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Eine feministische Agenda für die Post-Pandemie

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«Plurinationales Treffen derer, die 2020 kämpfen»
Encuentro Plurinacional de Las que Luchan 2020 («Plurinationales Treffen derer, die 2020 kämpfen») – Santiago, Chile, 10. bis 12. Januar 2020 Quelle: welcu.com

Eine Trivialisierung der Bilder von Schmerz und Leid, die seit Wochen zirkulieren, ist unmöglich. Der Virus hat das Verständnis der tödlichen Auswirkungen des Neoliberalismus auf konkrete Körper auf der ganzen Welt gleichzeitig vorangetrieben. Dies ist keine Neuigkeit, könnte man sagen. Der Neoliberalismus hat schon zuvor bewiesen, dass er Hand in Hand mit Maschinerien des Todes geht: etwa jenen an den Grenzen und in den Flüchtlingscamps, um nur die brutalsten zu nennen. Doch jetzt inszeniert der Virus, der weder zwischen Klassen noch nach Staatszugehörigkeit unterscheidet, eine Generalprobe des neoliberalen Lebens als einem Spektakel, dem wir online folgen – mit nekropolitischer Zählung in Echtzeit. Dies zum Ausgangspunkt nehmend werden gegenwärtig prominent zwei Thesen vertreten, die uns beide gleichermaßen unplausibel erscheinen: Einerseits wird dem Kapitalismus eine rasche Sterbeurkunde ausgestellt (in einem Leitartikel der Washington Post ebenso wie von etablierten Theoretiker*innen) andererseits wird darauf beharrt, dass die Pandemie die totalitäre kapitalistische Kontrolle über das Leben belegt.

Ausgehend von unseren Praktiken im Inneren der feministischen Bewegung wollen wir uns fragen, welche Kämpfe die aktuelle Legitimitätskrise des Neoliberalismus angestoßen haben; wir möchten diejenigen Felder herausstellen, die durch die Krise eröffnet werden, ebenso wie mögliche Auswege, die auf dem Spiel stehen. Wir wollen Lesarten fruchtbar machen, die der Feminismus hervorgebracht hat, um die Zukunft zu verstehen, die jetzt gerade gemacht wird. Oder kann sich jemand vorstellen, was diese Pandemie ohne die vorangegangene Politisierung von Sorgetätigkeiten wäre? Ohne den Aktivismus für die Anerkennung der Reproduktionsarbeiten und die Aufwertung der durch unsichtbar gemachte Arbeiten hervorgebrachten Infrastrukturen? Ohne das Anprangern der öffentlichen und privaten Verschuldung? Ohne die Eindringlichkeit der anti-extraktivistischen Kämpfe, die die Erde vor der Ausplünderung durch große Unternehmen zu schützen suchen? Es kommt nicht von ungefähr, dass es heute ein Vokabular und Praxen gibt, die es vermögen, den Abbau des öffentlichen Gesundheitssystems ebenso anzuprangern, wie die extreme Ausbeutung der prekären und migrantischen Arbeit und den Anstieg der häuslichen Gewalt in der Isolation. Weltweit sind die sozialen Bewegungen alarmiert denn es besteht durchaus die Gefahr, dass sich am Ende der Pandemie die Verschuldung noch erhöht: durch angehäufte Mietzahlungen oder ausstehende Nebenkosten, durch Nahrungsmittel, die immer teurer werden, durch eine größere Verschuldung der Staaten, die sich für die Rettung der Banken entscheiden. Jeden Tag werden die sicherheitspolitischen, militaristischen und rassistischen Tendenzen der Krise skandalisiert. Wir müssen jene Kämpfe herausstellen, die gerade jetzt diese Krise durchkreuzen, und die Forderungen der feministischen und sonstigen Bewegungen gegen Prekarisierung hörbar machen. Und nicht zuletzt müssen wir darauf bestehen, dass wenn die Welt sich ändert, dann deshalb – wie man auch an einigen Wänden lesen kann – weil diese sogenannte Normalität das eigentliche Problem war und bleibt.

Wir wollen deshalb eine Reihe von Punkten ausführen, die eine offene und kollektive Agenda aktualisieren. Eine Agenda, die schon vor der Pandemie existiert hat und die uns als gemeinsame Ressource dabei hilft, aufzuatmen und uns Auswege auszumalen.

1. Die Quarantäne auf das Finanzsystem ausdehnen

In dem Maße wie die Zahl der durch den Virus infizierten Körper anstieg, fielen die internationalen Börsenkurse. Wieder einmal zeigte das Finanzsystem seine Abhängigkeit von der Arbeitskraft, wenn es darum geht, sich Wert anzueignen. Die austeritätsfreundlichen Regierungen Europas nahmen eine Kehrtwende vor und leiteten Ressourcen in den in Not geratenen sozialen Sektor um, schlugen dabei aber verstärkt nationalistische und sicherheitspolitische Töne an. In Argentinien führte der Ausnahmezustand zur Verschiebung der Neuverhandlung der Schulden beim Internationalen Währungsfond (IWF), während der IWF selbst – zusammen mit der Weltbank – für einige Länder einen Schuldenerlass forderte, um die Effekte der Pandemie zu mildern. Allerdings ist das Problem der öffentlichen wie privaten Verschuldung dadurch mitnichten gelöst. Vielmehr wird daran deutlich, dass wir auf der Forderung beharren müssen, die finanzpolitische Quarantäne auch über die Pandemie hinaus zu verlängern. Eine Woche bevor der erste Fall mit Coronavirus in Argentinien bekannt geworden ist, hatten Feminist*innen unter den Losungen «Die Schulden habt Ihr bei uns» und «Wir wollen lebendig, frei und unverschuldet sein!» demonstriert. Damit haben sie eine Diagnose mit konkreten Bildern unterlegt, die inzwischen zum Allgemeingut geworden ist: Dass das Kapital unsere prekären Leben ausbeutet – egal ob wir Lohn erhalten oder nicht.

Wir wissen, dass eine Möglichkeit, die in dieser Krise weltweit erwogen wird, eine Neuauflage der privaten Verschuldung ist. Als ein Weg, die Einkünfte aufzustocken, die nicht dafür ausreichen, Mietrechnungen zu begleichen, immer teurer werdende Lebensmittel zu kaufen und sonstige anfallende Kosten zu bezahlen. Ein neuer Verschuldungszyklus war genau das, was in Europa und den USA als «Lösung» vorgeschlagen worden war, um nach der Krise von 2008 den Konsum wieder anzukurbeln. Gibt es diesmal die Möglichkeit, dass dieser «Ausweg» keine Option ist?

Aufgrund gezielter Forderungen von sozialen Bewegungen haben verschiedene Regierungen die Zahlungsaufschübe bei Privatkrediten und Hypotheken zugelassen, Räumungen ausgesetzt und außerordentliche Zahlungen für die Quarantäne gewährt. Die Frage ist jedoch, was geschehen wird, wenn die Maßnahmen gelockert werden und vor allem, wenn es nicht gelingt, die persönliche Verschuldung als Krisenbewältigungsstrategie zu vermeiden. Eine Auseinandersetzung über die Zweckbestimmung und die Höhe der Sozialausgaben ist unvermeidlich. Gegenwärtig werden die Sozialausgaben von den Regierungen als außerordentliche Maßnahmen mit dem Gesundheitsnotstand begründet. Aber es geht eben darum, sie nicht als Ausnahmen einzugrenzen, sondern sie als Speerspitze einer notwendigen und dringenden Reorganisation der Verausgabung öffentlicher Mittel und der Neuausrichtung des Steuersystems zu begreifen. Wir wissen sehr gut, dass soziale Subventionen, die stets einzig als Geldtransfers daherkommen, moralisch aufgeladen sind und bestimmte Lebensweisen legitimieren und andere deligitimieren.

Von der Mär, dass Transferleistungen Faulheit belohnen würden (eine Diskussion, die aus dem 18. Jahrhundert stammt), bis hin zu bestimmten Geschlechtererwartungen, die mit Budgetkürzungen einhergehen, können wir sehen, welche Bevölkerungsgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt Entbehrungen und Strafen auf sich nehmen muss. Heute, angesichts des weltweiten Aussetzens der Austerität als Notfallmaßnahme, geht es um die Frage der politischen Verhandlung darüber, wer Unterstützung erhält und wie das Aussetzen auf Dauer gestellt werden kann.

Der Kampf um das Öffentliche ist nichts anderes als ein Kampf um die Umverteilung des Reichtums. Der Zusammenbruch wird durch die Arbeiter*innen in den Gesundheitsberufen und die Netzwerke sozialer Organisationen verhindert, die sich um die Herstellung von Atemmasken bis hin zur Verteilung von Nahrungsmitteln kümmern. Heute ist es mehr denn je möglich, den Klassenunterschied im Zugang zum Gesundheitssystem zu skandalisieren. Dabei spielen sowohl Vorstellung von Arbeit eine Rolle, die Fragen, wer Wert produziert und welchen Lebensweisen Unterstützung, Sorge und Absicherung zugesprochen wird.

In diesen Kontext schreiben sich auch die Forderungen nach einem universellen Grundeinkommen ein, nach einem Einkommen für Sorgearbeiten und nach dem, was man allgemein als «feministischen Lohn» bezeichnen könnte. Alles Maßnahmen, die, um wirksam zu sein, untrennbar mit dem Ausbau der öffentlichen Infrastruktur und Fürsorge verbunden sind.

2.  Das Zuhause als Versuchsküche des Kapitals

Das Verschleppen von Quarantäne-Regelungen durch einige Regierungen oder der Spott über die Ernsthaftigkeit der Pandemie durch andere haben sehr unterschiedliche politische Szenarien hervorgebracht. Es gibt jene Staatsoberhäupter, die als Teil einer Performanz zerfallender Männlichkeit auf einen sozialen Malthusianismus mit katastrophalen Folgen setzen – so beobachten wir es in den Vereinigten Staaten und Großbritannien und so zeichnet es sich auch in Brasilien und Indien ab. Jede dieser Antworten stellen sich als eine spezielle Verbindung dar, zwischen einem Neoliberalismus in einem nicht enden wollenden Todeskampf, und Gestalten des Faschismus, die ihm zu Hilfe eilen. Andere Staatsoberhäupter haben an Sicherheitsmaßnahmen für Arbeiter*innen gegeizt – wie etwa in Chile und Ecuador und bis zu einem bestimmten Punkt in Italien. In Argentinien hingegen hat die Regierung mit gesundheitspolitischen und wirtschaftlichen Maßnahmen die Auswirkungen der Pandemie eingedämmt. Die allgemeine Quarantäne erweist sich als wirksames Mittel bei der Reduzierung der Infektionen pro Tag im Kontext von Ländern, deren Gesundheitssysteme durch jahrelange neoliberale Politik verwüstet wurden. Aus feministischer Perspektive aber wissen wir, dass es vielfältige Formen der Quarantäne gibt, abhängig von Geschlecht, Klasse, Herkunft und Hautfarbe. Mehr noch: nicht alle Körper haben die Möglichkeit Zuhause zu bleiben und umgekehrt bedeutet das Eingeschlossen sein für viele Missbrauch und machistische Gewalt. In diesem Panorama und aus einer Perspektive «von unten» wird die Komplexität dessen deutlich, was globale und allgemeine Gesundheitsmaßnahmen bedeuten. Vor diesem Hintergrund sehen wir, wie die Kämpfe um ein Recht auf Wohnen sich mit der Skandalisierung der Zunahme männlicher Gewalt verbinden lassen und zugleich vielschichter werden. Der Rekord an Femiziden während der Quarantäne zeigt etwas, das bereits zuvor herausgestellt worden ist: die Implosion der Haushalte, wahrhafte Kriegsgebiete für zahlreiche Frauen, Lesben, Travestis und Transpersonen, die Taktiken des Fliehens und der Ausflüchte eingeübt hatten und nun, durch den Virus, 24 Stunden pro Tag mit dem Aggressor verbringen müssen. Das feministische «Krach machen» am 30. März in Argentinien hat diese stillschweigende Gewalt hörbar gemacht. Der Kochtopf-Protest in den Fluren der Armenvierteln, auf den Balkonen und in den Innenhöfen steht für neue Formen des Protests, die lautstark vergegenwärtigen, dass die Quarantäne nicht gleichbedeutend mit Isolation ist. Weil das Zuhause weder ein Ort für Immobilienspekulationen noch für machistische Gewalt sein darf, wird am Ende dieser Pandemie ein Horizont für die Kämpfe ums Wohnen stehen und damit verbunden eine noch tiefergehende Frage: Wo, wie und mit wem wollen wir leben? Was heißt es, ein feministisches Raumdenken und eine Räumlichkeit herzustellen, die das von den Regierungen vorgeschlagene #bleibzuhause problematisiert und zugleich nicht nur den Bau von Frauenhäusern als Alternative zur machistischen Gewalt vorschlägt? Auch hier stellt sich wiederholt die Frage, warum Zuhause gleichbedeutend mit der heterosexuellen Kleinfamilie sein soll. Es sind eben diese Familien, in denen zwölf Femizide in den ersten zehn Tagen der Quarantäne stattgefunden haben. Dank der feministischen Politisierung sind reichlich Analysen vorhanden, die diesen Zusammenhang von Beginn an herausgestellt haben und die Vorstellung des Zuhauses als einem sicheren Ort entidealisiert haben.

Aber wir wollen noch einen Schritt weitergehen und fragen, inwiefern das Kapital die Ausgangssperren für eine Neuanordnung der Arbeitsformen benutzt, der Konsumweisen, der Einkommensparameter und der Geschlechterverhältnisse. Konkret: Stehen wir vor einer Restrukturierung der Klassenverhältnisse, die die Reproduktionssphäre als ihren Hauptschauplatz hat?

Die Politisierung des häuslichen Bereichs ist eine feministische Losung. Wir haben herausgestellt, dass dort Wert produziert wird, dass die das Leben aufrecht erhaltende Sorgearbeit historisch unsichtbar gemacht wurde und unabdingbar ist, dass das Eingeschlossen sein in vier Wänden eine der patriarchalen Hierarchie entspringende politische Ordnung ist. Lässt sich hier eine Transformation des Kapitals herauslesen, die sie für eine Hyper-Ausbeutung des häuslichen Bereichs auszunutzen versucht? Könnte es sein, dass der Imperativ der Telearbeit, des Heimunterrichts, des Home-Office, die Forderung nach Produktivität in jene Haus-Fabrik trägt, die innerhalb und an jedem Tag der Woche ohne Stundenbegrenzung arbeitet, und damit auf die Spitze treibt? Wer kann uns versichern, dass diese Vorstöße in der Arbeitsflexibilisierung, die die Arbeiter*innen gleichermaßen vereinzelt und noch weiter prekarisiert, nach der Pandemie wieder zurückgefahren werden?

Wir fragen ein weiteres Mal: Von welcher Art des Zuhauses reden wir? Räume mit wenig Platz aber gefüllt mit familiären Aufgaben, sollen jetzt auch noch produktive Arbeit umfassen, die noch vor wenigen Tagen in Büros, Fabriken, Werkstätten, Geschäften, Schulen und Universitäten erledigt wurde. Je weniger wir uns bewegen, desto mehr steigt der Anspruch an Aktivität. Das Kapital reduziert seine Kosten: Wir Arbeiter*innen bezahlen die Miete und die Nebenkosten «unseres» Arbeitsplatzes, unsere soziale Reproduktion wird nun auch günstiger, weil wir keinen Nahverkehr zum Büro mehr brauchen, während gleichzeitig Lieferplattformen und -dienste eine prekäre Vertriebslogistik absichern.

Der häusliche Raum geht jedoch über das Zuhause hinaus: er besteht auch aus den Vierteln und Communities, die angesichts dieser Krise übermäßig ausgebeutet werden, die mit wenigen Ressourcen Netzwerke erbauen und die schon seit geraumer Zeit von einer Notsituation sprechen.

3. Die feministische Lesart von Arbeit wird zum umfassenden anti-neoliberalen Schlüssel

Die Quarantäne umreißt den Schauplatz der sozialen Reproduktion noch klarer, das heißt die Offensichtlichkeit jener Infrastruktur, die das kollektive Leben erhält, und der Prekarität, auf der sie errichtet ist. Wer hält die Quarantäne aufrecht, wer ermöglicht sie? All die Sorge-, Reinigungs- und Instandhaltungstätigkeiten, die vielfältigen Arbeiten im Gesundheitssystem und der Landwirtschaft, sind heute «systemrelevant». Nach welchem Kriterium werden sie so eingestuft? Sie markieren die Grenze des Kapitals: das, worauf das gesellschaftliche Leben zum Weiterbestehen nicht verzichten kann. Es gibt auch den ganzen Bereich von Logistik und Vertrieb eines Plattformkapitalismus, der trotz seines Vertrauens auf die Metaphysik von Algorithmen und GPS letztlich von konkreten Körpern getragen wird. Diese, in der Regel migrantischen, Körper sind diejenigen, die die verlassenen Städte durchqueren, und die – durch ihre Exponiertheit – die Versorgung und den Rückzug vieler Menschen ermöglichen. Es sind Arbeitsbereiche, welche die Merkmale von feminisierter und prekärer Arbeit haben. Die historisch abgewerteten, schlecht bezahlten, nicht anerkannten Tätigkeiten und jene, denen man direkt den Status als Arbeit abgesprochen hat, stellen sich jetzt als die einzig unersetzbare Infrastruktur heraus. Auf eine Art ist die Anerkennungsordnung damit auf den Kopf gestellt worden. Die gemeinnützige und «ehrenamtliche» Arbeit in den communities spielt hierbei nun eine grundlegende Rolle: von den Gesundheitszentren bis hin zum Müll aufsammeln und entsorgen, von den Suppenküchen bis zu den Kindertagesstätten wird das ausgeglichen, was sukzessive privatisiert, abgebaut und unterfinanziert worden ist. Wie unersetzlich diese Bereiche sind, zeigt sich daran, dass die Quarantäne in einigen Vierteln nicht auf das eigene Zuhause begrenzt werden konnte und die Losung hier lautete: «Bleib in Deinem Viertel».

Diese kollektiven Infrastrukturen sind die wahrhaften Gefüge der Interdependenz, an die die Reproduktion ausgelagert wird, wobei sie weiterhin abgewertet bleibt. Für die sogenannte Dritte Welt war dies ohnehin klar, aber jetzt gilt es plötzlich für die ganze Welt.

Die feministische Bewegung hat in den letzten Jahren wesentlich an einer Pädagogik und Politik der Anerkennung mitgearbeitet, indem sie zu internationalen Streiks aufgerufen und Analysen dazu vertieft hat, inwiefern die Prekarität als eine spezifische Ökonomie der Gewalt zu verstehen ist. Diese Analyse findet sich heute auf den Titelblättern in Tageszeitungen auf der ganzen Welt. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, über die globale Reorganisation verschiedener Arbeiten nachzudenken, ihrer Anerkennung, Bezahlung und Hierarchien, während und nach der Pandemie. Oder anders ausgedrückt: Die Pandemie kann auch eine Generalprobe für eine andere Arbeitsorganisation sein. Wir dürfen in dieser Frage nicht blauäugig sein. Die Kräftevehältnisse erlauben es nicht, den gerade als solchen erscheinenden Erfolg als selbstverständlich zu betrachten. Es wird versucht werden, die Legitimationskrise des Neoliberalismus mit mehr Faschismus zu beheben, mit mehr Angst, mehr Bedrohungsgefühl durch als Feinde konstatierte «Andere» und allem, was zu einer paranoiden Auslegung der geteilten Unsicherheit führt.

4. Die Auseinandersetzung um den Streik oder wer hat die Macht zu «streiken»

Man könnte sagen, dass die Handbremse, die angesichts der Pandemie auf der ganzen Welt gezogen wurde, wie die Simulation eines «Streiks» erscheint. Nach dem massiven internationalen feministischen Streik in Lateinamerika (und obwohl er in Italien wegen des Coronavirus nicht mehr durchgeführt werden konnte und Feministinnen in Spanien dafür angegriffen wurden, ihn noch veranstaltet zu haben) ist diese «Umstülpung» des Innehaltens, des Stillstehens auf globalem Niveau, immernoch verblüffend. Und doch mehren sich tatsächliche Streikaufrufe auch während der Pandemie: von Mieter*innen, von Angestellten bei Amazon, von Metallarbeiter*innen in Italien, von Beschäftigten im Gesundheitssystem, von Studierenden. Feministinnen der «Coordinadora 8M» in Chile haben betont, dass ein Streik derjenigen Arbeiten notwendig sei, die für die Reproduktion des Lebens nicht wesentlich sind. Zweifelsohne ist der Streik in Zeiten von Corona ein umstrittenes Instrument. Auf der einen Seite zeigt sich, wie gesagt, in diesem «Innehalten» der Welt, dass die feminisierten Arbeiten – jene die der feministische Streik sichtbar gemacht hat – die einzigen sind, die eben nicht «innehalten» können. Das ist heute offensichtlicher denn je. Auf der anderen Seite wird ein Streik der Abgabgen gefordet: der Mieten, der Hypotheken, der Nebenkosten, der Zinsen. Angesichts der notwendigen Arbeiten sollten die Finanz- und Immobilienerlöse aufhören, Wert abzuschöpfen und durch Austeritätsversprechungen der Zukunft aufrechtzuerhalten.

Der Kampf zwischen Kapital und Leben dreht sich heute darum, welche Arbeiten als systemrelevant erachtet und entsprechend bezahlt werden, was eine globale Neuorganisation von Arbeit beinhalten würde. Der Kampf zwischen Kapital und Leben geht heute um unsere kollektive Fähigkeit, die Abschöpfung von Wert (der Finanz- oder Immobilienerlösen, der Gewinne transnationaler Agrarunternehmen und der Verantwortlichen des ökologischen Kollapses) auszusetzen und die Besteuerungssysteme zu veränden. Dieser Kampf ist kein abstrakter. Er ist zusammengesetzt aus jeder einzelnen Auseinandersetzung in dieser Krise, aus jeder konkreten Initiative. Die Herausforderung besteht darin, die Forderungen aus unterschiedlichen Arenen miteinander zu verbinden und sie im Hier und Jetzt in den Horizont einer Zukunft zu verwandeln.
 

Von Luci Cavallero und Verónica Gago (NiUnaMenos, Buenos Aires / Argentinien)

Übersetzung von Sarah Speck und Alex Wischnewski

Ursprünglich erschienen unter: http://revistaanfibia.com