Nachricht | Antisemitismus (Bibliographie) - Nahost und Antisemitismus in der BRD - Rassismus–Antisemitismus Nicholas Potter/ Stefan Lauer (Hrsg): Judenhass Underground; Berlin 2023

Sammelband greift wichtiges Thema auf, verfehlt aber die angemessene Auseinandersetzung mit der komplexen Materie

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Peter Ullrich,

Antisemitismus ist eine «gepflegte Semantik», das heißt ein Sinnzusammenhang mit tiefen kulturellen Bezügen (nicht zuletzt durch die de facto antijüdische theologische Konstitution des Christentums), etablierten Tradierungswegen und –medien sowie allgemeiner diskursiver Abrufbarkeit. Angesichts dieses Charakters des Antisemitismus ist es nicht überraschend, dass er nicht nur in einem engen politisch rechten Spektrum, wenn man so will: seiner eigentlichen Domäne, anzutreffen ist, sondern gesamtgesellschaftliche Wirkung entfaltet und auch in progressiven Strömungen, Szenen oder Milieus Resonanz erzeugt. Maßgeblich für seine Verbreitung in gesellschaftlichen Teilbereichen ist nicht einfach nur die eigene Haltung, sondern zugleich, inwiefern man sich in diesen Bereichen selbstreflexiv und kritisch mit Antisemitismus auseinandersetzt (eine Einsicht, die im Übrigen ähnlich auch für Rassismus, Sexismus usw. gilt). Dass Progressive nicht vor Antisemitismus gefeit sind, war Gegenstand von Skandalisierung und Debatte, in Deutschland spätestens seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts und in verschiedenen Wellen immer wieder bis zu den heutigen Debatten um sogenannten «postkolonialen Antisemitismus». Die entsprechenden Diskussionen wurden, insbesondere aufgrund der erinnerungspolitischen Verflechtung mit Grundfragen politischer Legitimität in Deutschland, oft erbittert ausgetragen, teils mit Lerneffekten (beispielsweise dem klaren Bedeutungsverlust des antiimperialistischen Antizionismus), teils mit einer Verselbständigung der Kritik, die tendenziell das Kind mit dem Bade ausschüttete. Noch immer sind die Pole der Diskussion das Abstreiten oder Minimieren der Relevanz von Antisemitismus unter Progressiven oder Linken auf der einen Seite und das Ausmaß-maximierende Aufspüren von Antisemitismus allerorten auf der anderen. Die Anthologie «Judenhass Underground» ist geradezu idealtypischer Repräsentant dieser Diskurskonstellation. Sie nimmt sich eines absolut relevanten Themas an und tut dies doch weitgehend in den Mustern der im Antagonismus erstarrten Debatte, über weite Strecken holzschnittartig deren maximierenden Pol abbildend. Sie ist Ausdruck zweier Probleme: des realen Antisemitismus und einer problematischen Form der Antisemitismuskritik.

Zwischen allgemeinen Einführungen im ersten Teil («Intro» und «Theorie» betitelt) und diversen Interviews im letzten des Buches (mit «Dialog» überschrieben), widmen sich die einzelnen Kapitel im Hauptteil «Praxis» dem Kulturbetrieb, dem Antirassismus, der Klimabewegung, der queeren Community, dem Feminismus, der Clubkultur, dem Hiphop, Punk und Hardcore.

Dabei ist das «Intro» der beiden Herausgeber durchaus noch vielversprechend im Hinblick auf eine mögliche universalistische Perspektive, die bereit sein könnte, sich auf Grauzonen einzulassen. Denn diese entstehen beispielsweise im Kontext des Nahostkonfliktes, wenn sich realkonfliktbedingte Feindbilder mit antisemitischen überlagern und eine politisch wie analytisch schwierige Gemengelage erzeugen. Auch die Notwendigkeit radikaler Kritik der gegenwärtigen israelischen Rechtsregierung (die auch zur Erklärung des Tons ihr gegenüber beiträgt) wird dort so klar betont, wie die Realität des Leidens von Palästinenser*innen. Diese programmatische Komplexität, die sich aus den konkurrierenden Bezugsproblemen (Antisemitismus und Nahostkonflikt) ergibt, scheint im Buch immer mal wieder auf, doch meist kurz und inhaltlich überwiegend folgenlos. Auch die Forderung der Herausgeber nach selbstkritischem Blick auf die eigenen starken Positionierungen in diesem Themenfeld ist wichtig. Eingelöst wird auch sie aber nicht, denn über weite Strecken ist das Buch keine Analyse dieser Verstrickungen, sondern eine «Anklage mit anschließender Diskussion» (20). Die eigene Position des Kritikers von der Seitenlinie und sein/ihr blinder Fleck wird dann doch nicht hinterfragt. Dabei ist vielfach, zuletzt von Klaus Holz und Thomas Haury in ihrem Buch «Antisemitismus gegen Israel» darauf hingewiesen worden, wie komplementär die blinden Flecken und Verzerrungen der Debattenexponent*innen sind.1

Am Ende ist es dann wie so oft: richtige Analysen und Skandalisierungen antisemitischer Vorfälle, die das Buch zuhauf liefert, stehen neben Einschätzungen, die ausschließlich dann überzeugen, wenn man eine nahostpolitisch radikal pro-israelische Position einnimmt und – spiegelbildlich zum kritisierten israelbezogenen Antisemitismus – am Ende doch keinerlei Konfliktanteile auf der ‚eigenen‘ Seite sehen mag (womit implizit und teils ausdrücklich die Palästinenser*innen und die arabischen Ländern zu Alleinschuldigen an der nahöstlichen Misere werden). Erreicht wird dies (so bei Nikolas Lelle und Tom Uhlig in ihrer theoretischen Einführung) mit suggestiven Formulierungen wie «das kleine Land am Mittelmeer» (das damit nicht als militärischer Big Player der Region erscheint) oder völlig einseitigen Deutungen der einzelnen Konfliktgegenstände. So wird beispielsweise die Forderung nach Abbau der Grenzanlagen als absolute Bedrohung der Sicherheit der israelischer Bevölkerung gesehen; ihre Rolle in der Drangsalierung der palästinensischen Bevölkerung aber findet nicht einmal Erwähnung. Und so geht es weiter mit symbolischen Bezugnahmen, die klare Lagerbildung ermöglichen: nur die Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA wird anerkannt; die anders gelagerte, aber von maßgeblichen Expert*innen getragene Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus wird mit ebenso irrigen wie knappen Argumenten in Bausch und Bogen abgelehnt. Solche unnötigen identitätspolitischen Zuspitzungen machen es schwer, die vorhandenen richtigen Kritiken zur Kenntnis zu nehmen. Dazu gehört Lelles und Uhligs Hinweis darauf (ebenso in anderen der Beiträge), dass weiterhin immer wieder konkrete Jüdinnen*Juden teils gewaltvoll für israelische Politik in Haftung genommen werden oder Anastasia Tikhomirovas Verweis auf den Missbrauch von Gedenktagen für jüdische NS-Opfer für antiisraelische Agitation – zudem noch vor jüdischen Einrichtungen.

Interessant wäre es zu erfahren, wie die Spezifika der thematisierten Szenen zu dieser Anschlussfähigkeit an Antisemitismus beitragen. Das darzustellen gelingt manchen Beiträgen in Ansätzen. Doch wenn zum wiederholten Mal in der dualistischen Sicht auf Gut und Böse sowie Richtig und Falsch alle Differenzierungen verschwinden, wird es ärgerlich und Weiterlesen zum Kraftakt. Da verschwimmen – wie im Beitrag von Tikhomirova zum Antisemitismus antiimperialistischer Gruppen, dem analytischen Tiefpunkt des Buches – marxistisch-leninistischer Antiimperialismus, Antirassismus, Postkolonialismus und die BDS-Bewegung zu einer ununterscheidbaren Melange. Dem gesamten palästinensischen militanten Kampf wird von ihr attestiert sich grundsätzlich gegen alle jüdischen Bewohner*innen zu richten (106) – offensichtlich völlig frei von allem Wissen über frühere Koexistenz im historischen Palästina und symbolische wie reale Annäherungs- und Anerkennungsprozesse seit den 80er und 90er Jahren, die nur im Niedergang des so genannten Friedensprozesses ihre Bindekraft nicht entfalten konnten. Die jüdischen Bewohner*innen, also die Israelis, werden in einem gewagten Move mit Bezug auf linkszionistische Positionen zu möglichen unterdrückten und verfolgten Indigenen, die während der Staatsgründung nur heimkehrten. Das ist deshalb besonders interessant, weil im israelsolidarischen Spektrum der Autor*innen dieses Bandes normalerweise das Beharren der Palästinenser*innen auf ‚ihr‘ Land und die Weitergabe des Flüchtlingsstaus seit 1948 normalerweise als quasi völkisch verdammt werden, während dieselbe Vererbung seit 2000 Jahren hier als satisfaktionsfähiges Argument präsentiert wird. Diese Stelle vermittelt am eindrücklichsten, wie wenig es an vielen Stellen um analytische Stringenz und intellektuelle Kohärenz geht, sondern vielmehr um bloße strategische Parteinahme. Kolonialistische Aspekte am Prozess der zionistischen Besiedlung und Staatswerdung, die bei aller Ambivalenz und Zerrissenheit Israels und des Zionismus wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten kann, können dann mit einem «angeblich» leichtfertig beiseite gefegt werden (107 f.). Richtiggehend bizarr mutet eine umfänglich und zustimmend zitierte Aussage des Journalisten Alex Feuerherdt im Text von Konstantin Nowotny an, wonach es dem neuen Antirassismus und Postkolonialismus um die Etablierung einer Opferkonkurrenz historischer Verbrechen gehe. Dass als Beleg dafür ausgerechnet Michael Rothberg aufgeführt wird, der mit dem Konzept der «multidirektionalen Erinnerung» gerade geistesgeschichtliche Ansatzpunkte von inklusivem, nicht konkurrierendem und doch Partikularität anerkennendem Erinnern untersucht, muss als entweder dreist oder völlig uninformiert eingeordnet werden. In den weiteren Beiträgen tummeln sich noch verschiedene interessante bis gewagte Thesen, wie die von Jan-Riebe, dass die 1967er Ereignisse unter anderem im Nahostkonflikt eigentlich prägend für die Formierung der sogenannten Achtundsechziger waren (und nicht nur für ihre Nahostpolitik).

Wenige Texte stechen positiv aus dem geschichtsarmen Cherry-Picking-Grundschema (das Herauspicken und Aufzählen verwerflicher Ereignisse) heraus, weil sie wie Riv Elinson in seinem*ihrem Beitrag «Antisemitismus und Intersektionalität» zunächst den Gegenstand offen und interessiert in seinen Bezugskontexten darstellen, bevor auf Schwächen hingewiesen wird, in diesem Fall die reale Schwierigkeit intersektionaler Ansätze, Jüdinnen*Juden mitzudenken – theoretisch wie praktisch-solidarisch. Ähnlich, ohne Schaum vor dem Mund, und geprägt durch persönliche Erfahrungen sind die Darstellung der Klassenzuschreibungen, denen Jüdinnen*Juden oft noch immer unterliegen, durch Ruben Gerczikow und Monty Ott.

Doch auch in diesen Beiträgen zeigt sich, wie in vielen anderen ein weiteres massives Manko des Buches. Es ist durchsetzt mit Zitaten und Aussagen darüber, welche Argumente und Formulierungen in den betrachteten Szenen typischerweise (?) vorkämen; auch Studien werden reichlich zitiert. Doch Quellenangaben? Fehlanzeige. Das ist bei einem nichtwissenschaftlichen Buch an sich verzeihbar, doch die rege Diskussion auf Twitter u.a. über ein der falschen Person zugeordnetes sowie ein offensichtlich diffamierendes Falschzitat zeigt, dass es so jedenfalls nicht geht. Vielleicht noch schlimmer ist es bei der Vielzahl kolportierter allgemeiner Äußerungen wie der aus feministischen Kreisen, dass über den Holocaust schon genug gesprochen worden sei (im Beitrag von Merle Stöver). Was fängt man mit dieser Information an? Wer hat die Aussage getätigt? Soll sie typisch für den Feminismus stehen? Für eine seiner Strömung oder eine bestimmte Zeit? Wie kann man solche Scheinzitate zu- und einordnen? Doch nicht einmal Lektürehinweise zum Weiterlesen werden in den Aufsätzen gegeben. Ähnliche Probleme gibt es im Beitrag von Konstantin Nowotny zur Documenta15, der mit einem extrem polarisierenden Debattenakteur und Mitauslöser des Documenta-Skandals (dem Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus) antisemitische Verstrickungen kritisiert (welche zugleich aber auch nicht «so eindeutig nachweisbar» seien, wie er zugesteht, S. 94). Und wieder bei Tikhomirova, die über einen Isa al-Battat berichtet, «der Gründer des Palestinian Islamic Jihad (PIJ) sein soll» [Hervorhebung PU]. Wie können solche völlig unspezifischen und in ihrer Argumentkraft unklaren, aber zugleich suggestiven und assoziationsreichen Aussagen Herausgeber*innen und Lektorat passieren?

Diese überschäumende Tendenz findet sich schon im Titel des Buches mit dem Wort «Judenhass». Denn der Antisemitismus in progressiven Spektren ist gerade dies oft eher nicht: eine starke ablehnende Emotion gegenüber den Jüdinnen*Juden und dem Judentum als solchen. Das stünde wirklich zu konträr zu vielen der in den untersuchten Szenen gehegten Selbstbildern und auch zu vielen der tatsächlich antisemitischen oder antisemitismusaffinen Vorfälle und Äußerungen. Vielmehr – und das ist völlig konsistent mit den Beiträgen im Band – sind doch die Einfallstore für Antisemitismus in diesen Milieus eher falsche Generalisierungen und Überidentifizierungen im Nahostkonflikt, antirassistisch verkürzte Sichtweisen auf Antisemitismus, oder Anschlussfähigkeit an rechtsaffine verkürzte/personalisierende Deutungen der Moderne/des Kapitalismus.

Es ist keine Freude einen weitgehenden Verriss – und anders kann man die Grundtendenz dieser Besprechung kaum lesen – zu schreiben, nicht einmal eine klammheimliche. Denn – das möchte ich wiederholen – der Gegenstand ist der Analyse und Kritik durchaus würdig. Es gäbe hier noch so viel an Erfahrungen zu heben, an Rekonstruktion zu betreiben, an (subkulturellen) diskursiven Kontexten aufzuklären und an widersprüchlichen progressiven Perspektiven auszuloten. Das geschieht leider im vorliegenden Band noch zu wenig, wie beipielsweise in Lilly Wolters Ausführungen zum Rap, wo doch einige Anknüpfungspunkte für Antisemitismus in der beschriebenen Subkultur herausgearbeitet werden: so die sozialen Hintergründe der Protagonist*innen, ihre geteilte Erfahrungen von Prekarisierung, Ausgrenzung und Gewalt, die quasi an anderen Objekten wiederholt werden, die generelle Kultur der Abwertung und des verbalen Angriffs im Gangsta-Rap. Im Punk (so der Beitrag von Annica Peter) ist es unter anderem die Attitüde der größtmöglichen Provokation und ein etablierter Antiamerikanismus, die Anschlüsse bieten. Die im Buch untersuchten Formen von Antisemitismus beziehen sich überwiegend und analytisch schwach auf Israel und den israelisch-palästinensischen Konflikt als ein Spielfeld von Antisemitismus. Die dominante, immer wieder anklingende, wenn auch in der Regel implizit bleibende, Sicht auf den Nahostkonflikt ist jedoch rein antisemitismustheoretisch und –kritisch informiert und somit nur in der Lage, eine Seite ernsthaft in den kritischen Blick zu nehmen. Den Konflikt als solchen in seinen Dynamiken und Entwicklungen sowie als eine Quelle von Hass und Gewalt, und seine Akteur*innen (die direkt beteiligten und die verschiedenen Solidaritätsbewegungen) in ihrer Heterogenität kann dieser verengte Blick nicht erfassen und unterläuft so mit Verve den eingangs formulierten selbstkritischen Anspruch. Der Versuch, nicht in rein moralische, binäre Zuordnungen zu verfallen, ist an manchen Stellen zumindest als solcher, als Versuch, zu erkennen. Die Einlösung jedoch steht noch aus.


Nicholas Potter / Stefan Lauer (Hrsg.): Judenhass Underground. Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin, Leipzig 2023, 252 Seiten, 22 Euro

1 Holz, Klaus, und Thomas Haury. 2021. Antisemitismus gegen Israel. Hamburg: Hamburger Edition. Vgl. auch Ullrich, Peter. 2007. Begrenzter Universalismus. Sozialismus, Kommunismus, Arbeiter(innen)bewegung und ihr schwieriges Verhältnis zu Judentum und Nahostkonflikt. Berlin: AphorismA.

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