Nachricht | Antisemitismus (Bibliographie) - Shoah und linkes Selbstverständnis - Theorie des Antisemitismus Moishe Postone: „Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch“ (1995)

Verkürzte Kapitalismuskritik: Antisemitismus und das Kapitalverhältnis. Postones Versuch einer marxistischen Theorie des Antisemitismus

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Autor

Peter Ullrich,

Der Text von Moishe Postone ist kein eigentlicher Beitrag zur Erforschung des linken Umgangs mit dem Nahostkonflikt, sondern ein Versuch einer marxistischen Theorie des Antisemitismus. Der Text von 1979, der später häufig wieder veröffentlicht wurde, darf hier nicht fehlen, und zwar nicht nur, weil Postone seine Arbeiten auch in Auseinandersetzung mit der von ihm kritisch beäugten deutschen Linken formuliert, sondern auch, weil dieser kleine Text einen immensen Einfluss auf die Weltanschauung der antideutschen Strömung hatte.

Der Anspruch des wertkritisch-marxistischen Denkers, den Antisemitismus aus dem Kapitalverhältnis abzuleiten, wurde zum Kernbestandteil ihrer Theoriebildung und hatte eine immense legitimierende Wirkung hinsichtlich der Ausweitung und Überdehnung des Antisemitismusbegriffs, da die vertretene Theorie schließlich mehr oder weniger die Notwendigkeit der Existenz des Antisemitismus impliziert, solange die Welt kapitalistisch verfasst ist. Postones Argumentation trug zudem zur Begründung des Begriffs «struktureller Antisemitismus» (wenngleich der Begriff als solcher nicht in seinem Text erscheint), also eines Antisemitismus auch ohne Jüdinnen und Juden, bei und prägte den Begriff der «verkürzten Kapitalismuskritik», die nur bestimmte Oberflächenphänomene bekämpfe, während ihr der eigentliche Zusammenhang verschleiert bleibe.

In der Betrachtung, eigentlich einer Bestimmung des Zusammenhangs von Nationalsozialismus und Antisemitismus, wird zunächst moderner (gegen Erscheinungen der Moderne gerichteter) Antisemitismus vom antijüdischen Vorurteil und vom Rassismus (Zuschreibung potenzieller Macht des Verdrängten im Rassismus vs. als real angenommene Macht <des Juden> im Antisemitismus) unterschieden: «Die abstrakte Herrschaft des Kapitals, wie sie besonders mit der raschen Industrialisierung einhergeht, verstrickte die Menschen in das Netz dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut zu werden vermochten, in Gestalt des <Internationalen Judentums> wahrgenommen wurden.» Wieso dies ausgerechnet die Jüdinnen und Juden trifft, können alternative Antisemitismustheorien seiner Meinung nach nicht umfassend erklären.

Möglich, so Postone, ist es jedoch mit dem Marx'schen Begriff des Fetischs, oder: der Unterscheidung zwischen dem, was der Kapitalismus ist und wie er erscheint. Das den Jüdinnen und Juden zugeschriebene (Abstraktheit, Unfassbarkeit, Universalität, Mobilität) entspricht genau den Charakteristika der gesellschaftlichen Formen des Werts. So resultiere aus dem Fetisch eine Affirmation des konkreten und <natürlichen> (welches biologisiert wird) und damit eine «rückwärtsgewandte… Kapitalismuskritik», die sich nur gegen die abstrakten Erscheinungen wendet. Dieser personifiziert gegen die Jüdinnen und Juden gerichtete Hass ist also eine Art «<antikapitalistische> Revolte». Und, so Postone:

Der «moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefährliche Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegen darin, daß er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedene Arten antikapitalistischer Unzufriedenheit scheinbar erklärt und ihnen politischen Ausdruck verleiht. Er läßt den Kapitalismus aber dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen Form angreift. Ein so verstandener Antisemitismus ermöglicht es, ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzten Antikapitalismus zu verstehen. Für ihn ist der Haß auf das Abstrakte charakteristisch. Seine Hypostasierung des existierenden Konkreten mündet in einer einmütigen, grausamen - aber nicht notwendig haßerfüllten Mission: der Erlösung der Welt von der Quelle allen Übels in Gestalt der Juden.»

Der hoch spekulative Theorietext hat nicht nur immense Wirkung entfaltet, sondern auch viel Kritik erfahren, nicht zuletzt für seinen aus langen Ableitungsketten resultierenden hermetischen Charakter.[1]
 


[1] Vgl. Gallas, Alexander. 2004. „Ökonomismus und politische Irrwege. Zur Kritik an Moishe Postones Variante marxistischer Antisemitismustheorie“. In Attac-Reader: Globalisierungskritik und Antisemitismus. Zur Antisemitismusdiskussion in Attac, herausgegeben von Wissenschaftlicher Beirat Attac, 48–53. Frankfurt.

 Hanloser, Gerhard, Hrsg. 2015. „Deutscher Vernichtungsantisemitismus - eine vom ‚Antikapitalismus‘ angetriebene ‚Revolte‘?“ In Deutschland.Kritik, 64–101. Münster: Unrast.
 


Postone, Moishe (1995): „Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch“, in: Werz, Michael (Hrsg.): Antisemitismus und Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz, Kulturindustrie und Gewalt, Frankfurt 1995: Verlag Neue Kritik, S. 29–43.