Publikation Staat / Demokratie - Partizipation / Bürgerrechte - Geschlechterverhältnisse - Ungleichheit / Soziale Kämpfe - International / Transnational - Asien - Arabischer Naher Osten / Türkei - Türkei Nichts Neues in der «Neuen Türkei»

Kehrt die Türkei zu «ihren Wurzeln zurück»? Tebessüm Yılmaz zum Jahrestag der Gründung der Türkischen Republik.

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Oktober 2018

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Der 29. Oktober 2018 ist der 95. Jahrestag der Ausrufung der Türkischen Republik durch die Große Nationalversammlung. Während die Sorge der Kemalist*innen, dass ihnen der «Laizismus zwischen den Fingern zerrinnt»[1], in eine verdrehte und romantisierte Vorstellung des republikanischen Regimes mündet, behaupten die regierende AKP und ihre Anhänger*innen, dass sie sich von der «alten  Türkei» mit ihrem Narrativ der «Neuen Türkei» distanzieren. Diesem Narrativ zufolge kehre die Türkei zu ihren «Wurzeln», d.h. in die osmanische Ära zurück. Um die Erzählungen der türkischen Republik sowohl der Kemalist*innen wie auch der AKP kritisch zu lesen, ist es notwendig, sich die Vorwürfe der Kemalist*innen, aber auch die Vorstellungen der Anhänger*innen des AKP-Regimes, und die damit verbundenen Diskurse näher anzusehen.
 

Bruch oder Kontinuität?

Die Gründungseliten der jungen türkischen Republik wiesen das osmanische Erbe zurück und strebten an, eine dicke Mauer zu unserer verbindenen Vergangenheit errichten[2]. Insbesondere in der Zeit der frühen Türkischen Republik (1923-1945) wurden deshalb aprupt Reformen eingeführt mit dem Ziel, eine neue Nation, ein neues Denken und ein neues Land zu erschaffen. Doch entgegen dieser offiziellen Geschichtsschreibung begannen diese Zentralisierungs-, Nationalisierungs- und Liberalisierungsmaßnahmen schon in der Zeit der Tanzimat[3] und gewannen in der Zweiten osmanischen Verfassungsperiode zusätzlich an Schwung. Statt eines Bruchs war die neue türkische Republik also eher Teil einer kontinuierlichen Entwicklung.

Die Intellektuellen der Tanzimat-Zeit und der zweiten osmanischen Verfassungsperiode – einer Ära, in der die Grundlagen des Nationalstaates gelegt wurden – betonten, dass ein politisch-ideologischer Wandel nicht ausreiche und auch das soziale Leben transformiert werden müsse. Mit «sozialem Leben» waren indes vor allem die Frau und die Familie gemeint[4]. Progressive osmanische Intellektuelle, welche die Entwicklungen in Europa und die europäischen Frauenbewegungen jener Zeit beobachteten, befanden, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Europas «Fortschrittlichkeit» und der Frauenfrage bestünde[5]. Die vielsprachige und multinationale osmanische Frauenbewegung organisierte ihren Kampf für Frauenrechte in Vereinen und gab Zeitschriften und Zeitungen heraus. Dort beschäftigte man sich mit Frauenfragen aus vielen verschiedenen Perspektiven. Hierzu gehörten beispielsweise die Anerkennung des Rechts von Frauen auf Scheidung, das Erbrecht, sexuelle Belästigungen im öffentlichen Raum sowie die Beziehungen im Haushalt. Außerdem kämpfte die osmanische Frauenbewegung in Zeiten der Balkankriege, des ersten Weltkrieges und des Türkischen Befreiungskrieges nicht nur hinter der Front, sondern auch an ihr.

Doch mit der Gründung des neuen Staates wurden diese Frauen vermehrt absichtlich außen vor gelassen, um sie durch «annehmbare Frauen», d.h. modern aussehenden Frauen, die vom staatlichen Feminismus gefördert wurden, zu ersetzen. Weil die Frau nicht als Subjekt, sondern als ein Projekt der modernen Republik gesehen wurde, sollte ihre Rolle nur mehr als ein Teil der Familie und Gemeinschaft begriffen werden. So kam es zwischen der Autorin Halide Edip Adıvar und Kemal Atatürk sowie Atatürk-nahen Zirkeln zu Meinungsverschiedenheiten, obwohl sie mit ihren nationalistischen und militärpropagandistischen Texten eine Symbolfigur des Türkischen Befreiungskriegs gewesen war. Weil sie der Vorstellung von einer unterwürfigen und gehorsamen republikanischen Frau nicht entsprach, sollte sie von den Bühnen der Geschichte und der Politik verschwinden.

Ferner wurde jahrzehntelang mit den Worten «Atatürk verlieh den türkischen Frauen ihre Rechte» versucht, den Kampf für Frauenrechte kleinzureden. Nezihe Muhiddin, eine der berühmten politischen Figuren ihrer Zeit, und ihre Freundinnen versuchten 1923 eine politische Partei mit dem Namen Frauen-Volkspartei zu gründen. Dieser Vorstoß wurde jedoch mithilfe des Wahlgesetzes von 1909, demzufolge die politische Repräsentation von Frauen nicht möglich war, abgewiesen[6]. Das neue, konservativ-modernistische Regime machte sich – den Anschein eines Bruchs mit der osmanischen Ära erweckend – daran, eine von Grund auf neue Geschichte der Frauen zu schreiben, ihre Kämpfe aus der Geschichtsschreibung zu verdrängen und Frauenorganisationen zu gründen, die unpolitisch waren und seiner Schirmherrschaft unterlagen.

Betrachtet man nun die «Neue Türkei» des AKP-Regimes aus der gleichen Perspektive, erkennt man, dass auch hier anstatt eines Bruchs mit der Alten Türkei die Kontinuitäten überwiegen. Es gibt nämlich eine weitere Frau, die dem Beispiel Halide Edips gleicht. Gemeint ist Sibel Eraslan, die sich selbst als «gläubige Feministin» versteht. Eraslan führte zur Zeit, als das Kopftuchverbot noch gültig war, den Kampf für das Tragen des Kopftuchs an den Universitäten an. Gleichzeitig war sie im «Frauentisch» des Istanbuler Verbands der Refah Partei, einer Vorgängerpartei der AKP, organisiert und engagierte sich in militanter Straßenpolitik. Vor den Kommunalwahlen am 27. März 1994 ging sie von Tür zu Tür, gab Zeitungen Stellungnahmen ab und betonte die besondere Bedeutung der Beteiligung von Frauen in der Politik, indem sie die innovative Struktur ihres Provinzverbandes heraushob. Ihre Partei gewann in den Wahlen und besetzte die Verwaltung neu – womit der heutige Staatspräsident Recep Tayyıp Erdoğan zu Istanbuls Bürgermeister wurde. Doch der Beitrag, den Frauen und insbesondere Sibel Eraslan, im Wahlkampf geleistet hatten, wurde anschließend übergangen. Stattdessen wurden die Frauen, die den Straßenwahlkampf angeführt hatten, aus ihren Funktionen entlassen und an ihre Stelle Ehefrauen und Kinder von männlichen Parteikadern eingesetzt. Sibel Eraslan beschreibt ihr letztes Gespräch, das sie als Vorstandsmitglied des Istanbuler Verbandes mit Erdoğan führte, wie folgt:

S.E. Herr Bürgermeister, ich hatte erwartet, dass einer Ihrer Berater, Ihrer Generalsekretäre eine Frau werden würde.

R.T.E. Wie soll das gehen? Das ist doch gegen die Natur!

S.E. Aber mein Vorsitzender, als wir von Tür zu Tür gegangen sind, haben wir viel anspruchsvollere Sachen getan.

R.T.E. Ihr habt all das für eure Sache[7] getan. Ihr habt es für Gottes Gnade getan[8].

Erdogans Überzeugung, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern unnatürlich sei, spiegelt sich nicht nur in der Gesetzgebung wider, sondern zeigt sich auch in der Anstrengung, das Auftreten von Frauenorganisationen zu verändern. Der Verein für Frauen und Demokratie (KADEM) von Sümeyye Erdoğan, der Tochter des Staatspräsidenten, der Verein für Bildung und Solidarität von Gesundheitsfachfrauen (KASAD-D)[9] von Sare Davutoğlu, der Frau Ahmet Davutoğlus, oder der Frauenrechtsverein gegen Diskriminierung (AK-DER), also Organisationen, welche die Regierungspolitik verteidigen, fördert das Regime. Die damit verbundene Ausgrenzung unzähliger Institutionen und Organisationen, die sich in feministischen und LGBTI+-Kämpfen engagieren treibt deren Kriminalisierung, Marginalisierung und Diskreditierung voran. Wenn regierungsfreundliche Vertreterinnen zu nationalen und internationalen Tagungen, die Frauenrechte betreffen, ausgesandt werden, zeigt dies nicht nur, dass sie die neuen «annehmbaren Frauen» der «Neuen Türkei» sind, sondern auch, dass Praktiken, Aktivitäten und Agenden von feministischen Institutionen nicht wahr- und ernstgenommen werden. Auf den Putschversuch vom 15. Juli 2016 folgten Repressalien, welche die Lage von Frauen weiter verschlechterten: Mehrere Frauen- und LGBTI+-Organisationen wurden geschlossen, Parlamentarierinnen der HDP ihre Immunität entzogen, Abteilungsleiterinnen in Stadtverwaltungen in den kurdischen Gebieten durch männliche Zwangsverwalter ersetzt, LGBTI+-Märsche landesweit verboten und die Leiterinnen von Abteilungen für Women’s Studies durch männliche Akademiker ersetzt. Dies zeigt auf der einen Seite das Ausmaß der staatlichen Diskriminierung der Lebensentwürfe von Frauen und LGBTI+-Menschen, ihrer sozialen und politischen Errungenschaften und der Geschichte ihres Kampfes für ihre Rechte. Auf der anderen Seite wurde dadurch klar, dass das «Neue» gegenüber dem «Alten» nicht wirklich neu ist. Obwohl die Väter der Republik einerseits und das AKP-Regime andererseits vorgaben, entweder unter der osmanischen Ära oder dem kemalistischen Erbe einen Schlussstrich gezogen zu haben und somit alles «neu» sein sollte, sind beide Resultate in Bezug auf die Geschichte des Kampfes der Frauen miserabel und eigentlich nicht der Rede wert.
 

Tebessüm Yilmaz
ist eine in Deutschland lebende feministische Aktivistin und Politikwissenschaftlerin. Sie setzt ihre vorzeitig unterbrochene Promotion am Institut für Vielfalt und sozialen Konflikt an der Humboldt-Universität zu Berlin fort. Yilmaz ist aktives Mitglied der Academics for Peace - Türkei, der Wissenschaftler*innen für den Frieden - Deutschland e.V., der Akademiker ohne Campus sowie in der Fraueninitiative für Frieden und dem Solidaritätsnetzwerk für inhaftierte Studenten.

Tebessüm Yılmaz
, Almanya’da ikamet eden feminist aktivist ve siyaset bilimci. Berlin Humboldt Üniversitesi Çeşitlilik ve Toplumsal Çatışma Bölümü (Department of Diversity and Social Conflict)’nde doktora çalışmalarına devam eden Yılmaz, Barış için Akademisyenler, Barış için Akademisyenler Almanya Derneği ve Kampüssüzler’in yanı sıra Barış için Kadın Girişimi ve Tutuklu Öğrencilerle Dayanışma Ağı’nın da aktif bir üyesi.


[1] G. Z. Kabakçı, “Neo-Kemalist Bir Hareket: Cumhuriyet Mitingleri”, Selçuk İletişim, 7, 1, 2011, s. 96-112. The strongest ideological reformist wave started with 1923, foundation of the republic, and lasted till M.Kemal Atatürk’s death in 1938.

[2] N. Toker ve S. Tekin, “Batıcı Siyasî Düşüncenin Karakteristikleri ve Evreleri:‘Kamusuz Cumhuriyet‘ten ‘Kamusuz Demokrasi’ye”, Modern Türkiye’de Siyasi Düşünce, c.3, s. 82-107.

[3] Ottoman reform period which began in 1839 and lasted until the First Constitutional Era (1876).

[4] Mehmet Ö. Alkan, “Laik Bir İdeolojinin Doğuşu Ya Da II. Meşrutiyet’te Türkçülüğün Toplumsal İdeolojisi: Yeni Hayat ve Yeni Felsefe Mecmuası”, Tarık Zafer Tunayaya Armağan (içinde), İstanbul Barosu Yay., İstanbul, 1992, s. 378.

[5] Mustafa Gündüz, II. Meşrutiyetin Klasik Paradigmaları, Lotus Yay., Ankara, 2007, s. 162, 163.

[6] Yaprak Zihnioğlu, Kadınsız İnkılâp, Metis Yayınları, İstanbul, 2003.

[7] dava: tr. für religiöse Sache

[8] Allah rızası için

[9] Besteht heute mit neuer Führung als Stiftung für Bildung und Solidarität von Gesundheitsfachfrauen (KASAV)