Publikation Bildungspolitik Elite- oder Massenuniversität?

Vortrag auf dem Workshop „Bildung - öffentliches Gut oder Ware?“ am 5.11.2004

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Autor

Hansgünter Meyer,

Erschienen

Februar 2005

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Wenn sich der Text zunächst in die jüngere Vergangenheit vertiefen wird, so nicht, weil das Thema nur in eingeschränktem Maße aktuell wäre. Es ist sehr aktuell. Mit dem Anspruch, jetzt die Hochschulen des 21. Jahrhunderts zu konzipieren, pushen die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und ein maßgeblicher Teil von Politik und Wirtschaft die seit langem diskutierte Reform-Kontroverse in eine bestimmte Richtung voran, die dem neoliberalen Zeitgeist gemäß ist: Bildung und Wissenschaft sollen Privatsache werden, vom Bildungssuchenden bezahlt, vom großen Kapital effizient verwertet. Wie der Bereich der Sozialfürsorge soll der Bereich Bildung „entstaatlicht“ werden, „dereguliert“, privaten Initiativen und Interessenlagen unterworfen. Jetzt also werden die Weichen dafür gestellt, was die kommenden Generationen als Bildungssystem vorfinden werden.

1. Die neoliberale Schmähung der deutschen Hochschulen

Am Anfang stand die große Schmähung der deutschen Universitäten. 1979 machte der langjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Heinz Maier-Leibniz, Stimmung für die Eliminierung des universitären Mittelbaus. Diese Forderung stand in Zusammenhang mit einem anderen Schmähbegriff für die Universitäten der 70er Jahre, der ”Assistenten-Universität” lautete. Das Gerede über die „Assistenten-Universität war eine konservativ-elitäre Reaktion auf die selbstbewusste politische Profilierung des Mittelbaues, der nicht ganz ohne Wirkung für mehr Demokratie an der Hochschulen” eintrat. Heftig umstritten war das demokatische Modell der Gruppenuniversität. Auseinandersetzungen gab es nicht zuletzt um den Versuch, über diesen Weg Demokratie an den Hochschulen rechtlich festzuschreiben.

 

Bund und Ländern fingen die Bewegung mit dem Hochschulrahmengesetz von 1976 auf. Doch das abfällige Grummeln über Status und fragwürdige Perspektiven des deutschen Hochschulwesens hielt an. Es artikulierte sich im September 1981 erneut auf einer hochrangig besetzten Konferenz des Stifterverbandes der Industrie für die deutsche Wissenschaft, die im Rahmen der jährlichen Villa-Hügel-Gespräche in Essen stattfand.

Das Thema des Gesprächs wie des Hauptvortrags von Wolfgang Wild, Präsident der Universität München, später bayrischer Wissenschafts- und Bildungsminister, lautete: ”Mittelmaß im Übermaß”. Wild behauptete, dass es keine hervorragenden Leistungen mehr an den Universitäten der BRD gebe und geben würde. Die Professoren wären überlastet, exzellente Forscher würden auswandern, weil die Universitäten zu „Massenuniversitäten“ verkommen seien.

 Dass die deutschen Universitäten im Mittelmaß versanden und ihrem gesellschaftlichen Auftrag nicht mehr gerecht werden, war ihnen letztmalig im Übergang zum 19. Jahrhundert attestiert worden, was dazu führte, dass in Preußen einflussreiche Persönlichkeiten, darunter der Justizminister Massow , ihre Gesamtauflösung nach französischem Vorbild erwogen. Napoleon hatte per Dekret 1806 alle verbliebenen 22 französischen Universitäten schließen und in Ingenieurschulen bzw. Fachschulen umwandeln lassen. 

Die Schmähung der Universitäten  fand nicht zufällig 1981 auf der  Villa Hügel im Rahmen einer Veranstaltung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft  statt. Sie war Bestandteil der neoliberalen Offensive, die von England (Thatcherismus) und von den USA (Reaganomics) ausging und dann 1982 in Deutschland als konservative Wende von Kohl und Genscher politisch in Szene gesetzt wurde. Die konservative Fraktion des bundesdeutschen Hochschul-Establishments hatte die Zeichen der Zeit, den in England und den USA sich  anbahnenden neoliberalen Umsturz,  zu lesen verstanden und reagierte vorgreifend, da die politische Ablösung der sozial-liberalen Koalition unter dem Kanzler Helmut Schmidt noch ungewiss war, mit einem Frontalangriff auf die sozial-liberal dominierten Hochschulen.

1983 erhielt die Kontroverse im Hochschulwesen, die zunächst in der Forderung nach „mehr Leistung durch Marktverfassung“ gipfelte,  einen neuen Akzent, nämlich die Forderung, ihren angeblichen Massendefekt durch eine Revitalisierung  der Eliten zu reparieren. Das Streben nach marktwirtschaftlichen Zwängen und Renditen allein könne sie nicht heilen, es bedürfe für neue wissenschaftliche Hochleistungen neuer Eliten. Um der Sache politisches Gewicht zu geben, ließ sich der neue Bundeskanzler Kohl  zu zwei renommierten Jahresversammlungen von Spitzengremien Wissenschaft einladen und hielt dort Reden zur Aufwertung des Elite-Denkens. Bemerkenswert seine Formulierung: “Elite ist kein Schimpfwort mehr!”

2. Rückwirkungen der Wende 1989/90

1989 / 90 kam es zur politisch-historischen Wende. Deren Rückwirkung  auf die Binnenlage des Hochschulwesens der BRD war enorm, denn damit war für Jahre die Reformdebatte über die Universitäten ausgesetzt. Man muss es hier nicht weiter ausführen, weil es jeder weiss, dass plötzlich von peinlichem Mittelmass und inneren Versandungen, von faulen Professoren, wie der Spiegel titelte, und von müßigen, wohl aber gut altersversorgten Assistenten auf Dauerstellen keine Rede mehr war. Man war angeblich mit einer Wissenschaftswüste im Osten konfrontiert, der man erstmal Leben einhauchen musste. Das BRD-Hochschulwesen mutierte über Nacht zu einer Weltveranstaltung hoher Exzellenz in Lehre & Forschung. Klar, dass man seine Strukturen und Verordnungen  den Beduinen-Gründungen im Osten forsch  überstülpen konnte.

 

Nach relativem Abschluss der Hochschulerneuerung Ost, etwa um 1993/94,  folgte zunächst eine Phase der Konfusion, so  jedenfalls in der Wahrnehmung vieler. Der neu bestallte Geschäftsführer des 1994 gegründeten Zentrums für Hochschulentwicklung in Dortmund, Detlef Müller - Böling, verkündete folgenden Befund: ”Angesichts der demokratischen Regelungswut und der Vielfalt von Reformansätzen ist kein einheitliches Bild der Hochschulen mehr auszumachen. Während man sich in Einzelmaßnahmen erschöpft, fehlt eine gesamtheitliche Vision für eine Hochschule der Zukunft.” Da der direkte Zugriff auf die Hochschulen, sie einer stringenten marktwirtschaftlichen Einbindung zu unterwerfen, 1984 bis 1989 nicht durchsetzbar war, übrig blieben ein etwas hilfloser Ruf nach neuen Eliten und im Einzelnen durchaus beachtliche Förderungen von exzellentem Nachwuchs und eine Aufstockung von Mitteln und Drittmitteln, kam es zunächst zu einem Zwischenschritt, der in die Zeitgeschichte einging als Versuch ihrer ”Betriebswirtschaftlichkeit.”

Das ist zwar nun zehn Jahre her, liest sich aber immer noch merkwürdig aktuell, besser, noch aktueller, weil inzwischen das, wovor Rilling und andere Autoren des Bundes demokratischer Wissenschaftler (BdWi) gewarnt hatten, die Umfunktionierung der Universitäten und Hochschulen von einer Kulturinstitution zu einer Rendite erzeugenden, kapitalverwertenden Wirtschaftsmaschine (”Dienstleister”, gesteuert von einem perfekten betriebswirtschaftlichen Management) fast unvorstellbare Dimensionen angenommen hat.

Die umfängliche Diskussion darüber, die seit 1993/94 stattfand, rankte sich um eine Novellierung des Hochschulrahmengesetzes. Die Akzente waren, eingenebelt von einer Reihe eher marginaler Aspekte, so gesetzt, dass einerseits die administrativ-bürokratische Lenkung der Hochschulen ”entschlackt” werden sollte, um die Behörden von den Friktionen des Sparkurses zu befreien, wobei durch sogenannte Globalhaushalte und Haushalte-Autonomie den Hochschulen mehr Handlungsfreiheit einzuräumen sei, andererseits jedoch durch ein straffes Management-Regime an den Hochschulen selbst die Quadratur des Kreises zu vollziehen ist, mit ständig verringerten Mitteln einen ständig wachsenden Output an sog. Dienstleistungen hervorzubringen. Wissenschaftliche Qualität ist, wie Babara Kehm einmal sarkastisch feststellte, mit weniger Mitteln mehr Leistungen zu erbringen. (Kehm 2001)

Präferiert wurde in dieser Phase dann auch folgerichtig die Idee, die Hochschulen und Universitäten als Dienstleistungseinrichtungen zu profilieren, sie kurz und bündig ”Dienstleister” zu nennen. Damit war ein gewisser Tiefpunkt bei der Zurücknahme des bislang vertretenen hohen Anspruchs erreicht, dass die Grundlagenforschung an den Hochschulen das Basis-System der deutschen Forschung sei. (Vgl. Bundesbericht Forschung/ BBF 1988)

So war das Fazit der 90er Jahre eben nicht das autogenerative Bemühen der Hochschulen  um exzellente Wissenschaftsentwicklungen, die wiederum aus exzellenten Wissenschaftsentwicklungen gewonnen werden. Auf der Agenda stand die Wende von einer wissenschafts-internen zu einer ökonomisch-externen Sicht auf die Hochschulen. Gefragt wurde nach dem Verständnis des eigenen Tuns aus der Perspektive der Käufer, Verwerter, Anwender, Auftrags- und Geldgeber und ihre (angeblich) zu äußerster Perfektion getriebenen Qualitätsforderungen. Bemerkenswert und exemplarisch war, wie z.B. Ada Pellert (Graz), die wohl renommierteste österreichische Expertin für Wissenschafts- und Hochschulreform, fast flehend dafür plädierte, die Hochschulen mögen sich doch nun endlich anstrengen, selbst ein externes Sichtvermögen auf das eigene Tun zu gewinnen. (Pellert 2001) Was einschloss, sie mögen selbst das Nötige tun, den Reformstau zu überwinden und sich selbst befähigen, den neuen Herausforderungen, nicht schlechthin der Wissenschaft und wissenschaftlicher Weltgeltung, nein, der Globalisierung und dem im Werden begriffenen weltweiten Bildungsmarkt gerecht zu werden.

Das konzeptionelle Resultat all dieser Diskurs-Wirren war, dass im Hochschulbereich der Weg frei gemacht wurde für nichtstaatliche Trägerschaften. Soweit Diversifizierung und Multiplizität (Luhmann: Ausdifferenzierung!) ein Merkmal der Moderne und durchaus erstrebenswert sind, kann auch gegen Hochschulen unterschiedlichen Typus, was Trägerschaften, Ausbildungs- und Forschungsziele anlangt, nichts eingewendet werden. Auch nicht von den Positionen der Humboldtschen Universitätsidee her. Allerdings muss ein solch flexibles Konzept hinsichtlich darin enthaltener Errata und Konfliktfallen nochmals hinterfragt werden, zumal Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Kultusministerkonferenz die Hochschulen zu derartigen Umstellungen drängen, ohne die möglichen schädlichen Auswirkungen offen zu benennen. In den schier zahllosen HRK-Materialien erscheint alles im besonnten Bild künftiger Qualitätssteigerungen  und gesicherter Exzellenz. 

    

Chancen und Risiken dieser Entwicklung werden besonders deutlich, wenn man Ausgründungen im Weichbild der Universitäten untersucht. Dort, wo diese in die universitären Domänen von Lehre und Forschung geraten, könnten solche neuen Rechtsformen bzw. Verbundmodifikationen, deren Vielfalt eines Tages niemand mehr zu überblicken hofft, die Universitäten und Hochschulen als in sich konsistente wissenschaftliche Institution aufweichen. Damit könnte die Idee der Universitas litterarum auf der Strecke bleiben, die die entscheidende Komponente für den abendländischen Kultur- und Bildungsaufstieg war, der dem arabisch-maurischen mit einigen Jahrhunderten Verspätung folgte, dafür aber um vieles weiter kam. Die Idee der Universitas litterarum würde schon deshalb immer weiter erodieren, weil sich Strukturdiversifikationen  nach Wissenschaftsgebieten nicht einheitlich machen lassen, jedes würde eigene Wege suchen müssen und sie auch beschreiten. Selbst geisteswissenschaftliche Richtungen sind mit sozialwissenschaftlichen nur bedingt kompatibel. Naturwissenschaftliche Fachrichtungen, besonders grundlagenstarke, haben einen ganz anderen Verwertungs- und Praxiskonnex als technikwissenschaftliche, wenn sie auch inhaltlich enge Zusammenhänge aufweisen. So bilden sich letztlich amorphe Konglomerationen, Strukturwirrwar anstelle Effizienz fördernder Synergien. Von der Medizin, ein Sonderfall der Strukturreformen, gar nicht zu reden. Immerhin war die Medizin fast 1000 Jahre lang – unterhalb der Theologie und neben der juristischen Fakultät – eine der drei Säulen, die das ausmachten, was man Universität nennt.

 

Die Hochschulrektorenkonferenz ergriff dann 1999 eine Initiative, die Reformdilemmata zu entwirren, indem sie das Projekt „Qualitätssicherung“ auf den Weg brachte. Gravierendste Neuorientierung war die Zurückschneidung der Forschung und die Konzentration auf den ”Bildungsmarkt” als das wichtigste Essential der Hochschulen. Die Humboldtsche Idee der Forschungs-Universität wurde prinzipiell infrage gestellt. In den Vordergrund rückte im Rahmen des Bologna-Prozesses die Neustrukturierung der Lehrangebote und die fragwürdige Praxis, für jede solcher Veränderungen einen aufwendigen und kostentreibenden  Akkreditierungsprozeß ingang zu setzen, der wiederum eine ganze Hierarchie von international vernetzten Akkreditierung-Agenturen erfordert und unterhält.

3. Elite-Universitäten und das Humboldt-Paradigma

Das Qualitätssicherungsdenken,  jedenfalls so, wie es vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklung den gegenwärtigen Diskurs bestimmt, bewegt sich in einem Feld von Positionen und Voraussetzungen, in welchen sich drei erratische Grundannahmen ausmachen lassen. Diese sind in der hier gewählten Terminologie:

(1)  Das Mittelmaß-Syndrom: Schmähung der Universitäten durch eine selbsternannte Elite als bloß mittelmäßig und als Ursache ihrer Reformbedürftigkeit

(2)  Invention, Innovation und Exzellenz der Forschung reduziert auf Qualitäts-

sicherung, Qualität als solche in Absehung der Kriterien, die sich aus den Charakteristika des Wissenschaftswissens ergeben.  

(3)  Die auf Marktwirtschaftlichkeit eingestellte Ressourcen-Depravation als Steue-

rungsmittel. Die Vorstellung, dass Ressourcen-Engpässe und Existenzängste die wissenschaftliche Originalität und Produktivität steigern.

Aus diesen erratischen Grundannahmen folgt die Konzeption und dieser die Praxis der Herausbildung von Hochschulen zweierlei Typus:  Elite-Universitäten, die nach Stölting ”wissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne” auf dem Gebiet der Grundlagenwissenschaften betreiben. (Stölting 2001) Und Massenuniversitäten, an die man sich seit Ende der 70er Jahre gewöhnt hat, geleitet von – frei nach Heine -- Außerordentlichen Professoren, die nichts Ordentliches können, und Ordentlichen  Professoren, die nichts Außerordentliches können. Und die nun eben per Evaluation und Akkreditierung unter Qualitäts-Kuratel gestellt werden. Diese alltäglichen Hochschulen und Massenuniversitäten bilden eine Mixtur aus beruflich-praktischen und wissenschaftlich-beruflichen Ausbildungsstätten - Nicht-Humboldtschen  Typus - meist auch festgelegt (eingeschränkt) auf ein Bachelor-Ausbildungsprofil. Die energischeren von ihnen werden sich das Diplom als Abgangsstufe (Master-Stufe genannt ) nicht nehmen lassen, wie neun führende Technische Hochschulen in einem gemeinsamen Kommunique schon haben verlauten lassen.

Die Idee, das Reformstreben der deutschen Hochschulen und Universitäten in die Herausbildung von Elite-Universitäten nach amerikanischem Muster  einmünden zu lassen, war im fortgeschrittenen Zustand der Kontroverse ständig virulent. In einem Sammelband von Erhard  Stölting & Uwe Schimank befasst sich Andreas Stucke mit dem ”Mythos Amerika” ((2001) und stellt die Frage, was es bringt, sich auf das amerikanische Universitätsmodell zu orientieren. Er sieht darin einen Holzweg, der die ganze Reformkontroverse bloß verwirrt. Stölting indes meint, dass  ”die Grundlagenreflexion und die wissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne (H.M.: was ist das?) sich  in Deutschland auf zwei oder drei Universitäten (!) konzentrieren (ließe), die eine intellektuelle Elite ausbilden könnten”.  Diese Zahl ”zwei oder drei” ist an die USA angelehnt, dort gelten 10,12 Universitäten als Elite-Einrichtungen  (Rangreihe, die sich immer mal wieder verschiebt: Havard, Princeton, Texas A&M-University, Rice University Wisconsin, Yale,  MIT, North-Western University, University of Texas Austin, Washington University, Stanford University Calif). Hinter dieser Spitzengruppe folgt ein tief gestaffeltes Feld von weiteren erstklassigen, aber auch zweit- und drittklassigen Hochschulen, darunter manche, die eher mittelmäßige Colleges sind und nach deutschem Standard gar nicht als Hochschulen akzeptiert würden. Aber auch das ist eher vage zu beurteilen. Auf jedem Fall ist denen Recht zu geben, die davor warnen , die Idee deutscher Elite-Hochschulen aus den us-amerikanischen Verhältnissen abzuleiten und von dort die Standards für Evaluierungen und Akkreditierungen zu beziehen.

Bleiben als Bezugsgröße die 10 oder 12 (welche immer) amerikanischen Spitzenuniversitäten, die als Modellfall für eine deutsche Hochschulreform gelten sollen.  Mitshel G. Ash, (1998) ein amerikanischer Universitätsprofessor, spricht  von einem   ”Denkfehler auf allen Seiten der deutschen Diskussion”. Es werde ausgeblendet, unter welchen idealen  konjunkturellen und steuerlichen Bedingungen amerikanische Spitzenuniversitäten zwischen 1875 und 1910 gegründet werden konnten. Niemand, meint er, würde heute ”aus dem Stand” eine derart großzügig dotierte private Universität gründen. Aber auch die großen staatlichen Universitäten wie Wisconsin, Michigan oder Berkeley dürften für die Idee, Elite-Universitäten zu etablieren, kein Maßstab sein. Obgleich – oder besser: gerade weil sie im deutschen Sinne Massenuniversitäten sind mit Zehntausenden von Studenten, sind sie, großzügig staatlich alimentiert, Empfänger von Drittmitteln und daher sowohl exzellente Ausbildungsstätten als auch Spitzeneinrichtungen der Forschung.

Der Versuch des Kanzlers und seiner Hochschulministerin, den angeschlagenen Ruf der Koalition auf dem Gebiet der Förderung von Hochschulen und Forschung durch eine Agenda zur Schaffung von Elite-Universitäten aufzubessern, hat sich im Sande verlaufen. Und zwar nicht nur, weil Bund und Länder sich in dieser Frage, die die Kulturhoheit der Länder berührt, nicht einigen konnten. Die Kontroverse, um die es dabei geht, greift tiefer.

Die Fürsprecher setzten auf einen manageriellen Effekt, Mittel zu konzentrieren, sie besser auszunützen und durch begleitende Maßnahmen wissenschaftliche Entwicklungen zu beschleunigen. Elite-Universitäten sozusagen, die ingenieurmäßig zu konstruieren und zu rekonstruieren sind, Teil um Teil, Modul um Modul, Funktion um Funktion. Das hört sich gefällig an, ist aber so nicht zu realisieren.

Die Skeptiker sind überzeugt, dass nur die Selbstorganisation in der Wissenschaft einen ”Elite-Effekt” hervorbringt, der in der Herausbildung hervorragender Persönlichkeiten liegt – und in einem ihnen gemäßen geistigen, sozialen und technischen Umfeld. Klaus Landfried, (1997) als er schon designierter Präsident der HRK war, schrieb: ”Wegen der fachlichen Qualitäten ... bedarf es keiner Elite-Hochschule.” Wo es zu unzureichender Qualität kommt, liegt das daran, ”dass Personen in Führungsverantwortung gelegentlich ihren Aufgaben nicht gewachsen sind.”  Und weiter: Eine sozial verantwortbare Elite bilde sich nicht durch Kapitalinvestitionen, Tradition oder Erbschaft (!! H.M.: womit er kräftig gegenhält gegen die Erklärweisen, die den amerikanischen Elite-Hochschulen gemeinhin unwidersprochen als wesenhaft unterstellt werden), ”sondern allein durch Leistung und Persönlichkeit – und sie ist kein Besitzstand.” Einer „Prinzenerziehung in privilegierten Elite-Anstalten“ bedürfe es dazu  nicht.

 Zum Begriff  “Elite” soll hier noch soviel angemerkt sein, dass er sozialapologetisch belegt  und in der Art und Weise, wie er gebraucht wird, abzulehnen ist. Da es in der internationalen Wissenschaftsszene sogenannte Elite-Einrichtungen in Forschung & Lehre wirklich gibt, mit denen man vielfältig konfrontiert ist, bleibt gleichwohl die Frage, ob sich Deutschland (bei welchen Vorbildern immer) auf Elite-Hochschulen orientieren sollte. Meiner Meinung nach würde das in die Irre führen.  Notwendig ist vielmehr, die Entwicklung von Spitzenleistungen in Forschung & Lehre zu fördern. Die Geschichte der Wissenschaft,  seit etwa Platon im  Hain von Agademos die besten Köpfe seiner Zeit versammelte und seine perepatetische Akademie betrieb, ist eine Geschichte der Entstehung von außerordentlichen, exzellenten, exklusiven intellektuellen Leistungen in den Grenzzonen menschlicher intellektueller Leistungsfähigkeit überhaupt. Bedeutende Ideen bedürfen jedoch eines breiten und tiefen, sie vorbereitenden Vorfeldes und einer Initialzündung, die meist nur wenige gleichzeitig auslösen.

Das Problem der Elite-Universitäten ist ein gewissermaßen biographisch-historisches, es besteht im Kern aus einem Vorgang, bei welchem Leute mit Spitzenideen - auf den Schultern von Leuten mit Spitzenideen stehen. Und dabei für ihr eigenes Tun ein optimales wissenschaftliches Umfeld haben:  Ein gleichsinniges unsichtbares College internationaler Reichweite, ausreichende Mittel (Geld, Technik, Infrastruktur), freien Zugang zu den Frontforschungen in der Welt, eine optimale Organisationsstruktur im Nahbereich, eine Institution und eine Administration, die sich des Forschungsrisikos bewusst ist und es mit trägt.

Was eine Administration, die eine glückliche Hand bei der Berufung von genieverdächtigen Akteuren von Forschungsprojekten oder von Hochschullehrern hat, bewirken kann, lässt sich an einem historischen Beispiel verdeutlichen. Friedrich Althoff (1839 – 1908) war der preußische Kultusminister, der ein ebenso

 einfaches wie geniales System der Befähigtensuche und der optimalen Förderung der Befähigsten einführte – übrigens im Anschluss an das Wirken von Alexander von Humboldt, der die Universitätsidee seines Bruders Wilhelm übernommen hatte und sich nun intensiv gegenüber den Ministerialbehörden in Preußen für die Förderung der Wissenschaft – und das hieß eben für ihn, der befähigten Wissenschaftler, einsetzte – ”unermüdet im Petitionieren”, wie er in einem Brief an J. Schultze schrieb. Althoff knüpfte daran an und machte daraus ein Wirksamkeitsprinzip seines Ministeriums, in das mit größtem Aufwand an Personal- und Sachkenntnis weit über Tausend Persönlichkeiten der Hochschulen und der Forschung samt ihren Institutionen, Forschungsvorhaben  und konkreten Arbeitsbedingungen einbezogen worden waren. Dabei formierte sich eine Elite führender deutschen Wissenschaftler, die Weltgeltung erlangte.

Man darf hier allerdings nicht übersehen, dass nicht nur Althoff auf Alexander von Humboldt und dessen wirksame Wissenschaftlerförderung aufbaute, auch Humboldt fing nicht auf grüner Wiese an. Zum ganzen Komplex der Wirksamkeit der Gebrüder Humboldt gehört, daß sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts, insbesondere nach 1770, im ganzen deutschsprachigen Raum eine vielschichtige, dynamische, geradezu charismatische geistige Strömung aufbaute, die insbesondere das literarische Schaffen und das Interesse an naturwissenschaftlich-technischen Forschungen und Studien betrieb und an der sich Tausende von Menschen beteiligten, darunter eine brillante Phalanx von Genies.

Besonders die humanistische Bildung und die auf antike Vorbilder fußende klassische Sprachästhetik in Deutschland wurden ein Weltereignis. Man denke daran, welche Erschütterungen von literarischen Werken wie Goethes „Werther“ oder Schillers „Räuber“ ausgingen, um nur zwei von Hunderten zu nennen, und in welchem Umfange in Privatgebäuden, gefördert durch Vereine und Gesellschaften, naturwissenschaftliche und technische Experimente durchgeführt und Sammlungen angelegt wurden. Während in ganz Deutschland das Prestigebedürfnis einer Vielzahl kleinerer Höfe, reicher Bürger- und Herrschaftshäuser diesem geistigen Aufschwung diente, ging die ganze Bewegung an den Universitäten vorbei, die in Massen geschlossen wurden. Diese hochgradige Kulturdynamik  war für den Neuansatz im Verständnis der Bedeutung der Universitäten durch Wilhelm von Humboldt und Schleiermacher entscheidend. Und eine unabdingbare Voraussetzung für die Rekrutierung eines relativ großen Stammes von hochgebildeten und forschungserfahrenen Leuten im Verlauf der nachfolgenden Jahrzehnte.

Der Sache nach, wir stellten es polemisch heraus, sind Eliten soziale Sondergruppen, die zu Lasten anderer Gruppen Privilegien in Anspruch nehmen, exklusive Besitzstände damit aufbauen und schließlich hauptsächlich damit beschäftigt sind, diese zu verteidigen und zu mehren. Das ist auch der von Althoff geschaffenen Elite passiert, als sie sich mit der Wilhelminischen Gesellschaft verbündete und dabei die schlechtbeleumdete nationalistisch-elitäre deutsche Ordinarien-Universität entstand. Doch das wäre ein anderes Thema.

4.  Zurück zu Humboldt oder über Humboldt hinaus?

Mit dem Aufkommen des Begriffs ”Massenuniversität” Anfang der 80er Jahre und seiner rein negativen Sinngebung  ist exakt das eingetreten, was Kritiker und Skeptiker, z.B. der von Max Weber ausgehende Paul Windolf (1990) mit dem Begriff der ”sozialen Schließung” der Hochschulen vorausgesagt haben. Aus welchen Gründen immer, die arrivierten Eliten finden die Bildungsexpansion bedrohlich. Kohl verstieg sich sogar zu der Behauptung, die ständig wachsenden Studentenzahlen in den 80er Jahren hätten zu einer „sozialen Schieflage” geführt.

In diesem Kontext sahen es zahlreiche Autoren als erwiesen an, dass die Universitäten Humboldtscher Prägung als der bestimmende Typus des deutschen Hochschulwesens verschwinden würden. Dabei werden dem Humboldtschen Universitätskonzept eine Reihe von Eigentümlichkeiten unterstellt, die einfach nicht zutreffen. Das betrifft Polemiken gegen dessen Bildungsparadigma, den Begriff der Forschungsuniversität, die Einheit von Lehre und Forschung sowie Humboldts Formel von der  "Wissenschaft in Einsamkeit und Freiheit".

Einer der Einwände besagt, die Wissenschaft  habe sich inzwischen professionalisiert, wodurch eine Wandlung der Hochschulen zu Stätten der Berufsausbildung stattgefunden habe. Fachhochschulen seien bei Humboldt gar nicht denkbar, liest man. Errata über Errata. Man scheint nicht einmal zu wissen, daß ein wichtiger Aspekt der Humboldtschen Universitätsidee in der konzeptionellen Ablehnung der napoleonischen Hochschulpolitik bestand, die sehr wohl etwas mit Fachhochschulen zu tun hatte. Napoleon, der ja 1806 bis 1814 Preußen als Besatzungsgebiet behandelte, hatte mit einem Dekret von 1799 per Stichjahr 1806 alle nach dem Universitätssterben des 18. Jahrhundert. verbliebenen 22 französischen Universitäten geschlossen und sie in eine Art Fachschulen bzw. Fachhochschulen umgewandelt. Dieses Problem stand also sehr wohl zur Diskussion. Und im späten 19. Jahrhundert wurde es mit der Gründung Technischer Hochschulen bzw. Technischer  Universitäten im Humboldtschen Sinne gelöst. Jenes berühme Pamphlet Schleiermachers von 1808, ”Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn. Nebst einem Anhang über eine neu zu errichtende”, ist nicht etwa eine nationalistische Herausforderung (bzw. Anmaßung), sondern eine Absage an die napoleonische Hochschulpolitik, die auf Fachhochschulen setzte (wie man heute auf Bachelor-Grade statt auf Diplome setzt), und die auch in Preußen Anhänger und Fürsprecher hatte.

Als am Ende des 18.Jahrhundert die Idee, Bildung und Ausbildung an den Universitäten zu vereinen, in Verruf kam, liessen sich Humboldt, Schleiermacher und andere Vertreter  der neuhumanistischen Bewegung davon nicht irritieren. Bei Humboldt heißt es vielmehr über die Universitäten, sie seien “der Begriff der höheren wissenschaftlichen Anstalten, als des Gipfels, in dem alles zusammenkommt, was unmittelbar für die moralische Cultur der Nation geschieht“. Sie seien bestimmt, „die  Wissenschaft im tiefsten und weitesten Sinne des Wortes zu bearbeiten und als einen nicht absichtlich (d.h. der auf  Anwendungszwecke ausgerichtet wäre H.M.) aber von selbst zweckmäßig vorbereiteten Stoff der geistigen und sittlichen Bildung hinzugeben”,d.h. zuzuführen. (Humboldt, Werke, 1964)

Worauf schon Humboldt und Schleiermacher vertrauten: Allein der lebendige geistige (inter- und multidisziplinäre) Austausch, der an den Universitäten möglich ist, bewirkt eine lebendige Befeuerung der Geister. Das Ergebnis waren exzellente geistige Hervorbringungen. Die Aufklärung, die klassische Philosophie, das private naturwissenschaftliche Forschen (besonders seit 1770),  die Weimarer Klassik, der Neuhumanismus und das preußische Reformdenken nach 1806 enthielten ein hohes geistig-kulturelles Charisma, das beständig Spitzenleistungen generierte. Und das eine spätere praktisch-wirtschaftliche Nutzung von Bildung nicht ausschloß.

 Den Drang zu Spitzenleistungen, also zu exzellenten intellektuellen kognitiv-inventiven Schöpfungen, die gegebene Wissenshorizonte überschreiten, enthält Wissenschaft per se. Das ist ein Korrelat wissenschaftlichen Denkens seit dem Altertum, also wissenschaftliches Denken als Bestreben, das noch nicht Gedachte zu denken, gegebene Grenzen des Intellekts, der Kognition, der Einsicht zu überschreiten. Natürlich muß schon Bekanntes auch repititiv eingesetzt werden – nur, wie man weiß, die Beschränkung darauf wird als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs nicht akzeptiert. Humboldt vertraute darauf, daß alles dies an den Universitäten stattfinden würde. Im Vordergrund stand bei ihm ein hochgestecktes Bildungs-Charisma, der gesamte Wissensbestand der Epoche war in Bewegung, deshalb mußte die Einheit von Lehre & Forschung als Grundlage moderner Bildung nicht erfunden werden, sie verstand sich von selbst. Bildung war Fortschreiten des Wissens und nicht länger ein bloß museales Sammeln und Verwalten von Wissenswertem.    

Müssen aber, um den Bogen weiter zu spannen, die Massenuniversitäten abgeschafft werden? Welche „Massenuniversitäten“? Es gab und gibt einzelne überlaufene Fächer. Es gibt teilweise eine verheerende Studienorganisation. Es gibt verbreitet mehr Studenten als Studienplätze, was auch bei leeren öffentlichen Kassen nicht sein müsste. Es gibt eine von der Ministerialbürokratie eingestandene Unterversorgung der Hochschulen. Aber das ist kein Grund, von einer desaströsen Situation allgemein vorherrschender Massenuniversitäten zu reden, in welchen Humboldt "erstickt" sei. Das sind zu lösende Probleme bei der Weiterentwicklung des Hochschulwesens in einer bildungsintensiven modernen Gesellschaft, wenn man dies politisch will. Einfach ist das freilich nicht, weil eine gewisse Fraktion von vermeintlichen Reformakteuren dem Wahn nachjagt, die Lösung der anstehenden Probleme heutiger Hochschulen ”jenseits von Humboldt” suchen zu müssen.

Die deutschen Universitäten – wenn man von einer bestimmten Anzahl Fachrichtungen oder auch bloß lesenden Professoren absieht, die Mittelmaß hervorbringen (und die es in der ganzen Welt gibt) – sind sowohl exzellente Stätten wissenschaftlicher Bildung wie bedeutender Forschung. Das von ihnen verfolgte wissenschaftliche Charisma ist – wortwörtlich so bekundet oder immanent – die Humboldtsche Universitätsidee. Sicher, die Nobelpreise pflegen mehrheitlich an die USA zu gehen, aber die Weltfront der Forschung besteht nicht aus der Summe der Nobelpreise.

Man kann sich aus dem Internet ein Weltranking herunterladen, das die Universität Shanghai durchgeführt hat und dabei 503 Universitäten exponierte, die man die Top 500 nannte. Als Wertungskriterien wurde die üblichen Exzellenz-Daten benutzt: Anzahl der Nobelpreise, der anderer Preise, Meistzitationen, Articel in ”Nature” & ”Science”, graduierte Absolventen usw. Die etwas schwierig zu lesende, rein kumulative Statistik sagt aus, daß Deutschland 43 Universitäten unter den ”Top 500” aufweist, davon 37 unter den ”Top 400”, 27 unter den ”Top 300”, 17 unter ”den Top 200”; 7 unter den ”Top 100”, im Vergleich: Japan 5, UK 11, USA 51) Aber es gibt eine Spitzengruppe ”Top 20”. Dort placieren sich von Japan 1, vom UK 2, von den USA 17.  (Zahlen nicht addierbar.) (Shanghai 2004)

Die Erfahrung mit solchen Indikatoren besagt, dass es ein internationales Netzwerk von ”invisible Colleges” gibt, die einen beträchtlichen Einfluss auf Sponsoren, Preiscommitees (auch im Range von Nobelpreisen), Zeitschriftenredaktionen, Zulauf begabter Studenten, Promovenden oder Stellenbewerber – ja selbst auf die Zitiergewohnheiten haben. Das alles ist seit langem von der Scientometrie untersucht, verifiziert , relativiert und publiziert worden. Wissenschaftler wissen das auch. Ein renommierter Physiker im Fach Hochenergiephysik, der von Aachen an die TU Dresden ging, sagte bei einer Recherche: ”Ich muss mich hier ganz neu aufbauen. Wer Schuster Aachen war, wusste man in Fachkreisen, wer Schuster Dresden ist, das muß sich erst noch herumsprechen”. Das galt natürlich erst Recht für die Altprofessoren der TU. Und diese Situation besteht weltweit. Es existiert ein Werte setzendes und Wissenschaftsleistungen beurteilendes Je-Set, dessen Problem nicht darin besteht, dass sie falsch urteilen, sondern sie mit ihren Urteilen nicht alles zu erfassen vermögen und ziemlich grob metrisierte Rangstufen vergeben, wo es sich um fein abgesetzte, ja, häufig fließende Schattierungen handelt, oft auch um virtuelle Spitzenleistungen, die wegen Standortnachteilen nicht zum Zuge gekommen sind.

Selbst bei hoch angesetzter Bedeutung des Shanghaier World Ranking bleibt die Gewissheit, dass Deutschlands Universitätswesen zusammen mit dem Japans auf einem sicheren dritten Platz in der Welt liegt. Das UK hat einigen Vorsprung, aber der ergibt sich z.T. aus den Ähnlichkeiten der angelsächsischen Wissenschaftsphilosophie mit der us-amerikanischen und aus dem sprachlichen Bonus (was auch für Kanada gilt, das knapp hinter Deutschland placiert ist) und beides ist nicht allzu dramatisch. Im Wesentlichen liegen Deutschland und Grossbritannien  gleichauf.

 

Was heute mit Blick auf Humboldt zu leisten wäre, kann als eine (endlich stattfindende) zeit- und umstandsgemäße Verwirklichung seiner Hauptideen verstanden werden, für die zahlreiche Randbedingungen heute besser sind als im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Nämlich als erstes ein nationales Bildungscharisma von Format zu schaffen. Bildung nachhaltig als öffentliches Gut, als öffentliche Angelegenheit zu konstituieren. Das heisst unter anderem Rückführung des weltweit erodierenden Informationsüberflusses einer von Deformationen heimgesuchten Wissensgesellschaft durch die höhere Schul- und Hochschul-Bildung auf gediegene Bildung. (Was das ist, wäre natürlich für jede Wissenschaftsdisziplin sorgfältig auszuführen.) Dann eine profunde, wissenschaftlich gesicherte Bildung aller entscheidenden Akteure aller gesellschaftlichen Wirksamkeiten. (Humboldt: Preußen und seine Eliten werden eine wissenschaftliche Großmacht sein - oder sie werden nicht sein. Oder auch: was wir an politischer Substanz verloren haben, müssen wir durch geistig-kulturelle zurückgewinnen.)

Ferner: Die Universitäten weiter ausprägen als Zentren der disziplinären Grundlagenforschung.

Ferner: Befreiung der Lehre von bloß tradiertem Wissen(sschrott) und Vermittlung innovativen und inventiven Wissens.

Ferner: Lehre und Studium nicht zuerst für Nutzenszwecke, sondern als lebenslange Passion. Bildung (befreit vom puren Nutzendenken) als menschliche Sinngebung. (Das heute geförderte Verständnis, daß der Sinn des Lebens die Geldvermehrung ist, (oder auch: das Geldverdienen um jeden Preis zur Erhaltung der nackten Existenz) muss zur Sinnentleerung führen - und tut es schon gründlich genug.

Ferner: Lehre und Studium als der allgemeine (Humboldt: tägliche, lebendige) Lehrer-Studenten-Wissenschaftsdisput. Schleiermacher: Verdrängung der schädlichen Standeseitelkeiten in Wissenschaft und Universitäten. Exzellenz von Forschung und Wissen. Die Universitäten als die höchsten Bildungsstätten der Nation ausgeprägt, wo alle geistig-kulturellen Aktiva zusammenkommen und weitergeführt und gepflegt werden.

Können die heutigen Universitäten das leisten?  Ja, sie können das, sie tun das auch nach Kräften und mit Erfolg – und sie haben sich in ihrem Selbstverständnis gar nicht so weit davon entfernt. Kann man das jedoch mit dem Bestreben vereinbaren, vor allem satte Gewinne auf dem internationalen Bildungsmarkt einzufahren, d.h. hier die Prioritäten völlig herumdrehen? Anstelle inventiver und innovativer Erkenntnisfortschritte, dem Markt (wer oder was immer das ist) gut bezahlte, auf jeden Fall anwendungsfähige Dienstleistungen zu offerieren? Natürlich nicht. Das, so haben schon Humboldt und Schleiermacher geschrieben, schließt sich gegenseitig aus. Es sei bekannt, schreibt Schleiermacher, wie ”gefangennehmend das Geschäftsleben ist”, mit dem Wissenschaftler ”nebenher” Geld zu verdienen versuchen, wie sehr es von wirklichen wissenschaftlichen Interessen ablenkt. (Schleiermacher 1808)

Probleme, die gestiegenen Kosten moderner Hochschulen zu finanzieren, liegen nicht, wie gewisse Diskutanten vermuten lassen, „jenseits von Humboldt”. Seine Idee einer großen Berliner Universitätsgründung schien manchem unbezahlbar, seine Lösung, dafür die Erträge von einigen säkularisierten Domänen einzusetzen, erschien Teilen des preußischen Adels als ein frevelhafter Eingriff in die Rechte der Krone. Auch Preußen und andere Staaten im 19. Jahrhundert, auch Althoff – und dieser ganz dezidiert – hatten Probleme, die wachsenden Kosten von Forschung und Hochschulwesen aufzubringen. Die bereitzustellenden Ressourcen flossen seinerzeit nicht reichlicher als heute. Eher fließen sie heute reichlicher, nur hat sich das umgeschichtet, was von der Politik und jeweiligen Management als gesellschaftlicher Bedarf akzeptiert und in Rechnung gestellt wird. Und was die über wirtschaftliche Ressourcen gebietenden Akteure und Eliten heute bereit sind, für Wissenschaft und Bildung auszugeben.

Änderungen dieser Gegebenheiten liegen ebenfalls nicht  ”jenseits von Humboldt”, sondern sind eingeschlossen in sein Konzept vom ”Kulturstaat”, in seine vorgreifende und mobilisierende Kulturstaatsidee. Humboldt fordert ein neues Gesellschaftsverständnis, nämlich die Überwindung von Zuständen des spätfeudalen Stände- und Klassenstaates, also der Privilegien der seinerzeitigen feudalen Eliten durch eine neue, kulturstaatlich verfasste Bürgerlichkeit. Was ihm, mit heutigen Begriffen, vorschwebte, war eine bildungsmobile Gesellschaft, war Schichtgrenzen überschreitende Mobilität durch Bildung.

      

Die heutige Moderne ist weit entfernt davon, hier irgend etwas ”jenseits von Humboldt” in Angriff zu nehmen, vielmehr ist die heutige Gesellschaft in Wohlstand, Rechtssicherheit und Freiheit aufgefordert, endlich das in Politik umzusetzen, was vor 200 Jahren von der neuhumanistischen deutschen Geisteselite begehrt wurde. Dazu gehört auch – im Geiste Humboldts – die inzwischen wieder breit ausgeprägte Situation zu überwinden, in der Deutschland anderen Ländern mit schlechtem Beispiel vorangeht, dass der soziale Status weitgehend über den Bildungsstatus entscheidet. Dass das Bildungswesen, anachronistischen Kasteneinteilungen ähnlich, das getreue Abbild der vorherrschenden sozialen Differenzierungen und Abgrenzungen ist. Soziale Abgrenzungen, die sich häufig als Ausgrenzungen erweisen. “Über Humboldt hinaus” wird von einigen Wortführern so verstanden, dass sich der Staat aus der Verantwortung für Bildung und Hochschulen zurückzieht, was aber bedeutet, hinter Humboldt zurückzugehen. Dem Staat kommt, nach Humboldt die Pflicht zu, die Universitäten aufzubauen, zu fördern, zu gestalten, jedoch so, dass sich dabei die Autonomie der Gelehrten-Republiken entwickeln kann, sie, wie er schreibt, mehr und mehr unabhängig von staatlichen Eingriffen werden.

Es ist gar nicht möglich, über Humboldt “hinauszugehen”, insofern unsere vorherrschenden Zustände, Verfasstheiten, ihre gesellschaftlichen Wirkungen weit hinter seinen Vorstellungen und Forderungen zurückgeblieben sind. Sie zu verwirklichen, würde vielmehr heute an die Grenzen der Vorstellungshorizonte und Leistungsmöglichkeiten  von Wissenschaft, Staat und Gesellschaft führen.

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Humboldt v., Wilhelm: 22. 6. 1767 –  8. 4. 1835: Werke in fünf Bänden. Hrsg. Andreas Flitner, Klaus Giel. Deutscher Verlag der Wissenschaften. Berlin 1964. Bd. IV, S. 255

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Landfried, Klaus: “Brauchen wir Elitehochschulen?“ In: Forschung & Lehre,   1997, Heft 4, S. 181

Müller-Böling, Detlef: ”Von der Gelehrtenrepublik zum Dienstleistungsunternehmen” In: Forschung & Lehre Nr 7/1994, S. 272 ff. Zit in: Torsten Bultmann, Rolf Weitkamp: Hochschule in der Ökonomie. Verlag BdWi, Marburg, 1999, S. 39)

Pellert, Ada: Zur Managementfähigkeit von Hochschulen. In: HRK. Hrsg.: Projekt Qualitätssicherung, (siehe Hochschulrektorenkonferenz 1999) Heft 14/2001, S. 27.

Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst:  „Gelegentliche Gedanken über die Universitäten im deutschen Sinn. Nebst einem Anhang über eine neu zu errichtende.“ (1808) In: Ernst Müller, Hrsg. Gelegentliche Gedanken über Universitäten. Reclam Bd. 1353, Leipzig 1990

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