Brief an Clara Zetkin

Berlin, 11. Januar 1919

Liebste Klara, heute erhielt ich Deinen ausführlichen Brief, kam endlich dazu, ihn in Ruhe zu lesen und, was noch unglaublicher: ihn zu beantworten. Es ist nämlich nicht zu beschreiben, welche Lebensweise ich — wir alle — seit Wochen führen, den Trubel, den ständigen Wohnungswechsel, die unaufhörlichen Alarmnachrichten, dazwischen angestrengte Arbeit, Konferenzen etc. etc. Ich kam buchstäblich nicht dazu, Dir zu schreiben! Meine Wohnung sehe ich nur ab und zu für ein paar Nachtstunden. Heute wird es vielleicht doch mit dem Brief gelingen. Nur weiß ich nicht recht, wo ich anfangen soll, so viel habe ich Dir zu sagen.

     Also vor allem, was die Frage der Nichtbeteiligung an den Wahlen1typo3/betrifft: Du überschätzt enorm die Tragweite dieses Beschlusses. Es gibt gar keine «Rühlianer», Rühle war gar kein «Führer» auf der Konferenz. Unsere «Niederlage» war nur der Triumph eines etwas kindischen, unausgegorenen, gradlinigen Radikalismus. Aber das war eben nur der Anfang der Konferenz. In ihrem weiteren Verlauf wurde die Fühlung zwischen uns (der Zentrale) und den Delegierten hergestellt, und als ich während meines Referats auf die Frage der Wahlbeteiligung kurz zurückkam, fühlte ich schon eine ganz andere Resonanz als im Anfang. Vergiß nicht, daß die «Spartakisten» zu einem großen Teil eine frische Generation sind, frei von den verblödenden Traditionen der «alten bewährten» Partei — und das muß mit Licht- und Schattenseiten genommen werden. Wir haben alle einstimmig beschlossen, den Casus nicht zur Kabinettsfrage zu machen und nicht tragisch zu nehmen. In Wirklichkeit wird die Frage der Nationalversammlung von den stürmenden Ereignissen ganz in den Hintergrund geschoben, und wenn die Dinge so weiter verlaufen wie bisher, erscheint es sehr fraglich, ob es überhaupt zu Wahlen und zur Nationalversammlung kommt. Du beurteilst die Frage (ich meine die Tragik des Beschlusses) ganz anders als wir, weil Du leider mit uns jetzt keine Fühlung ins Detail hast, vielmehr keine Fühlung mit der Situation, wie man sie unmittelbar durch eigene Wahrnehmungen empfinden muß. Meine erste Regung war, als ich Deinen Brief und Dein Telegramm über die Wahlfrage las, Dir zu telegraphieren: Komm schleunigst her. Ich bin sicher, daß eine Woche Aufenthalt hier und unmittelbare Beteiligung an unseren Arbeiten und Beratungen genügen würden, um die völlige Konformität zwischen Dir und uns in allem und jedem herzustellen. Nun aber sehe ich mich gezwungen, Dir umgekehrt zu sagen: Warte noch eine Weile mit dem Kommen, bis wir wieder einigermaßen ruhigere Zeiten haben. In diesem Trubel und dieser stündlichen Gefahr, Wohnungswechsel, Hatz und Jagd zu leben ist nichts für Dich und namentlich gar keine Möglichkeit, ordentlich zu arbeiten und auch nur zu beraten. Ich hoffe, in einer Woche hat sich die Situation so oder anders geklärt und regelmäßige Arbeit wird wieder möglich sein. Dann würde Deine Übersiedlung hierher der Beginn einer systematischen Zusammenarbeit sein, bei der sich die Fühlung und Einverständnis von selbst ergibt.

     Notabene: «Borchardtianer» haben wir keine aufgenommen. Im Gegenteil, B[orchardt] ist von den «Internationalen Kommunisten». rausgeschmissen worden, und zwar auf unsere Forderung. Die «Kommunisten» waren in der Hauptsache Hamburger und Bremer; diese Acquisition hat sicher ihre Stacheln, aber das sind jedenfalls Nebensächlichkeiten, über die man hinwegkommen muß und die sich mit dem Fortschritt der Bewegung abschleifen werden. —

     Im ganzen entwickelt sich unsere Bewegung prächtig, und zwar im ganzen Reich. Die Trennung von der USP war absolut unvermeidlich geworden aus politischen Gründen, denn wenn auch die Menschen noch dieselben sind, wie sie in Gotha2 waren, so ist doch die Situation eine total andere geworden.

     Die heftigen politischen Krisen, die wir hier in Berlin alle zwei Wochen oder noch häufiger erleben, hemmen stark den Gang der systematischen Schulungs- und Organisationsarbeit, sie sind aber zugleich selbst eine großartige Schule für die Massen. Und schließlich muß man die Geschichte so nehmen, wie sie laufen will. — Daß Du die «Rote Fahne» so selten erhältst, ist geradezu fatal! Ich werde sehen, daß ich sie Dir täglich schicke. — In diesem Augenblick dauern in Berlin die Schlachten, viele unserer braven Jungen sind gefallen, Meyer, Ledebour und (wie wir befürchten) Leo [Jogiches] sind verhaftet.

     Für heute muß ich Schluß machen.

                                                                      Ich umarme Dich tausendmal
                                                                      Deine R


1 Auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 in Berlin war mit 62 gegen 23 Stimmen beschlossen worden, dass sich die Partei nicht an den Wahlen zur Nationalversammlung beteiligen werde. Dieser Beschluss, gegen die Auffassung und den Willen Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts und anderer Vertreter der Zentrale gefasst, war von Otto Rühle eingebracht und befürwortet worden.

2 In Gotha war auf dem Parteitag vom 6. April bis 8. April 1917 die Unabhängige Sozialistische Partei Deutschlands gegründet worden.


Zitiert nach Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Bd. 5., August 1914 bis Januar 1919, Berlin, S. 427.