Publikation Gesellschaftstheorie Gesellschaft und Gemeinschaft

Anmerkungen zur Kommunismus-Debatte. Von Erhard Crome

Information

Reihe

Artikel

Autor

Erhard Crome,

Erschienen

Januar 2011

Bestellhinweis

Nur online verfügbar

[erschienen in: Neues Deutschland, 22.1.2011, S. 21]

Eines der sozialtheoretischen Probleme, die bei Marx und Engels nicht hinreichend ausgearbeitet wurden, ist die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft. In den Sozialwissenschaften geht diese auf Ferdinand Tönnies zurück. Tönnies ging davon aus, dass die bisherige wissenschaftliche Terminologie beide Begriffe nach Belieben zu verwechseln pflegt. Unter Verweis zunächst auf den umgangssprachlichen Gebrauch des Deutschen machte er die unterschiedliche Verwendung der Wörter deutlich: »Alles vertraute, heimliche, ausschließliche Zusammenleben [...] wird als Leben in Gemeinschaft verstanden.
Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, ist die Welt. In Gemeinschaft mit den Seinen befindet man sich, von der Geburt an, mit allem Wohl und Wehe daran gebunden. [...] Aber die menschliche Gesellschaft wird als ein bloßes Nebeneinander voneinander unabhängiger Personen verstanden.« Der Philosoph Peter Ruben hat diesen Ansatz rekonstruiert und hervorgehoben, dass Gemeinschaft gleichsam »die naturhistorische Verbindungsweise zwischen Menschen (ist), die bereits allein auf Grund der sexuellen Reproduktion den Grund der Produktion menschlicher Individuen bildet. Gesellschaft dagegen ist Produkt des Handelns der Individuen als Personen, vermittelt durch den Kontrakt, den sie schließen. [...] Die Gesellschaft wird [...] durch den Austausch gebildet, der – in der rein theoretischen Annahme – wenigstens zwei gegeneinander verschiedene und miteinander in Verkehr tretende Gemeinschaften voraussetzt, die im Verkehr zumindest eine Preisverhandlung betreiben. [...] So ist die Gemeinschaft unerläßliche Bedingung individueller Existenz. Die Gesellschaft dagegen ist die eigentlich historische Erfindung, die mit der Entdeckung gemacht wi rd, das s Gemeinschaften Bedürfnisse mit fremden Gütern befriedigen können, wenn sie anderen Gemeinschaften eigene Güter zur Befriedigung fremder Bedürfnisse zu liefern fähig sind. Die Entwicklung der Gesellschaft impliziert die Produktion von Gütern über den Eigenbedarf hinaus. Sie ist daher die notwendige Bedingung der Entwicklung des Reichtums.«

So stellen Gemeinschaft und Gesellschaft nicht, wie von etlichen zeitgenössischen Geistes- und Sozialwissenschaftlern unterstellt, einen konträren Gegensatz dar. Auch ist Gemeinschaft keine niedere Form, weil in ihr etwa die bürgerliche Distinktion der Gesellschaft nicht gelten würde. Träfe die neoliberale Unterstellung zu, dass die Vermarktlichung zunehmend alle Seiten des menschlichen Lebens erfasse, so liefe das auf die Auflösung der bestehenden Vergemeinschaftungsformen hinaus. Vielleicht ist der jahrelange Rückgang der Geburtenrate in Deutschland Ausdruck eines solchen marktförmigen Verhaltens weiter Teile der deutschen Mittelschichten, mit der Folge – wie die Debatten um Zuwanderung zeigen –, dass die einfache Reproduktion der Bevölkerung schon aus Gründen des hierzulande installierten Produktionsapparates nur durch Menschen auszugleichen ist, die in anderen Gemeinschaften aufgewachsen sind. In der öffentlichen Aufwertung von Ehrenamt und häuslicher Arbeit zeigt sich ebenfalls, dass die Gesellschaft bei Strafe ihres Untergangs nicht ihre Gemeinschaftsformen aufzehren kann.

Es handelt sich um einen Dualismus, der in einem unaufhebbaren Spannungsverhältnis steht. Dazu wieder Ruben: »Wird durch den Austausch keine einfache Reproduktion (Gleichgewicht) bewerkstelligt, sondern Innovation, so stellt die gesellschaftliche Bewegung die Struktur der beteiligten Gemeinschaften in Frage und zwingt sie zur Reorganisation, zur Reform. Dadurch tritt der Schein der Feindlichkeit der Gesellschaft gegen die Gemeinschaft ein... Er bleibt aber ein Schein, weil die Gemeinschaft schon um den Preis der physischen Erhaltung der Gattung gar nicht beseitigt werden kann.« Der Dualismus von Gemeinschaft und Gesellschaft erklärt sich hinreichend – nach Tönnies wie nach Ruben – aus dem Verhältnis zwischen Produktion und Austausch. Bei Marx ist die Ununterschiedenheit der Gemeinschaft von der Gesellschaft Moment seines Konzepts der Entfremdung der Arbeit. So schreibt er: »Die gesellschaftliche Tätigkeit und der gesellschaftliche Genuß existieren keineswegs allein in der Form einer unmittelbar gemeinschaftlichen Tätigkeit und unmittelbar gemeinschaftlichen Genusses, obgleich die gemeinschaftliche Tätigkeit und der gemeinschaftliche Genuß, d. h. die Tätigkeit und der Genuß, die unmittelbar in wirklicher Gesellschaft mit anderen Menschen sich äußert und bestätigt, überall da stattfinden werden, wo jener unmittelbare Ausdruck der Gesellschaftlichkeit im Wesen ihres Inhalts begründet [...] ist.« Ruben merkt an, dass Marx hier das Adjektiv »gemeinschaftlich« durch die Wortfolge »unmittelbar in wirklicher Gesellschaft mit anderen Menschen« erklärt. Das zeigt, dass er die Möglichkeit der Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft ausspricht, aber im eigenen Denken nicht wirklich bestimmt.

Ist in diesem Sinne die Gemeinschaft unmittelbare Gesellschaft, so kann nur die vermittelte Gesellschaft nicht Gemeinschaft sein. Sie aber ist eben diejenige, die das Individuum durch Gebrauch der Produkte anderer Individuen eingeht. Marx folgert: »Es ist vor allem zu vermeiden, die ›Gesellschaft‹ wieder als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren. Das Individuum ist das gesellschaftliche Wesen.« Das läuft darauf hinaus, die Gesellschaft als Gemeinschaft zu denken bzw. als die »wahre Gesellschaft« im Gegensatz zur »falschen« oder »entfremdeten«. Konsequenz kann dann nur sein, diese Gesellschaft abzuschaffen. Der Einzelmensch ist dann als Individuum Element der Gemeinschaft, sein letzter unteilbarer Teil, gegen den sie das Ganze ist, er ist jedoch nicht mehr kontraktfähige Person in der Gesellschaft, die sich am Gütertausch beteiligt. Folgerichtig wurde in allen kommunistischen Ländern nicht nur das Privateigentum am Produktivvermögen beseitigt, sondern gerade in der Anfangsphase jede Form des »Schachers« am Staat vorbei streng geahndet.

Der ursprüngliche Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus ist nicht der, der von Marx kam und später unter Stalin dogmatisiert wurde, nämlich einer von zwei Phasen einer Gesamtentwicklung der Gesellschaft in der Geschichte. Die ursprüngliche Differenz, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa allgemein bekannt war, ist die zwischen zwei unterschiedlichen politischen und Gesellschaftskonzepten: Mit dem Heraufkommen der Industrie hatte sich die soziale Frage, die vordem stets die Agrarfrage, nämlich die Frage nach dem Bodeneigentum war, in die Frage nach dem Anteil der Besitzlosen, der Proletarier, an der Gesellschaft verwandelt. Die »kommunistische Antwort « auf diese Frage war die Enteignung des privaten Produktivvermögens und der Versuch, die Produktion anders zu organisieren, nämlich über eine Zuteilung von Ressourcen, die Verteilung der Arbeiter auf die Produktionszweige, die Kontrolle und Verordnung der Preise usw. Die Kommunisten, die 1917 in Russland und mit dem Zweiten Weltkrieg in anderen osteuropäischen Ländern an die Macht kamen, sahen folgerichtig im Staat das Instrument zu dessen Durchsetzung und in der Diktatur, mithin der Abschaffung der Freiheit und der Demokratie, das Mittel, dies zu verwirklichen. »Sozialismus« dagegen ist die »systematische Entwicklung der Idee des Kapitals, des Eigentums, der Familie, der Gesellschaft und des Staates unter der Herrschaft der Arbeit« (Lorenz Stein). Auf diese Unterscheidung hat in der neueren Literatur vor allem Ruben hingewiesen.
Danach ist Kommunismus die Herstellung einer Gemeinschaftsordnung, Sozialismus dagegen eine Gesellschaftsordnung, die die Institutionen der Gesellschaft nicht abzuschaffen, sondern zu nutzen trachtet, um sie den Interessen der Mehrheit, die nicht über großes Kapitaleigentum verfügt, nutzbar zu machen. Soziale Demokratie, demokratische politische Verhältnisse, Rechtsstaat und Wohlfahrtsstaat sind die modernen Gestalten, in denen eine politisch erwirkte Kontrolle über die Kapitalverwertung sich erreichen lassen kann, um eine Dominanz der Interessen der Menschen gegenüber den Verwertungs- bzw. Profitinteressen der Kapitaleigentümer herzustellen. Die Abschaffung der Basisinstitutionen der modernen Gesellschaft hingegen würde die Notdurft der staatssozialistischen – im sozialtheoretischen Sinne kommunistischen – Zuteilungswirtschaft nur wieder reproduzieren. Die allerdings war ja 1989 gerade gescheitert.

Aus der Sicht der ursprünglichen Vorstellungen des Marxismus ist Kommunismus ein Stadium der Entwicklung höchster Produktivkraft, in dem Geld und Kredit, Ware und Preis, das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft sind und das Prinzip gilt: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«, in der zugleich die Freiheit des Einzelnen Voraussetzung der Freiheit aller ist. Demgegenüber ist nach dem Scheitern des osteuropäischen Staatssozialismus oder, mit anderen Worten, des kommunistischen Herrschaftssystems, festzustellen, dass ein gesamtgesellschaftlich vergemeinschaftetes Eigentum, das über den Staat reguliert wird, die menschlichen Produktivkräfte einschränkt. Die »Springquellen des Reichtums« sind angesichts der Vernutzung der natürlichen Ressourcen nicht unendlich, sondern müssen in ihrer Allokation sparsam genutzt werdem. Dies zu bewerkstelligen gibt es bisher keine Alternative zu Ware-Geld- Beziehungen und Preisen. Es geht also nicht darum, alles zu vergemeinschaften, sondern über den Staat, Gesetze und politische Entscheidungen durch die Mehrheit der Menschen Produktion, Verteilung und Austausch zu kontrollieren und im Dienste der Mehrheit zu gestalten.

Das Ideal eines Kommunismus – im Sinne von Marx, nicht von Stalin – ist also aufzubewahren als Vorstellung von einer menschl ich vol lkommenen Zukünftigkeit. Als regulative Idee für konkrete Politik hier, jetzt und für die nächsten 25 Jahre taugt er nicht. Gerade weil Sozialismus und Kommunismus nicht zwei Stufen eines Ganzen, sondern zwei deutlich zu unterscheidende Gesellschaftskonzepte sind, hat der Kommunismus in einem Programm des demokratischen Sozialismus nichts zu suchen. Das aber nicht wegen des Geschreis der gegnerischen politischen Kräfte und ihrer Presse, sondern aus Gründen einer Gesellschaftsanalyse, die sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellt.