Publikation Bildungspolitik Kapitalismus reloaded

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Mai 2008

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1. Einleitung

In die „Bizarrerie [eines] ungewohnten Zusammentreffens“ (Foucault 1974: 18) sollen in der vorliegenden Arbeit verschiedene Diskursarenen des „Bologna-Prozesses“ gestellt werden. Dabei wird die Untersuchung der Diskursivität des „Bologna-Prozesses“ durch die folgende Frage angeleitet: „Welche Kohärenz ist das, von der man sofort sieht, daß sie weder durch eine Verkettung a priori und notwendig determiniert ist, noch durch unmittelbar spürbare Inhalte auferlegt wird?“ (Foucault 1974: 22).

Ausgehend von der These, dass die Universitätslandschaft der Bundesrepublik Deutschland durch die Maßgaben, welche im Rahmen des „Bologna-Prozesses“ auf europäischer Ebene ausgehandelt werden, gravierende Umstrukturierungen erfährt (vgl. Witte 2006, vgl. HRK 2004), konzentriere ich mich zum einen auf die diskursanalytische Untersuchung der Prozesse dieser Aushandlungen und setze mich zum anderen mit ihren subjektivierenden Effekten auseinander. Durch den Gedanken motiviert, „dass Teilhabe die prekäre Voraussetzung für Veränderung ist“ (Hark 2005: 11), geht es mir einerseits darum, die Regelhaftigkeit des Diskurses zur Studienreform zu rekonstruieren und daran seine spezifische Intelligibilität herauszuarbeiten. Andererseits sollen die hochschulpolitischen Maßgaben, welche als aus einer spezifischen diskursiven Formation innerhalb des politischen Diskurses hervorgehend verstanden werden, in einen Zusammenhang mit ihren subjektivierenden Effekten gestellt werden.

Angesichts der vielfältigen Verflechtungen, die zwischen mir und dem in der vorliegenden Arbeit untersuchten Feld bestehen und derer ich mir beim Schreiben dieser Arbeit mehr und mehr bewusst wurde, konnte auch ich ironischerweise zunächst „an gar nichts anderes denken als an Flucht“ (Bourdieu 1992: 38). Die tragische Ironie lag darin, dass ich das Untersuchungsfeld Studienreform ausgerechnet aufgrund meiner Verflechtungen zum Untersuchungsobjekt gewählt hatte. Das jedoch, was mir zunächst als Vorteil erschienen war – meine Bekanntschaft mit den politischen Themen, den Dokumenten und den Debatten – kehrte sich bereits nach dem ersten Versuch einer Konzeptualisierung in sein Gegenteil. Schließlich war ich mehrere Jahre als Studentin in zwei europäische Hochschulsysteme eingebunden gewesen und hatte selbst in Magisterstudiengängen, als Haupt- und als Nebenfächlerin sowie in Bachelor- und Masterstudiengängen studiert. Es stellte sich hier die Frage, wie ich mit diesen Verflechtungen umgehen wollte. Hier erschien es mir unmöglich, meine bis hierher mit den Hochschulsystemen gemachten Erfahrungen im Husserlschen Sinne “einfach“ einzuklammern[1]. Einerseits fehlte mir dazu die Erkenntnis darüber, was genau diese Erfahrungen beinhalteten und andererseits vermochte ich mir nicht vorzustellen, dass eine Einklammerung aller Erfahrungen und damit auch Wissen[2] sinnvoll sein könnte. Also habe ich mich darum bemüht, reflexiv mit den bestehenden Verflechtungen in das akademische und hochschulpolitische Feld umzugehen. Pierre Bourdieus Ermunterung folgend, dass „die Soziologie der Soziologie nichts über die erste Regung, aber […] [über] die zweite zu kontrollieren“ vermag (Bourdieu 1996: 286), unternahm ich den Versuch, meine Verflechtungen in das Forschungsfeld zunächst, soweit sie mir zugänglich waren, zu integrieren und mich von ihnen in einem zweiten Schritt mittels Anwendung einer soziologischen Methode zu distanzieren.

1.1 Untersuchungsgegenstand und Forschungsfragen

Helmut Schelsky bezieht sich in seiner Analyse „Einsamkeit und Freiheit“ auf die Untersuchung der Humboldtschen Universitätsreform Ende des 18. Jahrhunderts:

„Indem der neue wissenschaftliche Bildungsgedanke, die neue Universitätsidee, gegen das ’Zunftwesen’ der Studenten gerichtet war, verbirgt sich in ihm die grundsätzliche Absicht, die für jede Universitätsreform konstitutiv ist: die Erneuerung der Universität auch von der studentischen Lebensweise her zu verwirklichen“ (Schelsky 1963: 27).

Es lohnt sich, dem Zusammenhang zwischen Universitätsidee und studentischer Lebensweise empirisch innerhalb der aktuellen Umstrukturierungen des Hochschulwesens im Rahmen des „Bologna-Prozesses“ nachzugehen. Denn Schelsky formuliert, dass mit jeder Universitätsreform eine Erneuerung der studentischenLebensweise einhergeht (vgl. Schelsky 1963: 27).

Die vorliegende Arbeit untersucht, ausgehend von dem wissenssoziologischen Verständnis einer gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit (vgl. Berger/Luckmann 1980) anhand verschiedener Dokumente der Studienreform im Rahmen des „Bologna-Prozesses“ die Verhandlung der Vorstellungen von Universität Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts. Dabei werden die Reform traditioneller Vorstellungen und die diesen Prozess begleitenden Umstrukturierungen der die Universität konstituierenden institutionellen Verfahren und Regeln als miteinander verschränkt gedacht. An diese Sichtweise anknüpfend, macht es Sinn, sich dem politischen Diskurs als Oberfläche der politischen Verhandlung und Narration eines spezifischen Gesellschaft-Universität-Subjekt Verhältnisses über das Analyse-Instrumentarium zu nähern, welches Maarten A. Hajer in Anschluss an Michel Foucault entwirft. Auf Grundlage dieser theoretischen Konzeptualisierung des Zusammenhangs zwischen den Vorstellungen von Universität und der Lebensweise der Studierenden ergeben sich ausgehend von Schelskys These mehrere Forschungsfragen: Wie kommen hegemoniale Vorstellungen von Universität zustande? Welche Formen des institutionalisierten Sprechens lassen sich auf Diskursebene identifizieren? In welchem Zusammenhang stehen diskursive Sprechweise, institutionalisiertePraktiken und mit diesen Institutionen verhaftete Subjekte? In welcher Weise kann die Verknüpfung zwischen politischem Diskurs, Hochschulinstitution und Studierenden gedacht werden und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Umsetzungen der Maßgaben in Form von Prüfungs- und Studienordnungen? Letztlich geht die Arbeit in Rekurs auf diese forschungsanleitenden Fragen auf das Verhältnis von Studienreform und der möglichen Einschränkung freiheitlicher Momente des Studierens ein.

1.2 Forschungsstand

Mit der Untersuchung der diskursiven Formierung spezifischer Praktiken innerhalb des Hochschulwesens und ihrer subjektkonstituierenden Effekte bewegt sich die vorliegende Arbeit in einem Nexus aus Wissen und Macht in zweifacher Hinsicht. Erstens sind Hochschulen Institutionen, innerhalb welcher wissenschaftliches Wissen produziert und reproduziert wird. Umfangreiche Studien zeigen, dass die Wissenschaftsproduktion nicht in einem machtfreien Raum gedacht werden kann (vgl. Schelsky 1963, Nitsch/Gerhardt/Offe/Preuß 1965, Bourdieu 1992, Hark 2005). Zweitens muss, wie Foucault zeigt, die „Art und Weise, in der ein Mensch sich selber in ein Subjekt verwandelt“ (Dreyfus/Rabinow 1987: 243) ebenfalls als in Machtprozesse verwoben betrachtet werden, welche sich über Wissen reproduzieren.

Insbesondere aktuelle Forschungen aus dem Bereich der Gouvernementality-Studies markieren, dass Foucaults Arbeit, die sich methodisch auf die Entzifferung von objektivierten historischen Zusammenhängen als „Netz von ständig gespannten und tätigen Beziehungen“ (Foucault 1994: 38) konzentriert, für die Untersuchung „aktueller gesellschaftlicher Umbrüche fruchtbar“ (Bröckling et al 2000: 9) gemacht werden kann. Die WissenschaftlerInnen gehen hierbei mit Foucault davon aus, dass die aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche innerhalb eines neoliberalen Projektes verstanden werden können, welches „darauf zielt, eine soziale Realität herzustellen, die es zugleich als bereits existierend voraussetzt“ (Bröckling/Krasmann/Lemke 2000: 9). Die vorliegende Arbeit knüpft einerseits an diesen Gedankengang an, indem sie sich einer aktuellen Umbruchsituation nähert, gleichzeitig verzichtet sie auf eine normative Wertung der beobachteten (Dis)Kontinuitäten im Hochschulwesen. Es geht hier weniger darum, einen politischen Standpunkt zu den aktuellen Umbrüchen zu erarbeiten, als vielmehr darum, aufzuzeigen, dass die untersuchten Dokumente bereits ein Subjekt voraussetzen, auf welches sich die in den Dokumenten beschriebenen und an den Hochschulen implementierten Verfahren richten. Wesentlich ist hierbei die Perspektive, dass diese mit dem politischen Projekt des „Bologna-Prozesses“ einhergehenden neu implementierten Verfahren Ein- und Ausschließungsverhältnisse produzieren und ein spezifisches gesellschaftliches Machtgefüge (re-)produzieren. Die Zielstellung dieser Arbeit ist es nun – bezogen auf den Bereich der Dokumente, die im Umfeld des politischen Projektes „Bologna-Prozess“ entstanden sind – nachzuvollziehen, wie sich Kohärenzstrukturen auf Ebene der Dokumente bilden, die ihrerseits bestimmte Regularien für das Studium, die sich (auch) auf die Lebenspraktiken der Studierenden auswirken, als intelligibel qualifizieren und disqualifizieren. Dies mündet in der Rekonstruktion einer Kategorie der Studierenden als (ein) angerufenes[3] Subjekt der Studienreform und in der Sichtbarmachung des Studierenden als eingeschriebenes Objekt in die untersuchten Texte.

1.3 Forschungsvorgehen

Universitätsidee und studentische Lebensweise grundlegend miteinander verknüpft denkend, stellt die vorliegende Arbeit die Frage nach den Subjektkonstitutionsverfahren in den Praktiken des deutschen Hochschulwesens in einen Zusammenhang mit der Untersuchung der Studienreform im Rahmen des „Bologna-Prozesses“.

Ausgehend von dem Gedanken der im Forschungsfeld vorliegenden Verknüpfung zwischen politischem Diskurs über Studienreform, institutionellen Praktiken der reformierten Hochschulen und den von diesen Praktiken betroffenen Subjekten vollzieht die vorliegende Arbeit folgende Bewegung: Zunächst erfolgt eine Einordnung der in dieser Arbeit zur Anwendung gebrachten Methode der Argumentativen Diskursanalyse innerhalb der Qualitativen Sozialforschung. Der daran anknüpfende Rekurs auf die theoretischen Grundlagen der Foucaultschen Diskursanalyse dient einerseits der Abgrenzung und Verdeutlichung verschiedener in dieser Arbeit verwendeter Begriffe und andererseits einer Situierung der Diskursanalyse den Gouvernementalitätsstudies gegenüber, welchen ein wesentlicher Beitrag bei der Interpretation der Forschungsergebnisse zukommt.

Das dritte Kapitel führt in die Argumentative Diskursanalyse ein und macht es sich zur Aufgabe, die ausgewählte Methode mit den Forschungsfragen der vorliegenden Arbeit in einen Zusammenhang zu bringen. An die Einführung in das Forschungsfeld im Kapitel 4, welche im Sinne der von Hajer vorgeschlagenen „Schreibtischforschung“ (Hajer 2003: 282) vorgenommen wird, schließt sich die Analyse der drei für diese Arbeit ausgewählten Diskursarenen (vgl. Hajer 2003) an.

In Kapitel 5 widme ich mich der Diskursarena der Beschlusstexte des „Bologna-Prozesses“, in Kapitel 6 der Diskursarena, in welcher die Formierung verschiedener Leitbilder bundesdeutscher Hochschulen lokalisiert werden kann und in Kapitel 7 der Diskusarena der bundesdeutschen Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz zu den zu implementierenden Maßnahmen im Kontext der Studienreform. Auf die tabellarische Zusammenführung der Forschungsergebnisse in Fokussierung der dominanten „Diskurs-Koalitionen“ (Hajer 2003: 277) des „Bologna-Prozesses“ bereiten mehrere Zusammenfassungen der Ergebnisse in Form von Fazits vor. Dabei verdeutlicht Tabelle 2 die diskursive Formierung und Institutionalisierung einer europaweiten Hochschulreform innerhalb der drei Diskursarenen. In Identifizierung diskursiver Strategien und Regelmäßigkeiten des Diskurses folge ich der Idee, dass die Dominanz eines spezifischen Redens über Hochschulbildung nicht nur den Diskurs strukturiert, sondern sich bis in die Institutionen fortsetzt und sich in einem spezifischen Reden über sich selbst reproduziert. In Anschluss daran, soll die Tabelle 3 das Zusammenspiel zwischen den herausgearbeiteten dominanten Diskurs-Koalitionen und den durch Rahmenvorgaben implementierten Maßnahmen verdeutlichen, welche sich in Form von Praktiken auf die Studierenden als mit der Hochschulinstitution verhaftete Subjekte beziehen. Gleichzeitig sollen die verschiedenen Imaginationen[4], welche sich in den drei Diskursarenen über die Studierenden finden, zusammengeführt werden und in ein Verhältnis zu den dominanten Diskurs-Koalitionen (Tabelle 2) gesetzt werden. Explikationen der Tabellen erfolgen jeweils im Anschluss und bereiten den Leser und die Leserin auf das achte Kapitel vor, welches sich damit beschäftigt, die Forschungsergebnisse im Kontext der Gouvernemtalitätsstudies zu interpretieren. Mit Inblicknahme der in Kapitel 1.1 aufgeworfenen forschungsanleitenden Fragen und ihrem Zusammenspiel mit der „Gouvernementalität der Gegenwart“ (Bröckling et al 2000a) wird in diesem Kapitel herausgearbeitet, in welcher Weise individuelle Freiheit als ein subjektivierender Effekt des Dispositivs der Kontrolle gedeutet werden kann.

In Kapitel 9 gebe ich ein abschließendes Fazit und gehe auf das Forschungsdesiderat der Arbeit ein.


[1] In Rekurs auf Edmund Husserl deute ich damit an, dass die Frage nach dem Wesen des Dings „Bologna-Prozess“ nicht innerhalb einer epochalen, also vorurteilsfreien Einstellung gestellt wird. Dazu Klaus Held: „Statt im Strom des Geradehin-Lebens mitzuschwimmen, erhebt er [der Phänomenologe, sd] sich darüber; er vollzieht das Interesse am Sein der intendierten Gegenstände nicht mehr mit und wird so zum ‚uninteressierten’ oder ‚unbeteiligten Beobachter’. Er hält sich aus der Beziheung, die sich zwischen ihm selbst als natürlich erlebenden Gegenständen abspielt, heraus. Er setzt diese Beziehung gleichsam in Klammern und betrachtet das intentionale Leben, das innerhalb der Klammern stattfindet, von außen“ (Husserl 1985:35f.).

[2]Wissen benutze ich hier in der im deutschen Sprachraum eher unüblichen Pluralform, um zu verdeutlichen, dass es sich um unterschiedliche Weisen und Ebenen des Erfahrung-Machens handelt. So lerne ich an der Hochschule nicht nur wissenschaftliche Inhalte und Aussageformen kennen, sondern eigne mir auch einen spezifischen Habitus (Bourdieu) an. Episteme und Doxa fallen im Habitus als „sozialisierte Subjektivität“ (Bourdieu 1996: 159) konsequenterweise zusammen (vgl. Bourdieu 1996).

[3] Auf den Begriff der Anrufung gehe ich in Kapitel 8.4 genauer ein.

[4] Ich verwende den Begriff der Imagination in Anschluss an Silvia Bovenschen. Diese erklärt anhand der „Imagination des Weiblichen“: „Der Begriff des Weiblichen erschöpft sich nicht in den sozialen Existenzformen der Frauen, sondern er gewinnt seine Substanz aus der Wirklichkeit der Imaginationen. Die mythologisierte, zuweilen idealisierte, zuweilen dämonisierte Weiblichkeit materialisiert sich in den Beziehungen der Geschlechter und in dem aus diesem fremden Stoff gewonnen Verhältnis der Frauen zu sich selbst. […] Die Morphogenese der imaginierten Weiblichkeit schiebt sich im Rückblick an die Stelle der weiblichen Geschichte“ (Bovenschen 2003: 40f.).

Insofern untersuche ich die verschiedenen Diskursarenen als ein Archiv an Narrationen und Imaginationen über die Kategorie der Studierenden.

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