Nachricht | Wirtschafts- / Sozialpolitik - Golfstaaten Einflussnahme und «Nation Branding»

Katars Entwicklungspolitik verfolgt gleich mehrere Ziele

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Blick auf den West-Bay-Komplex in Doha
Internationaler Partner und Unterstützer von Nachhaltigkeitszielen: Katar versucht sich als globale Marke zu etablieren (Blick auf den West-Bay-Komplex in Doha). LAGRANDEENTREPRISE auf Pixabay

Es war ein Aufritt mit Wucht, Weitsicht und Wirkung: Während eines Treffens mit der UN-Organisation UNICEF am 1. März 2018 sprach Scheicha Moza bint Nasser al-Misnad von ihren ambitionierten Zielen, notleidenden Kindern auf der ganzen Welt helfen zu wollen. Insgesamt werde sie sich dafür einsetzen, 10 Millionen Kindern in sechs Jahren die fehlende Schulbildung zukommen zu lassen. Die Frau des ehemaligen Emirs Hamad bin Khalifa Al Thanid, der das Land von 1995 bis 2013 regierte, und Mutter des amtierenden Emirs Tamim bin Hamad Al Thani ist in Katar eine prominente Persönlichkeit in der Bildungs- und Entwicklungspolitik. Als Gründerin der Qatar Foundation (QF) und Vorsitzende von semi-offiziellen und regierungsnahen philanthropischen Stiftungen wie Education Above All (EAA) hat sich Scheicha Moza als eine Schirmherrin und Architektin der katarischen Entwicklungspolitik etabliert. Die von ihr geleiteten Institutionen setzen sich dafür ein, gemeinsamen mit internationalen Partnern wie den Vereinten Nationen benachteiligten Kindern und Frauen Bildung und Ausbildung zukommen zu lassen oder organisieren Stipendienprogramme.

Sebastian Sons arbeitet als Researcher beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO). Sons ist Islamwissenschaftler und promovierte zur pakistanischen Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien. 2016 erschien sein politisches Sachbuch «Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein Problematischer Verbündeter». Im September veröffentlicht er das Buch «Menschenrechte sind nicht käuflich. Wie die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss». Er bereist seit über zehn Jahren zu Forschungszwecken die arabischen Golfstaaten und beschäftigt sich insbesondere mit deren Außen-, Sicherheits-, Entwicklungs- und Sportpolitik sowie Migration in die Golfmonarchien.

Katar ist auch durch das Wirken Scheicha Mozas seit der Amtszeit Hamads und insbesondere unter der Ägide von Tamim zu einem einflussreichen Akteur in der Entwicklungspolitik geworden: 2019 flossen mit 313 Millionen USD die meisten Gelder an das Westjordanland und den Gaza-Streifen, gefolgt von Somalia mit 67 Mio. USD und Tunesien mit 21 Millionen USD. Mit 97,2 Prozent wird die überragende Mehrheit der Entwicklungsgelder von der Regierung dem staatlichen Entwicklungsfonds Qatar Fund for Development (QFFD) zur Verfügung gestellt, während islamische Stiftungen wie Qatar Charity (QC) vor allem religiöse Spenden (zakat und sadaqa) von Privatpersonen oder Unternehmen erhalten: 2020 stammten 92 Prozent der Einnahmen aus individuellen Spenden. 2020 stellte QFFD Zuschüsse von über 550 Millionen USD in 47 Ländern zu Verfügung. Der Großteil floss in humanitäre Hilfe (345 Millionen USD) und Bildungsprojekte (knapp 100 Millionen USD). QC ist die größte und wichtigste islamische Stiftung, die nach eigenen Angaben 2020 in 44 Ländern über 14 Millionen Hilfsbedürftigen mit über 506 Millionen USD unterstützte. Sie wurde 1992 gegründet und engagiert sich vor allem in der Nothilfe, aber auch verstärkt in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Im Vergleich zu den anderen Golfmonarchien Saudi-Arabien, Kuwait und die VAE ist Katar ein junger entwicklungspolitischer Akteur: Während der kuwaitische Entwicklungsfonds bereits 1962 gegründet wurde, wurde der QFFD 2002 ins Leben gerufen und operiert erst seit 2015 als eigenständige Institution.

Mit seinem humanitären Engagement will sich Katar nicht nur als verlässlicher und verantwortungsbewusster Partner der internationalen Gemeinschaft präsentieren, sondern auch seinen machtpolitischen Einfluss in Ländern von geostrategischem Interesse zu sichern. Vor allem während des sogenannten «Arabischen Frühlings» stellte Katar umfangreiche finanzielle Hilfen an die islamistischen Muslimbrüder (Ikhwan) in Ägypten und die Ennahda-Partei in Tunesien zur Verfügung. Damit erhoffte sich Katar, den islamistischen Vormarsch in Nordafrika zu unterstützen, um die eigene Machtposition zu stärken. Katar hatte sich in jenen Jahren als Förderer des Islamismus positioniert und sich damit dem Zorn der gegenrevolutionären Kräfte Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ausgesetzt. Die dortigen Herrscher fürchteten einen Dominoeffekt der nordafrikanischen Revolutionen und eine Gefährdung ihrer eigenen Herrschaft. Im Gegensatz zu Katar hatten islamistische Gruppierungen in den VAE und Saudi-Arabien in der Vergangenheit immer wieder versucht, die monarchische Herrschaft herauszufordern, was zu einer paranoiden «Ikhwanoia» in Riad und Abu Dhabi geführt hatte. Entwicklungspolitik diente Katar also zu dieser Zeit auch als machtkonsolidierendes Element sowie als Mittel, um in Ägypten und Tunesien einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber den golfarabischen Rivalen zu erlangen, indem die katarische Führung die neuen Regierungen hofierte, und im Gegenzug erleichterten Marktzugang erhielt. Doch diese Politik führte zu tiefen Rissen im golfarabischen Verhältnis und mündete im Juni 2017 in der sogenannten «Golfkrise»: Saudi-Arabien, die VAE, Bahrain und Ägypten, wo 2013 die von Katar unterstützten Muslimbrüder durch das Militär und mit Hilfe Riads und Abu Dhabis gestürzt worden waren, richteten eine See-, Land- und Luftblockade gegen den katarischen Emporkömmling ein. Während der Blockade nutzten beide Seiten auch humanitäre Hilfe und entwicklungspolitische Mittel, um ihren Einfluss in geostrategisch wichtigen Zielländern wie Sudan oder Libanon auszuweiten und die Präsenz der jeweiligen Rivalen zu schwächen. Es kam zu dieser Zeit also zu einem Wettkampf um die Loyalität regionaler Partner, der mit einer Ausweitung des entwicklungspolitischen Engagements einherging.

Allerdings wäre es zu einfach, Katars Entwicklungspolitik ausschließlich als Mittel der politischen Einflussnahme zur Schwächung regionaler Konkurrenten zu betrachten: Sogar während der Golfkrise kam es in der Entwicklungspolitik zu regelmäßigem Austausch zwischen den staatlichen Entwicklungsfonds im Rahmen der sogenannten Arabischen Koordinierungsgruppe, zu der neben dem QFFD auch die Geberorganisationen Kuwaits, Saudi-Arabiens und der VAE sowie multilaterale Organisationen wie die Islamische Entwicklungsbank gehören. Katar ist bewusst, dass regionale Instabilität durch humanitäre Krisen, desaströse Kriege oder soziale Ungerechtigkeit auch der eigenen Sicherheit schadet. Deswegen dienen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe in krisengeplagten Ländern auch zum eigenen Schutz vor Chaos.

Entwicklungspolitik soll nicht mehr ausschließlich als Machtinstrument eingesetzt werden, sondern internationale Partnerschaften stärken und dem «Nation Branding» dienen. Mit internationaler Entwicklungszusammenarbeit will sich Katar als Unterstützer der UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG) und als Förderer globaler Bildungs- und Entwicklungsagenden präsentieren. Entwicklungshilfe ist somit Teil der katarischen Maßnahmen, sich als globale Marke zu etablieren. Dies gilt auch für den Sport: Während der WM sollen mehrere Aktionen von katarischen Entwicklungsorganisationen wie EAA umgesetzt werden, um Aufmerksamkeit für die SDG zu erregen. Außerdem hat Katar bereits weit vor der WM einige Initiativen und Organisationen wie die Aspire Academy gegründet, um Sporttalente inner- und außerhalb Katars zu fördern. Weiterhin kooperiert die katarische Regierung verstärkt mit internationalen Organisationen wie dem Fachausschusses für Entwicklungszusammenarbeit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Katar ist in diesem Format seit 2016 Mitglied und hat sich bereiterklärt, seine Daten zur Bereitstellung von offizieller Entwicklungshilfe (offical development assistance, ODA) regelmäßig zu veröffentlichen.

Katar möchte mit diesem Vorgehen und der strikteren Kontrolle von islamischen Stiftungen wie QC Vorwürfen entgegenwirken, die katarische Entwicklungshilfe fördere noch immer dubiose Islamisten. Insbesondere QC kooperiert zu diesem Zweck in vielen Projekten mit UN-Organisationen wie UNICEF, UNHCR oder der International Organization for Migration (IOM). Dennoch wird noch immer die mangelnde Transparenz der katarischen Entwicklungszusammenarbeit bemängelt, und Organisationen wie QC finanzieren angeblich weiterhin Initiativen, die den Muslimbrüdern nahestehen, unter anderem in Europa.[*] Weiterhin wird das humanitäre Engagement Katars auch durch einen Mangel an Ressourcen ausgebremst: Zwar verfügt das Emirat über ausreichende finanzielle Mittel, allerdings fehlt vielfach die Expertise und das Personal. So wurden hinter vorgehaltener Hand die ambitionierten Pläne Scheicha Mosas von eigenen Mitarbeiter*innen skeptisch betrachtet, da schlichtweg die personellen Kapazitäten fehlten, um die Ziele umzusetzen.


[*] Georges Malbrunot, Christian Chesnot: Qatar Papers. So beeinflusst der Golfstaat den Islam in Europa, Wien: Seifert Verlag, 2020.

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