Nachricht | Geklauter Wohlstand an der Nadel

Die Rohstoffpolitik des Exportweltmeisters schadet Klima, Menschenrechten und Entwicklung

BASF, Ludwigshafen, Deutschland, Blick auf das Werk von Norden, CC BY-SA 3.0, By Gerd W. Zinke (own Work), via Wikimedia Commons

Die Rohstoffpolitik des Exportweltmeisters schadet Klima, Menschenrechten und Entwicklung. Teil 4 unserer Reihe »Mythos Klimaretter Deutschland«

Von Steffen Kühne und Tobias Haas

Metalle für die Autoproduktion, Phosphate für den Dünger auf den Feldern, Erdöl für die Verbrennungsmotoren – ohne importierte Rohstoffe funktioniert in Deutschland eigentlich nur das schlechte Wetter. Als Übergang zu "Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden" hatte schon Marx im Kommunistischen Manifest ein Produktionsmodell beschrieben, an dem sich seit Kolonialzeiten vieles nicht verändert hat. Das Wachstumsmodell des deutschen Kapitalismus basiert bis heute auf der permanenten Aneignung von Rohstoffen, Land und billigen Arbeitskräften im globalen Süden.

In einer vierteiligen Serie entlarven wir den Mythos vom "Klima-Champion Deutschland"

Die Bundesrepublik ist selbst arm an metallischen Bodenschätzen. Deshalb ist sie auf die Einfuhr billiger Ressourcen aus dem Ausland angewiesen. Deutschland importiert derzeit Rohstoffe aus mehr als 160 Ländern. Nicht nur seine Handels-, auch die Entwicklungspolitik ist stark darauf ausgerichtet, Zugang zu Rohstoffen zu sichern. Viele der „Partnerländer“ gehören zu den ärmsten der Erde. Der Abbau ist in vielen Ländern die größte Devisenquelle. Sie sind zwar reich an Rohstoffen, aber die Gewinne fließen zumeist an transnationale Bergbauunternehmen und korrupte Eliten. Umweltstandards und Menschenrechte gelten im Bergbau als Investitionshemmnisse, sie müssen hintanstehen.

Umweltstandards und Menschenrechte gelten als Investitionshemmnisse

Die deutsche Rohstoffarmut erweist sich ironischerweise als Glücksfall für den Standort D. Denn die Wunden, die der Bergbau fast unweigerlich reißt, sind meist weit weg. Eine Ausnahme sind die großen Kohlevorräte, deren Abbaggerung in den vergangenen Jahrzehnten hierzulande hunderte Dörfer zum Opfer gefallen sind. Die aktuellen Auseinandersetzungen um die deutsche Braunkohle erschienen schwer vorstellbar, lägen die Tagebaue auf einem anderen Kontinent. Die mit unserem Eisen-, Aluminium oder Koltanbedarf einhergehenden Zerstörungen erleben wir hingegen nur in der arte-Doku. Wenn in wenigen Monaten der Steinkohlebergbau in Deutschland ausläuft, werden die Kraftwerke mit importierter Kohle weiterlaufen. Ein großer Teil davon stammt aus Kolumbien. Für die oft beschworene „bezahlbare Energie“ hierzulande werden dort Indigene vertrieben und Gewerkschafter ermordet. Doch Kolumbien ist weit weg.

Koltan hingegen kommt überwiegend aus dem Kongo. Lägen die Mienen in Hessen, wäre die dort verbreitete Kinderarbeit undenkbar. Und Kobalt wäre deutlich teurer. An vielen Materialien klebt längst Blut, bevor sie die deutschen Produktionsstätten erreichen.

Diese schmutzige Kehrseite der deutschen Exportwirtschaft und der hiesigen Vorstellungen von Wohlstand ist kein Geheimnis. Aber sie ist alles andere als ein prominentes Thema. Die deutsche Industrie wehrt sich bisher erfolgreich gegen die Übernahme von mehr Verantwortung in ihren Wertschöpfungsketten. Unterstützt wird sie dabei von der deutschen Bundesregierung, die gerne Menschenrechte, Sorgfaltspflichten und nachhaltige Entwicklung proklamiert, zugleich aber mehr Transparenz und verbindliche Standards beharrlich verhindert. So steht der Exportweltmeister Deutschland exemplarisch für die Länder des Globalen Nordens: Sie können mit Hilfe korrupter nationaler Eliten und unter Ausnutzung bestehender Abhängigkeiten ihre Kontrolle über Abbau und Handel immer wieder erneuern.

Diese Herrschaftsverhältnisse dürfen beim Übergang in eine grüne Ökonomie nicht erneuert werden.

Diese Herrschaftsverhältnisse dürfen beim Übergang in eine grüne Ökonomie mit mehr Windkraftanlagen, Smart-Metern und E-Autos nicht erneuert werden.Bislang aber sieht es danach nicht aus: Anstatt den Herausforderungen des Klimawandels mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel zu begegnen, soll es bei kosmetischen Änderungen bleiben. Die Reduzierung des Rohstoffhungers und ein gerechtes System zur nachhaltigen Nutzung der globalen Ressourcen sind nicht in Sicht. Die Frage nach der Herkunft des Lithiums in den Elektromotoren, nach den Bedingungen der Gewinnung des Silbers in den Solarzellen und den im Windrad verbauten Seltenen Erden muss deshalb lauter gestellt werden als bisher. Und sie muss verbunden werden mit einer Perspektive der Klimagerechtigkeit. Ohne eine Abkehr vom kapitalistischen Wachstumspfad wird man dem nicht gerecht werden können.

Dieser Text ist zuerst in "Neues Deutschland" erschienen.