Publikation Erinnerungspolitik / Antifaschismus - 8. Mai 1945 Von den Chancen der Befreiung

Der 8. Mai 1945 und seine Folgen

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April 2020

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Der 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und des Endes des deutschen Nationalsozialismus, gehört zu den wenigen Jahrestagen, die in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur von Staats wegen, sondern von all jenen gewürdigt und begangen werden, denen ein wie auch immer geartetes politisches oder historisches Bewusstsein eigen ist. Das heißt natürlich nicht, dass dieser Tag von allen Menschen und Institutionen gleich gesehen wurde oder wird. Das erinnerungspolitische Interesse nahm durchaus verschiedene Formen an und setzte unterschiedliche Akzente – im Osten oder im Westen Deutschlands, in regierenden oder regierten, in herrschenden oder oppositionellen Kreisen, rechts oder links, in verschiedenen Schichten oder zu verschiedenen Zeiten. Das lange – und sicherlich nicht nur im Westen Deutschlands – vorherrschende Gefühl einer Niederlage ist schon seit Längerem einem breit geteilten Gefühl und Verständnis von Befreiung gewichen. Doch noch immer wird über die deutsche Schuld, ihre Ursachen und Folgen ebenso intensiv geschrieben und gestritten wie über den Charakter des NS-Regimes und sein vermeintliches Nachleben in der westdeutschen Demokratie und der ostdeutschen Republik. Die nicht ganz unwichtige Zeit vom Mai 1945 bis zur doppelten Staatsgründung 1949 jedoch, jene «eigenartige Latenz-Periode der ‹Nicht-Geschichte›», wird bei solchen Diskussionen im Allgemeinen ausgespart.

Am 8. Mai 1945 ist Europa eine schwer zerstörte Region, voller Flüchtlinge und traumatisierter Menschen. Was soll nun geschehen, wie soll die Zeit nach dem Ende des Nationalsozialismus gestaltet werden? In Europa haben sich in etlichen Ländern Widerstandsbewegungen organisiert, in Deutschland hingegen steht die Bevölkerung bis zum Schluss vergleichsweise loyal zum Regime. Viele Deutsche erleben den 8. Mai deshalb auch nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. Die demokratischen Kräfte sind vergleichsweise schwach, Deutschland und Österreich haben sich nicht von innen «befreit», sondern sind von außen «befreit» worden bzw. entstanden. Die Planungen vieler gewerkschaftlicher, sozialdemokratischer und sozialistischer, christlicher und auch demokratischer Gruppen vor allem im Exil, aber auch innerhalb Deutschlands, sahen tief greifende Maßnahmen vor. Konsens war, dass eine soziale Demokratie und auch ein sozialer Rechtsstaat ökonomische Strukturveränderungen erfordern. Ähnliche Ziele verfolgten anfangs auch progressive Kräfte unter den Alliierten, die sich bekanntlich auf den Nenner der vier großen D’s bringen lassen: Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung und Demokratisierung.

All diese Ideen stießen aber auf ein unübersichtliches Kräftefeld und große materielle Not. Vor Ort musste das Leben organisiert werden. Die linken Akteur*innen trugen die politischen Hypotheken der alten (Weimarer) Spaltung und noch mehr der Niederlage der Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus mit sich; und sehr bald traten die außen- und sicherheitspolitischen Interessen der Siegermächte stärker in den Vordergrund: Ost- West-Konflikt und Kalter Krieg begannen. Die machtpolitische Vereinnahmung der beiden Teile Deutschlands durch die zwei «Supermächte» und die prinzipielle Beibehaltung der mentalen und ökonomischen Strukturen, die auch den Nationalsozialismus ermöglicht hatten, inklusive der dazugehörigen Eliten in Staat und Wirtschaft, verunmöglichten in Westdeutschland weitergehende Reformen. Die SPD bewegte sich bis mindestens Ende der 1940er Jahre auf einem Linkskurs, passte sich dann jedoch zunehmend an den neuen Geist an und transformierte sich in den 1950er Jahren von der Arbeiterpartei zu einer Volkspartei. Eine enge Zusammenarbeit mit der KPD lehnte sie von Beginn an ab. Die KPD wiederum war wegen ihres Ende der 1940er Jahre wieder deutlich engeren Verhältnisses zur russischen Besatzungsmacht nicht nur in der späteren DDR kompromittiert (Demontagen, Vergewaltigungen). Vom Kriegsende bis 1947/48 stand ein kleines Fenster für Reformen offen, danach begann die Restauration, insbesondere gegen die Frauen und gegen die Linke.

Gerade diese Zeit bis 1948 steht deswegen im Zentrum der vorliegenden Broschüre, die den gesellschaftspolitischen Hoffnungen und Sehnsüchten der damaligen Zeitgenoss*innen nachspürt. Gerd-Rainer Horn erinnert in seinem Beitrag an den europäischen Kontext auch der deutschen antifaschistischen Diskussionen und Aktionen des Jahres 1945. Christoph Jünke beschreibt den Übergang dieser «Antifa»-Komitees in den vor allem 1946/47 drängenden Versuch einer antifaschistisch gesinnten und das System des privatwirtschaftlichen «Monopol»-Kapitalismus transzendierenden Wirtschaftsdemokratie. Keno Ingwersen und Johanna Kornell widmen sich diesen Anfängen eines zumeist vergessenen Arbeiterprotests, während Gisela Notz die Schwierigkeiten des Wiederaufbaus einer explizit sozialistischen Frauenpolitik darstellt. Julia Lis wirft einen zumeist auch von Linken vergessenen Blick auf die gerade in diesen frühen nachfaschistischen Jahren so wichtige Rolle der christlichen Linken, vor allem in Form des sogenannten Linkskatholizismus. Am Beispiel der interzonalen Auseinandersetzungen einer gesamtdeutschen Jugendpolitik verdeutlicht Arno Klönne die schon 1947/48 manifesten innerdeutschen Spaltungen, Jörg Wollenberg erinnert an die Blockaden einer Erneuerung des deutschen Bildungswesens nach 1945. Hinweise auf wichtige und/oder empfehlenswerte Literatur für interessierte Leser*innen beschließen diese Broschüre.
 

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Bernd Hüttner und Christoph Jünke

Inhalt

  • Gerd-Rainer Horn
    Ein historischer Moment der Befreiung
    Antifaschismus im Niemandsland des befreiten Westeuropas
  • Christoph Jünke
    Antifaschistische Wirtschaftsdemokratie
    Die moralische Ökonomie der unmittelbaren Nachkriegszeit
  • Keno Ingwersen und Johanna Kornell
    Um die Mitbestimmung
    Die westdeutsche Arbeiterbewegung nach 1945
  • Gisela Notz
    Schulter an Schulter mit den Genossen
    Die Schwierigkeiten des (Wieder-)Aufbaus sozialistischer Frauenarbeit nach 1945
  • Julia Lis
    Zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsvisionen
    Linkskatholische und linksprotestantische Positionen in der Nachkriegszeit
  • Arno Klönne
    Die gesamtdeutschen internationalen Jugendtreffen 1946/47 und ihr Scheitern
    Der Wunsch nach «Jugendeinheit» und die deutschlandpolitische Wirklichkeit
  • Jörg Wollenberg
    Zur verhinderten Neuordnung im Bildungswesen nach 1945