13. April 2019 Tagung/Konferenz Zwischen Leugnung und Anerkennung

Der Genozid an den Armeniern in den geschichtspolitischen Debatten und erinnerungskulturellen Diskursen in Deutschland

Information

Veranstaltungsort

Rosa-Luxemburg-Stiftung
Münzenbergsaal
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin

Zeit

13.04.2019, 09:30 - 18:00 Uhr

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, Migration / Flucht, Arabischer Naher Osten / Türkei, Naher Osten, Türkei

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Zwischen Leugnung und Anerkennung
Inschriften in einem ehemaligen Jerusalemer Waisenhaus für armenische Kinder, deren Familien im Genozid ermordet wurden (1922): Name der Kinder, Geburtsort, Ankunft im Waisenhaus, Herkunftsdorf Bild: Talin Suciyan

Armenier*innen war es auch in Deutschland bis vor wenigen Jahren nur unter erschwerten Bedingungen möglich, an den Genozid im Osmanischen Reich und in der Türkei zu erinnern und die übergenerationellen Opfererfahrungen der sowohl staatlich organisierten Vernichtung als auch deren Leugnung allmählich sprech- und verstehbar zu machen. Voraussetzung hierfür ist eine Anerkennung der während des Ersten Weltkrieges verübten Verbrechen als Genozid. Bis in die 2000er Jahre dominierte hierzulande aber die Deutung der offiziellen türkischen Geschichtspolitik, die den Völkermord an den Armenier*innen (und an anderen christlichen Bevölkerungsminderheiten im Osmanischen Reich) leugnet, die offizielle erinnerungspolitische Linie der Bundesregierung. Erst im Jahre 2016 anerkannte der Bundestag in einer Resolution den Mord an bis zu 1, 5 Millionen Armenier*innen als Genozid und stellte des Weiteren eine Mitverantwortung des Deutschen Kaiserreiches fest. Wer sich hiervon eine geschichtspolitische Zäsur erwartet hatte, dergestalt, dass nun Armenier*innen, Türk*innen und Deutschen eine gemeinsame Basis für eine erinnerungskulturelle Annäherung gegeben worden wäre, hat sich offenkundig zu viel versprochen.

«Was bedeutet es für heute in Deutschland lebende Armenier und Armenierinnen, wenn sie ihr eigenes Sprechen über den Völkermord immer erst legitimieren müssen? Welchen Einfluss hatte und hat die Nicht-Anerkennung oder gar Leugnung des armenischen Genozides für die Identitätsbildung und die Aufarbeitung der Nachkommen. Wie lässt sich in der deutschen Migrationsgesellschaft eine multiperspektivische Erinnerungskultur etablieren, die unterschiedliche historische, ethnische und religiöse Erfahrungen und politische Ausgangssituationen aufgreift und sich gleichzeitig der historischen Verantwortung und der Würde des Menschen verpflichtet weiß?»
Treffender als die Herausgeber*innen des 2017 erschienen Sammelbandes « 100 Jahre Leugnung. Der Völkermord an den ArmenierInnen. Beiträge zu einer multiperspektivischen Erinnerungskultur in Deutschland» (Münster, Katharina Kuttner, Meron Mendel und Oliver Fassing) kann die Fragestellung unserer Tagung kaum formuliert werden.

«Narrative des (Nicht-) Erinnerns»: Diskursbedingungen in der post-migrantischen Gesellschaft und Perspektiven einer multiperspektivischen Erinnerungskultur

Wir wollen die gegenwärtigen Diskursbedingungen des (Nicht-) Erinnerns- bzw. Leugnens in der post-migrantischen Gesellschaft Deutschlands auf dem aktuellen Stand der Forschung analysieren und Perspektiven für ein multiperspektivisches Erinnern auszuloten, das nur auf Basis einer uneingeschränkten Anerkennung des systematischen Massenmordes als Genozid gelingen kann. Hierzu wird ein interdisziplinärer Ansatz gewählt, der historische, politische und bildungspädagogische Perspektiven und Konzepte auf das Thema berücksichtigt. Ein Vergleich mit den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Deutschland um die Anerkennung der Shoa und den hier zugrunde liegenden geschichtspolitische Strategien kann helfen, die Diskursbedingungen hinsichtlich des Genozids an den Armenier*innen besser zu verstehen sowie erinnerungspolitische Deutungen und Instrumentalisierungen zu erkennen. Insofern will die Veranstaltung einen geschützten Raum für Debatte und Erfahrungsaustausch von Aktiven in der Erinnerungsarbeit bieten. Sie will den Nachkommen der Opfer eine Gelegenheit geben, ihre Geschichten zu erzählen. Nicht zuletzt möchten wir Vernetzung ermöglichen bzw. lokale Netzwerke stärken. Das Angebot richtet sich an Multiplikator*innen im wissenschaftlichen Betrieb ebenso wie an Bildungsarbeiter*innen und geschichtspolitisch Aktive.

Karl Liebknecht und der Genozid an den Armeniern: Das Osmanische Reich im politischen Diskurs der deutschen Sozialdemokratie im Kaiserreich

Diesem ausdrücklich praxisorientierten Teil der Veranstaltung wird eine historische Analyse der Haltungen und Interpretationen zur Ermordung des armenischen Volkes im Deutschland der Kriegs- und Zwischenkriegszeit vorangestellt. Von besonderem Interesse sind für uns die Beurteilungen der Ereignisse in den Äußerungen und Debatten deutscher Sozialist*innen. In der Reichstagssitzung vom 11. Januar 1916 fragte der sozialdemokratische Abgeordnete Karl Liebknecht: «Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß während des jetzigen Krieges im verbündeten türkischen Reiche die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden aus ihren Wohnungen vertrieben und niedergemacht worden sind?» Es war das erste Mal, das ein Abgeordneter die «türkischen Gräuel» gegen die Armenier*innen zu Sprache brachte.

Programm

  • 9:30 Uhr: Einführung und Begrüßung
    Mit Beiträgen von Petra Pau, Vize-Präsidentin des Bundestages, Dr. Florian Weis, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Ashot Smbatyan,Botschafter der Republik Armenien in der BRD
  • 11 Uhr: Panel 1
    Karl Liebknecht und der Genozid an den Armeniern: Das Osmanische Reich im politischen Diskurs der deutschen Sozialdemokratie im Kaiserreich.
    Vorträge: Prof. Dr. Bernd Braun (Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte): Karl Liebknecht, die Sozialdemokratie und der Völkermord an den Armeniern und Niklas Woywod M.A. (Ruhr-Universität Bochum): Die "Armenische Frage" im politischen Diskurs der deutschen Sozialdemokratie
  • 12:30 Uhr bis 13:30 Uhr Mittagspause mit Imbiss
  • 13:30 Uhr: Panel 2
    «Narrative des (Nicht-) Erinnerns»: Diskursbedingungen in der post-migrantischen Gesellschaft und Perspektiven einer multiperspektivischen Erinnerungskultur
    Vorträge: Dr. Talin Suciyan (Ludwig-Maximilians-Universität München): „Es schneit im April“ – Der Genozid an den Armeniern im Theater in Deutschland 2015 (Rezitation eines Beitrages von Dr. des. Annika Törne), Dr. Meron Mendel (Bildungsstätte Anne Frank): Die Ausstellung „100 Jahre Leugnung - Der Völkermord an den ArmenierInnen und Erinnerung(en) in der deutschen Migrationsgesellschaft und Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum (TU Berlin, Zentrum für Antisemitismusforschung): Die überwältigende Vergangenheit: Deutschland und der Nationalsozialismus, 1945 bis heute
  • 16 Uhr: Podiumsgespräch
    Den Genozid gemeinsam erinnern: Möglichkeiten praktischer gedenkpolitischer Annäherung. Aussichten - Reflektionen – Erwartungen
    Podiumsdiskussion mit: Dr. Talin Suciyan, Dr. Meron Mendel, Prof. Dr. Nazan Maksudyan (Freie Universität Berlin und Centre Marc Bloch), Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum und Prof. Dr. Vladimir Vardanyan (Mitglied des Kuratoriums des Armenian Genocide Museum Institute), Moderation: Dr. Salvador Oberhaus (Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Ein Mittagsimbiss wird bereitgestellt.

Um eine Anmeldung wird gebeten. 

Standort

Kontakt

Dr. Salvador Oberhaus

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Regionalbüro Nordrhein-Westfalen, rls-nrw

Telefon: (0203) 39345494