Publikation Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Staat / Demokratie - Partizipation / Bürgerrechte - International / Transnational - Krieg / Frieden - Asien - Arabischer Naher Osten / Türkei - Türkei Newroz: Feiern als Akt des Widerstands

Rosa Burç zur Unterdrückung kurdischer Identität und politischer Alternativen in der Türkei

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Artikel

Autorin

Rosa Hêlîn Burç,

Erschienen

März 2018

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Als die Bodentruppen der türkischen Streitkräfte zusammen mit dschihadistischen Söldnern am 58. Tag des völkerrechtswidrigen Angriffes auf Afrin in Teile des Stadtzentrums vorrückten, fiel zuerst die Statue des kurdischen Schmiedes Kawa. Die Statue von Kawa, das Symbol des kurdischen Neujahrsfestes Newroz, wurde von den dschihadistischen Kämpfern erst beschossen und dann mit Baggern abgerissen. Der Mythologie nach, war es Kawa, der den Widerstand gegen die Tyrannei des Königs Dehak organisierte und das Volk von der Unterdrückung befreite. Um den Sieg zu verkünden, zündete er auf einem Berg ein Feuer an. Im kollektiven Bewusstsein der Kurd*innen wird die Despotenherrschaft von Dehak heute durch die kolonialistischen Unterdrücker der Gegenwart verkörpert und der kurdische Widerstand als Fortsetzung des Volksaufstandes gesehen, den Kawa der Legende nach angeführt hat. Drei Tage vor dem diesjährigen Newroz-Fest posierten nun die türkischen und dschihadistischen Besatzer Afrins triumphierend vor der zerstörten Statue am Kawa-Platz.  
 

Newroz in der Türkei: Eine Chronologie der Unterdrückung

Viele feiern am 21. März den Beginn des Frühlings und das neue Jahr , jedoch für die KurdI*innen bedeutete dieser Tag immer schon Widerstand und Kampf um Freiheit und Identität. Die Politisierung des Newroz-Festes in der Türkei geht zurück auf die 1970er Jahre und fällt damit auch auf die Gründungsphase der kurdischen Freiheitsbewegung. Je politisierter die kurdische Frage, desto stärker kriminalisiert und bekämpft der Staat alles rund um Newroz. Diese Gleichung lässt sich mit Blick auf die Entwicklungen der letzten 40 Jahre mühelos bestätigen.

In der Türkei der 1980er Jahre wurde ganz im Einklang der türkischen Leugnungspolitik auch der Gebrauch des Wortes «Newroz» unter Strafe gestellt. Genauso wie das offizielle Narrativ keine «Kurden» kannte, existierte auch kein traditionelles Neujahr mit dem Namen «Newroz». Alle die sich dieser Logik widersetzten, wurden eingesperrt oder getötet. Die Türkei unter der Militärdiktatur der 1980er Jahre war bekannt für ihre Foltergefängnisse, die vor allem als Umerziehungsanstalten dienten. Die Geschichte des Newroz beginnt in einem dieser damaligen Foltergefängnisse – im «No.5-Gefängnis» in Diyarbakır, der kurdischen de facto Hauptstadt. Besonders die ersten Jahre nach dem Militärputsch von 1980 werden bis heute als «Periode der Barbarei» bezeichnet. Nur wenige überlebten die Foltergefängnisse, darunter auch die kurdische Politikerin Gültan Kışanak, die heute wieder im Gefängnis ist oder Sakine Cansız, die zusammen mit zwei anderen kurdischen Aktivistinnen 2013 in Paris ermordet wurde. Andere wiederum starben entweder bei Folter oder brachten sich selbst um. Mazlum Doğan tat letzteres. Er war Teil der Studentenbewegung, die als Vorläuferbewegung der PKK gilt und wurde 1979 inhaftiert. Am 21. März 1982 zündete er seine Zelle an, um gegen die Missstände im Gefängnis zu protestieren und erklärte in einem Abschiedsbrief, dass das Feuer, das er mit drei Streichhölzern anzündete das Newroz-Feuer des kurdischen Widerstandes sei.

Mit dem Militärputsch von 1980 wurde im gesamten Land das Kriegsrecht verhängt und erst durch die Militärverfassung von 1982 schrittweise durch den Ausnahmezustand ersetzt. Der Ausnahmezustand wurde 1987 im Westen des Landes zwar dann aufgehoben, gleichzeitig jedoch wurde ein sogenanntes «Gebiet unter Ausnahmezustand» in den Provinzen des kurdischen Südostens eingerichtet. Die Türkei hat seitdem fast lückenlos die kurdischen Gebiete im Ausnahmezustand regiert, wodurch jedes Newroz-Fest per Definition zu einem Akt des zivilen Ungehorsams wurde.  

Besonders in den 1990er Jahren, als die Politik der permanenten Ausgangssperren, Dorfverbrennungen und öffentlichen Exekutionen eine neue Welle erfuhr, auch bekannt als die «dunklen Jahre der Republik», ging der 21. März immer mehr als Tag des Aufstandes (Serhildan) in die Geschichte ein.

Die Protestwelle fand 1990 ihren Anfang mit dem Tod des Guerilla-Kämpfers Kamuran Dündar in Nusaybin. Seine Beerdigung fiel auf den 21. März und alle Geschäfte und Schulen blieben an diesem Tag geschlossen. Die gesamte Stadtbevölkerung von Nusaybin nahm am Trauerzug teil, wo mit dem Einschreiten der Polizei zwei Menschen starben. Die anschließenden Proteste dauerten weitere vier Tage an und weiteten sich in der gesamten Region aus. In Solidarität mit den Protesten in Nusaybin wurden zum Beispiel auf den Bergspitzen rundum Cizre in Anlehnung an die Kawa-Legende zahlreiche kleinere Newroz-Feuer angezündet.

Ob Kundgebung, Demonstration oder Feier mit Musik und Tanz in traditioneller Tracht, sicher war, dass alle Newroz-Veranstaltungen von der Polizei und dem Militär gewaltsam aufgelöst und zahlreiche Tote hinterließen würden. Allein im Jahr 1991 starben 31 Menschen, weil sie zu einer der Newrozveranstaltungen in Diyarbakır, Agri oder Istanbul gingen.
 

Das Blutbad von Cizre 1992

Um weiteren Gewaltausschreitungen und zivilen Opfern vorzubeugen, besuchte eine Delegation aus Abgeordneten den damaligen Premierminister Süleyman Demirel, um ihn dazu zu bewegen, die Newroz-Feierlichkeiten zuzulassen. Demirel, der damals mit Demokratisierungsversprechen an die Macht kam, erklärte sich einverstanden und verkündete, dass Newroz stattfinden dürfte. Trotz dieser Bemühungen ging der 21. März 1992 mit Aufnahmen aus der kurdischen Stadt Cizre in die Geschichte ein, die an ein Massaker erinnern: Frauen, Kinder, junge und ältere Menschen in bunten Trachten versammeln sich auf einem öffentlichen Platz, um Newroz zu feiern. Die türkischen Sicherheitskräfte schießen ohne Vorwarnung in die Menge. Es starben mindestens 50 Menschen, darunter 12 Kinder.

Die anschließende Protestwelle in Cizre und Şırnak führte zu weiteren 100 Toten. Darunter auch Journalisten wie der Sabah-Redakteur İzzet Kezer, der am 23. März in Cizre durch eine Kugel in den Kopf starb.

Im Lichte der zunehmend brutalen Unterdrückung der kurdischen Identität und Tradition weiteten sich die Newrozproteste in der gesamten Region aus und Selbstverbrennungen an Newroz nahmen als neue Protestform zu. So zündete sich 1992 Rahşan Demirel in Izmir an und 1994 Ronahî Bedriye Taş und Berîvan Bilgün Yıldırım in Deutschland.
 

Newroz: Der politische Wegweiser

Nach den blutigen Ereignissen im Jahre 1992 hielt Demirel seine berühmte «Wir erkennen die kurdische Realität an»-Rede und die PKK rief am 21. März 1993 einen Waffenstillstand aus. Abdullah Öcalan, Gründer und ideologischer Vater der PKK, trat erstmalig am 21. März 1993 in ziviler Kleidung vor die Kameras und verkündete in einer Presseerklärung, dass dieser «Waffenstillstand zum Wendepunkt in der Geschichte» werden würde. Öcalan betonte, dass die Kurden bereit seien beim Aufbau einer demokratischen Republik mitzuwirken und die Waffen langfristig niederzulegen. Es war der erste Ausdruck des Paradigmenwechsels innerhalb der PKK, der an Newroz mit der gesamten Weltöffentlichkeit geteilt wurde. Für die kurdische Freiheitsbewegung war Newroz deshalb nicht nur ein Tag des Aufstandes, sondern auch stets ein Tag des politischen Ausdrucks.

Trotz aller Bestrebungen des türkischen Staates diesen Waffenstillstand zu brechen, unter anderem auch durch die fortdauernde Kriminalisierung des Newroz-Festes, sowie Versuche des Staates, das Newroz-Fest zu türkifizieren, wurde der 21. März nach 1993 immer im Lichte politischer Forderungen der Kurd*innen gefeiert.

Mit der Festnahme Abdullah Öcalans und seiner Auslieferung an die Türkei am 15. Februar 1999 wurden alle Newroz-Feierlichkeiten erneut einem strengen Verbot ausgesetzt. Insgesamt wurden an einem Tag 8.174 Menschen festgenommen, davon alleine 4.000 in Istanbul und 2.459 in Diyarbakir.

Diese Verbotskultur des türkischen Staates wurde in den folgenden Jahren jedoch de facto durch das kurdische Volk aufgehoben, indem immer mehr Menschen an den Newroz-Feierlichkeiten teilnahmen. Während zum Beispiel im Jahre 2000 noch 200.000 an der zentralen Newroz-Feier in Diyarbakır teilnahmen, waren es ein Jahr später bereits 500.000 Menschen.

Jede zentrale Newroz-Feier steht seitdem unter einem politischen Slogan. «Weder Leugnung, noch Abspaltung: Demokratische Republik!» oder «Entweder Frieden oder Frieden: Demokratische Autonomie» waren kurdische Forderungen und Parolen, die aufgrund der Nicht-Anerkennung politischer Partizipation kurdischer Parteien, eben nur auf der zentralen Newroz-Kundgebung laut artikuliert werden konnten. So wurde beispielsweise an Newroz 2005 erstmals das politische Programm des Demokratischen Konföderalismus vorstellt.
 

Die Rolle Öcalans

Das Fehlen einer repräsentativen Partei der Kurd*innen in der türkischen Politik, führte de facto dazu, dass das Newrozfest nicht nur als kulturelle Tradition betrachtet wurde, sondern auch dazu genutzt wurde, sich basisdemokartisch zu organisieren und einen politischen Willen auszudrücken. Besonders im Zuge der Diskussion, wer für eventuelle Friedensgespräche zwischen der PKK und des türkischen Staates in Frage käme, fanden 2010 alle Newrozkundgebungen in 108 Städten mit insgesamt vier Millionen Teilnehmer*innen unter dem Slogan «Freiheit für Öcalan bedeutet freie Identität» statt. Der politische Wille der Kurd*innen, Öcalan als Vertreter der kurdischen Interessen in den Friedensverhandlungen sehen zu wollen, kam unangefochten zum Ausdruck.

Trotz fortlaufender Friedensverhandlungen wurden alle Newrozfeiern weiterhin verboten, was jedoch nicht bedeutete, dass die Verbote auch erfolgreich waren. Durch die Teilnahme von Hunderttausenden war es der Polizei nicht möglich, Newroz zu unterbinden. Nach der Aufkündigung der Friedensgespräche durch den türkischen Staatspräsidenten Erdoğans im Sommer 2015 und der anschließenden Repressionswelle gegen alle Oppositionellen des Landes, verstärkte sich die Kriminalisierung ein weiteres Mal und alle die zur zentralen Kundgebung in Diyarbakır erschienen, gingen aus entschiedenem politischen Protest und mit der Angst um ihr Leben. Zuletzt wurde letztes Jahr der Musikstudent Kemal Kurkut bei der Sicherheitskontrolle im Eingang zum Veranstaltungsplatz von der türkischen Polizei erst nackt ausgezogen, dann durchgelassen und anschließend von Hinten mit einer Kugel in seine Brust erschossen. Kemal Kurkut starb noch in den frühen Stunden auf dem Veranstaltungsplatz in Diyarbakır. In den türkischen Medien hieß es dann, Kurkut habe eine Waffe an seinem Körper getragen. 
 

#UnserNewroz

Wenn heute in Deutschland Newrozkundgebungen angemeldet werden, kann mit Sicherheit gesagt werden, dass die Teilnehmer*innen entweder Augenzeugen oder selbst Opfer dieser Gewaltgeschichte in der Türkei waren. Wenn Newroz so stark politisiert ist, dann nur, weil dieser Tag symbolisch für die jahrzehntelange Unterdrückungsgeschichte von Identität und politischem Willen der Kurd*innen steht. In den 1990er Jahren machte sich Deutschland mitschuldig als zum Beispiel kurdische Namen auf einer Verbotsliste standen, die den deutschen Behörden von der Türkei zur Verfügung gestellt wurde. Kurdische Eltern,  die zum Beispiel ihre Kinder Helîn nennen wollten, mussten sich für ein türkisches Äquivalent entscheiden. Damals war die kurdische Sprache in der Türkei de jure verboten und in Deutschland de facto. Heute macht sich Deutschland erneut mitschuldig. Und zwar nicht nur mit dem Einsatz von deutschen Leopard-2 Panzern in Afrin, wo dschihadistische Söldner der Türkei die Statue von Kawa zerstörten, sondern auch wenn eben den Menschen das Versammlungsrecht in Deutschland genommen wird, die einst nach Deutschland kamen um der politischen Verfolgung aufgrund ihrer Identität zu entkommen. Die Verbotsdiskussionen rundum die diesjährige Newrozveranstaltung in Hannover haben noch einmal die zunehmende Kriminalisierung von kurdischer Identität in Deutschland deutlich gemacht und dazu geführt, dass die Kurd*innen in Deutschland umso mehr zu ihrem Newroz standen und zehntausendfach erschienen sind. Denn, ob in den 1990er Jahren oder heute, in Deutschland oder in der Türkei: Trotz aller Verbote begrüßen Kurd*innen jedes Jahr erneut am 21. März den Beginn des Frühlings und den Widerstand, indem sie ganz traditionell ein Feuer anzünden, drumherum tanzen und sich Freiheit und Frieden wünschen, wenn sie über die Flammen springen. 

Rosa Hêlîn Burç ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Bonn und Redakteurin des englischsprachigen Nachrichten- und Analyseportals The Region. Email: rosaburc@uni-bonn.de, Twitter: @rosaburc