»[5] (Yazdi über Yazdi) ein jähes Ende. Der SAVAK-Informant wurde von DDR-Sicherheitsbeamten am Checkpoint Charlie festgenommen. Er verbüßte fortan fast 16 Jahre Haft in den Gefängnissen Berlin-Hohenschönhausen und Bautzen II. Seine Freiheit erlangte Yazdi 1978 im Zuge der Annäherung Irans an die DDR zurück – wie die Berliner Boulevardzeitung B.Z. über ihren langjährigen Mitarbeiter schreibt, auch auf Betreiben des Verlegers Axel Springer.[6]

Auch der Status der Tudeh-Mitglieder hing in der DDR stets von der politischen Wetterlage ab. Ein 1957 in Leipzig gegründeter Radiosender, der das kommunistische Programm nach Iran sendete, musste bereits 1959 nach Bulgarien umziehen. Bozorg Alavi, der ab 1954 zunächst der Tudeh-Verantwortliche in der DDR war, beendete seine parteipolitische Aktivität bald zugunsten einer akademischen Karriere. Spätestens mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und Iran im Dezember 1972 führte zu einer weitgehenden Marginalisierung der Tudeh-Partei und ihrer Mitglieder in der DDR, da das SED-Regime die Kontakte zum Schah nicht gefährden wollte.

Die höchstens fadenscheinige Unterstützung änderte sich auch infolge der Islamischen Revolution nicht. Es ist heute bekannt, dass die DDR während des Iran-Irak-Kriegs beide Seiten mit Waffen belieferte. Von Juni bis September 1989 wurden gar iranische Revolutionsgardisten auf dem Flugplatz Rothenburg an MiG-21-Kampfjets ausgebildet – das staatliche Verhältnis und die Devisenknappheit standen über dem Interesse an der iranischen «Bruderpartei».

Es ist zu hoffen, dass die vielschichtigen Lebenswelten der Iraner*innen in der DDR noch besser aufgearbeitet werden. Dies würde nicht zuletzt helfen, ein differenzierteres Bild von Flucht und Migration in der DDR zu zeichnen.


[1] Tabelle «Ausländer in der DDR 1989 und in den neuen Bundesländern 1996», in: Jörg Becker: «Die nichtdeutsche Bevölkerung in Ostdeutschland. Eine Studie zur räumlichen Segregation und Wohnsituation», Potsdam 1998, S. 26. Abrufbar unter: publishup.uni-potsdam.de (zuletzt abgerufen am 14.09.2020). Alle Angaben exklusive Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte und deren Familien.

[2] Vgl. Patrice Poutrus: «Teure Genossen. Die politischen Emigranten als ‹Fremde› im Alltag der DDR-Gesellschaft», in: Christian Th. Müller und Patrice G. Poutrus (Hrsg.): «Ankunft – Alltag – Ausreise. Migration und interkulturelle Begegnung in der DDR-Gesellschaft“», Köln: Böhlau Verlag, 2005, S. 221.

[3] Roja Dehdarian: «Selbstentwürfe in der Fremde. Der iranische Schriftsteller Bozorg Alavi im deutschen Exil», Bamberg: University of Bamberg Press 2018, S. 30, abrufbar unter: fis.uni-bamberg.de (zuletzt abgerufen am 14.09.2020).

[4] Marie Sophie Kaiser: «Wir waren Ausländer der ersten Stunde», WELT, 04.03.2016, www.welt.de/geschichte/article152930481 (zuletzt abgerufen am 14.09.2020).

[5] Hossein Yazdi: «Als Iraner in Bautzen II», in: «Wege nach Bautzen II. Biographische und autobiographische Porträts», Dresden: Stiftung Sächsische Gedenkstätten, 20134: (Lebenszeugnisse – Leidenswege, Heft 8), S. 61–76, Zitat S. 65, abrufbar unter: www.stsg.de (zuletzt abgerufen am 17.09.2020).

[6] «Tschüss, Hossein Yazdi!», 29.09.2015, abrufbar unter: www.bz-berlin.de zuletzt abgerufen am 14.09.2020.