Mehr zum Thema NSU-Komplex
In den Jahren 2000 – 2007 hat der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) einem 2011 aufgetauchten Bekenner-Video zufolge neun Menschen mit türkischen, kurdischem und griechischem Hintergrund aus rassistischen Motiven und eine Polizistin ermordet: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter.
Seit Anfang Mai 2013 wird in München der „NSU-Komplex“ vor Gericht verhandelt. Vor Gericht stehen Beate Zschäpe, die einzige Überlebende der so genannten Zwickauer Terrorzelle, sowie deren mutmaßliche Komplizen und Helfer Ralf Wohlleben, André E., Carsten S. und Holger G.
Vor der 6. Strafkammer des Oberlandesgerichtes München unter Vorsitz des Richters Manfred Götzl begann der Prozess, bei dem es um 10-fachen Mord, mindestens drei Sprengstoffanschläge u.a. mit einer Nagelbombe und zahlreichen zum Teil Schwerverletzten, und mit 15 Banküberfällen um eine der größten Bankraub-Serien in der Geschichte der Bundesrepublik sowie um Mitgliedschaft bzw. Unterstützung einer Terroristischen Vereinigung nach § 129 a geht.
Um was genau geht es bei dem Prozess in München?
Hintergrund des spektakulären, ursprünglich auf zweieinhalb Jahre angesetzten, Verfahrens ist der wohl größte Geheimdienstskandal der BRD-Nachkriegsgeschichte: seit die als Haupttäter Verdächtigen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach zu Tode kamen, wurde nach und nach offenbar, wie weit Inlandsgeheimdienste, Kriminalämter und andere Behörden – u.a. über ein engmaschiges Informanten-Netz, die sog. V-Leute – in die zehnjährige Geschichte des NSU verwickelt sind und welche haarsträubenden Rassismen und Unterlassungen behördlicherseits über anderthalb Jahrzehnte verhinderten, dass Licht ins Dunkel der Mord-, Raub- und Anschlagsserie kam. Um diese schockierenden Enthüllungen kümmern sich unterdessen vier Parlamentarische Untersuchungsausschüsse (PUA), nämlich im Bundestag (der demnächst mit Ende der Legislaturperiode abschließt) und in den Landtagen von Thüringen, Sachsen und Bayern. Auch seit dem Ende der NSU vergeht kaum ein Monat im dem nicht neue Skandale im Kontext mit Behördenverstrickung ans Tageslicht kommen, zahlreiche weitere Bundesländer sind vom Geschehen betroffen (z.B. Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg u.a.), wo man sich bislang jedoch nicht zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses versteht: Akten werden vernichtet oder tauchen erst peu á peu auf, Beamte sagen als Zeugen falsch oder unvollständig aus, Ignoranz und Unwissenheit werden offenbar und bisher nicht vorstellbare Machenschaften der „Verfassungsschutz“ genannten Inlandsgeheimdienste im Dunstkreis von Rechtsterrorismus und Nazi-Szene scheinen durch die Ermittlungen hindurch.
Ob der Prozess Gelegenheit bieten wird zu den bereits beachtlichen Ergebnissen der PUAs weitere offene Fragen im Kontext von NSU, Vernetzung mit z.T. internationalen Nazi-Netzwerken und Verstrickung der Behörden zu klären, wird sich zeigen. Vorerst ist die Bundesanwaltschaft strikt bemüht, das Thema NSU – im Sinne der berühmten Einzeltäterthese – zu einer übersichtlichen Ménage à trois herunterzukochen, welche mit Hilfe von einer Handvoll Unterstützer_innen und Helfer_innen die beispiellose Mord- und Verbrechensserie ins Werk setzte. Von Anfang an versuchen die 11 Verteidiger_innen und die rund 50 Nebenklagevertreter_innen der Opferangehörigen und Betroffenen in seltener, aber gegengleicher Einmütigkeit genau dieses Konstrukt zu hinterfragen und der Frage nachzugehen, wieviel Staat im NSU zu vermuten und zu finden ist. Für die Hinterbliebenen der Ermordeten hat der Prozess eine enorme psychologische Bedeutung, denn über zehn Jahre waren sie von den deutschen Behörden stoisch als Hauptverdächtige geführt und rassistisch gedemütigt und die brutalen Exekutionen als „Dönermorde“ im „migrantischen Milieu“ bezeichnet worden: für sie muss die Aufarbeitung dessen, was wirklich geschah, ein Akt der Erlösung und Genugtuung sein. Für die Verteidigung stehen bei diesen Fragen eher mildernde Umstände für die Angeklagten im Vordergrund, denn desto mehr Staat sich im Mordgeschehen nachweisen ließe, so deren Kalkül, desto weniger hart können die Angeklagten verurteilt werden.
Die Rosa Luxemburg Stiftung ist über ihren Referenten Friedrich Burschel, der nebenberuflich als Journalist arbeitet, im Münchener Gerichtssaal vertreten und wird dieses Dossier im Laufe des Verfahrens mit aktuellen Informationen aus der journalistischen Begleitung beschicken und geeignete und relevante Hintergrundberichte zugänglich machen. Die RLS arbeitet in diesem Kontext eng mit dem nicht-kommerziellen Sender Radio LOTTE Weimar sowie mit dem Online-Projekt NSU-Watch zusammen. Der Berichterstattung von Radio LOTTE Weimar haben sich unterdessen bundesweit über 20 weitere Bürgermedien und Offene TV-Projekte (z.B. Radio Tonkuhle Hildesheim, OK Lübeck, Radio Lohro Rostock, Radio StHörfunk Schwäbischhall, Radio Leinehertz Hannover, OK Schleswig Holstein, Radio Funkwerk Erfurt, Radio Aktiv Hameln, Radio Tidenet Hamburg, Radio Dreyeckland Freiburg, Radio Echo FM Freiburg, Campusradio Ilmenau, Campusradio Jena, Radio Weser TV Bremerhaven, Radio SRB Saalfeld-Rudolstadt, Radio Z Nürnberg, Radio Corax Halle/S., Freies Radio Wiesental, Studioansage Berlin, Radio Free FM Ulm, Radio Proton Vorarlberg /Österreich, Radio Helsinki Graz / Österreich, OK-TV Ludwigshafen usw.) angeschlossen, die die Berichte aus München in ihre Sendungen übernehmen.
Weitere Texte / Presse
- Wesentliche Fragen sind bis heute unbeantwortet. Interview mit Fritz Burschel in stadt.land.links, Verbandsmagazin der NRW Jusos, Nr. 10 (1/2018)
- Bundesverfassungsgericht entscheidet gegen ein Verbot der NPD. Friedricht Burschel im Interview bei Radio Lotte Weimar.
- Der Showprozess. Friedrich Burschel in konkret vom 8.12.2016.
- Die Beobachtungslinke. Toni Kantorowicz in der Jungle World Nr. 45 vom 10. November 2016.
- recycling: Eigentlich wissen es alle II. Fritz Burschel beim Radio FSK über Kontinuitäten, die sich auch fünf Jahre nach der Aufdeckung des NSU nicht ändern.
- Kreatives Aktenhandling Wie lange wird der Verfassungsschutz noch seine Mitverantwortung an den NSU-Verbrechen vertuschen können? Friedrich Burschel am 2.5.2016 bei NSU Watch.
- Searching for Justice. How a neo-Nazi campaign of terror was ignored by German police.Friedrich Burschel im Jacobin
- „Kurzer Prozess“ Das Münchner Gericht will die NSU-Akten schließen. Friedrich Burschel in Konkret 7/2016
- „Вы когда-нибудь видели нациста на велосипеде?“ Что нужно знать о деле германского Национал-социалистического подполья. Friedrich Burschel am 21.09.2016 bei Deutsche Welle.
- „Ein Verfahren mit offenen Fragen“: Friedrich Burschel zur Gast beim Jenny-Marx-Forum in Salzwedel (Volksstimme, 28.5.2016)
- Wie lange wird der Verfassungsschutz noch seine Mitverantwortung an den NSU-Verbrechen vertuschen können? Friedrich Burschel bei NSU Watch
- Sex mit Nazis Das hochambitionierte Projekt der TV-Trilogie zum NSU scheitert an seinen eigenen Ansprüchen
- „Medien diktieren Agenda“ WDR Medienkolumne zum NSU-Prozess von Vera Linß.
- Der neue Schorlau An Wolfgang Schorlaus neuem Polit-Krimi zum NSU werden auch Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger ihre Freude haben, schreibt Friedrich Burschel in konkret.
- Zschäpes offenes HaarDer Wahnsinn im NSU-Prozes geht weiter. Friedrich Burschel in Hinterland Nr. 30
- „Im Namen der Medien?“ Über kritische Gerichtsberichterstattung im Spannungsfeld der Persönlichkeitsrechte
Tagungsbericht der 2. Jenaer Medienrechtlichen Gespräche Jenapolis, 13. November 2015 - Vieles geht auf keine Kuhhaut Über Verlauf, Zwischenergebnis und Zumutungen des „NSU“-Prozesses in München. Friedrich Burschel in Disput vom August 2015
- Keine Häme mehr für Radio Lotte Deutschlandfunk, 23. Juli 2015
- Witjastiefe zum NSU-Prozess Friedrich Burschel auf Radio Corax am 7. Mai 2015
- Auf der Stelle Nach zwei Jahren Prozess und über 200 Verhandlungstagen ergeben sich bizarre Ungleichzeitigkeiten bei der Aufarbeitung des NSU-Komplexes. Friedrich Burschel in vorwärts vom 22. Mai 2015
- Aktuelle Entwicklungen im NSU-Prozess und die Aktivitäten von NSU-Watch Friedrich Burschel bei Radio Obskura am 15. April2015
- Augenschein des Terrors. Eine Reise zu den NSU-Tatorten Eine Fotostrecke von Friedrich Burschel in Hinterland Nr. 28/2015
- Why the NSU case matters. Structural Racism in Europe
(Audioaufzeichnung der Veranstaltung mit Liz Fekete in der Reihe „Insight NSU“) - Dicke Luft im A 101: Nach 150 Prozesstagen im Münchener NSU-Prozess zeichnen sich Probleme der Innen- und Außenwahrnehmung des Verfahrens ab(Friedrich Burschel auf www.nsu-watch.info; zuerst erschienen in: Kritische Justiz, 4/2014, S. 450-460)
- Haltungsfragen. Deutschland Nazisymbole vor Gericht sorgen im NSU-Prozess in München immer wieder für handfeste Eklat
(Friedrich Burschel in analyse&kritik vom 14.10.2014) - "Verstehen, wie es dazu kommen konnte" (Martin Steinhagen in Frankfurter Rundschau vom 30.09.2014)
- Radio Lotte Weimar diesmal in Colditz. Kundgebung anlässlich des Weltfriedenstages: Friedrich Burschel folgt Einladung der Linken (Haig Latchinian in der Leipziger Volkszeitung vom 04.09.2014)
- Vergebliches Warten. Deutschland Im Münchner NSU-Prozess können sich Nazis kaum an etwas erinnern - zu befürchten haben sie in der Regel nichts (Friedrich Burschel in analyse&kritik vom 19.08.2014)
- Rückblick auf vergangene Woche im NSU-Prozess (Fritz Burschel am 05.08.2014 auf Radio Corax)
- NSU Prozess (Fritz Burschel am 22.07.2014 im Radiointerview mit Radio F.R.E.I
- Vernehmung des Neonazis und Ex-V-Manns Tino Brandt im NSU-Prozess (Fritz Burschel in der Sendung zip-fm vom 22. Juli 2014)
- Platzt der NSU-Prozess? Zschäpe entzieht Verteidigern das Vertrauen (Maik Nolte in der Osnabrücker Zeitung vom 16.07.2014)
- Update zum Prozess gegen den so genannten NSU in München (Fritz Burschel am 02.07.2014 auf Radio Corax)
- Die Diva des Gerichtssaales A 101. Auch nach einem Jahr ist das öffentliche Interesse am NSU-Prozess und der Hauptangeklagten unterbrochen (Alexander Holzer unter Mitarbeit von Niclas Seydack in Akrützel Nr 33 vom 15.05.2014)
- "Verfassungsschutz" abschaffen! Diskussion zum NSU Prozess (Dike Attenbrunner auf regensburg-digital.de am 07.05.2014)
- Verfassungsschutz als Teil des Problems (Flora Jädicke in der Mittelbayerischen Zeitung vom 06.05.2014)
- Der NSU Prozess hat nach einer kurzen Pause wieder begonnen (Firtz Burschel am 01.05.2014 auf Radio Corax)
- Aktuelles vom "NSU"-Prozess (Interview mit Fritz Burschel auf Radio CORAX am 17.04.2014)
- Ein zähes Verfahren - 100 Tage NSU-Prozess (Interview mit Friedrich Burschel auf detektor.fm)
Puzzle mit zu wenig Teilen 100. Verhandlungstag im NSU-Prozess: Mauer des Schweigens (Osnabrücker Zeitung 01.04.2014) - "Merkwürdigkeiten bei Ermittlungsergebnissen" (Olav Schröder in der Märkischen Oderzeitung vom 24.03.2014)
- Blüten der Ignoranz Zwei Jahre nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie schnellt die Zahl der Buchveröffentlichungen zum Thema in die Höhe. Auch Linke kommen zu ganz unterschiedlichen Schlußfolgerungen (Rezension u.a. von Bodo Ramelow (Hg.): Schreddern, Spitzeln, Staatsversagen. Wie rechter Terror, Behördenkumpanei und Rassismus aus der Mitte zusammengehen in konkret 02/2014)
- NSU-Prozess: "Der Hohn der Täter lässt einem das Blut gefrieren" (Interview mit Friedrich Burschel in DER STANDARD, 14.01.2014)
- Zwei Jahre NSU-Aufarbeitung (Videoaufzeichnung der Veranstaltung des Landesbüros Thüringen der FES mit Dorothea Marx (MdL, SPD, Abgeordnete im NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags), Yavuz Selim Narin (Rechtsanwalt der Nebenklage), Prof. Dr. Hajo Funke und Friedrich Burschel (RLS) am 12.12.2013)
- Wie es wirklich war. Die Fragen und Ansprüche der Opfer und Opferangehörigen im NSU-Prozess (Friedrich Burschel in TERZ Dezember 2013)
- "Es ist immer wieder verstörend" (Radiointerview mit Friedrich Burschel im Saarländischen Rundfunk am 28.10.2013)
- Verhandlungen wie eine Slapstick-Nummer – das Medienlog vom Freitag 18. Oktober (Anne Fromm auf dem NSU-Prozess-Blog bei Zeit Online am 18.10.2013)
- Zwischen Nazi-Peepshow und Lichtbild-Slapstick (Friedrich Burschel in MiGAZIN am 16.10.2013)
- Zwischen Nazi-Peepshow und Lichtbild-Slapstick (Friedrich Burschel in Hinterland Nr. 23)
- Radiointerview zum NSU-Komplex (TIDE.radio Hamburg 23.7.2013)
- Eine Frage der Staatsräson (Friedrich Burschel in analyse & kritik vom 21.6.2013)
- Der NSU-Prozess und seine Bedeutung für den Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus (Audiodokumentation vom 17.6.2013)
- Innenansichten eines Prozesses (Radiointerview mit Friedrich Burschel am 11.6.2013 im MDR)
- Schon am ersten Tag schwinden alle Hoffnungen (Friedrich Burschel in analyse & kritik vom 17.5.2013)
- Was will Radio Lotte beim NSU-Prozess, Herr Burschel? (Interview mit Friedrich Burschel in SPIEGEL 20/2013)
- Strapazierte Erwartungen Der NSU-Prozess startet mit Hindernissen (Radiokommentar von Friedrich Burschel am 11.5.2013 im Deutschlandfunk)
- Mörder, Nazis und "gemäßigte Radikale" (Friedrich Burschel in Hinterland Nr. 22)
- Jenseits von Presserummel und Akkreditierungszirkus Kritisches Fachgespräch zum NSU-Prozess, zu Arbeit und Abschluss der Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse und zu politischen Konsequenzen daraus (Audiodokumentation vom 4.5.2013)
- Die Morde, der Prozess, die Geheimdienste und der Rassismus Einschätzungen und Informationen aus erster Hand zum NSU-Verfahren und zur Arbeit der Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse (Audiodokumentation vom 4.5.2013)
- Vergessener Terror von rechts Verharmlosung und Leugnung von (Neo-)Nazi-Umtrieben in Deutschland (Papers von Fritz Burschel und Kira Güttinger (Hrsg.)
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