Nachricht | Soziale Bewegungen / Organisierung - Rassismus / Neonazismus Wie Schwarze Menschen in Europa begannen, sich zu organisieren

Auf einer internationalen Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland diskutierten Aktive aus Bewegung und Wissenschaft

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Femi Awoniyi,

Menschen afrikanischer Herkunft sind seit langem Teil europäischer Gesellschaften. Sie leben hier seit Jahrhunderten, auch wenn Bücher über die neuere Geschichte des Kontinents dieser Tatsache kaum Rechnung tragen. Die internationale Konferenz «Black Europe: Die Anfänge Schwarzer Selbstorganisation in Europa», die die Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsam mit der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) organisiert hat, versammelte vom 10. bis 12. Juni 2022 Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen aus Europa in Berlin, um tiefer in diese Vergangenheit einzutauchen und ihre aktuelle Bedeutung für Schwarze Communities herauszuarbeiten.

Femi Awoniyi ist Chefredakteur von The African Courier, einer Zeitschrift, die über Afrika und die afrikanische Diaspora in der ganzen Welt berichtet.

Über drei Tage hinweg beschäftigten sich die Konferenzteilnehmer*innen in Vorträgen und moderierten Diskussionen mit der Frage, «was Schwarze Menschen angesichts der widrigen Bedingungen in rassistischen Gesellschaften unternommen haben, um sich zusammenzuschließen und ihre Interessen kollektiv zu vertreten». Acht Redebeiträge aus verschiedenen europäischen Ländern erörterten die jüngste Geschichte der Selbstorganisation Schwarzer Menschen in ihrem jeweiligen nationalen Kontext. Zwei weitere wissenschaftliche Vorträge untersuchten den Einfluss der Afroamerikanischen Bewegung auf ihre europäischen Pendants.

In ihrer Begrüßung betonte Daniela Trochowski als Geschäftsführerin der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Notwendigkeit, mit der Konferenz den weit verbreiteten Vorstellungen ethnisch homogener Bevölkerungen in Europa eine andere Erzählung entgegenzustellen, um so den Mythos eines «weißen» Kontinents zu entkräften. Trochowski erklärte, die Stiftung richte die Veranstaltung aus, weil sie sich gegen jene rassistischen Strukturen einsetze, die Polizeigewalt, Diskriminierung bei der Wohnungssuche und am Arbeitsplatz sowie weitere Benachteiligungen für Menschen afrikanischer Herkunft verursachten.

Videoaufzeichnungen der Vorträge werden sukzessive ab Anfang Juli 2022 veröffentlicht.

Das Vereinigte Königreich und Frankreich

Die ersten Vorträge am Eröffnungstag und die daran anschließenden Podiumsdiskussionen befassten sich mit Großbritannien und Frankreich. Zahra Dalilah, eine Schwarze feministische Autorin und Aktivistin aus London, wies darauf hin, dass die Geschichte der Schwarzen Selbstorganisation nachweislich bis ins Jahr 1772 zurückreiche. Anschließend sprach die Referentin über Gruppen, die in den 1920er Jahren entstanden und sich zunächst aus afrikanischen und karibischen Studierenden zusammensetzten. Aus diesen Vereinigungen gingen schließlich die panafrikanischen und antikolonialen Bewegungen hervor. Ein wichtiger Moment in der jüngeren Schwarzen Geschichte des Landes war das Jahr 1948, in dem die ersten afrokaribischen Einwanderinnen und Einwanderer sich in den Großstädten niederließen. Da diese Community sich regelmäßig Diskriminierung und Feindseligkeiten ausgesetzt sah, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie begann, Widerstand zu leisten, der in den frühen 1960er Jahren in organisierten Protesten wie den Busboykotten gipfelte.

Dalilah zufolge engagierte sich die Schwarze Bewegung seit den 1970er Jahren gegen Polizeigewalt und konzentrierte sich in ihrem Kampf auf soziale und ökonomische Rechte, was etwa in Forderungen nach angemessenem Wohnraum, würdigen Arbeitsplätzen und besseren Arbeitsbedingungen zum Ausdruck komme. Heute prägten neue Themen, wie der Aufstieg der Black-Lives-Matter-Bewegung und die Diskriminierung afrikanischer Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die Schwarzen Initiativen. Zudem hätten auch Frauen- und feministische Gruppen in der Community an Bedeutung gewonnen.

Yéra Dembele von der Fédération Euro-Africaine de Solidarité (FEASO) argumentierte in seinem Beitrag, die Geschichte der Schwarzen Selbstorganisation sei in Frankreich ähnlich wie in Großbritannien verlaufen. Der in Paris lebende Dembele sprach über die Bildung von Schwarzen Gewerkschaften und sozialen Initiativen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die sich später in die antikoloniale Bewegung einbrachten. Seit den 1960er Jahren sei die Selbstorganisation auf den Kampf für bessere Wohn-, Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie gegen Diskriminierung ausgerichtet gewesen, so Dembele.

Obwohl die Zahl Schwarzer Menschen in Frankreich auf etwa drei bis fünf Millionen geschätzt wird und sie zwischen 2,5 und 7,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden sie nicht als eigene Gruppe anerkannt. Der französische Staat erhebt keine Daten über ethnische Zugehörigkeit oder «Race» und erkennt Communities nicht-französischer Herkunft daher nicht an.

Österreich und die Schweiz

Im Programm folgte die Auseinandersetzung mit Österreich und der Schweiz. Mandu dos Santos Pinto erläuterte, dass es in der Schweiz bis in die frühen 1980er Jahre brauchte, bis im Zuge der Ankunft einer ersten Generation kongolesischer Geflüchteter Community-Vereinigungen entstanden. Die Selbstorganisation begann in Form von nationalen Verbänden, die afrikanischen Migrant*innen Foren für Austausch und Begegnung boten. Im Laufe der Jahre entstanden neue Gruppen wie Sankofa, die sämtliche Menschen afrikanischer Herkunft einbeziehen und zu Anliegen von allgemeinem Interesse wie Rassismus und Diskriminierung arbeiten.

Simon Inou führte die Anfänge der Schwarzen Bewegung in Österreich auf die Gründung afrikanischer Studierendenverbände vor etwa 60 Jahren zurück. Schwarze Menschen waren im öffentlichen Diskurs des Landes lange Zeit kein Thema. Das änderte sich, als Jörg Haider 1986 den Vorsitz der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) übernahm, woraufhin die Rechtspopulist*innen begannen, Stimmung gegen Einwanderung zu schüren.

Die FPÖ stellte Menschen mit Migrationshintergrund als Gefahr für die Gesellschaft dar, wobei Afrikaner*innen oft als Drogendealer*innen stigmatisiert wurden. Die rassistische Kampagne drängte Schwarze Menschen in die Defensive, und sie begannen, sich zu organisieren und zur Wehr zu setzen. Durch das Aufkommen von Frauen- und Jugendgruppen haben Schwarze Organisationen in Österreich in den letzten zwei Jahrzehnten an Vielfalt gewonnen.

Polen und Deutschland

Das dritte Panel der Konferenz befasste sich mit den Erfahrungen Schwarzer Menschen in Polen und Deutschland. Dr. Tade Omotosho sprach über die entstehende Schwarze Community in Polen. Gegenwärtig lebten etwa 5.400 Afrikaner*innen im Land, von denen die meisten als Studierende gekommen seien. Darüber hinaus gebe es eingebürgerte Schwarze sowie eine junge Generation, deren Angehörige in Polen geboren seien. Obwohl die Community jung sei, sei die Präsenz von Schwarzen im Land seit vielen Jahrzehnten dokumentiert.

Omotosho zufolge gab es bis vor kurzem keine Hinweise auf eine stabile Selbstorganisation. Als ein Zentrum der organisierten Schwarzen Community hob der Referent eine somalische Stiftung hervor, die 2007 mit dem Ziel gegründet wurde, den Kontakt zwischen Pol*innen und Afrikaner*innen zu fördern. So klein die Gemeinschaft auch sei, könne sie mit der Wahl zweier Afrikaner in das polnische Parlament – John Abraham Godson (2010-15) und Killion Munyama (2011-2021) – durchaus politische Erfolge verzeichnen, so Omotosho. Der jungen, selbstbewussteren Generation diene dies als Ansporn, sich in Politik und Gesellschaft zu engagieren.

Karen Taylor schilderte in ihrer Präsentation die Impulse, die die afrodeutsche Bewegung von Audre Lorde (1934–1992) erhielt. Die Schriftstellerin und Aktivistin afrokaribisch-amerikanischer Herkunft lebte in den 1980er und frühen 1990er Jahren in West-Berlin. Ihre Begegnungen mit jungen afrodeutschen Frauen wie Katharina Oguntoye und May Ayim führten zu der wegweisenden Veröffentlichung von «Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte». Das Buch berichtete von der Erfahrung vieler Afrodeutscher, sich im eigenen Land fremd zu fühlen, und trug zur Gründung der ISD, der ADEFRA (Afro-Deutsche Frauen) und anderer Schwarzer Gruppen bei. Farbe bekennen und die von dieser Publikation inspirierten Organisationen legten den Grundstein für die heutige Schwarze Bewegung in Deutschland.

Taylor betonte, die Internationale UN-Dekade für Menschen afrikanischer Abstammung habe auch viele Schwarze Organisationen dazu gebracht habe, sich über ihre Communityarbeit hinaus politisch zu engagieren. «Die Community will nicht länger nur der Gegenstand öffentlicher Debatten sein, sondern für sich selbst sprechen. Dadurch wird die politische Sichtbarkeit der Schwarzen Community erhöht», konstatierte sie. Diese Sichtbarkeit zahle sich aus, denn Schwarze Organisationen würden heute von den Regierungen zu einer Vielzahl von Themen konsultiert, beispielsweise zu den Beziehungen zwischen Polizei und Community oder zu Fragen von Migration und Bildung. Einige der Forderungen der Schwarzen Community – wie jene nach der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte – wurden Taylor zufolge sogar in den Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung aufgenommen.

Portugal und die Niederlande

Der zweite Tag der Konferenz begann mit Einblicken in die Schwarzen Bewegungen in Portugal und den Niederlanden. Beatriz Gomes Dias, Politikerin und antirassistische Aktivistin aus Lissabon, hob hervor, dass Schwarze bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in hohem Maße organisiert waren, Zeitungen gründeten, politische Gruppen ins Leben riefen und die Öffentlichkeit mitgestalteten. Tatsächlich gab es zu dieser Zeit zwei Schwarze Abgeordnete im portugiesischen Parlament.

Die frühen Schwarzen Organisationen waren antikolonial eingestellt und unterstützten die Unabhängigkeitskämpfe in den von Portugal beherrschten afrikanischen Gebieten, sagte Dias, die bis Anfang des Jahres für den Linksblock im portugiesischen Parlament saß. Zu den Herausforderungen, mit denen die Schwarze Community sich heute konfrontiert sehe, gehörten rassistische Diskriminierung, schlechte Wohnverhältnisse und Arbeitslosigkeit. Die Community fordere Gleichberechtigung, die juristische Ahndung von Rassismus und ein Ende der Polizeigewalt. Darüber hinaus forderten Schwarze Menschen eine Aufarbeitung der Kolonialgeschichte des Landes durch die offizielle Anerkennung der historischen Verbrechen, die an Afrikaner*innen begangen wurden.

Mitchell Esajas von The Black Archives, einem Dokumentationszentrum für die Geschichte der Schwarzen Emanzipationsbewegungen in den Niederlanden, berichtete, dass Surinames*innen sich dort bereits in den 1910er Jahren zusammengeschlossen hätten. Die «klassischen» Themen seien Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt, sie hätten in den Niederlanden schon immer Schwarzen Widerstand hervorgerufen. Heutige Schwarze Bewegungen forderten unter anderem ein Ende der Polizeigewalt und der sozioökonomischen Benachteiligungen, die sich in einer hohen Arbeitslosenquote und Armut unter Angehörigen der Community manifestierten.

Der «Schwarze Atlantik» – das Schwarze Europa

Das Nachmittagspanel des zweiten Konferenztages war mit Dr. Marion Kraft und Prof. Britta Waldschmidt-Nelson besetzt und widmete sich dem Einfluss der nordamerikanischen Schwarzen Bewegung auf ihr Gegenstück in Europa. Marion Kraft, eine in Berlin lebende afrodeutsche Wissenschaftlerin und Übersetzerin, unterstrich, dass die afroamerikanische Kultur die afroeuropäische Selbstorganisation wesentlich angeregt und zur Entwicklung der eigenen Ausdrucksfähigkeit beigetragen habe. Kraft verwies auf die Schwarzen Musiker*innen, die in den 1920er Jahren eine Zeit lang in Deutschland lebten und auf Tournee gingen. Auch diese Referentin erinnerte an die Rolle Audre Lordes beim Entstehen der Schwarzen Bewegung in der Bundesrepublik Mitte der 1980er Jahre.

Waldschmidt-Nelson, die die Professur für Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums an der Universität Augsburg hält, ging auf die Beziehungen ein, die sich in den 1960er Jahren zwischen linksliberalen Intellektuellen, Geistlichen und Aktivist*innen aus Deutschland und Schlüsselfiguren der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung wie Martin Luther King entspannen.

Die Vorträge und Diskussionen zeigen, dass die Entwicklung Schwarzer Communities in Europa einem ähnlichen Muster folgt. Während Nationalität und ethno-kulturelle Identität einst eine wichtige Rolle bei der Selbstorganisation spielten, richtet die neue Generation junger Schwarzer Menschen, die in Europa geboren und aufgewachsen ist, ihr Augenmerk auf soziale Themen wie Diskriminierung, Rassismus und die Lebensbedingungen benachteiligter Communities.

Die Veranstaltung beließ es nicht bei einem Blick in die Vergangenheit, sondern wandte sich auch der Zukunft zu. Ein Workshop am dritten Konferenztag ging der Frage nach, was perspektivisch noch zu tun sein wird. Eine engere Zusammenarbeit zwischen den Schwarzen Communities durch die gemeinsame Nutzung von Informationen, Wissen und Erfahrungen wurde als Schlüssel für ein starkes Schwarzes Europa erkannt, der Archivierung Schwarzer Geschichte wurde eine wichtige Rolle für die eigene Bildung und Selbstermächtigung zugesprochen. Die Teilnehmer*innen riefen auch zu einem regelmäßigen Austausch zwischen der Diaspora und afrikanischen Institutionen auf.

Eines ist klar: Die Schwarze Selbstorganisation in Europa wird von festeren Verbindungen zwischen den Aktiven enorm profitieren.