19. April 2017 Diskussion/Vortrag Kritik in der Krise - Theoretische Bedingungen und Probleme kritischer Gesellschaftswissenschaft

Information

Veranstaltungsort

TU Dresden, Chemie/Hydrowissenschaften
CHE 184/U
Bergstraße 66
01069 Dresden

Zeit

19.04.2017, 18:30 - 20:30 Uhr

Themenbereiche

Gesellschaftliche Alternativen

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Mit Dr. Michael Städtler (Universität Wuppertal)

Krisen haben für die Kritik der kapitalistischen Gesellschaft eine ambivalente Bedeutung: Ihre schmerzhaften Auswirkungen erregen Protest, aber sorgen auch dafür, dass dieser sich auf die Krise und deren vermeintliche unmittelbare Ursachen (z.B. Fehlverhalten von Spekulanten, Bankiers oder Staatsführungen) beschränkt. Damit regen sie eine Kritik am Kapitalismus an, aber eine, die nicht den Kapitalismus als solchen begreift und kritisiert. Die Strukturen kapitalistischer Gesellschaften sind in hohem Maße von Prinzipien abhängig, die anonym und indirekt wirken. Sie sind keine Gegenstände der Erfahrung, sondern können nur durch Denken, durch theoretische Reflexion von Erfahrungen erkannt werden. Begründete Kritik muss darauf aufbauen und die in gesellschaftlichen Strukturen institutionalisierten Zwecke in den Blick nehmen. Krisen erzeugen den Anschein, ein unmittelbares Objekt der Kritik zu sein. Damit erzeugen sie Krisen in der Theorie und der Kritik. Dieser Befund gilt analog für empirische Gerechtigkeitsdefizite, sog. 'soziale Pathologien', aber auch für die Stoßrichtung mancher neuen sozialen Bewegungen. Der Vortrag thematisiert notwendige Elemente theoretischer Kritik, die Notwendigkeit solcher Kritik überhaupt als Voraussetzung einer sinnvollen Praxis sowie auch das Problem der Theoriefeindlichkeit überhaupt. Es geht also um die Vergegenwärtigung kritischer Theorie.

Zur Reihe:
In der Weltwirtschaftskrise 2007/2009 konstatierte selbst der gesellschaftstheoretische Mainstream eine grundlegende Krise des Kapitalismus. Neue Krisenausprägungen sind hinzugekommen, alte haben sich verschärft. Die damit eng zusammenhängende wachsende politische Polarisierung und der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen geben Anlass, Ursachen und Wesen der Gesellschaftskrise zu hinterfragen. Dabei bedarf auch die Krise der Kritik selbst, das Fehlen eines Aufschreis kritischer Intellektueller und eines wirksamen Streitens um kulturelle Hegemonie, der Aufarbeitung. Warum fehlen in der Parteienlandschaft wie in den Gewerkschaften bei allem wachsenden Krisenbewusstsein Positionen, die eine dezidiert linke Kritik am gesellschaftlichen Status Quo verbalisieren? Warum bleibt die Kritik in aktuellen sozialen Bewegungen oft oberflächlich und begriffslos? Wie lassen sich verschiedene Krisenausprägungen auf adäquate Begriffe bringen? Wo kann eine der gegenwärtigen Krise entsprechende Neubestimmung der theoretischen Grundlagen von Kritik an Klassiker der kritischen Gesellschaftstheorie - von Marx über Gramsci und die Frankfurter Schule bis zu Foucault - anknüpfen und wo sind neue Ansatzpunkte linken Denkens erfordert. Pierre Bourdieu hatte eine „ökonomische Alphabetisierungskampagne“ gefordert. Diese tut dem sozialwissenschaftlichen Denken, dass die Reflexion auf die strukturellen Bedingungen vieler sozialer Phänomene in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen oft über Bord geworfen hat, heute ebenso Not, wie eine sozialwissenschaftliche Alphabetisierung der Ökonomie erfordert wäre, um 'Marktgesetzte' nicht als unabwendbare Naturgesetze zu begreifen, sondern als Ausdruck, historisch gewordener und damit veränderbarer gesellschaftlicher Verhältnisse. Krisen sind immer auch der Beginn von etwas Neuem und können als Chancen und Aufbruchssignale wirken. Ob und wie solche Chancen in konkreten gesellschaftlichen Kämpfen genutzt oder verspielt werden hängt nicht zuletzt von den Fähigkeiten zur Reflexion auf die Ursachen und Wirkungszusammenhänge der Krisen und auf die möglichen Bedingungen anderer Formen der Vergesellschaftung ab.

weitere Veranstaltungen:
10. Mai, Mittwoch, 18.30 Uhr: Frauen als Avantgarde? Ist die Krise des Kapitalismus auch eine Krise des Patriarchats?
Mit Prof. Dr. Christine Bauhardt (Humboldt Universität Berlin)

01. Juni, Donnerstag, 18.30 Uhr: Multiple Krisen als Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse
Mit Prof. Christoph Görg (Uni Klagenfurt)

25. Oktober, Mittwoch, 18.30 Uhr: Subjekt in der Krise
Mit Prof. Dr. Christine Kirchhoff (International Psychoanalytic University Berlin)

15. November, Mittwoch, 18.30 Uhr: Krise der Bewegung oder Krise der Emanzipation???
Mit Christoph Spehr (Autor und Politiker)

6. Dezember, Mittwoch, 18.30 Uhr: Krise, Kritik und autoritäre Bewegung – Rechts- und Linkspopulismus in der Kritik
Mit Dr. Ingo Elbe (Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg)

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