Publikation Bildungspolitik - Geschlechterverhältnisse - Gesellschaftstheorie - Globalisierung Gender und Migration

Zwischen Kapitalverwertung, diskursiver Legitimation und sprachlicher Normierung. Fünftes DoktorandInnenseminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Oktober 2004. Manuskripte Nr. 62 der RLS

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Reihe

Manuskripte

Autorin

Birgit zur Nieden,

Erschienen

März 2006

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Zwischen Kapitalverwertung, diskursiver Legitimation und sprachlicher Normierung
Fünftes DoktorandInnenseminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Oktober 2004
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Manuskripte 62
ISBN 3-320-02910-X


Inhalt
VORWORT
BIRGIT ZUR NIEDEN: Falta de reciprocidad? Reflexionen über Migration, Transnationalität und verwobene Geschichten
TOBIAS PIEPER: Migration, Kapitalverwertung und Nationalstaaten – ein Widerspruch?
KATRIN SORKO: Die Literatur der Systemmigration im Kontext der „fünften deutschen Literatur“
CLAUDIA HAYDT: Streit um ein Stück Stoff – Die Agenda eines Konfliktes
ANDREA NACHTIGALL: Neue Kriege – neue Geschlechterkonstruktionen? Zur Funktion von Geschlechterbildern in der Berichterstattung über den 11. September und Abu Ghraib
JÖRG NOWAK: Geschlechterverhältnisse und Politik des Kapitals Zur Relevanz staatlicher Politik für gesellschaftliche Arbeitsteilung im Neoliberalismus
JUTTA HERGENHAN: Frankreich: Zum Zusammenhang von Sprache, Politik und Geschlechterordnung
AUTORINNEN


Vorwort

„Gender und/oder Migration“ war die thematische Klammer, die die Beiträge des DoktorandInnen-Seminars der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 7. und 8. Oktober 2004 in Berlin verband. Die von der Stiftung geförderten Promovierenden hatten die Möglichkeit, unter dieser Themenstellung ihr Promotionsvorhaben oder einen Teil ihrer Forschungsergebnisse vor- und zur Diskussion zustellen. Der vorliegende Band versammelt die Vorträge  
nicht in Form von Redemanuskripten, sondern als ausgearbeitete Artikel, in die auch ein Teil der Anmerkungen und Kritiken aus den dort geführten Diskussionen eingegangen sind.
Die meisten Artikel stellen den Zusammenhang zwischen den Bewegungen der Migration und den damit verbundenen Politiken und Theorien und der Kategorie Gender nicht explizit heraus, sie fokussieren vielmehr einen der beiden Aspekte. Dennoch wird sowohl durch die Bandbreite der Artikel als auch durch die angesprochenen Bezüge und Verweise innerhalb der sehr unterschiedlichen Arbeiten deutlich, dass beide Themen theoretisch wie  auch als empirische Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse immer in einem direkten Bezug zueinander stehen. Der Titel des DoktorandInnen-Seminars und der hiermit vorliegenden Publikation ist also nicht als bloß zufällige Addition von Gender und Migration zu verstehen, sondern verweist auf ihre untrennbare Verknüpfung. Migration wie auch die Kategorie Gender sind zentrale Strukturmerkmale heutiger Gesellschaften. In den aktuellen nationalstaatlich organisierten und zugleich globalisierten Gesellschaften wird Migration reguliert; mit Hilfe von Gesetzen und Prozessen der Ethnisierung, ‚Rassisierung’ und Kulturalisierung werden soziale Differenzen, Ungleichheit und Ausschluss produziert und manifestiert. Auch entlang der Kategorie Geschlecht fungieren diese Mechanismen zur Herstellung von hierarchischen Verhältnissen. Die Geschlechterdualität hat eine zentrale Stellung innerhalb der Anrufungen und Einbindungen der Einzelnen als Teil der Nation. Migration wird innerhalb einer aus Nationen – oder ähnlichen supranational verfassten Gebilden wie der EU – bestehenden Welt als staatlich zu regulierende Bewegung aufgefasst. Die Prozesse der Vergeschlechtlichung und Ethnisierung greifen ineinander, überlagern und ergänzen sich.
Migration als Thema hat seinen Ausgangspunkt in den Bewegungen von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Orte verlassen, sich an neuen niederlassen oder auch ihren Lebensmittelpunkt in den sich während der Migrationen auftuenden Räumen der „Nicht-Verortung“, in sich bewegenden Räumen des „Trans-Nationalen“, finden. Hierbei zeigt sich, dass dies nicht nur eine Erscheinung des derzeitigen globalen Kapitalismus ist, sondern Menschen sich immer schon aus herrschaftsförmigen Einschließungen durch ein „Sich-Weg-Bewegen“ entzogen haben, und dass viele  der heutigen Migrationsrouten und - kreisläufe auf historisch gewachsene Raum- und Bewegungsstrukturen sowie einem Wissen um die Verwobenheit verschiedener Orte und Geschichten aufbauen. Migration verweist jedoch auch immer auf nationalstaatliche Herrschaft und Ausbeutung und auf den hier funktional eingeschriebenen Rassismus der modernen Gesellschaften als Identifikations- und Selektionsprinzip. An dem Bewertungsmaßstab der Verwertbarkeit werden hier der Ausschluss und die Tötung von Menschen legitimiert und staatlicherseits forciert.
Genauso grundlegend werden moderne Gesellschaften durch die Kategorie Gender strukturiert und geprägt. Die Identifizierung und Einteilung von Menschen in Männer und Frauen vollzieht sich innerhalb einer zweigeschlechtlich-heterosexuellen Matrix von Bewertungen, Hierarchisierungen, Symboliken, Diskursen und realen Machtunterschieden. Hierbei sind die in die unterschiedlichen kulturellen Praxen und Gesellschaftsformationen eingeschriebenen patriarchalen Verhältnisse als Konstruktion und Differenzierung innerhalb binärer Codes immer gewaltförmig gestützt und eng verbunden mit ökonomischer Ausbeutung und geschlechtsspezifischer, gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Geschlechterverhältnisse durchziehen nicht nur jede heutige Gesellschaft in ihrer je spezifischen Form, sondern sie strukturieren immer auch die anderen vorhandenen Herrschaftsverhältnisse grundlegend mit, liegen also gleichsam quer zu ihnen. So haben in den letzten Jahrzehnten besonders postkoloniale und feministische AutorInnen herausgearbeitet, dass die Verschränkungen von class, race und gender – als symbolische Hierarchisierung und materieller Ausschluss – überall präsent sind und sich nicht ohne einander analysieren lassen. Dabei sind sie sich weder nachgeordnet, noch stehen sie zueinander in einem Verhältnis der Haupt- und Nebenwidersprüche. Gleichwohl – so zeigen es die hier versammelten Arbeiten – lassen sich natürlich Schwerpunkte in der  jeweils vorgenommenen Analyse auf einen Aspekt setzen oder ein bestimmtes Ungleichverhältnis in den Vordergrund stellen.
Deutlich wird diese untrennbare Verschränkung von Gender und Migration, von der Produktion von Geschlecht und von Ethnizität beispielsweise in der diskursiven und symbolischen Konstruktion von Gender in den Debatten um den Afghanistankrieg. So ist der Bezug auf ‚Frauenrechte’ zur Kriegslegitimierung untrennbar verknüpft mit der Produktion von ‚Fremdheit’ bzw. ethnisierter Differenzen zwischen ‚dem Westen’ und ‚dem Islam’. Durch die weltweiten Geschlechterverhältnisse als sich durchziehende Konstruktion ungleicher Dualitäten ist auch Migration immer schon gendered. Die Gründe, sich auf den Weg zu machen als auch die Risiken und Routen, die eingeschlagen werden, sind geprägt durch die symbolische Ordnung von Geschlechterbildern sowie den realen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen.
Die Artikel bzw. ihre VerfasserInnen kommen aus unterschiedlichen Disziplinen, teilweise sind ihre Forschungsprojekte transdisziplinär ausgerichtet. So divers wie die disziplinären Herangehensweisen sind auch die methodischen und empirischen und/oder theoretischen Zugänge. Ein Teil der Artikel beschäftigt sich damit, wie auf der diskursiven Ebene die Verhältnisse von Gender und Rassismus oder ein bestimmter Umgang mit Migration und den damit verbundenen Vorstellungen von Identität, Nation, Kultur, hergestellt, reproduziert und in aktuellen Diskursen manifestiert werden. Ein anderer Teil der Artikel beschäftigt sich weniger mit der diskursiven oder sprachlichen Verfasstheit und Hervorbringung der Verhältnisse, als dass er sie als gegebene (und historisch veränderliche) innerhalb des Kapitalismus analysiert. Nicht ihre permanente (diskursive) Produktion steht im Vordergrund, sondern die aktuelle Materialität, ihre reale Beschaffenheit und deren Funktionsweise ist Gegenstand der Untersuchungen.
Ausgangspunkt ist hier eine materialistische Vorstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse und eine Diskussion um die derzeitige Verfasstheit des Zusammenhangs von Geschlecht und Staat, von Migration und Rassismus im Kapitalismus.
Birgit zur Nieden arbeitet implizite und explizite Voraussetzungen von Migrationstheorien und aktueller Theorien zu transnationalen Räumen heraus. Anschließend an ihre Kritik an deren methodologischem Nationalismus bzw. mangelndem historischen Gedächtnis, schafft sie die Grundlegung für eine andere Betrachtungsweise der Bewegungen von Menschen zwischen EU und nicht-EU und ihrer Konstruktion im aktuellen Diskurs in spanischer und argentinischer Tagespresse.
Von den globalen kapitalistischen Verhältnissen ausgehend analysiert Tobias Pieper Migration als eine der Installation und Aufrechterhaltung der internationalen Verwertung inhärente Bewegung. Zwischen (Arbeits-) Migration und Flucht bewegen sich Menschen, aus den unterschiedlichsten subjektiven Gründen, und dennoch scheint die direkte und strukturelle Gewalt des Kapitalismus einer der zentralen Motoren der Bewegung zu sein. Hiervon ausgehend wird der scheinbare Widerspruch zwischen nationalem Rassismus und dem Verlagen des Kapitals nach billigen Arbeitskräften als zentrales Instrument der herrschenden Hegemonie herausgearbeitet.
Katrin Sorko untersucht eine besonders in den vergangenen zehn Jahren sich abzeichnende Strömung der deutschsprachigen Literatur, die sich thematisch mit der Migration von einem staatssozialistisch organisierten Land in eine kapitalistische Demokratie beschäftigt. Die Besonderheit dieser „Literatur der Systemmigration“ besteht ihrer Meinung nach darin, dass sie Stereotype auflöst und sich in spezifischer Weise mit den Themen Identität, Fremdheit, Herkunft und Gesellschaftssysteme auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt des Artikels von Claudia Haydt stehen die Repräsentationen muslimischer Frauen in den deutschen Medien, die seit den 1990er Jahren zu einem populären und kontrovers diskutierten Thema geworden sind. Im ersten Teil präsentiert die Autorin zunächst die Ergebnisse ihrer zur Ermittlung der Publikumsagenda durchgeführten Befragung, bevor sie diese in der zweiten Hälfte zu der ermittelten Medienagenda in Bezug setzt. Signifikantes Ergebnis ist, dass in beiden Agenden die ‚Kopftuchdebatte’ einen zentralen Stellenwert einnimmt. Der Beitrag zeichnet die wichtigsten Argumentationsfelder zum Thema Kopftuch nach und arbeitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Publikums- und Medienagenda heraus.
Andrea Nachtigall geht in ihrem Beitrag der Frage nach, welche Bedeutung und Funktion Geschlechterbilder in den medialen Darstellungen von Krieg und Gewalt haben. In einer Analyse der Berichterstattung deutscher Printmedien über die Anschläge des 11. September 2001 und den Afghanistan-
und Irakkrieg untersucht die Autorin das Gendering des Kriegsdiskurses und zeigt die diskursive und symbolische Verschränkung von Geschlecht und Krieg auf: Kriegs- und Gewaltbereitschaft werden häufig erzeugt durch Appelle an ‚militärische, aggressive Männlichkeit’. Damit einher geht die Konstruktion einer ‚friedfertigen, zu beschützenden Weiblichkeit’, wie z.B. am legitimatorischen Bezug auf ‚Frauenrechte’ während des Afghanistankrieges deutlich wird. Anhand einer exemplarischen Analyse der Foltervorfälle im irakischen Gefängnis Abu Ghraib im Jahre 2004 wird heraus gearbeitet, dass das, was in einer Gesellschaft als legitime oder nicht-legitime Form von Gewalt gilt, zentral über die Kategorie Geschlecht verhandelt wird.
Jörg Nowak untersucht in seiner materialistischen Analyse die Funktion des Staates bei der Reproduktion der Geschlechterverhältnisse und die diese begründende gesellschaftliche Arbeitsteilung im Neoliberalismus. Die patriarchale Kernstruktur ist historische Voraussetzung des Kapitalismus, er baut  auf dieser auf und formt sie je nach historischen Anforderungen spezifisch um. So zeichnet sich auch der ‚Klassenkampf von Oben’ der neoliberalen Deregulierungen und Umstrukturierungen durch die Installation eines neuartigen Geschlechterverhältnisses aus – Kennzeichen sind u.a. eine verstärkte Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Prekarisierung ihrer Beschäftigungsverhältnisse. Neben der theoretischen Diskussion um den Zusammenhang von Kapital und Geschlecht als relativ autonome gesellschaftliche Verhältnisse werden empirische Formen der aktuellen Veränderungen analysiert.
Als Politikwissenschaftlerin untersucht Jutta Hergenhan am Beispiel Frankreichs die Wechselbeziehung zwischen hierarchisierten  Geschlechterstrukturen und deren Verfestigung in einer diskriminierenden Sprache. Ausgehend von der historischen Dimension zeichnet sie die aktuelle Diskussion um die rechtliche Gleichstellung von Frauen im öffentlichen Leben und der Politik nach. Sie zeigt in ihrer Analyse, dass die Strukturen der französischen Sprache extrem gegendert sind. Hiervon ausgehend wird verhandelt, ob die immer schon allem Reden und Denken vorgängige Sprache nicht bereits in so starkem Maße die Geschlechterhierarchie zementiert, dass nur eine grundlegende Abänderung die Voraussetzung für andere Verhältnisse darstellt.

Andrea Nachtigall, Birgit zur Nieden, Tobias Pieper

Berlin im November 2005

Inhalt

Einleitung

"Sittlichkeit der Frau" und soziale Frage.
Zur Entwicklung europäischer Wohlfahrtsstaaten

Bedingungen der Entstehung von Sozialstaatlichkeit

Sozialstaatliche Regulierungsweisen als Familiarisierung in Frankreich und Deutschland

Perspektiven: Geschlechterverhältnisse und kollektive Organisierung

Feministische Analysen europäischer Wohlfahrtsstaaten
... weitergedacht

Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit seit den 1960er Jahren

Zwischen Zwang und Konsens: Gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und individuelle Lebensweisen

Perspektiven: Auf kulturelle Vorstellungen kommt es an!

Die Bahn als "moderner Dienstleister". Anschlusspunkte für linke Politik in der Privatisierung öffentlicher Unternehmen

Beschäftigte zwischen Ausgrenzung und Eigenverantwortung

Soziale Kompetenzen und Selbstorganisation: neue Anforderungen an Frauen?

Perspektiven: Von Widerstand und Widersprüchen

Globale öffentliche Güter

Das Konzept der Vereinten Nationen

Wer interpretiert wessen Bedürfnisse?

Weibliche Unsicherheit als Voraussetzung für Sicherheit als öffentliches Gut

Schlussbetrachtung: Was wäre eine linke feministische Politik um öffentliche Güter?

Literatur 

Einleitung

Die Forderung nach dem Erhalt und dem Ausbau öffentlicher Güter wird von unterschiedlichen sozialen Bewegungen aufgegriffen, um für gute  Lebensbedingungen zu kämpfen, die allen Menschen unabhängig von der Leistungsfähigkeit, von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe zugänglich sind. Mit der Forderung nach öffentlichen Gütern wird schlagwortartig benannt, dass die Sache, um die jeweils gestritten wird, nicht gemäß der Zahlungskraft der (potentiellen) Nutzern zur Verfügung gestellt werden soll. Vielmehr soll die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse ein Anliegen bleiben, über das politisch, und d.h. oft staatlich, entschieden wird. Auf diese Weise soll ein Allgemeininteresse gegen die Privatisierung und Durchkapitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche durchgesetzt werden. Diese Studie fragt danach, unter welchen Bedingungen die Forderung nach dem Erhalt oder dem Ausbau öffentlicher Güter eine zentrale Perspektive linker Politik darstellen kann. Hierfür müsste der Begriff der öffentlichen Güter die Anliegen von unterschiedlichen sozialen Bewegungen in einer verallgemeinerbaren Form aufgreifen, ohne dass er Herrschaftsverhältnisse entnennt, die zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen bestehen. Im Folgenden wird aufgezeigt, wie die Grenzziehung zwischen öffentlich und privat in der Vergangenheit und gegenwärtig mit der Festschreibung hierarchischer Geschlechterverhältnisse und der gesellschaftlichen Marginalisierung von Frauen zusammenhing bzw. -hängt. Auf dieser Basis sollen Kriterien entwickelt werden, die erfüllt sein müssen, damit eine Politik der öffentlichen Güter eine emanzipatorische Entwicklung von Geschlechterverhältnissen voranbringt und zu einem Ausgangspunkt widerständiger Politik macht.

In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation ist die wachsende marktorientierte Regulierung sämtlicher Lebensbereiche zu einem allgemeinen Phänomen geworden, während gleichwohl der Widerstand bzw. der sichtbare Unmut dagegen häufig eher disparate Formen annimmt. Politische Bewegungen finden ihren Ausgangspunkt in verschiedenen Konflikten um die konkrete Verschlechterung von Lebensqualität. Diese Konflikte sind zunächst oft auf lokale oder nationalstaatliche Kontexte bezogen, ihr verallgemeinerbarer Charakter wird aber dadurch deutlich, dass in unterschiedlichen Ländern bzw. Regionen ähnliche Auseinandersetzungen zu beobachten sind. Spätestens seit den Protesten in Seattle wächst innerhalb von sozialen Bewegungen das Bewusstsein darüber, dass es einer verstärkten Vermittlung zwischen unterschiedlichen Formen von Protest und Widerstand in den verschiedenen Regionen der Welt bedarf. Wenngleich sich mit den weltweit stattfindenden Sozialforen eine politische Kultur entwickelt hat, in der Räume für entsprechende Vernetzungen eröffnet werden, bedeutet dies noch nicht, dass die gegenseitige Durchdringung unterschiedlicher sozialer Bewegungen fester Bestandteil des politischen Alltags vor Ort ist. Vielmehr machen die zunehmenden Verständigungsversuche zunächst zahlreiche Hindernisse offensichtlich, die einer gegenseitigen Solidarität bzw. dem Erkennen verallgemeinerbarer Konfliktlinien entgegenstehen. Hierzu gehören sprachliche Barrieren sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne: Nicht nur, dass bei einem Austausch über Ländergrenzen hinweg die Übersetzung bestimmter Begriffe bisweilen nur durch ausführliche Erläuterungen der jeweiligen politischen Situation geschehen kann. Dies verweist auf das größere Problem, dass der Verlauf sozialer Auseinandersetzungen ebenso wie die Begriffe, mit denen sie erfasst werden, stark von historisch gewachsenen lokalen gesellschaftlichen Strukturen und kulturellen Traditionen geprägt sind. Darüber hinaus stößt man auch auf das Phänomen, dass in einer Stadt, einer Region bzw. einem Staat soziale Bewegungen unterschiedlichen Inhalts nebeneinander agieren bzw. im kurzem zeitlichen Abstand vorübergehend stark an Bedeutung gewinnen und sich trotz der räumlichen und zeitlichen Nähe nur geringfügig aufeinander beziehen. Oft stehen die unterschiedlichen Konfliktfelder im politischen Alltag sozialer Bewegungen unvermittelt nebeneinander. Selbst wenn sich dieselben Person an verschiedenen sozialen Auseinandersetzungen beteiligen, ist es häufig schwer, die Verbindungslinien beispielsweise zwischen dem Widerstand gegen die Privatisierung der Wasserversorgung, den Stellenabbau im industriellen Bereich und die entrechtlichten Lebensverhältnisse von MigrantInnen zu erkennen.

Dass zunehmend Verständigungsversuche über die unterschiedlichen Grenzen hinweg versucht werden, ist ein Ausdruck dafür, dass offenbar keine der sozialen Bewegungen langfristig ohne einen Bezug auf die "Allgemeinheit" der artikulierten Forderungen auskommt bzw. an politischer Kraft gewinnen wird. Neben Auseinandersetzungen darüber, ob und wie solidarische politische Strategien für aktuelle Auseinandersetzungen gefunden werden können, gibt es auch – ex- oder implizit – Diskussionen über die möglichen Konturen eines alternativen Gesellschaftsprojekts. Die Forderung nach dem Erhalt oder Ausbau öffentlicher Güter ist eine der Formen, in denen Perspektiven artikuliert werden, die allen Menschen eine selbstbestimmte Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen ermöglichen sollen. Diese Forderung stellt damit zugleich den Versuch dar, zwischen unterschiedlichen Bewegungen zu vermitteln, um über die Benennung gemeinsamer Zielsetzungen auch gemeinsame Formen praktischer Politik zu entwickeln.

Zweifellos stellt es einen wichtigen Fortschritt für linke Politik dar, wenn politische Gruppen nicht nur für die Verbesserung der Lebensbedingungen derer kämpfen, die in ihnen organisiert sind, sondern sich statt dessen für gesellschaftliche Veränderungen einsetzen wollen, die tendenziell allen Menschen  zugute kommen. Doch muss ein solcher Vorgang in Anbetracht der brüchigen Vermittlung zwischen unterschiedlichen sozialen Konflikten und Lebenssituationen auch skeptisch betrachtet werden. Soziale Bewegungen laufen Gefahr, gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse innerhalb der zunehmenden Vernetzung von Widerstand zu reproduzieren, wenn sie die politischen Zielsetzungen unterschiedlicher Gruppen unter einem Begriff subsumieren, ohne die unterschiedliche gesellschaftliche Positionierung der politischen Akteure bzw. der Betroffenen zu einem Ausgangspunkt von kollektivem Handeln zu machen.


In den kritischen Analysen zur Privatisierungspolitik wird die Perspektive entworfen, dass die alten sozialstaatlichen Formen aufgrund unzureichender Demokratie und Gleichberechtigung keine Alternative zur Privatisierung sein können und wir daher "das Soziale und die Solidarität neu erfinden" müssen (Wichterich 2003). Voraussetzung dafür ist, dass das Wissen darüber, in welch widersprüchlicher Weise die Unterordnung von Frauen in die traditionellen Solidarformen eingelassen waren und sind, erweitert wird und allgemeine Verbreitung in sozialen Bewegungen findet. Wenn man von links mit einem Begriff des Öffentlichen agieren will, so bedarf es einer kritischen Auseinandersetzung damit, dass es sich bei dem traditionellen Verhältnis zwischen öffentlich und privat um eine hegemoniale gesellschaftliche Struktur handelte, in der die jahrzehntelange relative Stabilität einer spezifischen kapitalistischen Gesellschaftsformation auf Kosten der Frauen hergestellt wurde. Die Handlungsfähigkeit von Frauen und die Herausbildung eines staatlich organisierten öffentlichen Sektors in den westlichen Wohlfahrtsstaaten stehen von Beginn an in einem widersprüchlichen Verhältnis: Die Kleinfamilie mit dem Alleinernährer und "seiner" Hausfrau gehörte als hegemoniale Lebensform in der Hochphase des Fordismus zur Grundlage aller westeuropäischer Wohlfahrtsstaaten. Sozialstaatliche Regulierungen trugen zur Institutionalisierung und kulturellen Verfestigung einer solchen geschlechtsspezifischen Arbeitsund Machtverteilung bei. Frauen wurden mit ihr in zugespitzter Weise in Existenzformen als Hausfrauen gezwungen, in der sie von anderen isoliert und aus der Regulierung gesellschaftlicher Prozesse ausgeschlossen waren. Zugleich barg die Entwicklung von Sozialstaatlichkeit in sich das Potential, die von Frauen geleistete Sorgearbeit verstärkt gesellschaftlich zu organisieren und zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen zu machen. Emanzipatorische Eingriffe in die zukünftige Organisation eines öffentlichen Sektors müssen diesen Widerspruch zu einem Ausgangspunkt politischer Strategien machen.

Die folgenden Texte nähern sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Wechselwirkung zwischen hegemonialen Geschlechterverhältnissen und den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Angelegenheiten: Im zweiten Kapitel wird die Anfangsphase europäischer Wohlfahrtsstaaten betrachtet. Neue sozialstaatliche Praxen und Strukturen boten in jener Zeit neue Möglichkeiten zur individuellen Weiterentwicklung, waren aber zugleich von dem staatlichen und kapitalistischen Interesse geprägt, die herrschende Ordnung aufrechtzuerhalten und neue Produktionsformen durchzusetzen. Je nachdem, von welchem Standpunkt aus man diese Geschichte beschreibt, werden unterschiedliche Denkweisen darüber nahegelegt, wie hegemoniale Geschlechterverhältnisse, die Grenzziehung zwischen öffentlich und privat und die Durchsetzung neuer Formen von Sozialstaatlichkeit zusammenhängen. Die historische Betrachtung macht deutlich, dass die staatliche Regulierung sozialer Konflikte die darin zum Ausdruck kommenden widersprüchlichen Interessen nicht einfach aufnimmt, um hierfür eine Lösung zu finden, sondern ihnen zugleich eine spezifische Form gibt. Staatliche Politik greift in die Herausbildung neuer gesellschaftlicher Strukturen ein, indem sie der Entwicklung individueller und kollektiver Haltungen, Selbstbilder und Lebensweisen eine spezifische Richtung gibt.

Im dritten Kapitel wird auf die feministische Diskussion über die vergleichende Analyse europäischer Wohlfahrtsstaaten eingegangen. Gemeinhin gelten Frankreich und Deutschland als Beispiele für sehr unterschiedliche Entwicklungspfade westeuropäischer Wohlfahrtsstaatlichkeit. Während es in Frankreich historisch bedingt eine ausgeprägte Kultur von öffentlicher Kinderbetreuung und weiblicher Vollzeiterwerbstätigkeit gibt, herrschte in der staatlichen Politik in Deutschland bis vor kurzem nahezu ungebrochen ein Familienbild vor, dass die Position der Frau als Hausfrau bzw. Mitverdienerin vorsieht. Aktuell lässt sich eine Annäherung in den Entwicklungen in beiden Ländern feststellen. Die spezifischen Formen, in denen Sorgearbeit seit den 1960er Jahren öffentlich organisiert war bzw. ist, sollen in ihrer nationalen Verfasstheit nachvollzogen werden. Nur so können die Wechselwirkungen zwischen der ökonomischen, der kulturellen und der sozialen Ebene begriffen werden. Die starke Schwerpunktsetzung dieser feministischen Analysen auf die Betrachtung staatlicher Regulierung von Kinderbetreuung führt allerdings zu spezifischen Leerstellen, die für linke Politik problematisch sind: In ihnen wird die Veränderung der wohlfahrtsstaatlichen Regulierungen nicht ins Verhältnis zu der Durchsetzung neuer Arbeits- und Produktionsverhältnisse gesetzt. Zudem fehlt die Frage danach, wie sich Frauen (ebenso wie Männer) an der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen und an der Herstellung eines bestimmten Verhältnisses zwischen öffentlichen und privaten Angelegenheiten selbst beteiligen. Erst durch die Bearbeitung dieser Frage kann verstanden werden, warum neoliberale Privatisierungsstrategien in den letzten Jahrzehnten teilweise ohne nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden konnten.

Dies wird im vierten Kapitel noch einmal aus einer anderen Perspektive näher ausgeführt. Die Privatisierung staatlicher Unternehmen bzw. deren  marktförmige Organisation führen dazu, dass die Praxen innerhalb dieser Unternehmen sowohl für die Beschäftigten als auch für die Nutzer mit neuen kulturell-ideologischen Bedeutungen verbunden werden. Neue Zwänge zur marktorientierten Selbstregulierung werden oft als individuelle  Entwicklungsmöglichkeiten artikuliert. Zugleich tauchen die Krisen, die sich für die Einzelnen aus den betrieblichen Umbrüchen ergeben, in hegemonialen Diskursen als Problem individuellen Versagens auf. Was dies für linke Politik bedeuten kann, wird am Beispiel der Privatisierung der Deutschen Bahnunternehmen in den 1990er Jahren diskutiert.

Im fünften Kapitel schließlich soll näher betrachtet werden, wie der Begriff der öffentlichen Güter in linken Diskussionen häufig benutzt wird. Ausgangspunkt ist das Konzept der globalen öffentlichen Güter, das seit Ende der 1990er Jahre innerhalb der UN entwickelt wurde. In Diskussionen um entwicklungspolitische Strategien wurde es weltweit aufgegriffen. Es dient ebenfalls als Bezugspunkt für hiesige Debatten, in denen Strategien für den Widerstand gegen Privatisierung im europäischen Kontext entwickeln werden. Das UN-Konzept diskutiert in unzureichender Form, wie aktuelle Phänomene wie wachsende Armut und die Verschlechterung allgemeiner Lebensbedingungen darauf zurückzuführen sind, dass die Regulierung von Gesellschaft gegenwärtig stark an den Profitinteressen globaler Unternehmen ausgerichtet ist. Infolgedessen hat auch die Frage danach, wie von unten wachsende soziale Bewegungen Widerstand gegen die zunehmende Marktorientierung leisten können, nur eine marginale Bedeutung in den UN-nahen Veröffentlichungen. Das UN-Konzept wird im Hinblick darauf diskutiert, wo es trotzdem an linke feministische Gesellschaftskritik anschlussfähig ist. Es wird danach gefragt, ob die Denkweisen und politischen Strategien des UN-Konzepts dafür geeignet sind, die Hierarchien, die in den Strukturen der westlichen Wohlfahrtsstaaten von Beginn an angelegt waren, zu benennen und alternative gesellschaftliche Perspektiven zu entwickeln. Auf diese Weise sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie der Begriff der öffentlichen Güter von linker Seite mit konkreten Inhalten gefüllt werden kann und muss, damit er eine Perspektive zum Ausdruck bringt, in der jeder und jede sich mit ihren eigenen Vorstellungen an der Gestaltung von Gesellschaft beteiligen kann.