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Die Transformierung der Landwirtschaft entlang der Neuen Seidenstraßen

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Oliver Pye,

Arbeiterinnen an der Fertigungsstraße in einer chinesischen Bananenplantage im Norden Thailands.
Arbeiterinnen an der Fertigungsstraße in einer chinesischen Bananenplantage im Norden Thailands.
  © Oliver Pye, 24.7.2018

Die Belt and Road Initiative ist weit mehr als nur der Ausbau von Infrastruktur. Über die Straßen und Häfen werden neue, kapitalistische Verhältnisse transportiert, die tief in die ländlichen Gebiete Südostasiens hineindringen. Damit exportiert China auch sein landwirtschaftliches Modell.
 

Im Norden Thailands, mitten im Goldenen Dreieck (Thailand, Myanmar, Laos) in einer fast idyllischen Landschaft aus Reisfeldern und bewaldeten Bergen liegt die Bananenplantage. Sie ist groß, sieben Kilometer lang und 600 Meter breit steht sie am Ufer des Fluss Ing, ein Zufluss des großen Mekongs. Tausende Bananenpflanzen stehen hier in Reih und Glied. Die an ihnen wachsenden Bananenbüschel sind mehrfach eingepackt – in Karton, Schaumstoff und Plastik. Das hält die Früchte trocken, warm und insektenfrei, damit die Insektizide und Fungizide nicht abgewaschen werden und gut zur Entfaltung kommen können. Die Bananen der Sorte Cavendish sind anfällig für Schädlinge und Erkrankungen.

Dr. Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Südostasienwissenschaft an der Universität Bonn. Er arbeitet u.a. zu Arbeitsverhältnissen und Organisierungsstrategien in der industriellen Landwirtschaft.

Männer in zerlumpten Kleidern und Gummistiefel laufen so schnell sie können hin und her und schleppen die großen, schweren Büschel zu einem Lastwagen. Ein junger Mann steht bereit, um das Büschel im richtigen Moment mit der Machete abzuhacken. Sie soll genau auf die Schulter der Träger fallen, denn sie sind schwer, bis zu 50 Kilogramm. Die Männer schleppen das Büschel durch den nassen Schlamm der Plantage. Sie überspringen Bewässerungskanäle und laufen geduckt unter den vielen Plastikseilen hindurch, ohne die die Bananenpflanzen umknicken würden. Je schneller sie arbeiten, desto mehr Geld bekommen sie. Denn sie werden nach Stückzahl bezahlt, 8 Baht pro Büschel, umgerechnet 20 Cent. Das klingt wenig, trotzdem können sie hier das Dreifache des thailändischen Mindestlohns verdienen, der bei rund 300 Baht am Tag liegt. Wer hart arbeitet, schafft mehr als 100 Büschel pro Schicht. Am Ende eines solchen Akkordtages, erzählt einer der Arbeiter, seien die Leute jedoch kaputt. Nach dem Abendessen und ein paar Schnäpsen schlafen sie todmüde ein.

Auch die Vorbereitungen für den Versand laufen im Akkord und wie am Fließband. In einer offenen Halle mitten in der Plantage durchlaufen die Früchte eine Fertigungsstraße. Jeder einzelne Arbeitsschritt ist durchgeplant: Büschel abladen und aufhängen; Verpackung abstreifen; Bananenhände (so heißen die einzelnen Bündel, die wir aus dem Supermarkt kennen) abschneiden; waschen; sortieren und «missgebildete» Bananen entfernen; in Wachswasser imprägnieren; trocknen; in Plastiktüten und den uns bekannten Bananenkisten verpacken; Kisten vakuumieren und stapeln.

Kann man diese Art agroindustrieller Produktion noch Landwirtschaft nennen? Bäuer*innen gibt es hier keine mehr. Stattdessen Lohnarbeiter*innen, die Tag ein Tag aus schuften und nach einigen Jahren mit kaputten Rücken, Hautausschlägen oder Verletzungen ausgetauscht werden. Die Bananen, die den Supermarktnormen nicht entsprechen, das Plastik und der Schaumstoff zum Schutz der Pflanzen sowie die leeren Pestizideimer verursachen riesige Müllberge in den Plantagen. Die Bilder dieser Bananenplantage sind exemplarisch für die weltweite Bananenproduktion, egal ob dort für den europäischen oder den chinesischen Markt produziert wird.

Die Transformation der chinesischen Landwirtschaft

Die chinesische Landwirtschaft unterscheidet sich kaum von der kapitalintensiven, agroindustriellen und umweltvernichtenden Produktion, die wir in Europa kennen. In China ist allerdings eine beschleunigte Modernisierung zu beobachten, die auf der Proletarisierung der chinesischen Bauernschaft im Schnelldurchlauf beruht. Mit Hilfe riesiger Agrarunternehmen findet eine Industrialisierung der landwirtschaftlichen Produktion statt.

Dass sich Ackerland noch in staatlichem Besitz befindet – von manchen als Beweis für den sozialistischen Charakter der chinesischen Ökonomie angeführt – bedeutet nur, dass Nutzungsrechte verkauft und konzentriert werden. Im Rahmen einer gezielten Intensivierung der chinesischen Landwirtschaft, fördert der Staat langfristige Leasingverträge an größere Farmen, kommerzielle Familienunternehmen und Agribusinesses. Zwischen 2003 und 2013 haben schätzungsweise 65 Millionen Bauern und Bäuerinnen ihr Land verloren (Trappel 2016).

Die offizielle Modernisierungspolitik Chinas ist auf die Industrialisierung und vertikale Integration der Landwirtschaft ausgerichtet. Schon jetzt lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Städten, bald sollen es 60 Prozent sein. Die Lebensräume der ländlichen Bevölkerung sollen über städtisch-ländliche Industriekorridore systematisch an die urbanen Zentren angebunden werden, um Wachstum und Wohlstand voranzutreiben. Große Agribusinessunternehmen – die sogenannten Drachenkopffirmen – sollen wie beim Drachentanz voranschreiten und kleinbäuerliche Produzent*innen in die Weiterverarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte einbeziehen. Sie stellen Inputs und Technologie, die Vertragsbäuer*innen produzieren zu festgelegten Konditionen und Spezifikationen. Schon 2011 wurde in China 60 Prozent des Agrarlandes, 70 Prozent der Viehwirtschaft und 80 Prozent der Aquakultur so organisiert, Tendenz steigend (Schneider 2017).

Aus diesen Prozessen der Kommerzialisierung, Akkumulation und Konzentration sind inzwischen riesige Agrarkonzerne entstanden, die es global mit westlichen Riesen wie Cargill, Archer Daniels Midland oder Bayer aufnehmen können. Der Konzern Shuanghui ist beispielsweise seit der Übernahme des US-amerikanischen Fleischriesen Smithfield Foods der größte Schweinefleischproduzent der Welt. Der amerikanische Konzern war unter anderem wegen gewerkschaftsfeindlicher Praktiken und schlechter Arbeitsbedingungen wiederholt in die Aufmerksamkeit der Medien gerückt.

Firmen wie das Agrarunternehmen Beidahuang, mit drei Millionen Hektar Land, das staatskapitalistische Agribusiness-Unternehmen COFCO, das in über 140 Ländern Subunternehmen führt oder das Drachenkopfunternehmen New Hope Group kennen wir in Deutschland nicht, obwohl sie zu den größten der Welt gehören. Bekannter ist uns der Name Syngenta – weniger bekannt aber, dass das Unternehmen kürzlich von ChemChina aufgekauft wurde und damit zu einem der größten Pestizid- und Herbizidproduzenten der Welt aufgestiegen ist (Zhang 2019).

Das alles führt zu einer massiven Veränderung der Sozialstruktur in der chinesischen Landwirtschaft. Kapitalistische Familienunternehmen und größere landwirtschaftliche Betriebe wechseln sich ab mit riesigen Agrarkonzernen. Die Kleinbäuer*innen, die übrigbleiben, werden als Vertragsbäuer*innen in vertikale Ketten integriert. Ihre Rolle darin lässt sich mit Scheinselbstständigkeit vergleichen, weil sie in längeren Verträgen an einen Abnehmer gebunden sind, der die einzusetzenden Produktionsmittel und Abnahmebedingungen vorgibt. Vor allem aber findet eine Proletarisierung ungeahnten Ausmaßes statt. Inzwischen sind 250 Millionen Lohnabhängige in den ländlichen Gebieten zu verzeichnen, die direkt in der Landwirtschaft oder in der nachgelagerten Produktion arbeiten. Hinzu kommen die etwa 150 Millionen Wanderarbeiter*innen, die in den Fabriken der industriellen Ballungsgebiete arbeiten (Zhan und Scully 2018).

    Logistik und Kapitalverhältnis

    Was in China passiert, setzt sich im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI) fort. Über die reine Infrastruktur und die vielfach diskutierten geopolitischen Implikationen hinaus kann man die neuen Seidenstraßen als räumliche Expansion dieser vertikal integrierten, industriellen Landwirtschaft verstehen. Dabei wird die landwirtschaftliche Produktion von einer kleinbäuerlichen in ein vom Kapital- und Lohnverhältnis geprägtes System umgewandelt (Baird 2011). Die Straßen und Logistikzentren der BRI bilden die physische Infrastruktur für die Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Die großen Agrobusiness-, Vertriebs und Logistikunternehmen in China drücken über die BRI genormte Anforderungen für Produkte durch, die den Ansprüchen entweder der Supermärkte oder der industriellen Weiterverarbeitung entsprechen.

    Die Expansion der Bananenplantagen zeigt dies exemplarisch. Chinesische Unternehmen haben zunächst die neue Infrastruktur benutzt, um in Laos einen beispielslosen Boom in der Bananenproduktion herbeizuführen. Zwischen 2000 und 2010 wuchs die Produktion von 50.000 Tonnen im Jahr auf über 400.000 Tonnen an. Nachdem die laotische Regierung zwischenzeitlich weitere Investitionen in Bananenplantagen aufgrund arbeitsrechtlicher Probleme und Umweltverschmutzung verboten hatte, wechselten Investoren zunehmend nach Thailand, Myanmar und Kambodscha. Auch hier ist die Infrastruktur der BRI entscheidend (Fries und Nielsen 2017).

    Der Umschlagplatz für die Bananen aus dem Norden Thailands und Laos ist die Stadt Mohan in der südwestchinesischen Provinz Yunnan direkt an der Grenze zu Laos. Hier stehen die Distributionszentren, aus denen die Bananen in andere Regionen Chinas gebracht werden. Auf der anderen Seite der Grenze ist das laotische Dorf Boten, das gerade in eine «chinesische Stadt» umgebaut wird – samt chinesischer Währung und Casino. Sie gehören beide zur Mohan-Boten Economic Cooperation Zone, die seit 2018 für den freien Warenverkehr sorgen soll und ein zentraler Knotenpunkt auf der Kunming-Bangkok-Schnellstraße, eine der Hauptader der BRI in Südostasien, ist.

    Das chinesische Landwirtschaftsmodell, das so nach Südostasien transportiert wird, wird durch die großen Supermarktketten und Drachenkopfunternehmen bestimmt. Sie brauchen genormte Massenware, die jeden Tag in tausende Supermärkte chinesischer Großstädte geliefert werden kann. Die eingangs beschriebene Bananenplantage ist ein gutes Beispiel. In Südostasien gibt es über 100 verschiedene Arten von Bananen, dutzende davon werden von den Kleinbauern angebaut. Doch in den Supermärkten wird nur eine Sorte verkauft, die Cavendish-Banane. Diese Vorgaben – große Mengen einer bestimmten Art – erklären auch, warum tendenziell große Plantagen mit großen Mengen von Pestiziden, Fungiziden und Kunstdünger, Plastik und Schaumstoff die Produktion bestimmen.

    Auch das Kapital- und Lohnarbeitsverhältnis wird fast eins zu eins übertragen. Chinesische Unternehmen kaufen das Land nicht, sondern leasen es – wie in China auch. Die Arbeiter*innen sind entweder arme, oft migrantische Wanderarbeiter*innen, oder werden als Vertragsbäuer*innen in die Lieferkette eingebaut. Um die genormten Produkte und Arbeitsabfolgen sicherzustellen, werden bei neuen Plantagen immer Arbeitertrupps aus China eingesetzt, die die lokalen Kräfte anlernen.

    Kombinierte Kämpfe

    Die Modernisierung der chinesischen Landwirtschaft, vor allem auch der Verlust der Nutzungsrechte für Agrarflächen für Millionen von Bauern und Bäuer*innen aufgrund von Verkauf oder Enteignung   hat in China zu massiven Protesten geführt.  Unter der Führung von Intellektuellen wie Wen Teijun (Professor an der Renmin Universität in Beijing) formierte sich eine neue Bewegung für die Renaissance der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und der Bauernkooperativen (die «New Rural Reconstruction», NRR). Diese hat aber die Konzentration und vertikale Industrialisierung nicht aufhalten können (Day und Schneider 2018). Die Ausbreitung agro-industrieller Landwirtschaft entlang der BRI führt auch in Südostasien zu kleinbäuerlichen Protesten, die sich um Landkonflikte und ökologische Fragen wie Wasserverbrauch, Wasserverschmutzung und Pestizide drehen. In der oben erwähnten Plantage verlangten wütende Reisbauern ein Eingreifen der Behörden, nachdem die Plantagenbetreiber in der Trockensaison zu viel Wasser zur Bewässerung der Bananen abpumpten.

    Die neuen agro-industriellen Produktionsstrukturen entfachen neue soziale Konflikte zwischen Arbeit und Kapital. Auf der Plantage am Ing in Nordthailand haben sich Arbeiter*innen in den letzten Jahren in spontanen Protesten gegen Lohnabzüge gewehrt, die mit bestimmten Stückzahlvorgaben zusammenhängen. Auch Gesundheitsfragen spielen eine Rolle, etwa die Gefahr von Unfällen, Malaria oder Pestizidvergiftung. Solche Proteste bleiben aber bisher lokal und unkoordiniert – eine Gewerkschaft der migrantischen Landarbeiter*innen gibt es noch nicht.

    Interessant ist oft die Kombination von Kämpfen, die sich daraus ergeben, dass die Wanderarbeiter*innen oft noch ein wenig Land zu Hause behalten. Sie wehren sich gegen die Enteignungen, die mit der Expansion von Plantagen einhergeht, und gegen die prekarisierten und schlechten Arbeitsverhältnisse in den neuen Großbetrieben. Dies kann man sowohl in China als auch in Südostasien beobachten. Hinzukommen die Kämpfe der Logistikarbeiter*innen – für einige Aktivist*innen die Achillesferse der globalen Produktionsketten. Zukunftsweisend sind die koordinierten Streiks der Kranführer (Schlüsselfiguren der Bauindustrie) in 27 Städten im Mai 2018 sowie die Streiks und Blockaden der chinesischen Lastwagenfahrer später im gleichen Jahr. Sie wehrten sich gegen genau die ausgelagerten, scheinselbständigen und prekären Beschäftigungsbedingungen, die auch für die neue Landwirtschaft prägend sind. Wird die Belt and Road am Ende ein Vektor für die Ausbreitung der Streiks, Organisierung und Aufstände werden?


    Literatur:

    • Baird, Ian G..(2011): Turning Land into Capital, Turning People into Labour: Primitive Accumulation and the Arrival of Large-Scale Economic Land Concessions in the Lao People’s Democratic Republic. New Proposals: Journal of Marxism and Interdisciplinary Inquiry Vol. 5, No. 1 (November 2011) Pp. 10-26
    • Day, Alexander F. und Mindi Schneider (2018): The end of alternatives? Capitalist transformation, rural activism and the politics of possibility in China, The Journal of Peasant Studies, 45:7, 1221-1246, DOI: 10.1080/03066150.2017.1386179
    • Friis, C., und J. Ø. Nielsen (2017): Land-use change in a telecoupled world: the relevance and applicability of the telecoupling framework in the case of banana plantation expansion in Laos. Ecology and Society 22(4):30. doi.org/10.5751/ES-09480-220430
    • Schneider, Mindi (2017): Dragon Head Enterprises and the State of Agribusiness in China. Journal of Agrarian Change, Vol. 17 No. 1, January 2017, pp. 3–21.
    • Trappel, René (2016): China’s Agrarian Transition: Peasants, Property, and Politics. Lanham, MD: Lexington Books.
    • Zhan, Shaohua und Ben Scully (2018): From South Africa to China: land, migrant labor and the semi-proletarian thesis revisited, The Journal of Peasant Studies, 45:5-6, 1018-1038, DOI: 10.1080/03066150.2018.1474458
    • Zhang H. (2019) Creating China’s Global Agribusinesses. In: Securing the ‘Rice Bowl’. Palgrave Macmillan, Singapore. doi.org/10.1007/978-981-13-0236-7_9.