7. Juni 2019 Diskussion/Vortrag Nochmals Theorie und Praxis, oder: Wie geht es um das Ganze?

Information

Veranstaltungsort

Uni Hamburg T-Stube im "Pferdestall" Raum 250
Allendeplatz 1
20146 Hamburg

Zeit

07.06.2019, 19:00 - 21:00 Uhr

Themenbereiche

Soziale Bewegungen / Organisierung, Gesellschaftstheorie, Kapitalismusanalyse

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Nochmals Theorie und Praxis, oder: Wie geht es um das Ganze?

Vorträge und Diskussion mit Alexander Garcìa Düttmann (Universität der Künste Berlin) und Jan Müller (Universität Basel)


In den Extremen scheint alles ganz klar: Selbstverständlich ist ein blinder Aktionismus,
 der sich ganz und gar dem behutsamen Nachdenken verschließt, selbstverschuldet dumm; selbstverständlich ist ein Nachdenken, das sich ganz und gar gleichgültig gegenüber den Handlungserfordernissen des Lebens gibt, arrogant und selbstverschuldet irrelevant. The- orie ist auch praktisch und Handeln gibt es nicht ohne Nachdenken. „Von 1968 lernen“ heißt: Einsehen, dass es ein Missverständnis ist, das Verhältnis von Theorie und Praxis für ein bloß theoretisches Rätsel zu halten, das mit praktischer Moral besser nichts zu tun haben sollte. Wer die Theorie der Praxis nur schroff entgegensetzt, dem müssen solche Rätsel entweder „zu theoretisch“ vorkommen, oder „zu praktisch“ (Adorno). Aber das Verhältnis von Theorie und Praxis wird durch solche simplen „Einsichten“ nicht einfacher:


Wenn Praxis der Theorie nicht entgegengesetzt werden kann, dann geht es der Theorie, indem es ihr ums Ganze geht, immer auch um Praxis: um die Veränderung des Ganzen. Heute an den Mai 68 anknüpfen, heißt dann, die Frage nach dem Ganzen wieder auf- zuwerfen – nicht als einfach veränderungsbedürftig, sondern als Ganzes, zu dem seine Veränderung dazugehört, weil es das Ganze nur in der Veränderung und als Veränderung gibt. Diesen Gedanken wird Alexander Garcìa Düttmann an einer Spannung entwickeln: Der Mai 1968 ist ein „Ereignis“; er steht aber auch im Horizont jenes Weltgeistes, wie ihn Adorno in der Negativen Dialektik diskutiert, und der mehr ist als bloß ein Begriff für die Unwahrheit des Ganzen.

Wenn Praxis der Theorie nicht entgegengesetzt werden kann, dann können wir das Ganze, auf das wir theoretisch abzielen müssen, nur als das Handgemenge unseres Lebens verstehen: unübersichtlich, vielgestaltig, veränderlich und irritierend unbetroffen von vielen Versuchen, es „theoretisch“ zu „bewältigen“. Wie damit umgehen, dass die Orientierung im Handgemenge an die Subjektperspektive gebunden ist, dass die Unterscheidung zwischen der Veränderung des Ganzen, die wir bewirken, und seiner Selbst-Veränderung, die wir erleiden, schillert? Dass Adornos Negative Dialektik auch mit der Frage nach der Möglichkeit des Glücks endet, führt Jan Müller zu der zögerlichen Frage: Ob es sich lohnen könnte, die Moral für die Revolution zu retten?

In Kooperation mit der "Gesellschaft zur Erforschung der Nachträglichkeit".

Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg.   

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