Publikation Arbeit / Gewerkschaften - Migration / Flucht - Südliches Afrika Gewerkschaftliche Solidarität für Migrant*innen?

Repräsentation von migrantischen Beschäftigten in Südafrika

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Autor

Jules El-Khatib,

Erschienen

Dezember 2019

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Ein migrantischer Zuckerrohrschneider bei Malelane, Mpumalanga, Südafrika CC BY-SA 4.0, Helena Hugo via Wikimedia Commons

Südafrika ist das Einwanderungsland in Afrika, nirgendwo sonst auf dem Kontinent leben so viele Migrant*innen. Sie sind in den verschiedensten wirtschaftlichen Sektoren beschäftigt, wo sie mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Alle Gewerkschaften erlauben Migrant*innen die Mitgliedschaft. Auf deren besondere Bedürfnisse sind sie jedoch nur bedingt eingestellt; eine aktive Gewinnung migrantischer Gewerkschaftsmitglieder erfolgt nicht.

Südafrikanische Gewerkschaften spielten eine wichtige Rolle bei der Überwindung der Apartheid. Insbesondere der 1985 entstandene Gewerkschaftsdachverband Congress of South African Trade Unions (COSATU) legte mit seiner 1987 beschlossenen Freiheitscharta und dem zwei Jahre später folgenden Aufruf zur Beteiligung an einer Kampagne zur nachhaltigen Bekämpfung der Apartheid («join a campaign of sustained action against apartheid») einen Fokus auf den Kampf gegen die Apartheid. Nach ihrem Ende 1994 schloss sich COSATU als größter Gewerkschaftsdachverband des Landes mit dem African National Congress (ANC) und der Kommunistischen Partei Südafrikas (SACP) zur Drei-Parteien-Allianz zusammen. Diese hat seitdem jede Wahl auf nationaler Ebene gewonnen, weswegen COSATU direkt in die Regierung einbezogen ist. Neben COSATU existieren noch drei weitere Gewerkschaftsdachverbände: die wie COSATU im Internationalen Gewerkschaftsbund (IG) organisierte Föderation südafrikanischer Gewerkschaften (FEDUSA) mit circa 500.000 Mitgliedern und die National Council of Trade Unions (NACTU) mit circa 400.000 Mitgliedern sowie der mit 300.000 Mitgliedern kleinste Verband, die Confederation of South African Workers’ Unions (CONSAWU).

Jules El-Khatib ist stellvertretender Landessprecher der LINKEN.NRW. Im März und April 2019 war er Praktikant der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Südafrika. Er studiert im Masterstudiengang Soziologie mit dem Schwerpunkt auf Transnationalisierung an der Universität Duisburg-Essen und ist Mitglied der Redaktion des linken Onlineportals Die Freiheitsliebe.

Im Jahr 2014 schloss COSATU seine bis dahin wichtigste und mit mehr als 340.000 Mitgliedern größte Gewerkschaft des Landes aus, die Metallarbeitergewerkschaft NUMSA. Der Konflikt zwischen NUMSA und COSATU war im Jahre 2012 entflammt, als beim Massaker von Marikana 34 streikende Arbeiter*innen durch Polizist*innen getötet und mehr als 70 von ihnen verletzt worden waren. Infolgedessen kritisierte NUMSA die ebenfalls im COSATU organisierte Bergarbeitergewerkschaft NUM für ihre Kooperation mit den Besitzern der Mine. Der Konflikt zwischen den Gewerkschaften verschärfte sich Ende 2013, als der Generalsekretär von NUMSA, Irving Jim, ein Ende der Drei-Parteien-Allianz, den Stopp der neoliberalen Politik und den Aufbau einer sozialistischen Partei forderte. In der Nacht vom 7. auf den 8. November 2014 tagte der Vorstand von COSATU und beschloss mit 33 zu 24 Stimmen den Ausschluss von NUMSA aus der COSATU. Daraufhin entschieden sieben weitere Gewerkschaften, ebenfalls aus COSATU auszutreten.

2017 gründete NUMSA gemeinsam mit 20 weiteren Gewerkschaften den sozialistisch ausgerichteten Gewerkschaftsverband South African Federation of Trade Unions (SAFTU).[1] Vorsitzender von SAFTU wurde der ehemalige COSATU-Vorsitzende Zwelinzima Vavi, der den Ausschluss von NUMSA damals abgelehnt hatte.

Migrant*innen in Südafrika – zwischen Grenzsicherung und Illegalität

Südafrika ist das Land mit der höchsten Anzahl an Migrant*innen in Afrika. Die genaue Zahl ist schwer zu beziffern, da die Daten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben wurden, stark voneinander abweichen. Die Vereinten Nationen sprechen von etwas mehr als vier Millionen in Südafrika lebenden Migrant*innen im Jahr 2017,[2] die Internationale Organisation für Migration (IOM)[3] von 2,4 Millionen im Jahr 2013, wovon 1,5 Millionen aus Simbabwe gekommen seien. Ein von der südafrikanischen Regierung 2011 durchgeführter Zensus[4] spricht von nur 2,2 Millionen. Die aktuelle Zahl der Migrierten, ebenso wie die Anzahl der Menschen mit Migrationshintergrund, bleibt unbestimmt.

Laut südafrikanischen Statistiken haben 910.752 Migrant*innen eine Arbeit. Von diesen arbeiten etwa 60 Prozent in einem geregelten Arbeitsverhältnis, während circa 37 Prozent in Haushalten beschäftigt sind und von über drei Prozent keine genauen Angaben gemacht werden können. Doch nicht nur im Hinblick auf die Zahl der Migrant*innen und ihre Beschäftigung mangelt es an Daten, auch über die gewerkschaftliche Organisierung von Migrant*innen sowie ihre Beteiligung an Streiks und Arbeitskämpfen gibt es kaum Informationen.

Obwohl genaue Zahlen fehlen, lässt sich konstatieren, dass das Thema Migration bei einem großen Teil der politischen Akteur*innen präsent ist. Stark ausgeprägt ist der Wunsch nach Grenzsicherung und schnelleren Abschiebungen. Ein Blick in die Wahlprogramme zur letzten Wahl im Mai dieses Jahres verdeutlicht, dass sich insbesondere die neoliberale Democratic Alliance (DA) um stärkere Grenzsicherung bemüht.[5] Sie fordert den massiven Ausbau der Grenzschutzagentur und deutlich mehr Polizei. Weiter heißt es im Programm, dass es infolge nicht dokumentierter Migration zu schlimmen Gewalttaten und Xenophobie komme. Die Ursache von Gewalt wird somit indirekt bei den Betroffenen verortet. Andererseits wirbt die Partei für den Zuzug von gut ausgebildeten Migrant*innen, für die sie mehr legale Einreisemöglichkeiten schaffen will. Diese sind in Südafrika bisher relativ beschränkt: die für die Einreise notwendige Arbeitsgenehmigung ist nur schwer zu bekommen, da südafrikanische Bewerber*innen nach dem Gesetz bevorzugt werden müssen, wenn sie über die gleiche Qualifikation verfügen. Der ANC und die sozialistische Partei Economic Freedom Fighters (EFF) beschäftigen sich in ihren Wahlprogrammen dagegen kaum mit Migration oder mit Migrant*innen. Der ANC fordert zwar ebenfalls mehr Grenzsicherung und die Abschiebung von kriminellen Migrant*innen; die EFF stellt sich allerdings gegen den allgemeinen Abschiebediskurs und fordert, illegalen Migrant*innen alle erforderlichen Dokumente auszustellen, damit sie im Land bleiben können und einen legalen Status erhalten.

Gewerkschaften im Vergleich

Alle südafrikanischen Gewerkschaftsverbände sprechen sich offiziell gegen Xenophobie aus und erlauben auch Menschen ohne südafrikanischen Pass, Mitglied zu werden. Am deutlichsten positioniert sich SAFTU, der zu seinem Working-Class-Summit 2018 explizit migrantische Organisationen einlud und den gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung betonte. In einer Stellungnahme zu rassistischen Attacken auf migrantische Arbeiter*innen erklärt die Gewerkschaft: «Viele Einwanderer kommen aus Ländern, die unseren nationalen Befreiungskampf unterstützt haben, andere fliehen vor schrecklicher Gewalt und sie kommen nach Südafrika auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben. Sie dürfen nicht wie Verbrecher oder Feinde der Arbeiter behandelt werden, sondern müssen als Verbündete im Kampf für ein sozialistisches Afrika ohne die von imperialistischen Herrschern auferlegten nationalen Grenzen gesehen werden. SAFTU verpflichtet sich, der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft einen hohen Stellenwert einzuräumen, um sicherzustellen, dass wir migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter organisieren – ob Hausangestellte, Kellner, Landarbeiter, Bergarbeiter, Müllsammler oder Spaza-Ladenbesitzer – in unserem gemeinsamem Kampf um Gleichberechtigung und Existenzsicherung für alle, die in Südafrika leben.»[6]

Diese und ähnliche Stellungnahmen sorgen für ein insgesamt sehr klares Profil von SAFTU bezüglich Migration. Darüber hinaus beteiligt sich der Gewerkschaftsverband immer wieder an Protesten gegen Xenophobie und arbeitet mit migrantischen Organisationen zusammen. Im Folgenden soll der Umgang von Gewerkschaften mit Arbeitsmigrant*innen anhand von zwei SAFTU-Mitgliedsgewerkschaften – der Metallarbeitergewerkschaft NUMSA und der Landarbeitergewerkschaft Commercial, Stevedoring, Agricultural and Allied Workers Union (CSAAWU) – untersucht werden. Beide weisen einerseits einen hohen Anteil an Beschäftigten mit Migrationshintergrund auf, andererseits bestimmten in den vergangenen Jahren intensive gewerkschaftliche Kämpfe die Sektoren der beiden Gewerkschaften. Als Drittes wird die Gewerkschaft für Arbeitsmigrant*innen Migrant Workers Union of South Africa (MIWUSA) vorgestellt. Diese setzt sich ausschließlich für die Belange migrantischer Arbeiter*innen in Südafrika ein und versucht, dabei mit anderen Gewerkschaften zusammenzuarbeiten.

NUMSA – National Union of Metalworkers of South Africa

NUMSA ist mit 347.000 Mitgliedern die größte Gewerkschaft Südafrikas, sie organisiert neben Arbeiter*innen im Metall- und Stromsektor seit Kurzem auch Beschäftigte im Transportsektor. Die stellvertretende Präsidentin von NUMSA, Ruth Ntlokotse, erklärte in einem Gespräch,[7] dass der größte Teil der organisierten Gewerkschafter*innen weiterhin im Industriesektor beschäftigt sei. Die Gewerkschaft verfügt über einen relativ hohen Anteil an hauptamtlich Beschäftigten. Trotz der Größe gibt es aber bisher keine Versuche, sich gezielt mit migrantischen Mitgliedern auseinanderzusetzen, da sie vor allem als Arbeiter*innen betrachtet werden, deren Herkunft irrelevant ist. Es gibt Mitglieder aus verschiedenen afrikanischen Ländern wie Lesotho, Simbabwe, Nigeria oder Swasiland. Ntlokotse bestätigt: «Wir haben migrantische Hauptamtliche aus Lesotho, diese verfügen aber inzwischen über einen südafrikanischen Pass.»

Obwohl sich die Gewerkschaft nicht explizit um migrantische Angelegenheiten kümmert, weiß Ntlokotse um deren Probleme: «Einige gewerkschaftsfeindlich eingestellte Arbeitgeber*innen stellen lieber migrantische Arbeiter*innen ein, da diese eher bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten, und durch ihren unsicheren Status leichter erpressbar sind.» Migrantische Arbeiter*innen werden nur teilweise angemeldet und sind somit nicht am Sozialsystem beteiligt. Bei Konflikten mit Arbeitgeber*innen, die versuchen, die Beschäftigten zu erpressen, greife die Gewerkschaft direkt ein und verteidige die Migrant*innen.

Vuyo Bikitsha, hauptamtlich bei NUMSA und im Stromsektor beschäftigt, sagt, dass seine Organisation keine genauen Angaben über die Herkunft der Mitglieder machen könne, da man bewusst nicht die Nationalität abfrage. Auch gebe es bisher keine Kampagnen, um migrantische Beschäftigte zu organisieren, da der «Hauptfokus auf der Organisierung aller Arbeiter liegt, unabhängig von ihrer Herkunft, ‹Rasse› oder Geschlecht. Wir wollen alle Arbeiter vereinen, um gegen Monopolkapitalismus und Imperialismus vorzugehen.»

Selbstkritisch erklärt Bikitsha aber auch, dass die Probleme migrantischer Arbeiter*innen im Land mehr beachtet werden müssten. «Eine Kampagne, die sich mit der Organisierung migrantischer Arbeiter und ihren Problemen beschäftigt, wäre ein wichtiger Schritt», so Bikitsha. Die bisherige Auseinandersetzung mit Migration habe vor allem über Seminare zu Xenophobie und Rassismus stattgefunden. Darüber hinaus veröffentlicht NUMSA immer wieder Solidaritätserklärungen mit Arbeiterprotesten in anderen Ländern. Die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften in den Herkunftsländern der Migrant*innen oder mit Organisationen von Migrant*innen in Südafrika wie MIWUSA ist sehr unregelmäßig, obwohl Kontakte infolge politischer Events oder Demonstrationen bestehen.

CSAAWU – Commercial, Stevedoring, Agricultural and Allied Workers Union

Trevor Christians, Vorsitzender von CSAAWU, spricht von 800.000 Arbeiter*innen im Agrarsektor während der erntefreien Zeit und bis zu vier Millionen Beschäftigten während der Erntesaison. Ein großer Teil arbeite jedoch informell und werde somit statistisch nicht erfasst. CSAAWU organisiert nach Angaben ihres stellvertretenden Generalsekretärs, Karel Swart, fast 4.000 Beschäftigte. Christians schätzt, dass die Organisation etwa 700 bis 800 migrantische Mitglieder hat, von denen ein großer Teil aus dem kleinen Nachbarland Lesotho stamme. Eine genaue Zahl könne er jedoch nicht nennen.

CSAAWU gehört zu den kleinsten Gewerkschaften im Dachverband SAFTU und verfügt über fast keine hauptamtlichen Mitarbeiter, weswegen ihre Ausgangssituation eine andere ist als die von NUMSA. Trotzdem haben ihre Streiks mit Straßensperrungen und unangemeldeten Protestmärschen in den vergangenen Jahren für größere Aufmerksamkeit gesorgt.

Anders als bei NUMSA wird dem Kampf sowie der Selbstorganisation migrantischer Arbeiter*innen auf allen Ebenen Platz eingeräumt: «Migrantische Arbeiter*innen haben die Möglichkeit, eigene Treffen in der Gewerkschaft zu organisieren. Ihnen wird besondere Beachtung geschenkt und Platz in der Führung der Gewerkschaft gegeben.» Wie NUMSA erfasst CSAAWU nicht die Herkunft ihrer Mitglieder.

Organisiert sind die migrantischen Mitglieder von CSAAWU in einem «Migrantenforum», welches ihnen als Plattform zur Selbstorganisierung dient, um ihre eigenen Interessen zu vertreten und in der Gesamtorganisation stärker zu positionieren. «Im Forum können die Migrant*innen unabhängig diskutieren», erläutert Christians, der darin eine Möglichkeit sieht, die Position migrantischer Arbeiter*innen in der Gewerkschaft zu stärken. «Eine spezielle Kampagne zur Organisierung migrantischer Farmarbeiter*innen gibt es bei CSAAWU jedoch nicht. Allerdings betonen wir bei unseren Meetings, dass es bei uns keinen Platz für Diskriminierung gibt und dass südafrikanische und migrantische Arbeiter*innen die gleichen Löhne erhalten müssen. Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die sich für die Rechte von Migrant*innen starkmachen, und unterstützen sie dabei.» Dies sei insbesondere in den ländlichen Gebieten nötig, wo migrantische Arbeiter*innen noch stärker diskriminiert würden. Die Gewerkschaft stelle sich daher gegen alle Versuche, migrantische und nicht migrantische Arbeiter*innen gegeneinander auszuspielen.

In Bezug auf Arbeitsstandards und Mindestlöhne gelten für alle Arbeiter*innen die gleichen Rechte. «Die Arbeitgeber*innen versuchen allerdings häufig, die Rechte zu umgehen, und stellen daher eher migrantische Arbeiter*innen ein, da diese mehr Angst haben. Wir versuchen, sie zu beschützen und die geltenden Rechte auch für sie durchzusetzen», erläutert Swart. Dies sei allerdings nicht immer möglich, da ein Teil der Arbeitgeber*innen der Gewerkschaft den Zugang zu den Farmen untersagt.

Polizei und Arbeitgeber*innen arbeiten laut Swart zusammen, um migrantische Arbeiter*innen, die sich der Gewerkschaft anschließen und streiken, unter Druck zu setzen. «Den Arbeiter*innen drohen Abschiebungen, wenn sie nicht über Papiere verfügen, weswegen die Kapitalist*innen viel mehr Möglichkeiten haben, sie zu unterdrücken. Wenn Arbeiter*innen sich über nicht gezahlte Löhne oder zu viele Stunden beschweren, droht ihnen die Ausweisung, das schürt Angst», so Swart. Diejenigen, die in der Gewerkschaft sind oder in Kontakt mit ihr stehen, erhielten konkrete Hilfe. «Wir versuchen, die Arbeiter*innen zu den Behörden und Botschaften zu begleiten, damit sie einen geregelten Aufenthaltsstatus erhalten, sich sicher fühlen und nicht mehr so leicht erpressbar sind», erläutert Christians, der mit einem geregelten Aufenthaltsstatus die Hoffnung verbindet, dass migrantische Arbeiter*innen weniger leicht erpressbar sind. Wenn migrantische Mitglieder verhaftet würden, organisiere die Gewerkschaft Proteste zu ihrer Freilassung.

Christians sieht eine Ursache für Konflikte zwischen südafrikanischen und migrantischen Arbeiter*innen vor allem in der Veränderung der Struktur des Agrarsektors. «Unter der Apartheid arbeitete die ganze Familie für einen weißen Farmer: der Vater das ganze Jahr, der Rest in der Erntezeit.» Mit dem Ende der Apartheid wurden Zölle abgebaut, die vorher dafür gesorgt hatten, dass die Produkte aufgrund zu hoher Importkosten in Südafrika hergestellt wurden. Infolgedessen kam es zum Abbau vieler Stellen, auch im Agrarsektor. Bei weniger Stellen gibt es heute mehr Konkurrenz. «Die Gewerkschaft wird aber niemals zulassen, dass die Armen sich gegenseitig bekämpfen», versichert Christians.

Für die Zukunft plant die Gewerkschaft gemeinsam mit Gewerkschaften aus den Nachbarländern Simbabwe, Mosambik und Namibia die Etablierung einer gemeinsamen Struktur. «Unsere Zusammenarbeit soll uns zum einen gegenseitig stärken, zum anderen soll sie aber auch dafür sorgen, dass wir die Interessen der Migrantinnen und Migranten aus den Ländern noch besser verstehen.» In Südafrika arbeitet CSAAWU mit People Against Suffering, Oppression and Poverty (PASSOP) zusammen, einer Organisation, die sich gegen Xenophobie, Rassismus und Homophobie einsetzt und unter Migrant*innen über großen Rückhalt verfügt.

MIWUSA – Migrant Workers Union of South Africa

MIWUSA ist anders als NUMSA und SAFTU keine Gewerkschaft, die sich auf einen Sektor beschränkt. Sie richtet sich vielmehr ausschließlich an Migrant*innen, unabhängig davon, ob ein Beschäftigungsverhältnis besteht oder nicht. An bestimmten Kampagnen nehmen aber auch südafrikanische Arbeiter*innen teil. Insgesamt hat MIWUSA etwas mehr als 4.000 Mitglieder, der größte Teil von ihnen stammt aus dem südlichen Afrika. Ein Großteil ihrer Mitglieder ist im Dienstleistungssektor, insbesondere im Gesundheitssystem oder in Haushalten beschäftigt.

Für MIWUSA besteht die Hauptaufgabe in der konkreten Hilfe für Migrant*innen im Land. Sie arbeitet mit allen Gewerkschaften des Landes zusammen, die sich gegen Xenophobie und für die Gleichberechtigung von Migrant*innen aussprechen. Meist seien es Mitgliedsgewerkschaften von COSATU oder SAFTU. Dabei geht es nicht nur um klassische Gewerkschaftsarbeit wie Kämpfe um höhere Löhne oder gegen Stellenabbau, häufig geht es um soziale Probleme oder die rechtliche Situation von Migrant*innen. «Wir helfen den Migrant*innen, wenn sie Hilfe brauchen bei ihrem Aufenthaltsstatus, bei Mietproblemen oder wenn ihnen die Eröffnung von Konten verwehrt wird. Durch unsere Beschäftigung mit konkreten Problemen haben wir unter Migrantinnen und Migranten an Bekanntheit und Ansehen gewonnen», erläutert Masuku, Generalsekretär von MIWUSA, der sich daraus auch das Wachstum der Organisation erklärt. Durch ihre Fokussierung ist MIWUSA allerdings keine offizielle Partnerin bei größeren Tarifverhandlungen.

Die Organisation sucht die Zusammenarbeit mit den migrantischen Gemeinschaften. «Wir arbeiten mit allen größeren migrantischen Organisationen zusammen, ob es sich um einen malawischen Anwaltsverein, die simbabwische Community oder eine andere Vereinigung handelt», betont Masuku. Darüber hinaus gebe es eine Vielzahl von internationalen Kontakten wie das Solidarity Center oder die Lawyers for Human Rights. Der Southern African Trade Unions Coordination Council (SATUCC), Dachverband südafrikanischer Gewerkschaften, hat MIWUSA zu einer Partnerin in Fragen der Migration erklärt.

Der südafrikanischen Regierung bescheinigt Masuku kein großes Interesse am Thema Migration, weder im positiven noch im negativen Sinne. Anders verhalte es sich bei den Unternehmen, die den Migrant*innen teilweise bewusst ihre Rechte vorenthielten. «Viele Migrant*innen wissen nicht, dass sie auch ohne offizielle Dokumente bestimmte Rechte haben. Wir versuchen, darüber aufzuklären, und bemühen uns, Probleme mit dem Aufenthaltsstatus zu lösen», beschreibt Masuku die Aufgabe seiner Organisation bei Konflikten mit Unternehmen. Die meisten Fälle von Missachtung der Arbeitnehmerrechte von Migrant*innen habe MIWUSA gemeinsam mit ihren Bündnispartnern gewonnen. Ein Problem dabei seien aber die harten rechtlichen Einschränkungen von Migrant*innen in Südafrika. Masuku bringt diese allerdings nicht in direkten Zusammenhang mit der südafrikanischen Regierung, die die Chance hätte, die Bedingungen zu lockern.

Fazit

NUMSA und CSAAWU haben, wie auch alle anderen Mitgliedsgewerkschaften von SAFTU, keinerlei Einschränkungen beim Eintritt von migrantischen Arbeiter*innen. Beide verfügen allerdings auch nicht über genaue Daten, wie viele Migrant*innen Mitglied ihrer Gewerkschaft sind, da beim Mitgliedschaftsantrag die Staatsbürgerschaft nicht abgefragt wird. Beide Gewerkschaften erklären darüber hinaus, dass sie keine Unterschiede zwischen Herkunft oder Geschlecht machen und es als ihre Aufgabe sehen, die Arbeiter*innen in ihrem Kampf zu vereinen. Anders als der Gewerkschaftsdachverband COSATU – der Teil der Regierung ist, die das Grenzregime verschärft – sind die Mitgliedsgewerkschaften von SAFTU nicht an Maßnahmen gegen Migrant*innen beteiligt.

Ein Unterschied zwischen NUMSA und CSAAWU besteht darin, dass die deutlich kleinere Gewerkschaft CSAAWU mit dem Migrantenforum über eine Plattform verfügt, auf der Migrant*innen sich austauschen und vernetzen können. Die Gewerkschaft erkennt somit die besonderen Bedingungen von Menschen ohne südafrikanischen Pass an und versucht, ihnen einen Ort zu geben, an dem Erfahrungen gesammelt und sich gegenseitig Mut gemacht werden kann.

Auch in ihren Kampagnen unterscheiden sich die beiden Gewerkschaften voneinander. Zwar verfügt keine von beiden über spezielle Kampagnen zur Organisierung von migrantischen Beschäftigten, NUMSA bewertet das im Gegensatz zu CSAAWU allerdings als positiv. CSAAWU beteiligt sich zumindest an Kampagnen, die der Durchsetzung der Rechte von Migrant*innen dienen. Auch die konkrete Hilfe für Migrant*innen mit unsicherem Aufenthaltsstatus wird von CSAAWU als Teil ihrer Arbeit mit Migrant*innen beschrieben, während NUMSA den Fokus eher auf den Kampf gegen Xenophobie legt.

Migrantische Kolleg*innen für sich zu gewinnen ist durch die rechtliche Unsicherheit und die mögliche Erpressbarkeit, der Migrant*innen ausgesetzt sind, für beide Gewerkschaften gleichermaßen schwierig. Vertreter*innen von CSAAWU machen darüber hinaus an verschiedenen Stellen deutlich, dass Polizei und Arbeitgeber*innen insbesondere in den ländlichen Gebieten versuchen, eine Organisierung von Migrant*innen zu verhindern. In Zukunft wollen beide Organisationen mehr Migrant*innen erreichen. Bikitsha von NUMSA sieht dazu eine eigenständige Kampagne für mehr migrantische Mitglieder als Mittel und gibt Defizite in der konkreten Arbeit mit migrantischen Organisationen in Südafrika zu.

Auf die rechtlichen Unsicherheiten, denen migrantische Kolleg*innen ausgesetzt sind, sind die Gewerkschaften nur bedingt eingestellt, so mangelt es beispielsweise an speziellen Schulungen für Gewerkschafter*innen. Bei Verhaftungen oder konkreten Fällen von ungerechter Behandlung schreiten die Gewerkschaften allerdings ein und unterstützen ihre migrantischen Mitglieder.

MIWUSA dagegen sieht ihre Rolle viel weniger in der klassischen Gewerkschaftsarbeit; sie ist vor allem eine Interessenvertretung von migrantischen Beschäftigten. Sie bietet eine große Anzahl von konkreten Unterstützungsangeboten, die auch die Hilfen von CSAAWU deutlich übersteigen. MIWUSA ist somit nur bedingt eine Gewerkschaft und könnte auch als Organisation zur Durchsetzung der Interessen von migrantischen Arbeiter*innen betrachtet werden, die in engem Kontakt mit der Gewerkschaftsbewegung des Landes steht.

Insgesamt scheint die Auseinandersetzung mit der besonderen Situation migrantischer Arbeiter*innen teilweise unter der Hervorhebung der Gleichheit aller Arbeiter*innen zurückzufallen, wobei sowohl bei CSAAWU als auch bei NUMSA ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der besonderen Einbeziehung von Migrant*innen vorhanden ist.


[1] Vgl. Chaskalson, Julia: New union federation launched,  GroundUp, 22.4.2017, unter: www.groundup.org.za/article/new-union-federation-launched/.

[2] United Nations: International migrant stock 2019: maps, unter: www.un.org/en/development/desa/population/migration/data/estimates2/estimatesmaps.asp?0t0.

[3] International Organization for Migration: The regional migration context. South Africa, unter: www.iom.int/southern-africa.

[4] Statistics South Africa: Census 2011. Migration Dynamics in South Africa, unter: www.statssa.gov.za/publications/Report-03-01-79/Report-03-01-792011.pdf.

[5] Vgl. Democratic Alliance: The Manifesto for Change. One South Africa for All, unter: https://cdn.da.org.za/wp-content/uploads/2019/02/22160849/A4-Manifesto-Booklet-Digital.pdf.

[6] Unite workers and the poor against xenophobic attacks, says SAFTU, 19.8.2019, unter: https://saftu.org.za/unite-workers-and-the-poor-against-xenophobic-attacks-says-saftu/.

[7] Die hier zitierten Interviews führte Jules El-Khatib im März und April 2019.