Nachricht | COP 23 Lebensfeindlicher Agrar-Export

Im deutschen Landwirtschaftssektor zeigt sich die »imperiale Lebensweise«

Die Landwirtschaft der Bundesrepublik ist kein Modell für eine klimagerechte Zukunft. Teil 3 unserer Reihe »Mythos Klimaretter Deutschland«

Von Tobias Haas und Steffen Kühne.

Glyphosat im Urin, Fipronil in den Eiern und Gülle im Trinkwasser – mit dem Ruf der deutschen Landwirtschaft steht es auch ohne Klimadebatte nicht zum Besten. Nun also auch noch Mitschuld an der Erderwärmung? Leider ja.

Auf etwa ein Drittel der menschengemachten Treibhausgase schätzt der Weltklimarat IPCC den Anteil der globalen Landwirtschaft. Werden Verarbeitung, Transport, Kühlung und Müllproduktion einberechnet, liegt der Wert sogar bei fast 50 Prozent. Dass auf den deutschen Agrarbereich nur etwa 7,4 Prozent der hiesigen Emissionen entfallen, liegt einerseits am abenteuerlich hohen CO2-Ausstoß der deutschen Kohle. Denn gegen den nehmen sich die jährlich knapp 70 Tonnen CO2-Äquivalente überschaubar aus. Zum anderen fehlen in dieser Rechnung die Importe von mineralischem Dünger und Futtermitteln, die zentrale Grundlage der industrialisierten Landwirtschaft sind und jeweils hohe zusätzliche Emissionen verursachen.

In einer vierteiligen Serie entlarven wir den Mythos vom "Klima-Champion Deutschland"

Klimawandel-Treiber ist auch die Fleischindustrie. Obwohl die Nachfrage nach Fleisch und anderen tierischen Produkten seit Jahren stagniert, werden in Deutschland immer mehr Tiere gehalten - für den Export. Hierfür werden immer größerer Mengen Soja eingeführt, für dessen Anbau in riesigen Monokulturen Wälder großflächig zerstört und in vielen Fällen indigene Bevölkerungsgruppen vertrieben werden.

Im Landwirtschaftssektor zeigt sich die "imperiale Lebensweise" gleich auf mehreren Ebenen.

Die verlogene Gleichgültigkeit des deutschen Wirtschafts- und Konsummodells gegenüber seinen ökologischen Kosten, die nur allzu gern an Menschen außerhalb der eigenen Wohlstandsblase ausgelagert werden, ist schon oft beschrieben worden. Im Landwirtschaftssektor zeigt sich diese »imperiale Lebensweise« gleich auf mehreren Ebenen. So garantieren hierzulande und im globalen Süden Niedriglöhne, Existenzverlust und Umweltzerstörung nicht nur beachtliche Konzerngewinne und die unschlagbar niedrigen Lebensmittelpreise in deutschen Supermärkten. Die industrielle Agrarproduktion leistet mit ihren Fleischfabriken, dem großflächigen Einsatz von Stickstoffdüngern und der damit verbundenen Auslaugung der Böden auch einen beachtlichen Beitrag zur Klimaerwärmung.

Nichtsdestotrotz wird genau dieses Modell aggressiv in die ganze Welt exportiert. Ausgerechnet der »Kampf gegen den Hunger« muss immer wieder dafür herhalten, dass mit aktiver Unterstützung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in vielen Ländern bäuerliche Strukturen hochmodernen Agrarbetrieben weichen müssen. Dabei handelt es sich zumeist um Plantagen mit hohem Chemieeinsatz, schlechten Arbeitsbedingungen – und hohen Zäunen zur Abschottung gegen jene, die bis vor Kurzem noch das Land bewirtschafteten. Statt bei den Hungernden landen die Produkte in aller Regel auf Tellern im globalen Norden. In den Klimaverhandlungen der vergangenen Jahre ist es der Agrarindustrie sogar gelungen, diese intensiven Formen der Bewirtschaftung als »klima-smarte« Methoden zu labeln – inklusive Herbiziden, Düngerexzessen und Gen-Saatgut.

Wir brauchen eine Trendwende hin zu möglichst regionaler Erzeugung und Vermarktung, kurzen Transportwegen und einem flächendeckenden biologischen Anbau.

Die Chancen nachfolgender Generationen, solidarische Lebensweisen zu entwickeln, hängen jedoch in hohem Maße davon ab, wie schnell und umfassend wir es schaffen, auf eine wirklich moderne, weil nachhaltige Landwirtschaft umzusteigen. Der Aufbau eines demokratischen und agrarökologischen Ernährungssystems, das Mensch, Tier und Klima gerecht wird, muss mit dem Status Quo in vielem brechen. Das Pariser Klimaabkommen lässt sich nur mit der Abkehr von Exportorientierung und Marktkonzentration umsetzen. Stattdessen brauchen wir eine Trendwende hin zu möglichst regionaler Erzeugung und Vermarktung, kurzen Transportwegen und einem flächendeckenden biologischen Anbau. Auf mineralische Dünger und synthetische Pflanzenschutzmittel müssen wir weitgehend verzichten.

Allen parteigrünen Fensterreden zum Trotz wird Jamaika diese Trendwende hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft nicht einleiten. Wir brauchen deshalb noch stärkere soziale Bewegungen und die Ausweitung von Formen solidarischer Landwirtschaft. Zugleich brauchen wir einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Landwirtschaftspolitik. Den wird es nur über großen politischen Druck geben. Mehr Aufmerksamkeit der Linken für das Thema Landwirtschaft wäre dafür eine wichtige Voraussetzung.

Dieser Text ist zuerst hier in "Neues Deutschland" erschienen.