Publikation Staat / Demokratie - Geschlechterverhältnisse (Selbst-)Organisierung der Unorganisierbaren. Prekäre zwischen Gewerkschaft und Bewegung

Auswertung des Workshops auf dem SFiD, Erfurt 2005. Von Silke Veth

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Autorin

Silke Veth,

Erschienen

August 2005

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Immer mehr Menschen leben und arbeiten ungesichert, flexibel, selbst organisiert - kurz prekär. Traditionelle Interessensvertretungen erreichen die neuen Arbeitskräfte, seien es Freelancer, Putzleute oder andere working poor oft nicht. Auf dem Workshop „(Selbst-)Organisierung der Unorganisierbaren“ im Rahmen des ersten Sozialforums in Deutschland in Erfurt diskutierten Emilio Viadora (NIDiL-CGIL, Italien) und Peter Bremme (Verdi, Hamburg) mit 36 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, welche Chancen und neuen Ideen es gibt, gewerkschaftliche Strukturen so umzubauen, dass prekarisiert Beschäftigte darin ihre Interessen vertreten können.

Neue Formen kollektiver Organisierung atypisch Beschäftigter in Italien

Emilio Viafora erläuterte die Strategie des italienischen Gewerkschaftsdachverband CGIL, für „atypisch“ Beschäftigte eine eigene Gewerkschaft zu gründen, die NIDiL-CGIL (NIDiL = Nouve Identia di lavoro [Neue Identität der Arbeit]). Diese existiert seit 1998. Mit ihrer Gründung zog die CGIL Konsequenzen aus der Erfahrung, dass es im Rahmen der Durchsetzung neuer Produktionsformen zunehmend zu neuen Spaltungen zwischen den Beschäftigten kommt, denen mit herkömmlichen Formen des Arbeitskampfes nichts entgegengesetzt werden kann. Unter den neuen Bedingungen sei eine berufsorientierte Organisierung von Beschäftigten schwierig geworden. Innerhalb der NIDiL-CGIL wird davon ausgegangen, dass die Suche nach neuen Formen kollektiver Organisierung dabei nicht nur im Interesse der prekär Beschäftigten sei (wie etwa den CoCoCo, einer spezifisch italienischen Form der Scheinselbständigen, oder den Leiharbeitern). Da die neuen Beschäftigungsverhältnisse grundsätzlich dafür sorgen, dass menschliche Arbeitskraft für die Unternehmen billiger werde wird letztlich das Lohnniveau aller Beschäftigten gedrückt. Die Organisierung unter dem Dach der CGIL bietet laut Viafora Möglichkeiten, beispielsweise die konkreten Arbeitskämpfe von Leiharbeitern und Leiharbeiterinnen eines Unternehmens mit Aktivitäten der (noch) Normalbeschäftigten desselben Unternehmens zeitlich und inhaltlich zu koordinieren.

Viofora bestand darauf, dass es sowohl hinsichtlich der Organisierungsformen als auch der politischen Zielsetzungen kein einfaches Zurück zu gewerkschaftlichen Traditionen geben könne. Dies liege zum einen an den Anforderungen eines neuen Kapitalismus, der erhöhte Mobilität und Flexibilität in Produktionsprozessen mit sich bringe und Arbeit in Raum und Zeit „verflüssige“. Hierauf müssten neue Kollektivstrukturen eine Antwort finden. Zugleich sei in der Arbeit der NIDiL-CGIL immer wieder auch deutlich geworden, dass bei einem großen Teil der Menschen, die in Arbeitsverhältnissen tätig sind, die nicht dem ehemaligen Standard entsprechen, oft stark individualisierte Verhaltensweisen bzw. eine individualisierte Kultur vorherrsche. Für eine erfolgreiche Arbeit der NIDil-CGIL sei es daher notwendig gewesen (und in den letzten Jahren auch gelungen), eine Kultur der autonomen Selbstbestimmung über die eigene Arbeits- und Lebensweise zu erhalten und zugleich kollektive Praxen zu entwickeln. Insbesondere bei den Jugendlichen müssen Gewerkschaften sich damit auseinandersetzen, dass sie in einer grundsätzlich anderen Lebenssituation als noch die Generation ihrer Eltern stecken: Sie seien im Regelfall höher qualifiziert, haben aber zugleich wesentliche düsterere Aussichten, was ihre zukünftige Partizipation an gesellschaftlicher Gestaltung betrifft. Hier müssten Gewerkschaften nach Strategien suchen, mit denen Jugendliche Perspektiven entwickeln können, die über die individuelle Selbstvermarktung und/oder die Anpassung an prekäre Verhältnisse hinausgehen.

Ziele für die Zukunft

Viafora nannte zuletzt Leitmotive, an denen die Arbeit der Nidil-CGIL zukünftig ausgerichtet sein soll:

  • Das Sozialversicherungs- und Rentensystem muss dahingehend erneuert werden, dass in ihm gezielt berücksichtigt wird, dass befristete Beschäftigung zu einer gängigen Form der Erwerbsarbeit wird.
  • Es muss eine neue Form der Ausbildungspolitik geben, die sich daran ausrichtet, dass die zukünftigen Arbeitsstrukturen durch schnellen Wandel geprägt sind. Die Einzelnen müssen in sinnvoller Weise befähigt werden, sich in selbstbestimmter Form weiterzuentwickeln.
  • Es muss um eine Regulierung von Arbeit gekämpft werden, die der Logik folge: Je zersplitterter ein Arbeitsverhältnis ist, desto teurer muss es für den Arbeitgeber sein. Die Verantwortung der Arbeitgeber für die soziale Reproduktion aller Arbeitenden müsse darin zum Ausdruck kommen.

Insgesamt müsse um eine Angleichung der sozialen Absicherung von atypisch Beschäftigten und Festangestellten gerungen werden.

Prekär Beschäftigte und deutsche Gewerkschaften

Peter Bremme nahm die Auseinandersetzung mit diesen italienischen Erfahrungen zum Anlass zu erläutern, wie die Interessenvertretung von prekär Beschäftigten in deutschen Gewerkschaftsstrukturen verortet ist. Eine umfassende Diskussion um Formen, Ausmaß und politische Bedeutung prekärer Beschäftigung werde hier dadurch erschwert, dass gewerkschaftliche Organisierung entlang der Grenzen von Branchengewerkschaften geregelt werde. Die individuelle Mitgliedschaft sei ebenso wie die Entwicklung politischer Strategien an die Zuordnung beispielsweise zur NGG (Gewerkschaft im Bereich Nahrung, Genuss, Gaststätten) oder der IG Metall gebunden. Die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse findet in allen Branchen statt. Die Diskussionen über einen sinnvollen politischen Umgang hiermit bleibt bisher weitgehend auf entsprechende einzelne Initiativen begrenzt, die in einigen Gewerkschaften, wie z.B. Verdi stattfinden, in anderen eher nicht. Bisher wird innerhalb des DGB darauf verzichtet, branchenübergreifende Strategien im Umgang mit Prekarisierung zu einem zentralen Thema zu machen. Die Infragestellung von vorherrschenden Diskursen über Arbeit und Leben habe aber kaum im Zentrum der gewerkschaftlichen Strukturen zu Veränderung geführt. Bremme bezeichnete den italienischen Ansatz als Versuch, „Gesamtantworten“ auf die Umwälzung und zunehmende Prekarisierung aller Arbeits- und Lebensbereiche zu finden, während in Deutschland eher an „Teilantworten“ gearbeitet werde und neben den traditionellen Organisierungsformen in Kernbereichen zusätzliche Formen neuer Organisierung für neue Formen von Beschäftigung entwickelt werden. Auch in anderen Hinsichten habe sich in der Vergangenheit gezeigt, dass es kaum möglich war, gewerkschaftliche Gesamtstrukturen grundlegend zu verändern. So ist etwa die Vertretung von Frauen oder Homosexuellen immer eine Frage von kleinen Randgruppen gewesen, die sich innerhalb von gewerkschaftlichen als Arbeitsgemeinschaften u.ä. organisiert haben. Hinsichtlich der Organisierung von prekär Beschäftigten werden als solche Teilantworten derzeit Konzepte aus anderen Ländern diskutiert wie z.B. das Organizing oder der Aufbau von Worker Centern.

In Diskussion

Die anschließenden Nachfragen und Diskussionsbeiträge machten deutlich, dass bei den Zuhörenden großer Bedarf bestand, mehr darüber zu erfahren, wie eine gewerkschaftliche Unterstützung von Beschäftigten in unterschiedlichen prekären Arbeitsverhältnissen konkret aussehen kann, etwa bei (illegalen) Migrantinnen und Migranten, bei vereinzelt arbeitenden Scheinselbständigen oder bei problemlos kündbaren Leiharbeiterinnen und -arbeitern. Hinsichtlich der (Schein-)Selbständigen sei es, so Viafora, in Italien gerade gelungen, einen Tarifvertrag für diese zu entwickeln. Zudem sind besondere Bedingungen für sie im Hinblick auf Versicherungsleistungen und gesundheitliche Versorgung ausgehandelt worden. Peter Bremme erläuterte auf Nachfrage konkret, was mit dem Begriff „Organizing“ gemeint ist (Einige Links hierzu finden sich unter http://www.neverworkalone.de/docs/index.htm ). Neben diesen Fragen zu konkreten Formen kollektiver Interessenvertretung wurde auch grundsätzlich darüber diskutiert, wie sich die besonderen Formen der Organisierung, die bei prekarisiert Beschäftigten notwendig sind, zu den traditionellen gewerkschaftlichen Kämpfen verhalten. Für Deutschland wäre es hier ein wichtiger Schritt, wenn eine Form der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft im DGB (und nicht bloß innerhalb einer Einzelgewerkschaft) ermöglicht werden würde.

Die Neuorganisation von Arbeit und Leben, die mit dem Begriff der Prekarisierung benannt wird, und die Konsequenzen, die für widerständige Politik hieraus zu ziehen sind, werden uns zukünftig weiter beschäftigen. Mit dem Themenschwerpunkt Neue Arbeitsverhältnisse – Migration – Geschlechterverhältnisse werden wir dies mit Veranstaltungsangeboten, Veröffentlichungen und anderem politisch begleiten.

Kontakt: Silke Veth, veth@rosalux.de; Iris Nowak, IrisNowak@gmx.net